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Such den Redakteur: Der auto touring auf der Los Angeles Auto Show 2016.

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November 2016

L.A. Auto Show 2016

Neues von der US-Westküste: Jaguar baut ein Elektroauto in Graz, Alfa Romeo pflegt den Kim-Kardashian-Style, Mazda bringt einen punktgenauen SUV-Bestseller, Mini einen Mini, der keiner mehr ist, und VW sollte wohl den Atlas genauer studieren. Ein Rundgang.

Unsere (Auto-)Mobilität ist im Umbruch. Den meisten wird's im Alltag nicht direkt spürbar auffallen, weil der Übergang über Jahre hinweg nahtlos "rutschen" wird, Fakt ist aber: Erstmals seit dem Umstieg vom Pferd auf motorisierte Fahrzeuge tut sich was richtig Großes in unserer künftigen Art und Weise der Fortbewegung. Derzeit manifestiert sich die bevorstehende Revolution noch in endlosen Stammtischgesprächen – sei's online oder beim Wirten ums Eck –, bei denen vordergründig die verhärteten Lager "Benzin/Diesel" einerseits und die "Elektro-Fanboys" andererseits spannende Zukunfts-Szenarien debattieren.

Und wissen Sie was? Beide Seiten haben irgendwie recht: Die einen, weil der Umsturz nicht gar so schnell kommen wird wie von den vermeintlichen "Gegnern" beschworen. Und die anderen wiederum, weil sie auf lange Sicht wohl irgendwann doch bestätigt werden.

Es soll uns nichts Schlimmeres passieren: Über die Zukunft nachzudenken hat nämlich noch nie geschadet. Und: Wo Reibung passiert, entsteht Energie. Worauf ich dabei allerdings hoffe: Dass in der Hitze des Gefechts stets die Faktenlage als Basis dient und nicht der persönliche Untergriff. Wir schaffen das :-)

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Prolog zum Nachdenken

Ein Auto wird immer ein Auto bleiben. Ein Gebrauchsgegenstand, keine Weltanschauung. Der gut verdienende Nachbar, der demnächst vom 7er-BMW auf einen Tesla umsteigt, darf durchaus weiterhin zur Grillparty eingeladen werden. Und die Rockabilly-Freundin, die mit ihrem alten Mustang verheiratet ist, soll doch bitteschön weiterhin mit dem Tankwart per Du sein, wenn sie das möchte. "Leben und leben lassen" lautet die Devise – mit der wir nun direkt in unsere Berichterstattung von der diesjährigen L.A. Auto Show einsteigen…

Es soll uns nichts Schlimmeres passieren: Über die Zukunft nachzudenken hat nämlich noch nie geschadet. 

Christoph Löger, Redakteur auto touring

Nur kurz vorweg, bevor wir in die Messehallen eintauchen: Die beiden oben genannten Lager gibt's auch hier. Nehmen wir dafür gleich zwei diametrale Eckpunkte her: Mit dem Alfa Romeo Stelvio zeigen die Italiener in Los Angeles die derzeit letztgültige Interpretation eines "driver's car" im SUV-Kleid. Ob sinnvoll oder nicht, entscheidet nicht unsere Befindlichkeit, sondern der Markt. Die Alfisti werden jedenfalls jubeln, weil sie ihr "cuore sportivo" ins gesetztere Alter hinüber retten können.

Ob sich Alfa Romeo damit etwas Gutes tut, steht auf einem anderen Blatt: Das Modell-Portfolio ist erschreckend dünn gesät, ein zukunftstaugliches Massenprodukt weit und breit nicht zu sehen. Bitter, aber wahr: Von der Jugendliebe einzelner Fans ist noch keine Marke gesundet. Elektro-Alfa? Existiert derzeit erst als Beistift-Skizze auf einem Mailänder Notizblock, um es überzeichnet zu formulieren.

Dafür lässt eine andere "gentleman driver"-Marke, die diesbezüglich bisher eher nicht durch besondere Innovationsfreude im Mitteilungsheft auffällig wurde, plötzlich aufhorchen… 

Editors Choice: Messefavorit made in Austria

Ausgerechnet Jaguar stellt in der Tesla-Heimat Kalifornien den ersten ernstzunehmenden (SUV-)Konkurrenten zum Model X des gejagten Lokalmatadors vor (bei den Kompakten matchen sich ja bereits Chevy Bolt/Opel Ampera-e mit Teslas Model 3): Der I-Pace startet bereits Anfang 2018, lässt die deutschen Hersteller damit zeitlich links liegen, außerdem lautet das vollmundige, aber von offizieller Seite verlautbarte Reichweiten-Versprechen: 500 Kilometer. Im Alltag, nicht auf dem Papier. Aber dazu kommen wir gleich.

Die eigentliche Überraschung gleich vorweg: Der Jaguar I-Pace läuft bald von österreichischen Förderband'ln. Lust, ihn näher zu begutachten? Here we go…

Unser Flop der Messe: VW Atlas

Mit dem VW Atlas holen wir nun einen ganz besonderen Kandidaten vor den Vorhang – allerdings nicht aus den Gründen, die sich Volkswagen vielleicht wünschen würde. Was Sie nämlich gleich sehen werden, ist der verzweifelte Versuch, das mehr als angekratzte Image der Marke in den USA zu retten. 

Die Lieblings-Karosserieform der Amerikaner – ein großes SUV – soll der stattliche Fünfmeter-Siebensitzer demnächst also ansprechen. Und wie sein großspurig aus der griechischen Mythologie entlehnter Namensgeber die Last der Säulen des Universums tragen, die auf seinen Schultern ruhen. 

Ach, VW und die hellenischen Sagenfiguren! Das ging schon einmal grandios schief. Wir erinnern uns an das Vorhaben anno 2001, mit dem Phaeton einen Luxuskreuzer unter des Volkes Wagen zu bringen. Hätte die topmotivierte Marketingabteilung damals einmal im Geschichtsbuch umgeblättert, wäre sie auch auf das Ende des Sohnes von Göttin Eos (da, schon wieder ein VW-Modell!) gestoßen: Der kühne Himmelsstürmer ist nämlich abgestürzt. Wie die Phaeton-Verkaufszahlen dann auch. 

Zurück zum Atlas: Nun, die Idee, den Amis im Abgesang von "Dieselgate" ein potentielles Lieblingsauto unterzujubeln, ist keine grundsätzlich dumme. Nur: An der Ausführung hapert's gewaltig…

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1 Viel konventioneller kann man ein SUV nicht angehen: Der Atlas ist im Vergleich zur US-Konkurrenz in fast allen Belangen (Platz, Raum, Preis) nur Durchschnitt, vor allem die Motorisierung wird kaum zum Erfolg beitragen. Denn einen für den US-Markt wichtigen Achtzylinder gibt’s erst gar nicht, dafür einen im Marken-Umfeld brustschwachen 280-PS-Sechszylinder (der uralte VR6!) und darunter sogar einen Vierzylinder mit 238 PS, der hier in den Staaten zumindest in dieser Liga niemanden, wirklich niemanden interessiert.  © markuszahradnik.com

2 Auch im Inneren kann der Atlas nicht reüssieren: Das fast eins zu eins vom Golf Sportsvan (!) übernommene Cockpit-Layout macht in einem geplanten Marken-Flaggschiff nicht zwingend einen schlanken Schuh. © markuszahradnik.com

3 In Europa werden wir den Atlas übrigens ohnehin nicht erwerben können, er ist ausschließlich für die riesigen Märkte USA, Russland, China und Naher Osten vorgesehen. Sie möchten trotzdem sowas in der Art und konzerntreu bleiben? Greifen Sie doch zum Škoda Kodiaq. Der kann alles oben Beschriebene um eine Galaxie besser. © markuszahradnik.com

Und sonst?

Fünf interessante Kandidaten sind uns noch aufgefallen, die demnächst die Straßen zwischen Schruns-Tschagguns und Monaco besiedeln werden. Das sind sie, und zum Einstieg haben wir sie jeweils mit einem unserer Meinung nach charakterisierenden Überraschungs-Song versehen (Links öffnen in einem Popup-Fenster, Lautsprecher/Kopfhörer laut drehen!):

  1. Alfa Romeo Stelvio: *klick*
  2. Mini Countryman: *klick*
  3. Mazda CX-5: *klick*
  4. Land Rover Discovery: *klick*
  5. Maybach Cabriolet: *klick*

Wenn Designer Party machen: Cadillac Escala

Seine beeindruckende Evolution durften wir in den vergangenen Jahren über mehrere Automessen-Besuche hinweg miterleben. Ich kann mich zwar nicht mehr ganz genau erinnern und folglich das Datum nicht festmachen, glaube aber, dass wir anno 2013 in Detroit erstmals (und dann immer wieder) mit offenem Mund vor einer Studie standen, die schöner nicht sein konnte.

Was wir damals noch nicht wussten: Aus dem Puppen-Stadium sollte sich sukzessive ein traumhafter Schmetterling entwickeln, der uns den Glauben in die rezent in Verruf geratene Kunst US-amerikanischen Automobil-Designs zurück gab. In der wohl letzten Ausbaustufe vor der Marktreife heißt das Ding nun also Escala, sieht immer besser aus – und soll, wenn wir das richtig verstanden haben, auch zu uns nach Europa kommen. 

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1 114 Jahre nach der Firmengründung greift Cadillac wieder ins Volle und nimmt mit dem ewig langen Viertürer-"Coupé" Escala (5,35 Meter!) vergleichsweise altvaterisch aussehende Konkurrenten wie Porsche Panamera, BMW 6er Gran Coupé oder Mercedes CLS ins Visier. Dazu passt auch die Übersetzung aus der spanischen Modellbezeichnung ("Maßstab"), die wir gerne unterschreiben: Denn zumindest optisch können sich alle Genannten auf gut Deutsch "brausen gehen". © markuszahradnik.com

2 Klare Verhältnisse: Die Cadillacsche Designabteilung hat sich nicht lang mit irgendwelchen, in der Oberliga derzeit inflationär verwendeten Barock-Ornamenten aufgehalten, sondern stattdessen das gute, alte Lineal zur Hand genommen. Was dabei herauskommt: Nun ja, klare Verhältnisse eben. "Downsizing" muss nicht immer technischer Natur oder die Ausmaße betreffend vonstattengehen. (Anm.: Ja, schreibt man wirklich zusammen, der Autor musste auch Hrn. Konrad Duden konsultieren) © markuszahradnik.com

3 Schnöde Zahlenspielereien sind angesichts einer solchen Catwalk-Beauty an dieser Stelle eigentlich fehl am Platz, deshalb nur kurz zur Beruhigung (sollten Sie in einem zweiten Fenster soeben den Stand Ihrer Aktien-Depots abrufen): Für adäquates Vorankommen ist gesorgt, keine Angst, vorne blubbert nämlich ein 4,2-Liter-Biturbo-V8 im Gebälk. Und innen? Dahin durften wir vor Ort leider noch nicht vorstoßen, die Liegesitze im Fond sollen es aber in die Serienproduktion schaffen, heißt's. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die notorisch liquide Klientel für den Escala künftig nicht aus der Oligarchen-Fred-Perry-Armee rekrutiert. Cadillac führt das Wörtchen "Stil" hier nämlich einer neuen Bedeutung zu. © markuszahradnik.com

Backstage

Auch heuer pflegen wir zum Abschluss natürlich wieder eine mittlerweile lieb gewonnene Tradition: unseren Blick hinter die Kulissen der Messe, mit Skurrilem und Sehenswertem abseits der wichtigsten Modellneuheiten…

Zum Schluss: Wer hat an der Uhr gedreht?

Tief unten in den Gewölben des L.A. Convention Centers entdecken wir schließlich noch eine schöne Kindheitserinnerung – das "Panthermobile" aus der 1970er-TV-Serie "Der rosarote Panther". Müssen wir uns natürlich näher anschauen…

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1 Das sieben Meter lange Unikat hat einen Schätzwert von umgerechnet rund 200.000 Euro und basiert auf dem Chassis eines Oldsmobile Tornado. Damit Paulchen Panther stets flott untwerwegs sein konnte, sitzt hinter dem Lenkrad ein Siebenliter-V8. © markuszahradnik.com

2 Radikales Design aus den Hochzeiten des US-Automobilbaus: "They don't build them like they used to" würde man heute dazu sagen. © markuszahradnik.com

3 Ohne Worte. © markuszahradnik.com

Nicht nur unsere Mobilität, auch der Charakter von Automobilsalons ändert sich gerade grundlegend.

Peter Pisecker, Chefredakteur auto touring

Vom Wandel der Automobilhersteller

Ein paar neue Modelle, schön. Das werden wir auch von der kommenden North American International Auto Show (NAIAS) in Detroit berichten können, die im Jänner stattfindet, und dann kurz darauf vom Genfer Salon Anfang März.

Rund um die hochglanzpolierten Autos im grellen Scheinwerferlicht versammeln sich aber immer häufiger Experten aus der Computerbranche, Telekommunikations-Fachleute, Forscher und Entwickler, um zu besprechen, was abseits des schnöden Bedürfnisses, ein Automobil für die Fortbewegung und den Transport von A nach B zu nützen, immer wichtiger wird: nämlich die Frage, wie sich dieses Automobil in naher Zukunft mit der Umwelt, mit dem Internet, mit den Smartphones der Insassen, mit allen anderen Verkehrsteilnehmern sowie der Straßen-Infrastruktur vernetzt.

Nicht mehr das Fahren selbst wird in naher Zukunft im Vordergrund stehen, so die Vision. Sondern wie das Fahren durch elektronische Totalkontrolle sicherer gemacht werden kann und wie und womit sich die Fahrzeuginsassen während ihres Transports beschäftigen könnten/sollen/wollen.

Am Tag vor dem ersten Pressetag der L.A. Auto Show eröffnete deshalb die AutoMobility L.A., ein Fachsymposium über die Zukunft des Automobils (früher: Connected Car Expo, CCE). Es ging um Elektrifizierung, Konnektivität und autonomes Fahren. Mark Fields, CEO der Ford Motor Company, hielt die Eröffnungsansprache und räumte ein, dass selbst eine hundertjährige Marke wie Ford zur Kenntnis nehmen müsse, dass sie sich nicht mehr nur um die Produktion von Automobilen kümmern kann. Autohersteller wandeln sich zu umfassenden Mobilitätsanbietern. Deshalb richtet Ford zum Beispiel in mehreren US-amerikanischen Städten Leihfahrrad-Systeme ein und entwickelt zusammen mit einzelnen Bundesstaaten (zu denen sie dank der weiten Verbreitung von Ford-Modellen als Dienstwagen für fast alle öffentlichen Stellen ein besonderes Naheverhältnis hat) neue Mobilitäts-Lösungen für Ballungsräume.

Ob wir, die Verkehrsteilnehmer, Auto- und sonstige Mobilisten, uns all das auch so wünschen, ist eine Frage, die noch nicht befriedigend beantwortet ist. Eigentlich wurde sie uns noch nicht einmal gestellt.

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Peter Pisecker, Chefredakteur auto touring
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Christoph L.(vis) has left the building.
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Ins Land einistauen.
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