Rad Aufmacher-6.JPG  © Kurt Pinter

Fotocredits am Textende.

© Kurt Pinter

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Februar 2021

Frohsinn auf Rädern

Wer in die Pedale tritt, bringt den Körper dazu, Glückshormone auszuschütten. Ein schöner Life-Hack in schwierigen Zeiten. Vier Radler berichten.

Zunächst ist da der Schweinehund, den es zu überwinden gilt. Keinen Leibhaftigen meinen wir, sondern den eigenen, inneren. Den, der beständig wie eine Trutzburg sich jeglicher Motivation widersetzt. Oder schlimmer noch: Den, der sich vor uns aufbaut wie eine unüberwindbare Hürde, wie eine Eiger-Nordwand zwischen unseren eigenen fünf Sinnen.

Warum weitermachen? Wozu sich mühen? Umdrehen oder gar nicht erst beginnen wäre doch viel einfacher und bequemer.

Klar wäre es das – aber es wäre dem Gemüt auf Dauer nicht zuträglich. Man würde um die Auseinandersetzung umfallen, um das Suchen nach neuen Wegen, um die geistige und eventuell auch die körperliche Herausforderung.

Aber unser Seelenwohl braucht diese Herausforderung, braucht die Bewegung, braucht die Zielankunft, darüber sind sich alle Psychologen einig. Denn wer sich nicht bewegt, der erreicht auch nichts. Ohne Fleiß kein Preis – No Watts, No Glory.

Radfahren lohnt sich für das Vorhaben Seelenwohl perfekt. Es erfordert keine Expertise. Es erfordert bloß ein Rad und ein bisserl Wollen.

Ja, das Wetter hat in den Monaten mit "r" hemmende Wirkung, aber auch das macht den inneren Schweinehund höchstens zu einem freundlich hechelnden Labrador, an dem man leicht vorbei kommt. Den Rest erledigt der Körper praktischerweise ohnehin selbst: Die gleichmäßig zyklische Bewegung beim Treten bei gleichzeitiger Frischluftzufuhr fördert nämlich bereits nach kurzer Fahrt die Ausschüttung von Glückshormonen, den so genannten Endorphinen.

Und die wiederum wirken auf die Psyche wie Anti-Depressiva, sie fördern die Entspannung und sorgen für emotionale Harmonie.

Judith, Sebastian, Kristina und Thomas haben sich im vergangenen Jahr sehr intensiv auf das Fahrrad eingelassen, das haben sie uns erzählt.

Judith nennt zwar ein Auto noch ihr Eigen, doch das wird im Prinzip nur mehr für längere Strecken verwendet. Sebastians Zuneigung zum Fahrrad hingegen ist eine gänzlich andere: Er serviciert und repariert Räder, werkte in den vergangenen Monaten unermüdlich, um der Vielzahl an Aufträgen in seiner Radwerkstatt Herr zu werden. Thomas wiederum beschloss während des ersten Lockdowns den Bewegungsmangel mit Radfahren zu kompensieren. Und Kristina lockte die Aussicht auf mehr Lebensqualität aufs Rad. Auch sie pendelt, wann immer es ihr möglich ist, in die Arbeit. Seither spart sie sich Staus und lästige Parkplatzsuche.

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Judith, die Rennradlerin

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10.000 Kilometer sind das kleine, große Ziel, das sich die passionierte Wiener Rennradlerin Judith im Jahr setzt. Sie radelt mit Begeisterung, so oft sie kann, auch schon vor Corona. Rennrad fahren als Sport, als Hobby, als Leidenschaft.

Judith fährt fast jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit, bei Wind und Wetter, nur bei wirklich viel Schnee und Eis nicht. Dann geht die 32-Jährige die halbe Stunde einfach zu Fuß. Ein Auto gibt es auch, das kommt aber nur selten zum Einsatz.

Neben dem Arbeitsweg macht sie ein bis zwei Mal pro Woche noch größere Radtouren, so 50 Kilometer, rund um Wien herum. "Zu Fuß bin ich in meinem Radius eingeschränkt, aber mit dem Radl bin ich in 15 Minuten aus Wien draußen, dann fahren wir z.B. den Donauradweg Richtung Greifenstein und dann in den Wienerwald, damit man die Hügel noch mitnimmt und ein bissl Bergfeeling hat", meint die Frohnatur lachend.

Auch die Oma, die 70 Kilometer entfernt wohnt, wird mit dem Radl besucht: "Das passt für einen Tagesausflug", grinst Judith.

Vor rund sechs Jahren hat die flotte Registrarin das Rennradfahren entdeckt, ein Hobby, das sie mit ihrem Mann teilt. Da reichte das einfache Radfahren nicht mehr, sondern es wurde ein Sport daraus.

Begonnen hat die Leidenschaft übrigens im Freundeskreis mit Fixie Bikes (Direktübersetzer ohne Gänge und Bremsen), die aus der Fahrradboten-Szene kommen. Da schraubte die begeisterte Bikerin auch selbst.

Auch ihr Stadtrad ist ein selbst zusammengebautes Fixie, aber stadttauglich mit Bremsen und dem Notwendigsten. Und dann gibt's noch das Francesco Moser Vintage-Rennrad "für Schönwetterfahrten, wenn es mal nostalgisch sein soll", lacht Judith verschmitzt.

Das erste Rennrad, ein Canyon Alu Einsteigermodell von ihrem Onkel, hat sie mittlerweile durch ein 3T-Carbon-Rennrad ersetzt. Ein blauer Flitzer, mit dem die flinke 32-Jährige Bergpässe in der Schweiz, Frankreich und vielen anderen Ländern bezwingt. Und sehnsüchtig darauf wartet, dass Reisen wieder problemlos möglich ist, um endlich ihre Traumstecke, das Stilfser Joch in Italien, zu befahren. Und bis dorthin radelt sie fleißig weiter – ihrem Ziel entgegen.

https://www.instagram.com/judy.adventuretimes/

Sebastian, der Profi

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Traumberuf. "Im Jänner ischt's normalerweise ruhig und i kann Urlaub machn", erklärt uns Sebastian im schönsten Tirolerisch. Aber seit dem vergangenen Jahr ist halt alles anders. Da haben viele Leute wieder begonnen, mit dem Radl zu fahren. Derzeit ist das Geschäft voll mit Rädern, die zu servicieren sind: "Repariert wird alles, vom Rennrad, Klapprad oder Mountainbike bis hin zum E-Bike."

Und so werkt, schraubt und repariert der leidenschaftliche Fahrradmechaniker unermüdlich in seinem kleinen, feinen Geschäft "Velo Love" im Herzen von Innsbruck.

Vor Arbeit kann sich der 1,90 m große Hüne derzeit gar nicht retten. Anstrengend als One-man-Show, aber wunderbar.

Blickt man sich in seinem gemütlichen, hellen Geschäft um, sieht man an den holzvertäfelten Wänden viel Zubehör und rundherum Fahrräder, vorwiegend Mountainbikes, auf die hat sich der 32-Jährige spezialisiert. Warum, wollen wir wissen und ruhig, aber mit "Begeischterung" erzählt er davon, wie sein Hobby zum Beruf wurde: "2011 hab i mit Downhill-Mountainbiken begonnen und bin schnell fanatisch geworden!" Dabei bekommt er den Kopf frei.

Sebastian gibt zu, ein Adrenalin-Junkie zu sein. Damals hat er unzählige Räder gebraucht gekauft, serviciert und upgegradet und bald stellte er sich die Frage, ob er das nicht beruflich machen soll. Bis er seinen Traumberuf gefunden hat, hatte er mehrere Jobs durchprobiert, vom IT-Techniker bis zum Türsteher: "Da hab i viel Zeit zum Radln g'habt, sehr praktisch!", grinst er.

Nachdem die Ausbildung abgeschlossen war, öffnete er 2016 sein erstes Geschäft und verwirklichte seinen Traum. "Nur 35 m2, die waren schnell zu klein. Zwei Jahre drauf bin i in das jetzige umgezogen", meint Sebastian und streicht nachdenklich über seinen Lockdownbart. Gerade spielt er wieder mit dem Gedanken, sich zu vergrößern, denn die Nachfrage ist da und die Liebe zum Radl weiterhin groß.

www.velo-love.at

Thomas, der Pendler

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Early Bird. Zwischen sechs Uhr früh und halb sieben bricht Thomas auf. Der sportliche 53-Jährige schwingt sich gut ausgerüstet auf sein Corratec E-Bike und radelt die knapp 25 km von Mattsee im Flachgau in die Arbeit nach Salzburg. Beim Gespräch fällt sofort eines auf: Naturverbunden ist er und ein Mensch, der sich gerne bewegt, sehr gerne! Skitouren, Walken, mit dem Trekkingbike unterwegs sein oder Stand-up-Paddling im Sommer – still sitzen gibt es bei ihm nicht. Oder?

Doch, denn bis zum ersten Lockdown saß er brav in den Öffis, um zu seiner Arbeit nach Salzburg zu gelangen. Nach einem anstrengenden Tag als therapeutischer Trainer kam er ausgelaugt heim und machte danach noch Sport als Ausgleich.

Noch während des Lockdowns manifestierte sich die Idee, den Weg zur Arbeit für Bewegung zu nutzen: "Das war die Hauptmotivation".

Gesagt, getan. Der zweifache Vater kaufte sich ein E-Bike, auch wenn der Gedanke zunächst ambivalente Gefühle bei ihm auslöste: "Da freue ich mich am Heimweg über das lässige neue Bike und im gleichen Moment denke ich: Jetzt hab ich ein E-Bike! Bin ich endgültig ein alter Mann?" (lacht)

Von solchen Gedankengängen hat sich Thomas mittlerweile verabschiedet. Denn ohne E-Bike würde er die knappe Stunde in die Arbeit nicht zurücklegen, schließlich gibt's im Büro keine Dusche.

Wir wollen wissen, wie das tägliche Radfahren sein Leben verändert hat. Der sympathische Naturbursch erzählt uns, wie glücklich es ihn macht, seinen Körper und Geist zu bewegen. Ins Schwärmen gerät er, wenn er von den "genialen Sonnenaufgängen" auf seiner Tour spricht, die er als "Early Bird" beobachtet. Darüber freut sich übrigens auch seine Frau, der er oft Bilder schickt.

Sichtlich gut tut ihm die Neuerung: "Jetzt komm ich mit einem Grinser und energiegeladen ins Büro, kann beim Heimfahren abschalten und komme auch gut gelaunt daheim an." Und Zeit, ja die ist auch ein wesentlicher Faktor! "Aber Hardcore-Radler bin ich keiner", meint er grinsend. "Wenn es eisig ist und schneit und zu gefährlich wird, bleibt das Rad in der Garage."

Derzeit freut er sich schon auf steigende Temperaturen und sobald es wieder geht, sitzt Thomas am Rad und macht sich auf den Weg, den nächsten schönen Sonnenaufgang zu genießen.

Kristina, die das Rad neu entdeckt

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Mit Schwung in den Tag. Das Radfahren liebt Kristina zwar schon seit ihrer Kindheit, aber im vergangenen Jahr hat sie es wieder neu für sich entdeckt. Die flotte Brünette mit dem Pagenkopf mag es, wenn ihr der Fahrtwind durch die Haare saust.

"Aber immer mit Helm, das ist sehr wichtig, da habe ich einmal einen bösen Sturz miterlebt, das kann ohne Schutz sehr schlecht ausgehen!" Die Juristin weiß, wovon sie spricht, schließlich ist sie beim ÖAMTC oft mit Rechtsfragen und Unfällen konfrontiert.

Aber zurück zum Radl. Mit einem Lächeln im Gesicht schwärmt sie von ihrem schwarzen Geero Retro Bike, einem Pedelec, "dem man es nicht ansieht", meint sie verschmitzt. "Ich bezeichne es als Old Style Rad mit modernen Elementen."

Nach dem ersten Lockdown kaufte sie ihren Flitzer und pendelte damit von März bis November täglich in die Arbeit nach Linz. Rund 24 Kilometer am Tag. Außerdem sparte sie sich den täglichen Stau und die Parkplatzsuche in Linz: "Ich wollte einfach mehr mit dem Rad fahren und die Bewegung in den Alltag integrieren. Einfach Nützliches mit Sportlichem verbinden."

Darum gibt's seit kurzem auch einen Korb am Gepäckträger. Mit einfach zu bedienendem Klick-Verschluss, sehr praktisch. Die Begeisterung steht Kristina dabei ins Gesicht geschrieben: "Da hat man den Rücken frei und kann sich wirklich aufs Radfahren konzentrieren. Und für kleinere Einkäufe ist es ideal."

Seither nutzt sie das Rad für fast alles im Alltag. Kristina schwärmt auch von dem Gewinn an Lebensqualität, den sie durch das Radfahren erfährt: "Man kommt aktiviert in der Arbeit an, hat seinen Körper auf Betriebstemperatur gebracht, ist gut durchblutet und startet mit Schwung in den Tag."Und wegen des E-Antriebs nutzt sie ihr "Old Style"-Radl noch mehr, denn er erleichtert ihr das Fahren vor allem auch in heißen Sommern und bei Familienausflügen.

Immer mit E-Antrieb? Da schmunzelt sie: "Nein, ich habe mit knapp 18kg ein sehr leichtes Modell, da kann ich den Antrieb leicht wegschalten."Sie überlegt und lacht: "Wenn meine Kinder es als unfair empfinden, dass sie sich abstrampeln müssen, während ich locker durch die Gegend cruise!"

Jetzt wartet sie nur mehr ungeduldig auf eines: passendes Wetter. Und ergänzt voll Vorfreude: "Sobald es trocken ist, trete ich wieder in die Pedale!"

Nähere Infos rund ums Thema Rad finden Sie unter www.oeamtc.at/fahrrad

Foto: Kurt Pinter; Styling: Alex Pisecker; Make-up & Haare: Daniela Langauer; Model: Kira/Tempo-Models; Fahrrad: glanzrad.com

Kleidung: Bluse und Jeans: S. Oliver, Mantel: Madeleine (Foto links); Jacke: Colmar, Bluse und Hose: S. Oliver (Foto Mitte); Jacke: Colmar, Bluse und Hose: Bogner, Tuch: Missoni (Foto rechts); Sneakers: Gant, salamander.at, Helm: Thousand, radplatz.at 

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