reifentest_finnland_2018-09_MZ_aufmacher.jpg  © markuszahradnik.com

"Abfallprodukt" dieser Reportage: ein spektakuläres Polarlicht-Foto. Sie möchten so etwas selbst festhalten? Wir haben die Anleitung.

© markuszahradnik.com

"Abfallprodukt" dieser Reportage: ein spektakuläres Polarlicht-Foto. Sie möchten so etwas selbst festhalten? Wir haben die Anleitung.

© markuszahradnik.com
September 2018

Finnische Nächte

Der ÖAMTC-Winterreifen-Test: Was steckt dahinter? Warum am Polarkreis bei irrer Kälte und ewiger Dunkelheit? Wir begleiten das Test-Team nach Lappland. Eine Foto-Reportage, bei der die Reifen nicht unbedingt die Hauptrolle spielen.

Machen wir's kurz: An dieser Stelle gibt's vom Autor meist elendslange Einleitungen und Erklärungen, was es fortan zu lesen gibt. Diesmal nicht. Bloß soviel: Wir schreiben Winter 2017/2018 und landen gleich am Flughafen von Ivalo, einer gottverlassenen Ortschaft im finnischen Teil von Lappland – dem absoluten Nirgendwo. Der Polarkreis liegt exakt 280 Kilometer Luftlinie weiter südlich, es wird also kalt in den nächsten Tagen.

Sinn und Zweck unserer im Wortsinn chilligen Berichterstattung: die Crew des Winterreifen-Tests zu begleiten, den der ÖAMTC hier oben alljährlich mit dem deutschen Partnerclub ADAC durchführt.

Werbung

Uusi lumi on vanhan surma.
(Neuer Schnee ist des alten Tod)

Finnisches Sprichwort

Bedienungsanleitung

Worum es in der folgenden Story nicht geht: die nackerten Test-Ergebnisse der Reifen. Die können Sie im wohlig-warmen Wohnzimmer ja wie gewohnt in der aktuellen Print-Ausgabe des auto touring nachlesen (oder online hier). Vielmehr geht es nun um Leben und Arbeiten in einer der unwirtlichsten Gegenden der Welt.

(Hinweis: Die Bilderflut ist als durchgängiger Lokalaugenschein samt rotem Faden konzipiert. Wer mittendrin aussteigt, spürt womöglich die unfassbare Gegend nicht, die wir gleich in Worte und Bilder fassen möchten).

Kulturschock Finnland

Sonnenwende

Nächster Morgen, noch immer dunkel. Hell wird's hier derzeit ja nicht. Zeit, um das geheime Testgelände im hohen Norden zu begutachten. In der Ferne hören wir laute Motoren von Fahrzeugen, die über vereiste Seen-Landschaften brettern.

Dazu ein Sprachprotokoll von Foto-Markus vor Ort: "Manchmal trägt der Wind interessante Motorengeräusche herbei, die nicht von den Winterreifen-Testfahrzeugen oder den hier üblichen generischen KFZ der Einheimischen stammen können. Dann denkt man sich: Bevor du superteure Edelkarosse nach Dubai oder Monaco darfst, musst auch du hier im Zwielicht der Polarnacht gequält werden. Wie ich. Vielleicht bist du aber auch nur ein alter BMW M5, mit dem (der Reifenhersteller, Anm.) Nokian die Hecktriebler-Testfahrten macht. Oder ein Anrainer-Schneemobil ohne Schalldämpfer. Wer weiß?"

Ahja, OK. In diesem Sinne: Wir begeben uns auf die Teststrecke…

Backstage beim ÖAMTC-Winterreifentest

Der letzte Tag

Die Testwoche ist (zumindest für uns) vorbei, wir bleiben aber noch einen Tag. Um Lappland zu spüren. Die Sonne bemüht sich in der Polarnacht ab und zu ein bissl über den Horizont – das sind dann die Momente, in denen wir fotografieren gehen… 

Hyvää matkaa, Suomi! (Tschüss, Finnland!)

Bonus-Special: Nordlicht-Fotografie

Als Schreibkraft, die seit fast 20 Jahren mit Fotograf Markus Zahradnik durch die Weltgegend fliegt und immer wieder überrascht ist, was er sieht (und ich nicht), möchte ich zum Schluss gern eines seiner besten internen To-Do-Recherche-Protokolle veröffentlichen. Thema: Wie fotografiere ich das Polarlicht?

Das unzensierte Mail an mich, im Wortlaut:

"Aurora borealis - wie finden? Eine Anleitung: Zuerst muss man die Aurora-Wahrscheinlichkeit checken, und wo sich die Mittellinie des Sonnenwind-Gürtels befindet - denn wenn man sich nördlich von dieser gedachten Linie befindet, muss man nach Süden blicken, um das Nordlicht zu sehen (was in Lappland oder Island durchaus passieren kann, auf Spitzbergen oder Grönland sowieso). Dazu stellt z.B. die Universität von Alaska einen Forecast online: http://www.gi.alaska.edu/AuroraForecast/Europe (im Link ist bereits die Ansicht für Finnland enthalten)

Dann muss man in Erfahrung bringen, wohin man sich begeben muss, um der Lichtverschmutzung zu entkommen. Nicht an der Anfahrtszeit sparen, das macht einen großen Unterschied. Auch ist darauf zu achten, dass sich von der ausgesuchten Position in Blickrichtung (siehe vorige Erläuterung) keine Zone mit Lichtverschmutzung befindet. (Also nördlich der Position, wenn man sich südlich der Mittellinie des Sonnenwind-Gürtels befindet. Und umgekehrt, falls das Nordlicht für Süden prognostiziert ist.) Hier gibt es eine Light Pollution Map, Lappland ist als Position voreingestellt: https://www.lightpollutionmap.info/#zoom=6&lat=10714256&lon=3028806&layers=B0FFFTFFFF

Als Nächstes muss man noch die Prognose der Bewölkung mit den beiden ersten Punkten in zeitlichen und räumlichen Einklang bringen. Also: Man muss zum Zeitpunkt hoher Aurora-Wahrscheinlichkeit an einem Ort sein, über dem sich wenige (idealerweise: keine) Wolken befinden, der nicht lichtverschmutzt ist und von dem aus auch in Blickrichtung keine Lichtverschmutzungsquelle ist. Für Finnland liefert der hiesige meteorologische Dienst diesen Forecast: http://www.saa-varoitukset.fi/en/weather/weather-for-professionals/clouds/finland.html

20171211_20h21m12s_IMG_7619_(c)markuszahradnik.com.jpg markuszahradnik.com © markuszahradnik.com
Markus Zahradnik und das finnische Wolkendach.

Wenn man all dies geschafft hat, muss man früh genug am auserwählten Ort sein und die Augen an die Dunkelheit gewöhnen (Autoscheinwerfer aus, Taschenlampen aus, nicht aufs Handydisplay sehen) und warten.

Mein Aurora-Erfahrungsbericht: Im Zeitraum meiner Anwesenheit sind sowohl Aurora- als auch Bewölkungsprognose eher schlecht. Der Abgleich der oben genannten drei Punkte bringt mich zu dem Schluss, dass ich nur dann eine Chance habe, wenn ich an genau diesem einen Tag zwischen 20:00 und 22:00 am Ostufer des Inarijärvi bin, nördlich einer kleinen Siedlung namens Nellim, kurz vor der russischen Grenze.

Ich war um ca. 19:30 vor Ort, stelle das Auto ab, mache alle Lichter aus (und das Kamera-Display so dunkel wie möglich), gewöhne mich eineinhalb Stunden an die Dunkelheit und bin enttäuscht - eine Wolkendecke nimmt die Sicht nach oben, nur die hellsten Sterne sind sichtbar. Außerdem ist es noch lange vor Mondaufgang - es ist alles so dunkel, dass ich das Objektiv nicht scharfstellen kann. Also rate ich und nähere mich durch eine Testreihe der richtigen Fokusdistanz an. Wirklich getroffen habe ich diese eh nicht, denn: Beim Begutachten der Einstellbilder fällt mir auf, dass die Veränderung im Himmel zwischen zwei bestimmten Fotos zu groß ist, um von Wolkenbewegungen herzurühren.

Ich lasse die Kamera Kamera sein und beobachte das Firmament eine halbe Stunde mit bloßem Auge, und tatsächlich: Hinter den Wolken zucken sehr schwache Lichter. Leider wird auch der Grad der Bewölkung immer stärker - immer mehr Sterne werden verschluckt, und die zuckenden Lichter unterschreiten die Wahrnehmbarkeitsschwelle.

Ich verfluche die Bewölkung und das finnische meteorologische Institut für die fehlerhafte Prognose, die mich diese mühsame Fahrt durch die Wildnis unternehmen ließ und nun zu meinem sicheren Kältetod führen wird. Oder die Wölfe fressen mich, denn im Unterholz rundherum knackt es ständig. Außerdem bewegen sich im See/Fluss unter mir große dunkle Objekte.

Da ich nach der beschwerlichen Anfahrt, der in der Kälte vergeudeten Lebenszeit und der Vorfreude auf die lange Rückfahrt nicht so schnell aufgeben will, warte ich. 90 Minuten lang, in der mondlosen Nacht, auf einer Brücke im Nirgendwo. Ich beschließe, mich geschlagen zu geben und rauche eine Zigarette (was die Gewöhnung der Augen an die Dunkelheit ruiniert). Als ich sie wegwerfe und das Stativ abbauen will, fällt mir ein heller Schein aus Südosten auf. Für den Mondaufgang ist es noch immer zu früh - das müssen die Russen sein, die mit Suchscheinwerfern hantieren. Das hat noch gefehlt, dieser Grad der Lichtverschmutzung macht die Beobachtung der Aurora unmöglich. Mit Blicken folge ich dem Schein am Himmel. Die Russen müssen extrem starke Scheinwerfer einsetzen, sie ziehen eine mindestens 50 Kilometer lange Lichtspur über die Wolken. Und plötzlich die Erkenntnis: Das Licht kommt nicht von unten.

Ich bin so überrascht, dass ich gar nicht ans Fotografieren denke. Irgendwann kommt die Kamera dann doch zum Einsatz, schlecht eingestellt und defokussiert

Da ist dann auch dieses Foto passiert. Quasi "mein schönstes Ferienerlebnis"…

20171211_21h34m28s_IMG_7654_(c)markuszahradnik.com.jpg markuszahradnik.com
© markuszahradnik.com

Kommentare (nur für registrierte Leser)