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September 2022

Gemeinsam fahren!

Wenn zwei im Auto pendeln statt einem, halbieren sich die Spritkosten. Apps helfen, Fahrgemeinschaften zu organisieren.

Franz und Michael tun es. Herbert, Hans, Renate, Harald und Martin tun es auch: Sie bilden eine Gemeinschaft, und zwar eine besondere: eine Fahrgemeinschaft. Täglich teilen sie sich den Weg in die Arbeit, sprechen über Alltag, Probleme und haben dabei soviel Spaß, dass sie dieses Gemeinschaftserlebnis nicht mehr missen wollen.

Der Salzburger Franz etwa fährt schon seit über 20 Jahren mit Kollegen in die Arbeit, der Oberösterreicher Harald teilt sich bereits seit sechs Jahren die Fahrt zur Arbeit mit bis zu vier Personen.

Wir haben mit ihnen über ihre Beweggründe gesprochen, sie über Vor- und Nachteile befragt, was passiert, wenn’s nicht passt, und was für sie eine gute und funktionierende Fahrgemeinschaft ausmacht. Außerdem räumen wir mit Mythen und Falschmeldungen auf und geben Infos für jene, die es auch einmal "tun" möchten.

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Energie sparen ist zweifellos das Gebot der Stunde. Und den Besetzungsgrad der Pkw vor allem im Berufsverkehr zu erhöhen, ist wohl eine der einfacheren Möglichkeiten dazu.

Schon seit einiger Zeit wirkt der ÖAMTC zusammen mit der Asfinag und vielen anderen Partnern daher am sogenannten Domino-Projekt mit, bei dem in drei Pilotregionen Mobilitätsangebote gefördert werden.

Pandemie bzw. Abstandsregeln waren während eines Teils der Projektphase sicher kein einfaches Umfeld für die Förderung von Fahrgemeinschaften.

Martin Nemec und Helmut Beigl, Asfinag und ÖAMTC

Konkret geht es im Großraum Linz darum, mit der eigenen Smartphone-App Mitfahrer/-innen zu suchen und zu finden. Dazu erstellt man in der App Fahrten, für die sich andere Nutzer/-innen anmelden können. Als zusätzliche Belohnung winken attraktive Preise.

Bei Info-Veranstaltungen in großen Betrieben geht es bei "Domino" aber auch darum, Vorurteile und Mythen gegenüber Fahrgemeinschaften abzubauen (siehe unten). "Pandemie bzw. Abstandsregeln waren während eines Teils der Projektphase sicher kein einfaches Umfeld für die Förderung von Fahrgemeinschaften", berichten Martin Nemec (Asfinag) und Helmut Beigl (ÖAMTC) über Erfahrungen.

"Domino" läuft im Großraum Linz noch bis April 2023, die App kann für iOS und Android gratis heruntergeladen werden. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil der App-Vermittlung von Fahrgemeinschaften zwischen zuvor einander möglicherweise fremden Personen ist, dass immer nachvollzogen werden kann, wer wann mit wem mitgefahren ist, also größtmögliche Transparenz.

Apps wie etwa "Ummadum" schaffen außerdem zusätzliche Belohnungen der Nutzer über das Sammeln von Punkten, mit denen man Ermäßigungen bei Partnern einlösen kann. Ein ähnliches Modell bieten
etwa "Carployee", das eher auf Berufs-Mobilität ausgerichtet ist, und "BlaBlaCar", wo der Schwerpunkt auf klassischen Mitfahrgelegenheiten liegt.

Dazu kommen noch lokale Initiativen wie "nahallo" des Verkehrsverbundes Ostregion oder "Hey-Way" in der Steiermark. Eine ganze Reihe von Mitfahrbörsen wird bei www.umweltberatung.at aufge­listet, nicht bei jeder kann die Qualität überprüft werden.

Fahrgemeinschaften per App sind eine Chance, Energie zu sparen und die Kosten für Mobilität zu senken.

David Anders, ÖAMTC Innovation & Mobilität

In einer aktuellen Umfrage des ÖAMTC geben derzeit sechs Prozent der Österreicher/-innen zwischen 16 und 69 Jahren an, dass sie auf Mitfahrbörsen aktiv sind. Mit 25 Prozent ist der Anteil jener, die ihr Fahrzeug ausschließlich im privaten Umfeld verleihen, allerdings wesentlich größer. Auf dem täglichen Arbeitsweg warten zusätzliche Herausforderungen.

Schon frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass bei der täglichen Berufsmobilität "jede Minute zählt" und es den meisten Menschen auf exakt abgestimmte Zeitfenster ankommt und keine Verzögerungen akzeptiert werden. Dazu kommen psychologische, kulturelle und zwischenmenschliche Phänomene, die wohl vor allem damit zu tun haben, dass man "Fremde" in einen Auto-Innenraum lässt, der von vielen als eine Privatsphäre betrachtet wird, ähnlich dem eigenen Wohnzimmer zu Hause. "Diese Aspekte dürfen nicht vernachlässigt werden", sagt ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger.

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Praktisch: Die Kosten für die Fahrt in die Arbeit werden geteilt und Freundschaften können entstehen.

Genauso gut könnte man die Fahrgemeinschaft zum Arbeitsplatz aber auch als Möglichkeit sehen, neue Freund- und Bekanntschaften zu schließen. Wie so oft ist das Glas also entweder halb voll oder halb leer: Wie man zu neuen Dingen steht, kommt großteils auf einen selbst an.

Franz und Michael in Salzburg finden: "Gaudi ist wichtig"

Schöne Zeit. "So eine Fahrgemeinschaft ist das Schönste", erzählt Franz (re.) begeistert. Der 61-jährige Salzburger ist Fahrgemeinschafts-Profi. Bereits seit rund 20 Jahren fährt er mit Kollegen, die so zu Freunden wurden. Er begleitete einige bis zur Pension, andere mussten wieder aussteigen. "Wenn's nicht passt, dann muss er halt öffentlich fahren", grinst Franz.

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Bei Franz und Michael rennt der Schmäh.

Seit fünf Monaten fährt er gemeinsam mit Michael, seinem neuen Kollegen bei der Salzburg AG. Die beiden kennen einander vom Fußball und haben sofort beschlossen, gemeinsam die rund 25 km zu meistern. "Wäre ja ein Blödsinn, wenn wir das nicht machen würden", lacht Franz und ergänzt: "Mir geht es nicht darum, etwas zu verdienen, mir geht es um den Spaß."

Die Kosten teilen die beiden unkompliziert: Jede Woche fährt ein anderer. "Früher war ich der einzige Fahrer, mein Kollege hat dann jeden Monat zum Essen eingeladen.“

In den vielen Fahrgemeinschafts-Jahren gab es für den 61-Jährigen natürlich auch Herausforderungen: "Einmal, da war einer dabei, der wollte immer gratis mitfahren. Wie gesagt, es geht nicht um die Kosten, dann zahlt man halt einmal einen Kaffee oder so etwas, aber nicht einmal das hat er gemacht. Einfach nur schmarotzen, das muss auch nicht sein."

Fahrgemeinschaft_SchuheggerKnoblechner_cReismann_024_CMS.jpg Erich Reismann © Erich Reismann
Schmarotzen und Unpünktlichkeit sind "No-Gos".

Aber mit Michael passt es sehr gut, da rennt der Schmäh und nach der Fahrt wird gerne eingekehrt. Für Michael ist es die erste Fahrgemeinschaft: "In der alten Firma habe ich zwar manchmal einen Kollegen mitgenommen, der den Führerschein abgeben musste. Aber sonst war ich alleine unterwegs. Jetzt haben wir die gleichen Arbeitszeiten und das passt sehr gut. Und der Vorteil ist, wir können uns nachher noch gemeinsam zusammensetzen und etwas trinken gehen, wenn wir wollen. Der Nachteil wäre nur, wenn der Franz länger sitzen will als ich (lacht)."

Der beste Tipp? "Unbedingt vorab einmal treffen, um zu schauen, ob die Stimmung passt. Einander gut zu verstehen ist das Wichtigste", erklärt Michael. Und gibt es auch ein No-Go? "Ja", antwortet Franz gleich und ergänzt: "Unpünktlichkeit, das geht gar nicht!"

"A perfekte G'schicht" für ein Dreamteam in Oberösterreich

Sparpotenzial. Effizient, praktisch, umweltfreundlich und schön sind die Fahrten mit seinen Kolleginnen und Kollegen, erzählt ÖAMTC-Techniker Herbert (Mitte). Der Oberösterreicher düst täglich mit gleich vier weiteren von Freistadt nach Linz.

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Harald, Herbert und Renate fahren gemeinsam und finden es super.

Zwei davon, Harald und Renate, haben sich für den Fototermin eingefunden "Wir haben das große Glück, dass wir zur gleichen Zeit Dienst haben, das ist ideal", erzählt der 51-Jährige. Rund 40 Kilometer weit fahren sie gemeinsam auf einer Strecke, das zahlt sich für alle aus und mit ihrer Fahrgemeinschaft helfen sie auch anderen. "Wir verursachen weniger CO2, das ist gut für die Umwelt, und benötigen weniger Parkplätze", sagt Herbert.

Sie alle begeistern die vielen Vorteile. Sehr praktisch sei es, dass man durch die Gespräche im Auto nach einem langen Tag aktiv bleibt und Müdigkeit so keine Chance hat. "Als ich noch alleine gefahren bin, war das mühsamer", sagt einer.

Trotz fünf Personen aus verschiedenen Wohnorten gibt es keine Probleme. Alle sind pünktlich, akzeptieren die "Kein Rauchen im Auto"-Regel und selbst wenn einmal jemand zu spät kommen sollte, dann wird gewartet. Herbert ergänzt: "Generell sind alle sehr pünktlich. Wir planen ja auch ein bisschen Zeit ein, da man ja nie weiß, ob es zu einer Verzögerung durch Stau oder Unfall kommt."

Schon etwa sechs Jahre fahren die fünf in unterschiedlichen Konstellationen miteinander. Privat treffen sie einander zum Grillen und an Weihnachten gibt es auch eine eigene Weihnachtsfeier, für alle ist es eine "perfekte G'schicht".

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Abwechslung: Jede Woche fährt jemand anderer.

Mythen & Legenden

Fahrgemeinschaften. "Wenn ich einen Fremden mitnehme und er bei einem Unfall verletzt wird, zahlt die Haftpflichtversicherung nicht." Dieser Mythos zu Fahrgemeinschaften hält sich an Wirtshaus-Tischen besonders hartnäckig. Fakt ist: Die Haftpflichtversicherung zahlt sehr wohl bis zur gesetzlichen Deckungssumme von 6,3 Millionen Euro. Ein Risiko darüber hinaus kann durch eine Erklärung über die Haftungsbeschränkung ausgeschlossen werden. Ein Musterformular dazu gibt es hier.

Straßenverkehrsordnung: Weit verbreitet ist auch die Ansicht, dass die Straßenverkehrsordnung allgemein das Mitnehmen von "Fremden" im eigenen Auto verbieten würde, weil das "Autostoppen" in Österreich eigentlich verboten sei. "Das ist nicht richtig", heißt es aus der Rechts­abteilung des ÖAMTC.

Beitrag: Auch ist es im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Meinung durchaus erlaubt, einen Beitrag fürs Mitfahren zu kassieren – und zwar bis zu fünf Cent pro Kilometer und Mitfahrer. Allerdings gibt es hier durchaus Möglichkeiten für gesetzliche Verbesserungen (siehe unten).

Pendlerpauschale: Schließlich muss man auch keine Angst haben, dass man die Pendlerpauschale verliert, wenn man Fahrgemeinschaften bildet: Man kann zur Arbeit fahren, wie man möchte.

Bessere Gesetze

Absicherung. Damit die Bildung von Fahrgemeinschaften auch rechtlich besser ab­gesichert ist, verlangt der ÖAMTC eine Anpassung der Gesetzgebung.

  • So sollte der steuerfreie Ersatzbetrag für die Mitnahme von Personen im privaten Pkw mit fünf Cent pro Kilometer (dieser leitet sich aus dem amtlichen Kilometergeld ab) nach Ansicht des ÖAMTC deutlich erhöht werden.
  • Die Straßenverkehrsordnung könnte einen Beitrag liefern, etwa indem Pkw kurze Zeit auch an Bushaltestellen warten dürfen, bis zusätzliche Passagiere der Fahrgemeinschaft eingetroffen sind (natürlich nur, wenn kein Bus behindert wird).
  • Auch an Kreuzungen von Stadtautobahnen mit U-Bahn oder S-Bahn sollte es leicht erreichbare Umsteigpunkte geben.
  • Die länderweise unterschiedlichen Altersgrenzen für die Mitnahme von Jugendlichen im Auto sollten vereinheitlicht werden.
  • Die Fahrpläne und Linienführungen des öffentlichen Verkehrs (und auch seine Tarife) sollten so optimiert werden, dass sie mit Mitfahr-Plattformen gut harmonieren können.

www.oeamtc.at/fahrgemeinschaft

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