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Finale jeder Hochalpenstraßen-Querung: das Pickerl. Den Moment des Aufklebens vergisst man nie mehr.

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Finale jeder Hochalpenstraßen-Querung: das Pickerl. Den Moment des Aufklebens vergisst man nie mehr.

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Januar 2018

Die Glocknerstraße in Salzburg

Teil 2 unserer Serie "Autoland Österreich": Wir düsen in einem BMW M4 über die Großglockner-Hochalpenstraße, die vielleicht schönste befahrbare Gebirgsroute der Welt. Eine Kurvendiskussion mit naturhistorischem, nicht mathematischem Inhalt.

Eigentlich verblüffend: Ich kenne aus meinem weiteren Bekanntenkreis fast niemanden, der schon einmal auf dem Großglockner war. Und das, obwohl ich in Oberösterreich aufgewachsen bin und in Tirol studiert habe, ein großer Teil meines sozialen Umfelds sich also aus einem Pool an Menschen speist, dem das Wesen des Gebirges nicht ganz so fremd sein sollte. Vor allem, wenn dies den höchsten aller heimischen Gipfel betrifft.

Woran kann es also liegen, dass die allerwenigsten schon einmal die schönste und historisch interessanteste Straße unseres Landes befahren haben? Ist sie zu weit weg? 

Ich denke nicht, denn in Österreich ist streng genommen von keinem Punkt aus irgendetwas zu weit entfernt. Kann es also nicht vielmehr sein, dass wir in Zeiten der 19-Euro-Billigflüge vor lauter internationalen Möglichkeiten gar nicht mehr sehen, was es im Umkreis von wenigen hundert Kilometern alles zu entdecken gilt? Schon eher.

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, also Lust haben, verbringen wir jetzt einen Tag in Salzburg miteinander, um zumindest virtuell manche Wissenslücke zu schließen – auf der Großglockner Hochalpenstraße. 

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Wenn Berge da sind, weiß ich, dass ich da hinaufgehen kann, um mir von oben eine neue Perspektive vom Leben zu holen.

Hubert von Goisern

Aufstieg im Morgengrauen

In den Sommermonaten öffnet der Großglockner seine Pforten zur automobilen Besteigung bereits um 5 Uhr morgens. Wer die berühmteste aller heimischen Straßen also am liebsten ganz für sich alleine haben möchte, ist gut beraten, sich schon mindestens eine Viertelstunde vorher beim Schranken anzustellen, um danach ungestört gen Himmel strömen zu können (alle aktuellen Öffnungszeiten und Preise finden Sie hier). 

Sobald die Sonne später nämlich ganz aufgegangen ist, kommen Busladungen voller Touristen, unzählige Rad- und Motorradfahrer sowie Hundertschaften mitunter nur bedingt bergtauglicher Automobilisten, die das Vergnügen Glocknerstraße manchmal doch ein wenig trüben. 

Wir haben heute aber Glück: Um 4:45 Uhr stellen wir schlaftrunken den Motor unseres M4 vor dem imposanten Gebäude der Mautstelle Ferleiten ab, steigen aus, trinken Kaffee und warten auf Einlass. Weit und breit ist kein anderes Auto zu sehen, wir sind allein. 

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Pole-Position um 5 Uhr früh: Wir warten auf die Startfreigabe.

Aus sicherer Entfernung beobachten wir dann plötzlich einen einsamen modernen Wegelagerer, der sich bereits in seine beleuchtete Kabine aufmacht, um dort von uns in Kürze beachtlichen Wegzoll zu verlangen. Nein, im Ernst: 36 Euro für die Pkw-Tageskarte sind angesichts des Erlebnis "Hochalpenstraße" eine wirklich faire Okkasion, versprochen.

04:59 Uhr: "Gentlemen, start your engine". Wir werfen den 431 PS starken Turbo-Sechszylinder wieder an und schämen uns angesichts seines heftig aggressiven Start-Bellens ein bisschen. In der morgendlichen Stille der Naturkulisse schmerzt derlei pubertäres Gehabe doch irgendwie. Zumindest jetzt noch. Wir haben exakt dieses Auto für unseren Ausflug schließlich aus gutem Grund gewählt, da darf man jetzt nicht schimpfen.

Eine Minute später bekommen wir Grünlicht und bezahlen. Es geht los.

Wie und warum eigentlich diese Straße?

Weil sich niemand besser mit der Historie "ihrer" Straße auskennt als die Damen und Herren von der Großglockner AG, zitieren wir kurz von deren hervorragend gestalteter Website:

"Die Idee zum modernen 'Herkules'-Projekt Großglocknerstraße hatte mehrere Ursachen. Zum einen suchte die Erste Republik Österreich nach dem Ende des Habsburgerreiches und dessen Zersplitterung im Ersten Weltkrieg nach Identifikationsprojekten für das Land, dem niemand so recht Erfolg zutrauen mochte. Zum anderen war die Arbeitslosigkeit groß. Eine so riesige Baustelle würde tausende Arbeitsplätze schaffen. Ein dritter Aspekt war der aufkeimende Fremdenverkehr: Die spektakuläre Panoramastraße sollte durch Mautgebühren und Urlaubsaufenthalte Geld in die Kassen spülen. Das eigene Auto galt als luxuriöses Vergnügen, das Wohlhabenden vorbehalten war. Mit diesen hoffte man gute Geschäfte zu machen."

Wer sich historisch weiter vertiefen möchte:

Die Geschichte der Großglockner-Hochalpenstraße

Rares Bildmaterial

Sehen und staunen Sie: fünf Minuten beeindruckende Archivaufnahmen, die wohl auch die unverbesserlichsten "Früher war alles besser"-Apologeten schlüssig nachvollziehen lässt, dass ihr geflügelter Satz seit jeher fürchterlicher Unsinn ist. Selbst, wenn er nur die Arbeitsbedingungen im damaligen Hochgebirgs-Straßenbau betrifft…

Mein Fazit…

… zum Ende einer Geschichte ist diesmal ausnahmsweise kein Sermon bedeutungsschwangerer Worte, sondern nur ein Foto. Warum? Fahren Sie doch am besten selbst rauf auf den Glockner, nehmen Zeit und Ihre Liebsten mit und spüren an einem der schönsten Flecken unseres Landes, wie klein und vergänglich wir eigentlich sind. Ein wunderbares Gefühl. Erhebend und demütigend zugleich.

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