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März 2015

auto touring fährt: Straßenbahn

Fahrerlebnisse abseits herkömmlicher Autos und Zweiräder – auto touring probiert sie aus, die für die meisten Menschen gar nicht alltäglichen Fahrzeuge.

Das Fahrzeug: Ein Straßenbahn-Triebwagen der Wiener Linien, Wagennummer 648, Baujahr 2000. Stolze 35,4 Meter lang (es gibt auch eine um 11,2 Meter kürzere Version), 2, 4 Meter breit, 43 Tonnen schwer, Platz für 207 Passagiere. Angetrieben von acht Elektromotoren mit insgesamt 480 kW (650 PS) Leistung.

Da steht er vor mir, der rot-graue Riese. Man nennt ihn "ULF" (Ultra Low Floor, Niederflur), weil sein Einstieg keine 20 Zentimeter über Schienenniveau und damit fast auf Gehsteighöhe liegt – ein entscheidender Vorteil für Fahrgäste mit Rollstühlen, Kinderwagen und Fahrrädern, ermöglicht durch den Verzicht auf waagrechte, also herkömmliche Achsen. Stattdessen verfügt die von Porsche Design entworfene, von den Siemens-Vorgängerfirmen SGP und Elin entwickelte und gebaute Garnitur über senkrechte Achsen. Klingt unmöglich, ist aber so: Es handelt sich um selbsttragende, auf den Rädern aufsitzende Fahrwerke, auf denen die Fahrmotoren und deren Steuerung angebracht sind. Von außen sind diese sechs Räder-Fahrwerks-Einheiten an ihrer grau lackierten Verkleidung zu erkennen. An ihnen hängen, gelenkig miteinander verbunden, die einzelnen Wagenkasten-Segmente mit ihrem Boden in einer Höhe von nur 22 cm sowie den Türen. 

Genug der Theorie. Ich bin schon sehr gespannt, mich in die Rolle eines Straßenbahnfahrers hinein zu versetzen. In meiner Kindheit wollte sogar ich einige Zeit einer werden – und kurz darauf Taxifahrer. Heute bin ich berufsbedingt näher am Auto dran – und total neugierig, meine Perspektive zu ändern. Einmal zu erleben, wie sich so ein gut drei Millionen Euro teures Riesending fährt und wie man als Lenker/-in eines Schienenfahrzeugs den Autoverkehr erlebt. Denn ausweichen spielt's ja nicht.

Es geht los. Da ist schon Thomas Linsmeier, der Chefinstruktor für angehende Straßenbahnenfahrer/-innen in Wien. Hart sein Händedruck, herzlich seine Begrüßung. Er fackelt nicht lange herum, mein Crashkurs im Pilotieren einer Bim beginnt sofort.

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Würde ich tatsächlich den Ausbildungsweg zum Straßenbahnfahrer in Erwägung ziehen, müsste ich mir Zeit für 55 Ausbildungstage nehmen. Die grundsätzlichen Voraussetzungen für den Beruf erfülle ich ja Monat für Monat auch beim ÖAMTC: das Mindestalter von 21 Jahren, die sehr guten Deutschkenntnisse, die hohe Kunden- und Serviceorientierung, die Belastbarkeit, die Bereitschaft für flexible Arbeitszeiten, Nacht- und Wochenend-Dienste, der gute Leumund und die gute Gesundheit. Nach bestandener Prüfung bekäme ich dann ein Einstiegsgehalt von 1.600 Euro – brutto. Wochenend- und Abenddienste werden mit Zulagen abgegolten.

Nun sitze ich also im Führerstand. Mein Kurzzeit-Arbeitsplatz quasi. Links der Fahrhebel – nach vorne heißt Beschleunigen, nach hinten Bremsen. In der Mitte der Tacho, die Displays und das Schaltpult. Hier heißt es, die vorgesehene Linie einzugeben und auf die Freigabe zum Losfahren zu warten. Rechts daneben ganz unten der Schalter für den Scheibenwischer und die Öffner für die Türen. 

auto_touring_faehrt_strassenbahn_HH_DSC_4207_CMS.jpg  Heinz Henninger © Heinz Henninger
Ganz links: der Fahrschalter.
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Mittig: Tacho und Displays.
auto_touring_faehrt_strassenbahn_HH_DSC_4112_CMS.jpg  Heinz Henninger © Heinz Henninger
Auf geht's!

Nun fahre ich also. Stadtauswärts auf dem Kurs des 71ers. Die klassische Wiener Friedhofslinie (früher gab es sogar eigene Leichen-Anhänger zum Zentralfriedhof hinaus) ist ideal für angehende Bim-Fahrer wie mich, weil sie über lange Strecken einen abgetrennten eigenen Gleiskörper hat. Der Kontakt mit Fußgängern und Autos ist also auf ein Minimum beschränkt. 

Der 71er gehört mit einer Streckenlänge von über elf Kilometer zu den längeren Linien in Wien. Welche Strecke spult eine Wiener Tram eigentlich pro Tag ab? "Bis zu 600 Kilometer", so Ausbildner Linsmeier. Von den Wartungsintervallen eines ULF können Autobesitzer nur träumen: Alle 500.000 Kilometer steht ein großes Service an. Allerdings wird die komplette Garnitur dabei in alle ihre Einzelteile zerlegt und anschließend wieder zusammen gebaut. Nach durchschnittlich 42,5 Jahren und vier Millionen Kilometer wird ein Triebfahrzeug verkauft – zum Schrottwert übrigens. Ausgemusterte Wiener Trams kurven durch Utrecht, Krakau, Miskolc und Sarajewo.

Ich genieße meine ersten Kilometer. Auf dem bequemen Sitz mit dem geringen Seitenhalt erlebe ich die Beschleunigung des – bis auf uns – leeren Fahrzeugs wie in einem schnellen Auto. Doch die erste Ampel naht. Für mich gilt eine eigene, wann immer diese vorhanden ist: die Straßenbahnampel. Sie zeigt stets eine (obere) Reihe mit drei Lichtern und ein mittiges einzelnes Licht (das quasi die Garnitur symbolisiert) darunter. Fahren ist nur gestattet, wenn dieses untere einzelne Licht leuchtet – dann leuchtet stets gleichzeitig auch eines aus der oberen Reihe, das die Richtung angibt, in die (an Kreuzungen) das Weiterfahren gestattet ist. Befindet sich neben diesen Lichtsignalen noch ein weiteres mit einem "A", dann bedeutet das: Achtung, Freie Fahrt folgt bald. Doch so ein Signal ist hier an der Simmeringer Hauptstraße nicht zu sehen.

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Halt für alle Fahrtrichtungen.
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Freie Fahrt geradeaus.
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Weiter geht's.

Aus der Perspektive des Straßenbahners erlebe ich auch, was es heißt, einen so großen und so breiten Triebwagen (Beiwagen sind bei den Wiener Linien Auslaufmodelle) durch den Verkehr zu dirigieren – etwa an an den beim Zebrastreifen wartenden Fußgängern vorbei. Fahrlehrer Thomas Linsmeier reagiert cool: "Geschwindigkeit noch weiter verringern, Klingel betätigen." Das geht mit dem Fuß.

Oft ist die Bim jedoch durch enge Straßen unterwegs. Und gar nicht so selten muss der Abschleppwagen ausrücken, weil der Zug nicht an einem geparkten Auto vorbeikommt. Wieviel Platz benötigt eigentlich so eine Straßenbahn? 

Was ich ebenfalls bald merke: Eine Straßenbahn bremst schlechter als alle Autos, mit denen ich sonst unterwegs bin. "Ein moderner Triebwagens wie der ULF braucht bei normaler Betriebsbremsverzögerung drei Mal so lange wie ein Pkw, bis er zum Stillstand kommt", bestätigt mein Fahrlehrer Thomas. Und eine Notbremsung? "Wird sie durch den Fahrer ausgelöst, dann gilt dieser Faktor 3 auch im Vergleich zu einer Vollbremsung beim Pkw." Und wenn die Notbremsung durch einen Passagier ausgelöst wird, der am Notbremshebel zieht?" "Diese Art von Bremsung ist noch stärker als eine vom Fahrer ausgelöste Notbremsung", so Thomas Linsmeier, "dabei werden ungeheure Kräfte frei." Ganz gleich ob durch Fahrer oder Passagier ausgelöst – pro Tag ereignet sich im Wiener Streckennetz durchschnittlich eine Notbremsung. Und bei jeder 300. stürzt ein Fahrgast.

Kilometer um Kilometer stellt sich so etwas wie zaghafte Routine ein. Ich muss nicht mehr jeden Vorgang weit vorausschauend in meinem Kopf ablaufen lassen, bevor ich Taten setze, sondern agiere und reagiere simultan zum Verkehrsgeschehen, scheine mit dem Fahrzeug zu verschmelzen, ganz so wie nach der ersten Viertelstunde in einem neuen, ungewohnten Auto. Nur dass es beim ULF länger gedauert hat.

Dann ist es plötzlich soweit: Freude am Fahren wird spürbar, ich genieße die Strecke. Und die Tatsache, dass ich ohne Fahrgäste unterwegs bin: Ich muss weder Türen öffnen noch schließen, keine Auskünfte erteilen, keine Lautsprecherdurchsagen machen und auch niemanden ermahnen. Ich bin gern Kurzzeit-Straßenbahner ohne Verantwortung für Passagiere. 

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Volle Fahrt.
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ÖAMTC aus Bim-Perspektive.
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Einfahrt in die Haltestelle.

Geschafft. Der ULF mit der Wagennummer 648 steht auf dem Abstellgleis im Betriebsbahnhof Simmering. Die Zeit ist viel zu schnell vergangen – wie im Zug, um ein viel strapaziertes Sprichwort abzuwandeln. Bei den unzähligen Fahrten zwischen dem Betriebsbahnhof Simmering und der Umkehrschleife am dritten Tor des Wiener Zentralfriedhofs sind immerhin 40 Kilometer zusammengekommen.

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