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© Heinz Henninger
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Januar 2022

Lost Places

Unsere Mobilität hat sich seit der ersten Ausgabe des auto touring vor 75 Jahren rasant verändert. Dann und wann stößt man noch auf Spuren längst vergangener Zeiten.

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Seit die erste Ausgabe des auto touring vor ziemlich genau 75 Jahren die ÖAMTC-Mitglieder erreichte, hat sich das Leben der Menschen gewaltig verändert. Auch die Mobilität als wichtiger Bestandteil der Gesellschaft.

In ihrer selbstbestimmten Form war sie damals ein Wunschdenken, denn die ersten Clubmitglieder waren noch von der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs geprägt, hatten die Nase voll von Truppenverschiebungen, Luftschutzkellern oder Flucht.

Wer über ein Fortbewegungsmittel verfügte, konnte sich glücklich schätzen, konnte es jedoch wegen der schlechten Straßen und den durch die Besatzungszonen vorgegebenen Binnengrenzen noch kaum verwenden.

Bis in die frühen 1960er-Jahre gab es deshalb sogar eigene Straßen­zustandskarten des ÖAMTC, auf denen man erkennen konnte, welche Verbindungen asphaltiert, betoniert oder Schotterstraßen waren.

Straßenkarte_Kärnten 1959_CMS.jpg ÖAMTC Archiv © ÖAMTC Archiv

Eine Reise in den Süden

Die ersten auto touring-Jahrzehnte waren von einer ungeheuren Aufbruchsstimmung geprägt. Ein eigenes Auto war das Maß aller Dinge, alle wollten eines – und sehr viele wollten damit in den Süden fahren.

Von Amstetten bis Zell am See wurden Fußgänger unter die Erde geschickt, um nur ja nicht im Weg zu sein. Stadtplaner projektierten Schneisen durch Häuserschluchten, Eisen- und Straßenbahnen wurden ab- statt aufgebaut, tiefe Täler hoch überbrückt. 1964 wollten alle in Tirol über die Europabrücke fahren, ein Vierteljahrhundert danach auf der S6 in 130 Meter Höhe Schottwien überqueren.

Dort blieben dann die Durchreisenden aus – und von vier Gasthäusern nur noch eines übrig. Auch der Posthof, das Titelfoto dieses Beitrags, ist längst Geschichte. 

Kurz vor der Verkehrsfreigabe fürchtete sich eine Bewohnerin der 700-Seelen-Gemeinde im Interview vor Selbstmördern, die auf ihr Haus herabstürzen könnten. Tatsächlich bröselten damals kurzzeitig Betonteile vom Talübergang.

Die Passstraße über den Semmering im Zuge der B17 wurde zum Teil rückgebaut. Heute erreicht man den Semmering, auf dem man nach Jahren der Stagnation wieder an ein Revival als touristischer Hotspot arbeitet (der er ja einmal war), vornehmlich über die S6.

Relikte aus vergangenen Epochen...

... der Mobilität finden sich in ganz Österreich. Etwa die unzähligen kleinen Tankstellen, die in den letzten Jahrzehnten schließen mussten.

Es braucht gar nicht viel Phantasie, um sich an der Steckerlfisch-Oase an der B 17 vorzustellen, wie hier einst zwei Tankwarte auf einen zustürmten: Einer bediente den Zapfhahn, der andere putzte die Scheiben und hielt die Hand auf. Bezahlt wurde durchs Fenster der Fahrertür – in bar oder mit der Unterschrift auf einem Scheck. 

Zehn Jahre nach der ersten Ausgabe des auto touring hob übrigens das erste heimische Urlaubs-Charterflugzeug in Wien-Schwechat ab. Die Vickers Viking, heute als Torso im Austrian Aviation Museum auf dem Flugplatz Kottingbrunn, stand lange nach ihrer Ausmusterung als Partyraum für die Kindergeburtstagsfeiern einer Burger-Kette an einem Kreisverkehr in Schwechat.

Ein Lost Place aus den späten 1960ern, der heute wieder nach langer Pause unter ganz anderen Vorzeichen – Stichwort Covid – ein Comeback feiert, ist das 1967 eröffnete Autokino in Groß-Enzersdorf. Die Anschlüsse für die Lautsprecher, die einem einst ins Fahrzeug gereicht wurden, sind heute längst gekappt, ragen noch als flacher Torso aus den Betonfeldern.

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Großes Kino Heinz Henninger 2
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1 Zeitgemäße Grafik: Das Logo prangt seit der Eröffnung des Autokinos an dessen Verwaltungsgebäude.  © Heinz Henninger

2 525 Quadratmeter Leinwand und Platz für hunderte Autos. © Heinz Henninger

3 Tonangebend: Eeiner der Steher, auf dem die Lautsprecher montiert waren. © Heinz Henninger

Das Straßenbild von damals...

... hat sich seit der ersten Ausgabe des ÖAMTC-Magazins gewaltig geändert. Mitten auf den frequentiertesten Kreuzungen der Stadt tummelten sich anfangs virtuos den Verkehr regelnde Polizisten. Mit zunehmender Verampelung zogen sich diese in eine Art verglaster Hochstände zurück, von denen sie die Lichtsignale steuerten.

Und als Ampeln automatisiert arbeiteten oder ferngesteuert wurden, traten in der abendlichen Rush-hour Kolporteure in knallig-bunten Jacken in Erscheinung, um druckfrische Zeitungen zu verkaufen. Durchs Fahrertür-Fenster wurden die Ausgaben vom nächsten Morgen gegen Schillingmünzen getauscht. Heute gibt es das alles nicht mehr.

Auch die allermeisten Kaugummiautomaten sind mittlerweile verschwunden – so wie die hölzernen gelben Telefon­zellen. Viele aus Aluminium starteten ihre zweite Karriere als Bücher-Tauschbörsen. Ebenso weg sind auch die alten hölzernen Freileitungs-Masten mit ihren Keramik-Isolatoren. Aber irgendwo in Baden bei Wien hat man vergessen, den letzten abzumontieren.

Tankstellen und Rasthäuser standen entlang der wichtigen Verbindungsstrecken aufgefädelt wie Perlen auf einer Kette. Weil viele Autobahnen noch in Planung waren, wurde über Landstraßen gefahren. Zwei Tage musste man einplanen, um aus der Bundeshauptstadt ans Meer nach Caorle zu reisen.

Für Wiener, die dorthin fuhren, war schon das Schnitzel im Gasthaus im Rasthaus an der Neunkirchner Allee ein Grund für einen Zwischenstopp. Außer man wollte aus anderen Gründen eine Nacht voll intimer Zweisamkeit in der Einsamkeit der Föhrenwälder an dieser 16 Kilometer langen Geraden durchs Steinfeld verbringen…

An Ruhe war dabei aller­dings nicht zu denken: Tempolimit gab es keines. auto touring führte dort früher Geschwindigkeitsmessungen für Autotests durch.

Auch die Berge im Umfeld der Städte waren beliebte Ziele für Motorisierte. Sei es, um einen Tag in der Natur zu verbringen, oder einfach nur, um eine bestimmte Strecke zu genießen – Stichworte wie Bödele, Gaisberg oder Großglockner Hochalpenstraße: Die Steil­strecken brachten reihenweise Kühler zum Kochen. Deswegen hatten die Autos (ausgenommen luftgekühle Enten, Käfer, Puch und Porsche) auch stets gut gefüllte Wasserkanister an Bord.

Motorradfahrer(-innen waren in den ersten Jahrzehnten noch kaum anzutreffen) hatten eigene Lieblingsstrecken, etwa im Wiener­wald. Wo aus Richtung Neuwaldegg kommend die sechs Serpentinen hinunter nach Königstetten ihren Ausgang nehmen, war die Dopplerhütte der berühmteste Biker-Treffpunkt der Republik.

Unschlagbar war nicht nur der Ausblick hinunter ins Tullnerfeld, sondern auch der Quasi-Tribünenplatz an der ersten der berüchtigten Kurven. Weil dort viele ihren Mut vor großem Publikum beweisen wollten, nannte man sie auch „Applaus­kurve“. Leider gehörten auch Rettungswagen mit Blaulicht zur großen Zweirad-Show an den Wochenenden.

Das Zeitalter des Erdöls

Als Energiewende wurde in den ersten auto touring-Jahrzehnten höchstens der Umstieg von Kohle auf Erdöl und Erdgas bezeichnet. Vollmotorisierung war das angesagte Ziel der Politik, der Sprit dazu sollte devisenschonend vorwiegend aus dem eigenen Land kommen. Deshalb kam man auf einer Fahrt durchs Marchfeld auch an unzähligen Bohrtürmen vorbei. Die Produkte der Österreichisch-Russischen Erdölproduk­tion wurden an den ÖROP-Tankstellen verkauft, die später unter der Marke „Elan“ firmierten und Vorgänger der heutigen OMV-Stationen waren.

Die Bohrtürme sind aus dem Straßenbild verschwunden, an ihre Stelle treten immer mehr Windräder für eine weitgehend klimaneutrale Stromerzeugung. So auch an dem längst verfallenen Flugplatz aus dem Zweiten Weltkrieg zwischen Strasshof und Deutsch-Wagram, auf dem Genera­tionen von Autofahrer/-innen in einer Grauzone (weil keine öffentliche Verkehrsfläche) schwarz das Fahren beigebracht wurde.

Heute ist das nicht mehr so einfach möglich: Wer die "Zufahrt nur für Anrainer"-Schilder zur ehemaligen Piste missachtet, könnte von den Motorrad-Polizisten beobachtet werden, die gleich daneben ihr Trainingsgelände haben. 

Wer seinen Führerschein erworben hatte, konnte, wenn er über ein Fahrzeug verfügte, bald auf große Fahrt gehen. Auch damals gut beraten von der Touristik des Clubs, die sich gar einen ganz besonderen Service einfallen ließ: Es gab Karten für einzelne Streckenabschnitte, die man sich für eine gewünschten Route zusammenstellen konnte. Hier zum Beispiel zwei von 31 Streckenblätter für eine Autofahrt von Bordeaux nach Wien, um die Clubmitglied Dr. Anna Benedikt im August 1962 gebeten hatte.

Straßenkarte_3er-Kombi_CMS.jpg Kurt Zeillinger © Kurt Zeillinger

Zum Schluss noch ein Nachschlag

Vor genau 25 Jahren feierte das ÖAMTC-Magazin sein 50-Jahr-Jubiläum. Der Autor war damals schon beim auto touring und fuhr für eine ähnliche Spurensuche-Reportage die B17, die ehemalige Triester Straße, in Richtung Süden. Blättern Sie im Bilderbuch von 1997 – und Sie werden da oder dort einige Motive erkennen, die jetzt wieder besucht wurden. Nur halt 25 Jahre später.

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