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Echte "Ghost Towns" findet man im Westen der USA nicht entlang der Touristen-Routen. Wohl aber, wenn man in der Wüste auch einmal abbiegt.

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Echte "Ghost Towns" findet man im Westen der USA nicht entlang der Touristen-Routen. Wohl aber, wenn man in der Wüste auch einmal abbiegt.

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Juni 2017

Ghost Towns: Was vom Goldrausch blieb

Schon mal was von Rhyolite, Tonopah oder Gold Point gehört? Orte, die einst den Grundstein zum Aufstieg des US-Westens gelegt haben sollen. Nein? Wir auch nicht. Deshalb sind wir hingefahren.

Es gibt sie zahlreich. Die vermeintlichen Geisterstädte im Wilden Westen. Wer etwa schon einmal in Los Angeles gelandet ist und – aus welch frivolen Gründen auch immer – den Sündenpfuhl Las Vegas als erstes Ziel ins Auge gefasst hat (sowohl "Einander ehelichen" als auch "Außereheliches Beieinander" stehen dort ja seit jeher hoch im Kurs), wird vielleicht noch beim Reiseführer-Schmökern im Flugzeug auf Calico Ghost Town gestoßen sein, wenn's darum ging, was man sich unterwegs anschauen könnte.

Nun, Calico ist grundsätzlich bestimmt eine sehr hübsch hergerichtete Cowboy-Siedlung mit schaumgebremstem Disneyland-Flair, US-typischem "Family Fun"-Versprechen und, na sowas, ganz simpler Erreichbarkeit dank nur zwei Kilometern Umweg von der Touristen-Highway-Abfahrt.

In Calico wird geboten: die "Authentizität von damals" – inklusive Goldrausch, rauchenden Colts, Totengräber-Schauspielern und dem einen oder anderen extra zu bezahlenden Fahrgeschäft für Groß und Klein.

Nur: Eine "echte" Geisterstadt ist das touristisch gar ein wenig zu erschlossene Calico eigentlich nicht. Wir werden es deshalb auch nicht besuchen. Was uns für die folgende Geschichte viel mehr interessiert: die wirklichen Überbleibsel jener Ära, in der Tausende Menschen ihr bisheriges Leben aufgaben, um tief unten im Wüstenboden nach etwas zu graben, das für viele von ihnen im Verderben endete: Gold.

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geisterstaedte_2017-06_MZ_3er2_1.jpg  University of Southern California/Public Domain © University of Southern California/Public Domain
1905: Go West.
geisterstaedte_2017-06_MZ_3er2_2.jpg  University of Southern California/Public Domain © University of Southern California/Public Domain
Ein "Horse Trail" und…
geisterstaedte_2017-06_MZ_3er2_3.jpg  University of Southern California/Public Domain © University of Southern California/Public Domain
… die "Gold Diggers".

Lassen Sie mich also nochmal beginnen…

Es gibt sie zahlreich. Die echten Geisterstädte im Wilden Westen. Wer demnächst einmal in Los Angeles landet und den Sündenpfuhl Las Vegas als erstes Ziel ins Auge gefasst hat, wird beim Reiseführer-Schmökern im Flugzeug eher nicht auf Rhyolite stoßen.

Rhyolite ist eine Ansammlung von Ruinen mit verfallenen Mauern, keinerlei "Family Fun"-Versprechen und, na sowas, von der nächsten Autobahn-Auffahrt gut zwei Stunden entfernt.

Hier wird geboten: Authentizität von damals (allerdings ohne Anführungsstriche), inklusive echtem Hauch von Goldrausch-Historie, verlassenen Minen und tatsächlichen Überbleibseln von anno 1905. Extra bezahlen kann man hier nichts – abgesehen vielleicht vom eigenen Leben, wenn man beim Herumspazieren nicht aufpasst. Dies ist nämlich Klapperschlagen-Country und der nächste Arzt mit Gegengift doch eher weit entfernt – sofern man ihn mangels Handy-Signal überhaupt erreicht…

geisterstaedte_2017-06_MZ_1er_1.jpg Christoph Löger © Christoph Löger
Rattlesnake Country: Aufpassen, wo man hinsteigt!

Vorweg: Rhyolite ist nur eine von den echten "Ghost Towns", die wir nun besuchen werden. Wir haben uns für diese Story auch bewusst den Bundesstaat Nevada vorgenommen, obwohl der Wahnsinn zwischen den Jahren 1850 und ca. 1930, der in den Geschichtsbüchern als "Goldrausch-Ära" firmiert, eigentlich vom Nachbarstaat Kalifornien ausging.

Nur: Unsere folgenden Beispiele sind für Sie, liebe Leserinnen und Leser, relativ leicht erreichbar, wenn Sie beim klassischen Westcoast-Urlaub dafür ein oder zwei Extra-Abenteuer-Tage einplanen möchten, bei denen nicht die üblichen "No-na"-Fotos entstehen sollen. Mehr dazu später.

Nun denn: Beginnen wir am besten mit einem schönen YouTube-Fundstück. Es zeigt den Alltag der Gold-Schatzsucher im Jahr 1927 – zeitlich also schon eher gegen Ende des Irrsinns. Wir sehen: hoffnungsvolle Migranten aus aller Herren Länder (der Drang nach dem funkelnden Edelmetall zog nicht nur Nordamerikaner an, sondern auch viele Briten, Iren, Polen, etc.) bei der Ankunft, beim Graben im harten Wüstengestein und – sofern ich das tonlose Video richtig interpretiere, auch den Wildwest-Vorläufer eines kapitalistischen Börsen-Bildschirms…

Viele Glücksritter haben im naiven Goldrausch damals ihre Existenzen verloren. Jene, die ihnen Hacken, Schaufeln, Zelte oder strapazierfähige Arbeitshosen verkauft haben, aber nicht. Das waren die Gewinner. Wir tragen ja heute noch Levi-Strauss-Jeans, richtig?

Peter S. Lynch, US-Börsen-Pionier

Womit wir nun auch gleich direkt einsteigen. Und zwar exakt dort, wo aufmerksame Leserinnen und Leser unsere letzte Nevada-Story verlassen haben: auf einer nächtlichen Straße Richtung Tonopah…

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Jänner 2017: noch zwei Stunden bis zum Hotel. 

Wie entstanden die US-Geisterstädte überhaupt?

Keine Angst, wir wissen natürlich, dass sich anno 2017 niemand mehr mit langwierigen historischen Fakten aufhalten will. Deswegen fassen wir unsere Recherche samt Jahreszahlen, politischen Hintergründen, gesellschaftlichen Veränderungen etc. in einem sehr vereinfachten Abriss zusammen:

Irgendjemand, nennen wir ihn John, hat ca. 1850 in der Gegend, die wir heute als "Wilder Westen" kennen, im damals noch komplett unerschlossenen Wüsten-Nirgendwo im Boden herum gegraben und ist dabei auf etwas gestoßen, das als Zahlungsmittel noch besser war als Geld. Nämlich: Gold.

John und seine ersten Schatzsucher-Kollegen begannen dann damit, ihre "Claims" abzustecken, also die Orte, wo sie fündig wurden. Gern auch mit Waffengewalt. Und weil es dort bis dahin keine menschlichen Siedlungen gab (aus guten Gründen, die da hießen: unerträgliche Hitze und null Infrastruktur), John und seinesgleichen nach getaner Arbeit aber nach Whisky dürsteten, entstanden Saloons. Und mit ihnen unweigerlich natürlich auch Hotels, Bordelle oder Bestattungsunternehmen.

Und weil unser John leider einer war, der wegen seines ersten großen "Nuggets" den Mund nicht halten konnte und per "Wells Fargo"-Postkutsche in einem Brief an seine Freunde an der US-Ostküste und ins irische Dublin schrieb, wie reich er gerade wird, machten sich diese ebenso auf den Weg gen Westen. Und zwar sehr zahlreich.

Kurzum: Es entstanden – für damalige Verhältnisse – in unfassbar kurzer Zeit riesige, prosperierende Städte in der absoluten Einöde. Mit einer Einwanderungs-Bewegung, die für bereits ansässige Unternehmer stetiges Wachstum bedeutete.

In ausnahmslos allen Fällen kam dann aber flott der Crash: Nämlich zu dem Zeitpunkt, als die Minen vor Ort kein Gold mehr hergaben, unser John also unter Tage grub und grub und grub, aber trotz aller Anstrengung nix mehr fand.

Das war der Moment, in dem Städte mit bis zu 30.000 Einwohnern von einem Tag auf den anderen verwaist waren: Wie die Heuschrecken zogen John und all die anderen weiter, bauten 50 Kilometer die nächste Stadt auf. Dort, wo wieder einer eine neue Goldader gefunden hatte.

Resultat: Gebäude, die gut 150 Jahre später, von der trockenen Hitze konserviert, heute noch immer existieren. Als Zeitzeugen des damals frisch erfundenen Turbo-Kapitalismus.

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Wildwest-Immobilie: der Bungalow für den erfolgreichen Outlaw.

International Car Forest of the Last Church

Zugegeben: Diese bizarre Angelegenheit, die sich etwa einen Kilometer außerhalb von Goldfield befindet, ist keine Geisterstadt im eigentlichen Sinne. Wenn man aber schon einmal in der Gegend ist, sollte man sich das als Autofriedhof getarnte Kunstprojekt durchaus ansehen.

Die Geschichte dahinter in Kurzform: Zwei Künstlerfreunde, Chad Sorg und Mark Rippie, fanden es im Jahr 2011 spannend, eine bestimmte Menge an Autos so in der Wüste zu drapieren, dass sie wie Spielzeuge aussehen, die von einem riesigen Kind fallen gelassen wurden. Übrigens: Einen tieferen religiösen Hintergrund hat die Sache trotz des mystischen Namens nicht…

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1 Rund 50 Fahrzeuge, darunter Autos, Busse und Lkw, haben die beiden am Ortsrand von Goldfield gestapelt, vergraben oder anderweitig arrangiert. © markuszahradnik.com

2 Jedes der Schrott-Fahrzeuge ist handbemalt und mit Graffiti wie etwa Karikaturen von Politikern versehen. © markuszahradnik.com

3 Und was wurde aus Chad und Mark? Nach einem Partystreit haben sie nie wieder miteinander gesprochen, und einer sitzt heute wegen eines Waffenvergehens im Gefängnis. Die Installation hat ihre Erschaffer quasi überlebt. © markuszahradnik.com

Zwischendurch: unsere Route zum Nachfahren

Im ersten Moment mögen unsere Geisterstädte recht weit vom Schuss sein, wenn Sie im Zuge des mühsam angesparten Westküsten-Urlaubs mit den (vermutlichen) Fixpunkten Los Angeles und Las Vegas insgesamt vielleicht nur zwei Wochen Zeit haben. Wir versprechen aber: Dieser Roadtrip ist im Prinzip gar kein so großer Umweg, wenn man jene kürzesten Freeway-Verbindungen, die alle Touristen nehmen, ein bisschen umfährt.

Wenn Sie von L.A. kommen, dauert die Fahrt bis zum Ausgangspunkt Tonopah nur 6 Stunden und Sie könnten am Weg nach Las Vegas ohne großen Zeitverlust (+1 Tag/Nacht) unterwegs sowohl das Death Valley (hier unsere Nachlese) als auch die sagenumwobene Ufo-Gegend Area 51 (noch eine Nachlese) recht friktionslos "mitnehmen".

geisterstaedte_2017-06_MZ_map.jpg Google Maps/Peter Scharnagl © Google Maps/Peter Scharnagl
Dreieinhalb Stunden Fahrzeit, 305 Kilometer: Unser Vorschlag für die authentischste "Ghost Town"-Tour auf dem Weg zwischen L.A. und Las Vegas (und umgekehrt). Hier interaktiv auf Google Maps zum Einfügen eigener Reise-Stopps. 

Epilog

Anstatt des gewohnten Fazits samt salbungsvoller Worte zum soeben Erlebten schließen wir diesmal abrupt ab. Dies ist nämlich eine Gegend, in der üblicherweise wenig gesprochen und Dinge eben schnell beendet werden. Sie glauben mir nicht? Dann schauen Sie sich doch das an…

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