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Im alten Hafen von Rio: 190 Meter langes Wandgemälde von Eduardo Kobra – gemalt für die Olympischen Spiele 2016.

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Im alten Hafen von Rio: 190 Meter langes Wandgemälde von Eduardo Kobra – gemalt für die Olympischen Spiele 2016.

© Helmut Eckler
März 2017

Die Farben Brasiliens

Vom pulsierenden Rio de Janeiro über das feuchte Wasserfall-Spektakel von Iguaçu in die sattgrünen Weiten des Amazonas-Regenwaldes. In drei Etappen durch Brasilien, dem fünftgrößten Land der Erde.

Ich war schon kurz einmal da. 2009, vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016. Was sich wohl geändert hat? "Viel", meint Sigried, unsere Reiseleiterin, deren Großeltern aus Deutschland kamen. "Neue Straßen, eine neue Straßenbahn, und die U-Bahn führt jetzt bis an die Strände Copacabana und Ipanema." Stimmt, der Verkehr ist weniger als damals, auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt haben wir kaum Stau. Wohl auch wegen des neuen Tunnels unterm alten Hafenviertel. Nicht der einzige, denn in der Sieben-Millionen-Einwohner-Metropole gibt es viele Berge – und ohne die Tunnel gäbe es keine Verbindung zwischen den Stadtteilen. 

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Rio de Janeiro

Rio Übersicht_neu_CMS.jpg Helmut Eckler © Helmut Eckler

Am besten sehen wir das von den beiden bekanntesten Bergen: Vom Corcovado, den wir per Zahnradbahn "besteigen" und von dessen Gipfel die 38 Meter hohe Christus-Erlöser-Statue gelassen auf die Reichen- und die Armenviertel blickt. 

Und vom Zuckerhut, der wie ein Wachturm an der Einfahrt in den weitläufigen Naturhafen Rios steht. Den "erklimmt" unsere kleine Gruppe mit jener Seilbahn, die 1979 durch den Ja­mes-Bond-Film "Moonraker" berühmt wurde.

Auf dem Zuckerhut

Unter der Aussichtsplattform auf dem Zuckerhut bummeln wir an einigen kleine Shops vorüber, darunter die Filiale eines der größten Anbieter für brasilianische Edel- und Farbsteine. Ich höre wohl nicht recht, zwischen Schmuckvitrinen und farbenfrohen Steinskulpturen wird unverkennbar steirisch gesprochen.

Alois Sailer ist Filialleiter, seit 1996 in Rio, seit 2000 auf dem Zuckerhut. Wieviele Österreicher in Rio leben? "Weiß ich nicht, es gibt keine spezielle Community. Hier ist alles locker, man trifft sich, egal, woher man kommt. Hauptsache man hat Spaß."

Was ihm fehlt? "Leberkäs' – und natürlich das Kernöl." Aber das Heimweh sei nicht mehr so groß, seit Internet-Fernsehen gut funktioniert. "Willkommen Österreich" und "Tatort" versäumt er nie, die Fußball-Bundesliga verfolgt er am Rande und heimische Klänge sind für den Volksmusik-Fan ein guter Kontrast zu Samba und Bossa Nova.

Armenviertel und buntes Strandleben

Zur Favela-Tour durch Rocinha, einem der größten Armenviertel, fahre ich mit gemischten Gefühlen. Unbegründet. Wir spazieren mit einem Guide entspannt durch, kaufen farbenfrohe Ölbilder und andere Souvenirs. Die Favela organisiert sich selbst, ihr Sozial- und Gesundheitszentrum wie auch die Motorrad-Taxis, denn "normale Taxis kommen hier nicht her", erklärt unser Guide. Abenteuerlich schauen die Stromleitungen aus, an einigen Masten hängt ein regelrechter Kabelsalat, denn die Bewohner schließen ihre Behausungen einfach illegal an. Und die Häuser, die oft nur von außen so jämmerlich ausschauen, wirken teilweise wie Türme – wächst die Familie, dann wird halt einfach aufgestockt. Überall gibt’s bunte Wandmalereien und Graffitis. Wir erfahren, dass hier kaum etwas gestohlen werde, da sei es an den Stränden gefährlicher – wie in anderen Favelas, in denen Banden das Sagen haben. Als Fremder müsse man unbedingt nachfragen, welche Gegenden zu meiden sind.

Ab ins bunte Treiben an der Copacabana. Wir beherzigen Sigrieds Rat, man solle Reichtum nicht zur Schau stellen. Flip-Flops, Badehose, T-Shirt, Strandtuch, fertig – und ein bisserl Geld für eine Erfrischung an einem der vielen Standeln. Genau so wie die Einheimischen, die Cariocas, die tagtäglich zu Tausenden an die Strände strömen, Fuß- und Volleyball spielen, stundenlang in der Sonne bratend tratschen und sich in die bacherlwarmen, smaragdgrünen Atlantik-Wellen stürzen.

Das war bei meinem letzten Aufenthalt anders. Da war ich nicht im Jänner hier, im südamerikanischen Über-30-Grad-Sommer, sondern im August, also im Winter bei "nur" 20 Grad – der Strand war auch voll, aber kaum jemand wagte sich in den sehr erfrischenden Atlantik. 

Südamerika, da genieße ich superreife Südfrüchte zum Frühstück, die so schmecken, wie es sie bei uns nie gibt. Und als Ausgleich am Abend: Deftiges in einer Churrascaria. Die Kellner sind pausenlos zwischen den Tischen unterwegs, kre­den­zen Fleisch auf Riesen-Spießen und schnei­den Gustostücke ab, die direkt auf unseren Tellern landen. Und falls Fleischverweigerer mit von der Partie sind? Kein Problem, da reicht ganz sicher auch das Beilagen-Buffet, wo immer auch Fisch und Meeresfrüchte zu finden sind.

Alt & Neu

Bevor wir Rio verlassen, noch ein Abstecher in die koloniale Altstadt mit engen Gassen und der modernen Kathedrale, die ausschaut wie eine Inka-Pyramide und innen durch gigantische Glasfenster an allen vier Seiten erhellt wird. Wir flanieren an der Oper vorbei und genehmigen uns den angeblich besten Kaffee der Stadt in der Confeitaria Colombo. Von außen schaut das Kaffeehaus von 1894 beinahe unscheinbar aus. Innen erinnert es fast an ein altes Wiener Kaffeehaus – an eines mit pompösem Ambiente, mit Kristallspiegeln, italienischem Marmor und einer ausladenden Galerie im ersten Stock.

Danach ziehen uns im teilweise restaurierten und revitalisierten Hafenbezirk zwei neue Landmarks in ihren Bann: Das "Museum von morgen", ein weißer, luftiger, langgestreckter Bau des spanischen Star-Architekten Santiago Calatrava. Schon das Gebäude allein ist einen Besuch wert – für die meisten Touristen muss das auch reichen, denn fast alles ist nur portugiesisch erläutert. Die vielen interaktiven Stationen verstehen wir leider nicht. 

Und ein paar Gassen weiter? Ich stehe fassungslos da – vor einer alten, 190 Meter langen Hallen-Rückwand. Wie hat der Brasilianer Eduardo Kobra, einer der weltweit gefragtesten Street-Art-Künstler, das hinbekommen? Vor den Olympischen Spielen bemalte er die riesige Wand in seiner typischen Formen- und Farbensprache: fünf Portraits für fünf Kontinente. Das knapp 3.000 Quadratmeter große Wandgemälde steht mittlerweile auch im Guinness-Buch der Rekorde als "World's largest mural completed by a single man". Und genau so groß ist mein Problem: Wie soll ich das bloß fotografieren – speziell, weil nur wenige Meter vor dem mittigen Portrait eine Station der neuen Straßenbahn gebaut wurde? Da hilft die Panorama-Funktion vom Handy gewaltig – und mein Weitwinkel-Objektiv.

Und so entstand Eduardo Kobras Weltrekord-Bild: Zeitraffer-Video.

Naturgewalten nach der Großstadt: die Iguaçu-Wasserfälle

"Ich weiß gar nicht, was da so toll sein soll", sagte ein Bekannter vor meiner Abreise, "ist ja nur Wasser." Das kann nur jemand sagen, der nie dort war. Insgesamt 275 Einzelfälle sind es, die auf einer Breite von fast drei Kilometern in die Tiefe stürzen – die donnernden Wassermassen haben noch jeden in ihren Bann gezogen. Vor allem, weil wir sie hautnah erleben, trocken ist hier im Dreiländereck Argentinien/Brasilien/Paraguay noch keiner geblieben. 

Einen guten Überblick bringt uns der Hubschrauber-Rundflug, bei dem die gewaltige Ausdehnung der Fälle erst greifbar wird – nur zehn Minuten um über 100 US-Dollar sind halt ein kurzes Vergnügen.

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1 Im Hubschrauber über den Iguaçu-Fällen. Gut zu erkennen: Auf argentinischer Seite kommt man über einen Steg direkt an den Teufelsschlund heran, den mächtigsten der 275 Einzelfälle (im Bild ist oben der Steg erkennbar). Auf der brasilianischen Seite führt ein Steg ebenfalls bis an die Wasserfall-Kante (im Bild unten). © Helmut Eckler

2 Relativ teuer, aber extrem beeindruckend: Im Helikopter über die Wasserfälle – leider nur rund zehn Minuten. © Helmut Eckler

3 Martinsfall (Mitte) und Martinsinsel aus der Vogelperspektive: Da hinein geht es mit dem Schlauchboot – wer halt will!  © Helmut Eckler

Auf der brasilianischen Seite des Nationalparks geht's gemütlich dahin, wir spazieren hoch über dem Iguaçu-Fluss, genießen das Panorama der gegenüber liegenden Seite: weiße Wasserfälle im dunkelgrünen Regenwald, durch den Gischtwolken ziehen – und mit etwas Glück erscheinen Regenbogen. 

Tags darauf machen wir einen Abstecher nach Argentinien. Grenzübertritt per Auto, Ausreisestempel da, Einreisestempel dort – und schon finden wir uns in der Bimmelbahn wieder, die uns in den Regenwald bringt. Der Fluss ist hier, oberhalb der Fälle, extrem breit. Wir überqueren das Wasser auf kilometerlangen Stegen, die von Insel zu Insel und immer wieder an die Wasserfall-Kanten heran führen. 

Am beeindruckendsten ist das Schauspiel am Teufelsschlund (oder auch Teufelsschlucht). Unter ohrenbetäubendem Rauschen stürzen die Wassermassen gut 80 Meter hinunter. Allerdings sehen wir nicht so tief, der aufsteigende Sprühregen ist viel zu dicht – und nass bis auf die Haut sind wir alle. Nur gut, dass es angenehm warm ist.

Länger und viel intensiver ist die Bootstour direkt an die Fälle heran. Was nicht nass werden darf, bleibt an Land. Ich besteige in Bade-Outfit, T-Shirt und mit Schwimmweste das Boot, lausche den Sicherheitsinstruktionen und los geht’s.

Federvieh und Schuppengetier

Auf keinen Fall sollte man den Parque das Aves verpassen. In diesem Vogelpark gleich gegenüber dem Rundflüge-Heliport sind jede Menge bunte Vögel und Reptilien zu bewundern. So weit, so unspektakulär. Großes Aber: Drei Volieren sind riesig. Durch Schleusen gehen wir direkt hinein, kommen den Tieren extrem nahe. In einem dieser Riesenkäfige landet ein Tukan nur einen Meter neben mir auf dem Holzgeländer und lässt sich entspannt in Augenschein nehmen. Andere bunte Vögel fliegen so tief, dass ich den Luftzug spüre. Im Ara-Käfig verstehen wir wegen dem lauten Gekreische das eigene Wort nicht mehr und die farbenfrohen Papageien streichen im Tiefflug über uns hinweg, ziehen uns mit ihren langen Schwanzfedern einen neuen Scheitel. Geradezu lieblich geht's dann im Schmetterlinghaus zu, das auch von Kolibris bewohnt wird – die flatterhaften Gesellen zu fotografieren, ist allerdings fast unmöglich.

Nächster Halt: Amazonas

Die Distanzen in Brasilien sind gewaltig, das Land ist fast so groß wie ganz Europa. Von Iguaçu über São Paulo nach Manaus am Amazonas sind es fünfeinhalb Stunden reine Flugzeit. Spätestens jetzt sind wir sicher, dass auf den Transatlantikflügen der Aufpreis für die Premium-Economy-Klasse mit mehr Sitzabstand gut investiert war. 

Wir landen in Manaus und fahren mit dem Motorboot gleich zu unserer Lodge. Die liegt wie die meisten Regenwald-Unterkünfte an einem der Nebenarme des Rio Negro – weil im dunklen Wasser mit niedrigem pH-Wert Insektenlarven nicht überleben können und es daher keine Moskitos gibt. 

Wir unternehmen eine ausgedehnte Regenwald-Wanderung, auf der uns unser Guide Zacarias, gebürtiger Schweizer und seit 28 Jahren hier, fast überfordert – mit seinem Wissen über Pflanzen und das Amazonas-Ökosystem, gefährliche und gefährdete Tiere. Aber alles immer mit der Ruhe, denn "hier stirbt keiner an einem Herzinfarkt", wie uns der Schweizer glaubhaft versichert. Wir beobachten Riesenameisen, schauen uns farbenprächtige Spinnen genauer an und werden durch einen blitzartig losbrechenden Schauer auch hier schon wieder nass. Regenwald eben.

Ab ins kleine Boot, wir befahren die kleinen Nebenflüsse des Rio Negro. Machen Halt an einer Futterstelle, die soeben von einem Ranger mit frischen Früchten befüllt wurde. Für wen? Die Frage ist postwendend beantwortet, als es im dichten Geäst zu rascheln beginnt. Wollaffen und ein Roter Uakari holen sich ihre Leckereien. Sie gehören zu bedrohten Arten und sollen sich dank ausreichender Nahrung leichter vermehren können. Zaghaft gesellen sich dann noch einige Marmosette-Äffchen dazu. Wenig später versuchen wir, Piranhas zu angeln, mit geringstmöglichem Erfolg. Beute: null. Andere Lodge-Bewohner haben mehr Glück, zeigen uns stolz ihren Fang.

Nachts in den Mangroven, das ist ein besonderer Nervenkitzel. Es ist stockfinster. Loro, unser Indio-Begleiter, steuert das Motorboot durch die Flussarme, Zacarias leuchtet mit dem Scheinwerfer. Immer wieder sehen wir reflektierende Augen. Wir halten an, ich genieße das nächtliche Urwaldkonzert und staune: Loro gleitet ins Wasser, sucht das Ufer ab und bringt stolz einen jungen Kaiman ins Boot. Auch wir dürfen den Kleinen halten. Er ist nur einen halben Meter lang, wirkt wenig bedrohlich. Im Gegensatz zu seinen ausgewachsenen Verwandten, die hier sicher auch irgendwo schwimmen. Und nach ein paar Minuten darf die Echse wieder ins Wasser zurück.

Unser Trip mit einem typischen, zweistöckigen Amazonas-Flussboot führt uns an Manaus vorbei. Wir passieren die neue 3,5 Kilometer lange Brücke, die die Industriestadt seit 2011 mit dem Südufer verbindet und nun die meisten Fähren am Ufer verrosten lässt. Auf die Neuerungen durch die Fußball-WM angesprochen meint Zacarias lächelnd, dass das Internet jetzt endlich schnell ist.

Ein besonderes Phänomen ist der Zusammenfluss des dunklen Rio Negro mit dem hellbraunen Rio Solimões, der aus den peruanischen Anden kommend jede Menge Sediment mit sich führt. Erst ab hier heißt der mehrere Kilometer breite Fluss dann offiziell Amazonas. Schwarzes und hellbraunes Wasser fließt nebeneinander, als ob eine unsichtbare Barriere bestünde. Der Grund: unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten und Wassertemperaturen. Erst nach und nach passen sich die Geschwindigkeiten an, die Grenze verschwimmt. Erst nach über zehn Kilometern sind die Gewässer dann weitgehend vermischt. 

Wir überfahren die Wasser-Grenze mehrmals, bevor es in die Nebenarme geht, wo wir an ärmlichen Siedlungen vorbei gleiten. In einem der schwimmenden Flussdörfer legt der Kapitän an und wir essen in einem schwimmenden Restaurant zu Mittag: Es gibt ein rustikales Buffet mit würzigen Fleisch- und Fischgerichten, frittiertem oder pikant gekochtem Gemüse und traumhaft saftigen Früchten. Gleich dahinter erreichen wir über einen langen Holzsteg einen Seerosen-Teich – und beobachten auf dem Weg eine Horde Affen. Oder eigentlich werden wir von den neugierigen Tieren genau taxiert, könnte ja was Essbares zu ergattern sein. Auf der Weiterfahrt sehen wir dann weitere Affenarten, jede Menge Vögel und vereinzelt sogar die großen bunten Schmetterlinge Amazoniens.

Abschied aus Brasilien

Der letzte Caipirinha vor dem Heimflug, vis-à-vis der Airport-Bar ein Plakat mit farbenfrohen Bildern aus allen Regionen des riesigen Landes am Amazonas. Da weiß ich: Das war's noch nicht, Brasilien sieht mich ganz sicher wieder.

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Corcovado in Rio de Janeiro.
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Panorama der Iguaçu-Wasserfälle.
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Und so schläft ein Tukan.

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