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SUV laufen den Kombis den Rang ab – die Verkaufszahlen der Sport Utility Vehicles steigen stetig. Derzeit gehört bereits ein Viertel der verkauften Neuwagen zur Klasse der SUV und Geländewagen.

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SUV laufen den Kombis den Rang ab – die Verkaufszahlen der Sport Utility Vehicles steigen stetig. Derzeit gehört bereits ein Viertel der verkauften Neuwagen zur Klasse der SUV und Geländewagen.

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Mai 2015

Hoch- und Tiefbau

SUV sind beliebt wie nie zuvor. Aber was können sie eigentlich besser als ein klassischer Kombi?

 

Es ist gar nicht so lange her, dass Kombis in erster Linie ein biederes Handwerker-Image verströmten. Erst mit den typischen Lifestyle-Kombis im Stile eines Audi A4 Avant oder BMW 3er Touring wurden die Transport-Versionen der normalen Limousinen hip und sexy. Gleichzeitig rutschten im Anforderungsprofil die Transportkapazitäten nach unten, ein sportliches und/oder elegantes Karosseriekleid wurde wichtiger. Immer weniger Autokäufer griffen zu klassischen Stufenheck-Limousinen.

Jetzt droht den Kombis das gleiche Schicksal. Der neue Trend lässt sich mit drei Buchstaben beschreiben: SUV, Sports Utility Vehicles. Sportliche Gebrauchs-Fahrzeuge. Inspiriert von den klassischen Geländewagen, verströmen sie einen Hauch von Abenteuer, Individualität und toller Freizeit. Mehr Bodenfreiheit, eine höhere Karosserie und die damit verbundene größere Sitzhöhe definieren ein SUV.

Allradantrieb gehört übrigens nicht zum Anforderungsprofil eines SUV. Viele kleinere Vertreter dieses Klasse haben sowieso nur eine angetriebenen Achse. Und gibt es bei einem Modell Wahlfreiheit, greifen trotzdem bis zu 90 Prozent der Käufer zum reinen Frontantrieb, etwa beim Nissan Qashqai. Mehr Schein als Sein lautet also die Devise.

Die Verkaufszahlen von SUV und Geländewagen klettern stetig nach oben. Gehörten 2010 nur rund 13 Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge in diese beiden Kategorien, waren es 2014 schon über 22 Prozent. Der Trend ist ungebremst: Aktuell ist jeder vierte Neuwagen ein SUV. Hersteller ohne ein entsprechendes Auto im Angebot können nur neidisch auf die Konkurrenten schielen, denen ihre SUV wie die sprichwörtlichen „warmen Semmeln“ aus den Händen gerissen werden.

Was spricht objektiv für den Kauf eines SUV? Kann ein Kombi nicht einiges besser? Wir haben drei typische SUV dem entsprechenden Kombi-Angebot des gleichen Herstellers gegenübergestellt und vergleichen Renault Clio Grandtour und Captur, VW Golf Variant und Tiguan sowie Mazda 6 Sport Combi und CX-5. Antriebstechnisch haben unsere drei Testkandidaten-Paare identische oder vergleichbare Motoren, und auch die Preisliste taugt kaum als Entscheidungshilfe: Preislich liegen Kombis und SUV auf gleichem Niveau.

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Unsere Testpaare:

Renault  Heinz Henninger © Heinz Henninger
Die Renault-Kombination im Kleinwagensegment: links der SUV Captur, rechts der Kombi Clio Grandtour.
VW  Heinz Henninger © Heinz Henninger
Das Volkswagen-Pärchen in der Kategorie der Kompaktwagen. Links: Tiguan. Rechts: Golf Variant.
Mazda  Heinz Henninger © Heinz Henninger
Die Mazda-Paarung in der Mittelklasse. Links der CX-5, rechts der 6 Sport Combi.

Sitzen, Rundumsicht

Es ist zweifellos eines der wichtigsten Argumente, wenn es um die Anschaffung eines SUV geht: die hohe Sitzposition. Piloten eines SUV schätzen neben dem rein subjektiven Gefühl von höherer Sicherheit (Kombis schneiden beim Euro-NCAP-Crashtest keineswegs schlechter ab) vor allem die bessere Übersicht im Verkehr.

Am Beispiel unserer sechs Testkandidaten lässt sich der Unterschied zwischen den Sitzhöhen bei SUV und Kombi gut erkennen. Bei den beiden Kleinwagen von Renault ist

Wenn ich höher sitze, fühle ich mich einfach sicherer.

Katharina, Hausfrau

der Unterschied noch am geringsten. Im Mini-SUV Captur sitzt man dennoch immerhin zehn Zentimeter höher (die Sessel aller Fahrzeuge wurden für die Messung in die tiefste Position gestellt) als in der Kombivariante Clio Grandtour. Annähernd Gleichstand herrscht dafür beim Türausschnitt, dem Abstand zwischen Sitzwange und dem oberen Türausschnitt. Gerade hier entscheiden nämlich oft wenige Zentimeter, ob man bequem einsteigt oder den Kopf mehr oder weniger stark einziehen muss.

Bei den Kompaktmodellen von VW, dem Tiguan und dem Golf Variant, ist der Unterschied in der Sitzhöhe noch größer, nämlich 14 Zentimeter. Auffallend beim Golf Variant: Wegen des kleinsten Türausschnitts und der – wie im Mazda 6 Sport Combi – niedrigsten Sitzhöhe aller Testkandidaten (lediglich 41 Zentimeter über der Straße) heißt’s vor allem für Großgewachsene: „Kopf einziehen!“

Sitzhöhen-Vergleich:

Am deutlichsten wird der Höhenunterschied bei den Mittelklasse-Modellen von Mazda. Im SUV CX-5 thronen Piloten satte 20 Zentimeter höher als im 6er-Kombi. Dank des größten Türausschnittes ist bequemes Ein- und Aussteigen ebenfalls garantiert.

Hoch oben auto touring 1
Vergleich_SUV_Kombi_2015_HH_3355_CMS.jpg Heinz Henninger 2
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1 Mehr Bodenfreiheit und zusätzlich die hoch gebaute Karosserie ergeben bei einem SUV eine deutlich höhere Sitzposition als bei einem vergleichbaren Kombi. Dazu kommt: Der Türausschnitt von der Sitzfläche zum Dach ist oftmals um einige Zentimeter größer. © auto touring

2 Der Mazda 6 Sport Combi hat eine Sitzhöhe von 41 Zentimeter, der Türausschnitt ist 83 Zentimeter groß. © Heinz Henninger

3 Im Mazda CX-5 freut man sich über eine Sitzhöhe von 61 Zentimeter – satte 20 Zentimeter mehr als im Kombi-Bruder. Zusätzlich ist auch der Türausschnitt mit 86 Zentimeter größer. © Heinz Henninger

Bei der Rundumsicht fallen die Unterschiede geringer aus. Da moderne Fahrzeuge aufgrund ihrer runderen Formen insgesamt weniger übersichtlich sind, lohnt sich – sofern angeboten – die Anschaffung einer elektronischen Einparkhilfe, zumindest hinten.

Bis auf den Renault Captur, dessen massive A-Säulen den Blick nach vorne etwas beeinträchtigen, ist die Sicht nach vorne bei allen Fahrzeugen problemlos. Anders beim Blick nach hinten: Dort schränken vor allem die breiten Dachsäulen die Sicht stark ein. Beim Rückwärtsfahren können so hinter dem Fahrzeug stehende Kinder oder liegende Hindernisse zu spät oder gar nicht erkannt werden. Aber auch Designelemente wie eine steil ansteigende Fensterlinie oder schmale Heckfenster fördern die Sicht nach schräg hinten nicht.

Vergleich_SUV_Kombi_2015_grafik zulassung2_CMS.jpg auto touring © auto touring
Ein Aktienbesitzer hättte mit der SUV-Kurve seine wahre Freude. Seit Jahren steigen die Verkaufszahlen stetig an. Verlierer sind neben der klassischen Mittelklasse vor allem die Kompakt-Vans à la VW Touran.

Platzangebot, Variabilität

Bei der Suche nach dem passenden Familienauto spielt natürlich das Raumangebot eine besonders wichtige Rolle. In den meisten Kombis, selbst in der Kompaktklasse, finden vier Personen bequem Platz. Muss allerdings noch viel Gepäck, sperriges Zeug oder ein Kinderwagen untergebracht werden, wird’s schnell einmal eng. Eine Minivan wäre hier die erste Wahl. Mit dem Image vieler Vans kann sich jedoch nicht jeder anfreunden. Als Ausweg bleiben Kombis und SUV.

Vom Image des biederen Lastesels hat sich ein moderner Kombi längst verabschiedet, ein SUV gilt sogar als besonders begehrenswert und stylish. Die Auswahl an SUV

Ich finde einen Kombi nicht nur schöner, sondern wesentlich alltagstauglicher als ein SUV.

Stefan, Angestellter

wächst stetig, das Angebot reicht mittlerweile von hochbeinigen Mini-SUV bis in die extrem teure Luxusklasse. Zwar täuschen die äußeren Abmessungen oftmals über das tatsächliche Raumangebot hinweg, eine verschiebbare Rückbank oder eine (optionale) dritte Sitzreihe sind bei einem SUV allerdings öfter im Angebot als bei Kombis.

Beim Kofferraumvolumen haben dafür Kombis in den meisten Fällen die Nase vorn, teilweise, wie im Fall des VW Golf Variant, sogar massiv. Durch die längeren Außenabmessungen haben Kombis zudem den Vorteil, dass wesentlich längere Gegenstände im Innenraum verstaut werden können. Ein weiteres, nicht zu verachtendes Lade-Plus von Kombis gegenüber SUV ist die zwischen zehn und 15 Zentimeter niedrigere Ladekante. Wer schwere Getränkekisten in den Kofferraum heben muss, weiß das zu schätzen. In Summe ist ein Kombi praktischer, ein SUV modischer.

Fahren, Bremsen, Verbrauch

Einem SUV wird gerne nachgesagt, dass es weniger agil und in vielen Fällen unkomfortabler ist, schlechtere Fahrleistungen bietet und mehr Sprit schluckt als ein Kombi. Doch stimmt das auch? Kurz gesagt: ja!

SUV haben eine höhere Karosserie, die einen entsprechend höheren Schwerpunkt und einen größeren Luftwiderstand zur Folge haben. Um die gleiche Geschwindigkeit wie ein herkömmliches Auto zu erzielen, muss ein SUV also entweder mehr Leistung haben oder es bietet bei gleicher Leistung etwas schwächere Fahrleistungen.

Wegen der höheren Karosserie haben SUV natürlich auch schlechtere Fahreigenschaften als normale Pkw. Denn: Um eine vergleichbare Agilität trotz des höheren Schwerpunktes zu erreichen, müssen die Entwickler ein SUV straffer abstimmen. Der Komfort – vor allem bei Querfugen oder Kanaldeckeln – ist dadurch aber fast immer schlechter.

Unser Test bestätigt das auch. Sowohl bei der Agilität als auch beim Fahrkomfort können die drei Kombis ihre jeweiligen SUV-Pendants deutlich abhängen. Egal, ob in engen Kurven, beim Slalomfahren oder schlicht im Kreisverkehr: Die Kombis liegen besser auf der Straße, ihre Karosserien neigen weitaus weniger stark zum Wanken.

Gleiches gilt übrigens auch für die Brems- und Fahrleistungen. Ein SUV ist in der Regel fast immer schwerer als ein herkömmlicher Pkw. Das Resultat sind durchwegs höhere Verbräuche. Auf der auto touring-Normrunde genehmigten sich die SUV zwischen 0,6 und fast einem Liter Kraftstoff mehr als der jeweils vergleichbare Kombi.

Mit erhöhter Bodenfreiheit und Allradantrieb sind SUV bei Fahrten abseits befestigter Straßen naturgemäß klar im Vorteil. Auch als Zugfahrzeug (vor allem die großen Modelle wie BMW X5, Mercedes GLE oder Land Rover Discovery) eignet sich ein SUV besser. Allradantrieb ist für viele Käufer kein entscheidendes Kriterium, speziell bei den kompakten SUV werden immer weniger 4x4-Modelle bestellt. Außerdem gibt’s mittlerweile für fast alle Kombi-Modelle Allradvarianten.

Video: Wer kann es besser?

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