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Johammer J1 – ein Elektromotorrad mit markanter österreichischer Signatur. 

© Rudi Froese

Johammer J1 – ein Elektromotorrad mit markanter österreichischer Signatur. 

© Rudi Froese
November 2016

Jö, Mama, ein Johammer

Wir haben den Johammer J1 ausprobiert und seinen Konstrukteur Johann Hammerschmid kennengelernt. Von Philipp Starckel.

Dieses Ding ist völlig anders, vom Antrieb bis zum Konzept. Und es ist maskulin. Sagt jedenfalls sein Konstrukteur – und spricht deshalb ganz bewusst von dem Johammer J1. Ja, es ist völlig anders. Die Optik gleicht einem bunten Insekt mit langen Fühlern. Der Sound erinnert an ferngesteuerte Modell­autos. Und das Fahrverhalten ist so autogen, dass einem kein Gleichnis dazu einfallen mag. Ist der J1 überhaupt ein Motorrad?

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Sieht so ein Motorrad aus?

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1 Wer dem Johammer J1 unter das gewellte Kleid und auf die Technik schauen will, muss es nur lupfen.  © Rudi Froese

2 Da wird die Energie gespeichert, ein mächtiger Block aus 1.220 einzelnen AA-Zellen. © Rudi Froese

3 Das Beschleunigungsvermögen entspricht einem Motorrad mit 40 bis 50 PS. © Rudi Froese

Und, ist der J1 nun ein Motorrad? Ja, definitiv. Wobei er glänzend widerspiegelt, dass Elektromobilität ganz neue Kons­truktions- und Denkansätze erlaubt. Einer, der das früh erkannt hat, ist Johann Hammerschmid. 1996 gründete der Querdenker sein erstes Unternehmen: Hammerschmid Maschinenbau. Man fertigte Produktionsanlagen für die Autozubehör-Industrie. „Es war die ideale Grundlage, wir haben viel Know-how und Einsicht in die automotive Industrie bekommen“, so Hammerschmid heute.

2010 begann das Team mit der Entwicklung des E-Motorrads. 2013 waren die ersten Prototypen fertig und die Erprobungsfahrten wurden gestartet, im Jahr darauf das erste Stück verkauft. Mittlerweile ist auch die erste Charge von knapp 50 Fahrzeugen zum Preis ab 23.000 Euro fix vergeben. Wie man man überhaupt auf die Idee kommt, so ein Fahrzeug zu entwickeln? „Mobilität ist sowohl Grundbedürfnis als auch Genuss. Aber wir wollen weder der Umwelt noch unserem Umfeld auf die Nerven gehen. Daher war schnell klar, dass der J1 ein E-Motorrad werden musste“, so Hammerschmid weiter.

Beispiele für die Eigenständigkeit des J1

Wo bei einem konventionellen Motorrad der Tank sitzt, hat der J1 ein üppiges Handschuhfach, in dem Ladekabel, Verbandspäckchen und ein kleiner Einkauf Platz finden. Federgabel an der Front? Fehlanzeige. Das Vorderrad wird von einer Zweiarm-Kastenprofilschwinge mit paralleler Bremsmomentschwinge geführt. Das Hinterrad kombiniert eine Einarmschwinge samt wartungsfreiem E-Antrieb und Regler. Ein stabiler Aluminium-Mittelrahmen verbindet die neuartige Aufhängungskonstruktion, trägt Federdämpfer und das eigens entwickelte Akkupack. Das führt zu einer erstaunlich flachen Bauweise mit niedrigem Schwerpunkt – und das wiederum tut dem Handling gut.

Die Instrumente sind in die Rückspiegel integriert. Auf zwei hochauflösenden 2,4-Zoll-Farbdisplays erfährt der Reiter alles, was ihn auf dem E-Cruiser interessieren könnte: Restreichweite, Geschwindigkeit, Motor- und Akkutemperatur, Uhrzeit, Tripmaster usw.

Neben den auffälligen Farbtönen (jede Zuckerstangerlfarbe ist vorhanden) sticht natürlich vor allem die einzigartige Form ins Auge. Was hat Hammerschmid da geritten?

„Motorräder sind sehr archaisch: laut, schnell, stark, maskulin. Unser Zugang war: Auffälligkeit in der Stille. Aus diesem Gedanken heraus entstand die Form des J1“, erklärt Hammerschmid, der mit seinem E-Motorrad heuer den Red Dot-Award in der Kategorie Product Design abgeräumt hat.

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Handschuhfach: Das kann man durchaus wörtlich nehmen, für das Ladekabel ist hier allerdings auch Platz.
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Ein Funk-Armband ersetzt den Zündschlüssel.
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Ungewohnt: Sämtliche Info-Anzeigen wurden in den Seitenspiegel ausgelagert.

Schon beim Aufsatteln ist alles anders

Vier statt zwei Fußrasten stehen zur Auswahl, obwohl der Johammer ein reiner Einsitzer ist. Die Füße können entweder (wie auf einem Chopper) nach vorne gestreckt oder sportlich nach hinten abgewinkelt werden. Die Lenkerhälften sind hoch und bequem montiert. Ungewöhnlich ist das Einlenkgefühl: Erstens sitzt man recht weit hinter dem Vorderrad, daher benötigt man in engen Kehren oder beim Rangieren ungewöhnlich viel Lenkeinschlag.

Zweitens sind die beiden Lenker nicht sichtbar miteinander verbunden. Das beste Gegenmittel gegen Wahrnehmungsknoten im Kopf: Weniger denken und gleich losfahren. Windschutz? Gibt es nicht. Da der Johammer bei 120 km/h elektronisch abgeregelt wird, fällt das nicht sonderlich ins Gewicht. Apropos Gewicht: Mit 159 bis 178 Kilo (je nach Modellvariante) ist der E-Cruiser angenehm leicht. Für zartere Damen oder kleinere Herren definitiv kein Nachteil.

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Statt deren zwei hat der J1 vier Fußraster.
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Wenn wir uns etwas wünschen dürften: ABS und ein bisserl mehr Biss wären nicht schlecht.
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Schönes Detail: außenbeleuchtete Rückspiegel

Wie fährt sich das E-Motorrad…

… das komplett in Bad Leonfelden konzipiert, konstruiert und gefertigt wird? Absolut unverwechselbar. Das beginnt schon beim Gasgriff: Ein Dreh nach hinten und der Johammer rollt vorwärts. Ein Dreh vorwärts und der Johammer rollt rückwärts. Korrekt, der J1 hat praktisch einen Rückwärtsgang – besonders hilfreich beim Rangieren. Das ist aber nicht der einzige Kniff, denn dreht man den Gasgriff während der Fahrt vorwärts, bremst der E-Motor und rekuperiert: Die Bremsenergie wird zurückgewonnen, der Akku, der aus 1220 Lithium-Ionen-Rundzellen in AA-Batteriegröße besteht, wird wieder aufgeladen. Das Bremsmoment ist kräftig und fein zu dosieren. Bereits nach wenigen Kilometern im stylishen Noppensattel stellt sich ein komplett neues Fahrgefühl ein: Man lernt, kaum noch die hydraulischen Scheibenbremsen zu benützen, sondern kon­trolliert sowohl Beschleunigung als auch Verzögerung nur noch mit dem rechten Handgelenk.

Das macht richtig Laune, außerdem fährt man dadurch ganz automatisch vorausschauender. Das Beschleunigungsvermögen entspricht einem 40- bis 50-PS-Motorrad. Der Unterschied: Schon ein kleiner Dreh am Gasgriff setzt das volle Drehmoment frei, das Schalten entfällt komplett. Lautlos zieht man stabil und gleichmäßig bis ca. 95 km/h vorwärts. Ab dann wird der Vortrieb etwas zäher, bis bei 120 km/h Schluss ist. Im kurvigen Geläuf wird man so zwar keinen neuen Streckenrekord aufstellen, aber das will man mit dem Johammer ohnehin nicht.

Der Hersteller gibt je nach Modell 150 bis 200 Kilometer Reichweite für den J1 an. Klar, wer den E-Cruiser primär für Beschleunigungsorgien nutzt, der wird die Werksangaben nie erreichen. Wer sich aber die Rekuperation zu Nutze macht, kann auf der kleineren Modellvariante locker 120 Kilometer und mehr mit einer Akkuladung abspulen. Neben den Eigenheiten des E-Antriebs punktet der Johammer mit einer soliden Fahrstabilität bis ca. 100 km/h. Auf Spurrillen und unebene Strecken reagiert er doch etwas nervös. Ein Bremsnicken gibt es kons­truktionsbedingt nicht. Fußhebel gibt es auch keine, die Hinterradbremse wird mit der linken Hand betätigt. abs und andere Assistenzsysteme sucht man vergeblich. Poppig: Anstatt eines Zündschlüssels kommt ein Funkarmband zum Einsatz. Die Fahrdynamik des Johammer liegt zwischen sportlichem Cruiser und gemütlichem Naked Bike. Ungewohnt ist vor allem das nahezu lautlose Dahingleiten – das lauteste Geräusch ist das Abrollen der Reifen. Und auch wenn deren Größe wenig Kurvengrip vermuten lässt, kann man mit etwas Übung und Mut durchaus flott durch die Radien surfen.

Überhaupt stellt sich mit der Zeit im Sattel des Johammer ein kurioses Gefühl ein: Was anfangs alles überraschend anders war, wird mit jedem Kilometer vertrauter. Ist das „Johammern“ das Motorradfahren der Zukunft? Vermutlich nicht. Aber es ist eine wirklich schöne, neue Zweiraderfahrung, die Lust auf mehr E-Mobilität macht.

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1 Ungewöhnlich ist das Einlenkgefühl: Erstens sitzt man recht weit hinter dem Vorderrad, daher benötigt man in engen Kehren oder beim Rangieren ungewöhnlich viel Lenkeinschlag. Zweitens sind die beiden Lenkerhälften nicht sichtbar miteinander verbunden, man glaubt, dass die Hände nicht synchron lenken könnten. © Rudi Froese

2 Schon ein kleiner Dreh am Gasgriff setzt das volle Drehmoment frei, das Schalten entfällt komplett. Lautlos zieht man stabil und gleichmäßig bis ca. 95 km/h vorwärts. © Rudi Froese

3 Johammer gibt für den J1 mit 150 bzw. 200 Kilometer Reichweite an. Nach unserem Praxistest sind das durchaus realistische Angaben. © Rudi Froese

Sidestep: Von der Zelle zum Zellenblock

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1 1.220 einzelne AA-Zellen werden benötigt, um einen J1-Akku zu fertigen. Ein Akku besteht aus mehreren Blöcken, die, … © Rudi Froese

2 … jeder für sich, zuerst mit den AA-Zellen manuell bestückt werden. Dann kommt die Platine dazu,…  © Rudi Froese

3 … und ein Punktlaser verschweißt das ganze Tumm. Die digitale Steuerungs-Software des J1 wurde übrigens selbst entwickelt. © Rudi Froese

Vier Fragen an den Chef Johann Hammerschmid

— Herr Hammerschmid, wie erklären Sie sich den aktuellen E-Mobilitätsaufschwung?

Johann Hammerschmid: Die Fahrzeugindustrie hat durch ihr Fehlverhalten einen fruchtbaren Nährboden für Pioniere wie Elon Musk von Tesla oder auch uns bereitet. Die heutigen Mobilitätsprodukte dienen ja nicht mehr uns und unseren Bedürfnissen, sondern wir haben uns – gelenkt von der Industrie – angepasst. Es gibt aber eine wachsende Käuferschicht, die nicht mehr länger mit lauten, umweltverschmutzenden Autos oder Motorrädern fahren möchte. Die wurden bisher von den großen Herstellern vernachlässigt. Immer mehr verlangen nach sauberen Alternativen. Genau dieser Paradigmenwechsel, der gerade stattfindet, bewegt endlich auch große Hersteller umzudenken.

— Was wird das für den Mobilitätsmarkt bedeuten?

Johann Hammerschmid: Ich glaube fest daran, dass der neue E-Mobi­litätsmarkt größer ist als der jetzige Mobilitätsmarkt insgesamt. Denken Sie an Uhren: Swatch hat mit seinen Produkten nicht nur den Uhren-, sondern auch den viel größeren Modemarkt im Auge. Gleiches gilt für die neue E-Mobilität. Es wird wohl noch zehn Jahre brauchen, bis alle verstanden haben, dass Elektromobilität die Zukunft sein wird. In 15 bis 20 Jahren wird darüber gar nicht mehr gesprochen werden, weil es Alltag ist.

— Ist die E-Mobilität ein Allheilmittel?

Johann Hammerschmid: Nein, aber sie geht in die richtige Richtung und stellt eine massive Verbesserung zum konventionellen Verbrennungsmotor dar. Explosionen sind primitiv. Die E-Mobilität ist in vielen Belangen ein klarer Fortschritt – es geht darum, immer intelligentere Lösungen zu entwickeln: In Zukunft wird es im Fahrzeugsegment bis 200 Kilometer Reichweite neue Produktschienen geben. Nicht gegen das Auto, sondern ergänzend. Auch Autos werden sich den neuen Gegebenheiten anpassen müssen. Das wird die Technologie unter der Hülle, aber auch das formale Design selbst betreffen.

— Was trieb Sie an, den Johammer J1 zu entwickeln?

Johann Hammerschmid: Das Projekt Johammer folgt meinem Leitsatz: Produkte müssen in Europa entwickel-, produzier-, verkauf- und recyclebar sein. Und zwar so, dass jeder für seine Arbeit gerecht entlohnt werden kann. Global gesehen sind wir auf einem schlechten Weg. Aber ich glaube, dass wir das Ruder noch herumreißen können. Mit unserem Projekt haben wir gezeigt, dass das möglich ist.

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