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Juli 2019

Die elektrische Harley

Motorräder mit Elektroantrieb gibt es noch nicht so viele. Ein erstes starkes Statement zur einspurigen Elektromobilität gibt nun Harley-Davidson mit der neuen LiveWire ab.

Ja, natürlich klingt die nicht so "wie eine Harley". Wie klingt denn eine Harley?

Na, V2-Motor, dicker Auspuff, bei Standgas lautes Geblubber, beim Gasgeben dumpfes Röhren…

Aha. Wie klingt denn ein VW?

Luftgekühlter Vierzylinder-Boxer im Heck, leises Brabbeln im Stand, bei höheren Drehzahlen schrilles Klingeln…

Nein, so klingt ein VW schon lange nicht mehr. Sondern wie ein Golf, ein TDI, zwischendurch eine Zeitlang einmal auch wie ein Phaeton W12 – und nun schon bald wie ein ID.3, der neue E-VW. Ganz anders also. Nix mehr Käfer.

Ja, manchmal fährt vielleicht noch ein altes Karmann-Ghia-Cabrio vorüber oder ein VW-Bus T2, dann lauscht man dem vertrauten Klang der früheren VW-Motoren im Heck. Aber das ist nur noch eine Reminiszenz an vergangene Zeiten.

Harley-Davidson, das sind eine Fat Bob, eine Road King, eine Electra Glide. Dicke Dinger. Schwere Eisen. Fette Bikes.

Und jetzt auch die LiveWire. Etwas völlig Neues, Schlankes. Und doch eine Harley.

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Erste Begegnung mit einer ganz anderen Harley-Davidson

Wer sagt, dass die klassischen Harley-Davidson-Kunden sich für eine elektrische Harley interessieren? Jene Kunden nämlich, die so aussehen wie die Bandmitglieder von ZZ-Top oder wie Angehörige eines Chapter der Hell's Angels?

Nik Ellwood sagt das, PR-Manager von Harley-Davidson Europe. Aber er sagt auch, dass vermutlich noch mehr neue Kunden zu den Händlern kommen werden – solche, die nie an den traditionellen Harleys mit ihren schüttelnden Zweizylinder-V-Motoren interessiert waren.

IMG_1702.jpg Peter Pisecker © Peter Pisecker
Nik Ellwood (ganz links).

Für die ist die LiveWire ein interessantes neues Angebot. Die haben auch kein Problem damit, dass Harley-Davidson draufsteht. Und die ZZ-Top-Typen brauchen eigentlich auch kein Problem damit zu haben.

Jedenfalls ist die LiveWire ein schlankes, sportliches Motorrad, nicht ganz leicht, die Batterie ist schließlich ein Trumm. Aber der Schwerpunkt ist niedriger als bei einem herkömmlichen Bike mit vollem Tank. 249 Kilo bringt die LiveWire auf die Waage. Dem stehen eine Leistung von 78 kW (106 PS) gegenüber – und ein Drehmoment von 116 Nm vom ersten Griffdreh an.

Kupplung und Getriebe gibt's nicht, das Hinterrad wird über einen Zahnriemen angetrieben, in rund 3 Sekunden katapultierst du dich aus dem Stand auf die 100-km/h-Marke, stufenlos, ohne auch nur einmal eine Zehntelsekunde innezuhalten, ein ständig stärker werdender Schub, begleitet vom Sound der Enterprise auf ihrem Weg in ferne Galaxien.

Das Fahren ist also vollkommen unkompliziert, nur am Griff drehen und ab geht die Post. Kein Kuppeln, kein Schalten, kein Schaltruck (wie er bei automatischen DCT-Getrieben noch spürbar ist), nichts dergleichen. Und wie die LiveWire abhaut! Der Schub scheint nicht aufzuhören, je mehr du aufdrehst.

Beim Zumachen des Drehgriffs setzt die Rekuperation ein, im Sportmodus etwas stärker als im Road-Modus, aber gut dosierbar. Man muss sich allerdings daran gewöhnen, dass es kein Ausrollen gibt – entweder du erzeugst mit deiner rechten Hand Schub oder du erzeugst Bremswirkung, dazwischen gibt's nichts. Zusätzlich packen Brembos vorn und hinten kräftig zu. Die Fahrwerkskomponenten – Upside-Down-Gabel vorn, Mono-Shock am Hinterrad – sind vollständig frei einstellbar.

Um das Drehmoment des Elektromotors im Zaum zu halten, kommt die LiveWire mit einem Paket an Sicherheitssystemen daher: Antriebsschlupfregelung ASR, die auch das Blockieren des Hinterrads im plötzlichen Schubbetrieb verhindert, kurvenoptimierte Traktionskontrolle mit Wheelie-Vermeidungsfunktion und Kurven-ABS; dazu bietet die LiveWire sieben Fahreinstellungen, von denen vier vorprogrammiert sind: Road, Sport, Rain und Range – letztere zur bestmöglichen Ausnützung zur Neige gehender Stromreserven. Drei weitere sind frei konfigurierbar, indem man Parameter wie Power, Regeneration oder "Throttle Response" so einstellt und kombiniert, wie man's gern hat.

Ganz stolz ist Harley-Davidson auf "H-D Connect": Damit kann der Fahrer sein Smartphone mit dem Motorrad verbinden und erhält so beispielsweise Informationen über den Ladestatus der Batterie, kann sich zur nächstgelegenen Ladesäule navigieren lassen, wird an Servicetermine erinnert, bekommt Händler- und Werkstatt-Standorte angezeigt und kann jederzeit kontrollieren, wo er das Motorrad abgestellt hat. Sowas ist super für vergessliche Biker.

Der Herzschlag der LiveWire

Dass die LiveWire nicht nur nicht so klingt wie andere Harleys, sondern nicht einmal so wie irgendein anderes Motorrad auf dem Markt, daran gewöhnt man sich schnell. Das UFO-Sirren beim Beschleunigen ist sogar ein bisschen süchtigmachend. Und befiehlt einmal eine rote Ampel anzuhalten, muss man zwar auf das Hintergrundgrollen eines Harley-Davidson-V2 verzichten, aber nicht auf ein Lebenszeichen der LiveWire: Unterm Sattel, vom Elektromotor her, spürt man im Stand ein leichtes, langsames Pulsieren – wie der Herzschlag eines großen, sehr entspannten Tiers fühlt es sich an.

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