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Die Station Unter St. Veit der U4 in Wien. Wir sehen uns die Strecke aus dem Auto an.

© Heinz Henninger

Die Station Unter St. Veit der U4 in Wien. Wir sehen uns die Strecke aus dem Auto an.

© Heinz Henninger
August 2016

auto touring fährt: U-Bahn mit dem Auto

Ein Teilstück der U4 wird gerade renoviert. Und war für kurze Zeit schienenlos. Eine einmalige Gelegenheit, um die Strecke mit dem Auto zu befahren.

Die U4 im Westen Wiens ist Teil meines Alltags. Ich benütze sie oft, um in die Innenstadt zu gelangen. Und ich überquere sie, wenn ich am Samstag nach Hietzing hinüber auf den Wochenmarkt einkaufen gehe. Natürlich war mir nicht entgangen, dass die 5,5 Kilometer lange Strecke zwischen der Endstation Hütteldorf und Hietzing seit 30. April wegen Renovierungsarbeiten nicht in Betrieb war – der Ersatzbus U4Z ("Z" steht übrigens für "Zusatzbus") hielt ja nicht weit von meinem Haus. Aber das! Statt der Gleise ein ganz frisches, blitzblankes Asphaltband auf dem nach oben offenen Teilstück gleich neben dem Wienfluss. "Einmal da unten Auto fahren!", schoss es mir durch den Kopf. 

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Braunschweigsteg: Asphalt statt Schienen.
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Die Situation bei Ober St. Veit.
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Die Einfahrt zur Baustelle bei Ober St. Veit.

Gesagt, gefragt. Gleich am Montag ein Mail an die Wiener Linien. Eine Erlaubnis zu bekommen, nur so zum Spaß auf der U-Bahn-Strecke fahren zu dürfen, lächelnd vorbei an hart arbeitenden Menschen – das schien wenig wahrscheinlich. Aber dort unten selber meiner Arbeit als Reporter nachzugehen und über die Bauarbeiten zu berichten – dieses Argument ermöglichte mein ungewöhnliches Vorhaben.

Ich traf mich also mit Walter Zemen, dem Projektleiter für die U4-Modernisierung, am einzigen Tag, an dem ich mit meinem Auto kaum jemandem im Weg war: dem Tag, bevor das neue Gleisbett auf den Asphalt aufgebracht wurde. Am Tag zuvor hatte ich mir bei strahlendem Sonnenschein die Einfahrt bei der Haltestelle Ober St. Veit angesehen. Doch an diesem Tag regnete es in Strömen. Egal, wir mussten das durchziehen, Alternative gab es keine.

Los geht’s!

Die heutige U4-Strecke ist praktisch genauso alt wie der ÖAMTC: Es gibt sie seit 120 Jahren. Nicht als U-Bahn, denn die existiert in Wien erst seit 1976, und auf dem Teilstück, das ich nun mit dem Auto befahren werde, sogar erst seit 20. Dezember 1981. Bis dahin gab es hier die so genannte Stadtbahn – zuerst mit Dampf betrieben, ab 1920 begann die Elektrifizierung.

Der Generalplan für das komplette Stadtbahnnetz samt seinen Stationen stammt vom Wiener Architekten Otto Wagner (1841–1918), der gleichzeitig auch den Auftrag für die Regulierung des Wienflusses erhielt. Deshalb sind das Flussbett und die heutige U-Bahn-Linie U4 (die ehemalige Wientallinie der Stadtbahn) auch als eine Einheit anzusehen. Das ist gleichzeitig auch der Grund für die Streckenführung von Hütteldorf über Hietzing bis zum Karlsplatz in einer Art nach oben hin offenem Graben.

Zurück in die Gegenwart

Ich bin also hier, weil mit der Umstellung auf U-Bahn-Betrieb in den Achtzigern nur die Gleise erneuert wurden – das Gleisbett ist quasi noch ein Original aus Otto Wagners Zeit und seit damals Jahreszeiten, Wind und Wetter ausgesetzt. Wer die Strecke befuhr, wurde trotz moderater Geschwindigkeit ordentlich durchgeschüttelt.

Es regnet noch immer. Projektleiter Walter Zemen von den Wiener Linien wird mein Copilot bei der Erstbefahrung der U4-Strecke mit einem nicht zum Baustellenverkehr gehörenden Fahrzeug  sein. Wir steigen in den elektrischen Renault Zoe, ich drücke den Startknopf und rolle an. Leiser als die U-Bahn rollen wir durch die Station Ober St. Veit in Richtung stadteinwärts. Wir fahren wie auf Schienen.

Am Tag unserer U-Bahn-Befahrung scheint auf den ersten Blick nicht viel los zu sein in der Baustelle. Insgesamt sind hier bis zu 400 Arbeitskräfte im Einsatz, erklärt mein kundiger Co. Und erklärt mir den Arbeitsablauf – der bei den weiteren Modernisierungen der U4 in den kommenden Jahren praktisch gleich bleiben wird: Zuerst werden die Schienen mitsamt den Schwellen in 6 Meter lange Stücke zurechtgeschnitten und entfernt, anschließend werden sie in Auhof zerlegt: Die Schwellen so gut es geht einer Weiterverwendung zugeführt, die Schienen – insgesamt 16 Kilometer, ein Meter wiegt 50 Kilo – landen im Hochofen. 

Die Guldenbrücke kennen viele Wiener aus den Verkehrsmeldungen. Zur nachmittäglichen Rush Hour heißt es dann oft: "In Richtung Westautobahn Stau ab der Guldenbrücke." Die U-Bahn darunter hat stets freie Fahrt. So wie wir heute. Wir halten aber dennoch unter dieser wichtigen Verbindung der Wiener Gemeindebezirke 13 und 14.

Während wir unterwegs nach Hietzing sind, erklärt mir Walter Zemen die Details der U4-Modernisierung auf diesem Teilstück. Nach dem Abtragen der alten Schienen und des darunter liegenden Schotters wurde der alte Unterboden unter den 40 Zentimeter Gleisschotter 1,5 Meter tief abgegraben und ein neuer aufgetragen, ein besserer, ein verdichteter.  Darauf kam eine eine Asphaltdecke – unsere Fahrbahn. Und darauf kommt ab morgen ein neues Schotterbett und in weiterer Folge die neuen Schienen.

Wir kommen immer wieder an den alten Fluchtnischen vorbei. In so einer wollte ich immer schon stehen. Mal sehen, wie das Echo dort ist. Walter Zemen erfüllt mir den Wunsch und zeigt mir dabei ganz stolz auch die erneuerte Drainage entlang der Strecke.

Wir fahren weiter, bis zu unserem Wendepunkt auf Höhe des Hietzinger Amtshauses. Der Regen ist mittlerweile nicht mehr ganz so stark, Fotograf Heinz Henninger nutzt am Weg zurück nach Ober St. Veit die Gunst der Stunde für weitere Baustellen-Bilder und Bilddokumente unserer Fahrt. 

Herrlich ist das Gefühl, mit einem Auto auf der Strecke einer U-Bahn zu fahren! Zumindest dann, wenn es einmal ein paar hundert Meter lang keine Behinderungen durch Bauarbeiten oder Baufahrzeuge gibt. Ein ganz besonderes Erlebnis ist auch die Einfahrt in die Stationen auf einem viel tieferen Niveau als sonst die Zugsführer. Aber wirklich tauschen möchte ich mit diesen nicht: Ich mag halt die Freiheit, mir selbst meinen Weg zu suchen, und das nach eigenem Fahrplan.

Nach unserer Fahrt wie auf Schienen ist auf der Strecke zwischen Hütteldorf und Hietzing viel passiert: Das Schotter-Gleisbett wurde aufgeschüttet und man begann, die neuen Schienen zu verlegen. Ein paar Tage später wurde auch das Teilstück Hietzing–Schönbrunn gesperrt und in die Renovierung mit einbezogen.

Am 5. September soll dann alles wieder wie früher sein – nur besser. Unten wird die U4 mit weniger Vibrationen, dafür aber mit etwas mehr Tempo Hütteldorf entgegenflitzen. Umsteigen muss dann niemand mehr, der Ersatzbus wird ersatzlos eingestellt. Und oben werden die während der Umbauphase gesperrten Fahrspuren hoffentlich wieder freigegeben.

Wie wird die U4-Sanierung weitergehen? 2017 und 2018 werden mehrere Weichen im Norden der Strecke eingebaut und Stellwerke erneuert. Dabei soll es nur an einigen Wochenenden zu Einschränkungen kommen. Saniert werden die Stationen Roßauer Lände und Friedensbrücke, sie werden teilweise (nach dem Vorbild der Station Stadtpark also jeweils nur für eine Fahrtrichtung) gesperrt werden.

Die nächste große Streckensperre wird es im Sommer 2019 geben. Da wird der Abschnitt zwischen Längenfeldgasse und Karlsplatz zwei Monate lang komplett renoviert werden – eine gewaltige Herausforderung, für U-Bahn-Benutzer und Kraftfahrer gleichermaßen. 

Informationen zum Netzausbau der U4 gibt es hier.

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