Traktor_Sieger_christian_freitag_CMS.jpg  © Christian Freitag

Freude nach der erfolgreichen Titelverteidigung: Das Team des IHC Rennstalls Weissenbach wurde erneut Weltmeister.

© Christian Freitag

Freude nach der erfolgreichen Titelverteidigung: Das Team des IHC Rennstalls Weissenbach wurde erneut Weltmeister.

© Christian Freitag
September 2017

Traktor-Rennen: Reingers im Ausnahme-Zustand

Thomas Nemeth erlebte, wie ein Oldtimer-Traktorenrennen das Waldviertel in den Ausnahmezustand versetzt.

Und sie haben es wieder getan: Sie haben sich in ihre mit Stahlüberrollbügeln verstärkten Fahrerkabinen gezwängt, 24 Stunden lang Staub geatmet, sich in den ungefederten Sitzen ordentlich durchbeuteln lassen und im Wald rund um das Hanfdorf Reingers die "Nacht der langen Schatten" er- und überlebt. 

Und: Sie haben sich mit ihren getunten und bis zu 120 km/h schnellen Oldtimer-Traktoren auf der holprigen Piste 24 Stunden lang packende Duelle um jeden Millimeter geliefert: Jene 16 Frauen und 380 Männer, die Ende August vor rund 20.000 enthusiastischen Fans bei der mittlerweile 14. Internationalen Oldtimer-Traktoren Langstrecken-Weltmeisterschaft in Reingers (nahe Litschau im nördlichsten Zipfel des Waldviertels) 24 Stunden lang im Kreis – Verzeihung, im Staub – um die begehrten Weltmeistertitel gefahren sind. Die einen fühlen sich hier drei Tage lang wie im Himmel, die anderen dagegen wie in der Hölle…

Werbung

Es ist Samstag, der 26. August 2017. Der Tag, den viele der Traktoristas seit Monaten, eigentlich seit dem Ende des letzten Rennens vor genau 365 Tagen, herbeigesehnt haben.

Die Turmuhr der Kirche von Reingers liegt in der Zielkurve. Es ist 13 Uhr 50, zehn Minuten vor dem Start des 24-Stunden-Klassikers. Auf der Strecke, im Fahrerlager und im Publikum ist höchste Anspannung spürbar. Auf der Startgeraden herrscht Hektik pur.

Immer wieder hebt Christian, der Moderator, sein Mikro energisch Richtung Lippen. Seine Sätze sind kurz, laut und so manche Information schmettert er mittlerweile befehlstonartig Richtung Piste. Dort, im Staub von Reingers, sollten eigentlich schon zahlreiche Traktoren in Reih und Glied stehen. Tun sie aber nicht, denn wie alle Jahre wieder geht es bei der Startaufstellung drunter und drüber. Wieder einmal ist ein Team zu spät gekommen und wieder einmal löst das Stress pur aus.

Wie alle Jahre wieder heißt es jetzt, mit dem Sekundenzeiger um die Wette zu laufen. In mittlerweile fünf Minuten müssen alle 99 Teams an ihren Plätzen stehen, denn um 14 Uhr wird gestartet. Dann heißt es: "High Noon in Reingers".

Mitten im Starterfeld fällt mir ein für den Laien – die Besitzer mögen mir verzeihen – eigentlich recht unscheinbarer Oldie auf, ein Steyr T 80 aus dem Jahr 1961. Und dennoch sticht gerade dieser T 80, der es gerade einmal auf eine Höchstgeschwindigkeit von 30 Stundenkilometern bringt, aus dem Rest der wilden Meute an Renntraktor-Boliden heraus.

Als einziger aus der Menge an getunten und mit Überrollbügeln gesicherten Renntraktor-Boliden schmückt sein Blechhaupt eine rund einen Meter hohe, weithin sichtbar goldene Krone aus Schaumgummi. Das ist die Rennmaschine der "Notar’s Racing Girls", einem von mittlerweile vier Frauenteams beim 24-Stunden-Rennen in Reingers. Startfahrerin Karin Pfabigan wischt sich noch ein letztes Mal den Staub vom Visier ihres Helms. Uns hat Karin knapp vor dem Rennen noch ohne Helm ein kurzes Interview gegeben.

Einer, der hier seit einigen Jahren keinen Stress mehr hat, ist der 64-jährige Erwin Sprinzl aus Haugschlag. Erwin ist in der Oldtimer-Traktoren-Renngemeinde bereits zu Lebzeiten eine Legende: Insgesamt acht Rennen hat er gebraucht, um seine Traktor-Rennfahrerhörner abzustoßen. Und: Erwin war bereits beim allerersten Rennen 2003 am Start. Er erzählt uns, dass damals hier alles noch ganz anders war.

Adrenalin pur – dafür steht die die Oldtimer-Traktoren Langstrecken-WM in Reingers für viele Starter und Fans auch heute noch. Obwohl die Wettkämpfe des Jahres 2017 fast nichts mehr mit jenen der Anfangsjahre gemein haben, vor allem was die Sicherheitsbestimmungen betrifft. Diese wurden im Laufe der Jahre professionalisiert.

Geschützt werden sollen die Traktor-Racer, aber auch die mittlerweile mehr als 20.000 Menschen, die am Rennwochenende hierher kommen. Das aus gutem Grund: Die Oldtimer-Rennmaschinen fahren immerhin bis zu 70 km/h schnell. Und das auch nur, weil es die Rennregeln quasi als Mindestgeschwindigkeit so vorschreiben. Die schnellsten der aufgemotzten Oldies bringen nämlich bis zu 300 Pferdestärken und Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 120 km/h auf die Straße.

Dass aber alljährlich nicht alle Renntraktoren, die nach Reingers gekommen sind, auch selbstständig wieder den Heimweg antreten, gehört wie das Amen im Gebet zum Rennwochenende.

Als sich im vergangenen August etwa der Traktor eines Teilnehmers beim spektakulären Beschleunigungsrennen zweimal überschlug, bis er endlich zum Liegen kam, stieg der Fahrer nach einer kurzen Schrecksekunde unter dem Applaus der anwesenden Zuschauer unverletzt aus seiner abgesicherten Kabine.

Stichwort Logistik. Ein – ähnlich wie bei der Formel 1 – reibungsloses Funktionieren in der Boxengasse und eingeschliffene Abläufe, Handgriffe, die ineinander übergehen: Das sind die wesentlichsten Kriterien für einen Erfolg hier. Deshalb sind die Zimmerer auch die ersten, die jedes Jahr das Renngelände besiedeln und hier im Fahrerlager schon in der Woche vor der WM zimmern, was das Werkzeug hergibt. Sie errichten fixe Konstruktionen, die Wind und Wetter trotzen, für die Mechaniker, aber auch für die Sponsoren.

In den Boxen der Teams herrscht jetzt knapp vor dem Start die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Viele Boxen sind leer, denn alle wollen ihr Team gleich nach der Startflagge in die Spitzenpositionen fahren sehen. Für Maler wäre jetzt eine optimale Zeit, noch schnell technische Stilleben festzuhalten, denn in den Boxen der Top-Teams bietet sich ein eigenartig aufgeräumtes Bild.

Jedes Teil hat hier seinen Platz, es scheint fast, als hätte hier ein Zeremonienmeister alles für ein bald stattfindendes Zeremoniell aufbereitet. Und so ist es auch: Innerhalb kürzester Zeit, wenn der Fall der Fälle auftritt, bricht hier immer wieder der absolute Stress aus – jener Stress, auf den sich die Teams seit Monaten akribisch vorbereitet haben.

Rund 80 Meter von der Box des Teams aus dem nahen Eisgarn entfernt läuft auf der Rennstrecke der Countdown zum Start indessen weiter. Erbarmungslos frisst der Zeiger Sekunde um Sekunde. Es sind jetzt noch drei Minuten bis zum Start. Da fällt mir noch einer auf: Ganz außen der 1972er-Ford 7000 von "MF Racing Waldviertel Nord". Jahrelang war dieser "Bio-Renntraktor", angetrieben von Pflanzenöl, hier illegal unterwegs. Aber auch in Reingers haben sich die Zeiten geändert und immer mehr Oldtimer-Traktoren werden in Bio-Boliden umgebaut.

In der Box des regierenden Weltmeisters scheinen drei Minuten eine ganze Ewigkeit zu sein. Während sich am Renngelände die Stimme des Moderators überschlägt, herrscht hier noch die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Die beste Zeit für uns, noch ein kurzes Interview mit den Weltmeistern zu führen.

Zurück auf die Rennstrecke. Immer wieder heulen Motoren von Oldtimer-Traktoren auf. Heuer ist nämlich alles anders hier. Die Veranstalter haben quasi alles auf den Kopf gestellt und die Streckenrichtung geändert.

Und dann, von den vielen Eindrücken kurzzeitig abgelenkt, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse: Der Sekundenzeiger der Kirchturmuhr schiebt sich über zwei Uhr und der Starter senkt seine Flagge Richtung Boden. Sekunden später erzittert der Boden des Startbereichs, die Zuschauer halten den Atem an und am Himmel über Reingers weicht das Blau kurzzeitig dem Schwarz...

Während das Publikum die Duelle der Oldtimer-Giganten mitverfolgt und bejubelt, beginnen in den Boxen für die Mechanikercrews die langen Stunden des Zangelns. Auch beim jungen Team der "Wagram Hazza". Knapp nach dem Beginn des Rennens müssen die jungen Wilden einem Strohballen Tribut zollen. Doch das ist nur der Anfang. Murphie's Law regiert auch in Reingers, und wir waren live dabei:

Wer jetzt aber glaubt, so ein minutenlanger Boxenstopp bedeute bereits frühzeitig das Aus, der irrt: Abgerechnet wir in Reingers nämlich erst nach 24 Stunden. Und so meistern, sehr zur Freude der älteren Teammitglieder, die "Wagram Hazza" auch die noch folgenden Herausforderungen mit Bravour. Der Lohn der harten Anstrengungen ist der Weltmeistertitel in der Klasse B. Zu Recht, wie viele meinen!

Gefeiert wird dieser Tage – und möglicherweise noch viel länger – auch in Weissenbach, denn das Team des "IHC Rennstall Weissenbach" gewinnt die Gesamtwertung und verteidigt somit seinen Weltmeistertitel aus dem Vorjahr erfolgreich.

Ergebnisse finden Sie unter: www.traktorrennen.at

Traktor_Bierdusche_1_Freitag_CMS.jpg  Christian Freitag © Christian Freitag
Weltmeisterlich feiern: Bierdusche statt Bier trinken.
Traktor_Gruppe_Freitag_CMS.jpg  Christian Freitag © Christian Freitag
Weltmeisterliches Gruppenfoto: IHC Rennstall Weissenbach.
Traktor_Bierdusche_2_Freitag_CMS.jpg  Christian Freitag © Christian Freitag
Weltmeisterlich entspannen: Harald Winkelbauers erstes Bier nach der Titelverteidigung.

Aber wie heißt es doch so schön: Nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Nach ausgiebigen Siegesfeiern und Nachbesprechungsnächten übernehmen wieder die Zangler und deren Werkzeuge das Kommando. Spätestens dann steht wieder fest: Die nächste Oldtimer-Traktoren WM kann kommen.

Kommentare (nur für registrierte Leser)