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In vielen ländlichen Gegenden, wie bei Familie Stromberger im Lavanttal, gibt es kaum Alternativen zum privaten Pkw, um die alltäglichen Wege zu Supermarkt oder Arzt zu bewältigen.

© Erich Reismann

In vielen ländlichen Gegenden, wie bei Familie Stromberger im Lavanttal, gibt es kaum Alternativen zum privaten Pkw, um die alltäglichen Wege zu Supermarkt oder Arzt zu bewältigen.

© Erich Reismann
Februar 2024

Alltag ohne Auto?

Das Leben am Land ist für viele ein Traum. Doch die Bewohner:innen stehen vor gewissen Herausforderungen, denn ohne Auto geht nichts – zumindest meistens. Ein Blick in den Alltag.

Sankt Margarethen im Lavanttal. 900 Einwohner:innen zählt die Kärntner Ortschaft nördlich von Wolfsberg. Es gibt eine Pfarrkirche und viele Einfamilienhäuser, meist mit zumindest einem Auto vor der Einfahrt. Ein Bach fließt parallel der Hauptstraße entlang.

Folgt man ihr, raus aus Wolfsberg, landet man nach rund 20 Kilometern bei Justine Stromberger. Dort, auf 1.200 Metern Seehöhe, lebt sie mit ihrem Mann, ihren drei Töchtern samt Enkelkind und ihrem Großonkel. Stromberger wohnt am Land – wie viele Menschen in Österreich.

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Österreichs Landbevölkerung

Doch wie viele Menschen bevölkern die ländlichen Regionen exakt? Ganz genau lässt sich das nicht sagen, da es unterschiedliche Definitionen gibt, was Peripherie ist und was nicht.

Die Europäische Kommission etwa gliedert Regionen in urbane Zentren (mindestens 50.000 Einwohner:innen, Bevölkerungsdichte von 1.500 Personen pro km²), urbane Cluster (mindestens 5.000 Menschen, 300 Personen pro km²) und ländliche Bereiche.

Die Urban-Rural-Typologie der Statistik Austria wiederum gliedert Räume in vier Überkategorien. Nach dieser lebten 2021 rund 59 Prozent der Menschen in Österreich in urbanen und regionalen Zentren.

Bedeutet im Umkehrschluss: Rund 3,7 Millionen Personen (41 Prozent) leben auf dem Land. Auf einen ähnlichen Wert kommt die Europäische Kommission mit ihrer Definition: rund 42 Prozent Landbevölkerung im Jahr 2015.

auto touring hat für diese Reportage mit einigen von ihnen gesprochen. Wir wollten wissen: Wie organisieren sie ihre Mobilität? Welche Schwierigkeiten gibt es dabei? Und wie lösen sie diese?

Es sind Schüler:innen und Studierende, ­Familien und Pensionisten. Menschen, die ­eine Postbus-Haltestelle vorm Haus haben, aber auch solche, die viele Kilometer vom nächsten Ort entfernt wohnen. Menschen wie Justine Stromberger.

FamilieSTROMBERGER_er064_2.jpg Erich Reismann © Erich Reismann
"Ohne Auto geht bei uns gar nichts", erzählt Justine Stromberger.

Ohne Auto? Sehr schwierig!

Die 48-jährige Justine Stromberger berichtet über ihren Mobilitätsalltag vor allem eines, nämlich, dass ohne Auto gar nichts gehe. "Bei uns gibt es keine Öffis. Wir mussten unsere Kinder sogar mit dem Auto zum zwei Kilometer entfernten Schul-Taxi bringen", erzählt die Landwirtin. Bis ihre Töchter den L17-Führerschein machen konnten, sei sie eigentlich nur am Herumfahren gewesen.

"Ich bin ein Taxiunternehmen", betont auch Irmgard Elias aus dem oberösterreichischen Hofkirchen im Traunkreis. "Meine ­Arbeitszeiten, eigentlich mein gesamter Alltag, richten sich nach den Stundenplänen und den Hobbys meiner Kinder", stöhnt die 40-jährige Mutter. Ihr 13-jähriger Sohn geht in die Schule nach Steyr. Der Bus, der ihn direkt nach Hause bringt, fahre nur, wenn zumindest vier Kinder ihn nützen würden. "An zwei Tagen müssen wir ihn fix abholen."

Irmgards noch 16-jährige Tochter Carmen wird dank L17 bald den Führerschein in der Tasche haben. "Dann kann ich meine Oma endlich mitnehmen, bisher hat sie mich auch oft herumchauffiert", strahlt Carmen.

Noch kann Anja Schöpf aus Sautens im Ötztal mit ihren Kindern zu Fuß in den nahe gelegenen Kindergarten und zur Volksschule gehen. In ein paar Jahren steht sie vor dem gleichen Problem wie Justine und Irmgard.

FamilieELIAS_er033_CMS.jpg Erich Reismann © Erich Reismann
Irmgard Elias mit ihrer Tochter Carmen und Mutter Anni aus Hofkirchen im Traunkreis. Bis jetzt sei sie das reinste Taxiunternehmen gewesen, erzählt Irmgard: "Dank L17 wird Carmen bald den Führerschein haben und mobil sein. Wir sind erleichtert."

Warum es Mobilitäts-Alternativen schwer haben

"Auf dem Land stehen wir vor ganz anderen Mobilitätsherausforderungen als in der Stadt", sagt Georg Hauger (siehe Interview), der sich als Verkehrsplaner an der TU Wien seit über 30 Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit im Verkehr beschäftigt. "Während in der Stadt aufgrund deutlich ­höherer Verkehrsbelastungen vor allem Platz­probleme und Herausforderungen durch Emissionen dominieren, gibt es am Land ein soziales Problem", so der Wissenschaftler. "Wer zu jung, zu alt oder in seiner Mobilität eingeschränkt ist, kann oft gar nicht selbst­bestimmt individuell unterwegs sein und ist – ebenso wie jene, die aus Umweltbewusstsein auf das Auto verzichten wollen – auf den ­öffentlichen Verkehr angewiesen." Jedoch: So richtig zeiteffizient funktioniert der in vielen ländlichen Regionen nicht.

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Anja Schöpf mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern aus Sautens im Ötztal. "Ich würde gerne öffentlich in die Arbeit fahren, wäre dann aber zwei Stunden unterwegs. Mit dem Auto brauche ich 40 Minuten nach Innsbruck."

Das zeigt auch eine neue Forschungsarbeit des Verkehrsplaners: "Wir haben Menschen, die am Land leben, Mobilitätstagebücher ausfüllen lassen. Welche Wege haben sie? Wann? Wohin? Mit welchem Verkehrsmittel? Wie zufrieden sind sie mit der Situation? Erstes Ergebnis: Ohne individuelle Mobilität kann kaum jemand seine täglichen Aktivitäten zufriedenstellend erfüllen." Das lässt sich auch aus den Gesprächen, die auto touring führte, heraushören.

Der klassische öffentliche Verkehr in einer für die ­Bevölkerung ausreichend wahrgenommenen Qualität ist unfinanzierbar.

Georg Hauger, Verkehrsplaner

Der ÖAMTC-Techniker Günter Jenewein aus Schmirn in Tirol erzählt, dass seine Mutter keinen Führerschein hat. Für einen Arzt- oder Apotheken-Besuch in der nächsten Stadt brauche sie den halben Tag. "Weil die Busse nur zu den Stoßzeiten fahren, fährt sie in der Früh nach Steinach und erst zu Mittag wieder retour. Ein Medikament zu holen, ist für sie ein Vormittagsprojekt."

Ähnliches berichtet Theresa Nagler aus der Steiermark. Die 20-Jährige studiert unter der Woche in Graz, an den Wochenenden fährt sie heim zu ihrer Familie nach Radmer, einer kleinen Ortschaft in der Obersteiermark. Weil sie in der Landeshauptstadt kein Auto brauche, pendelt Nagler öffentlich, trotz einer Stunde mehr Fahrzeit. In der Regel aber parkt sie im 20 Kilometer weit entfernten ­Eisenerz, von wo aus ihr Bus fährt. Dorthin gelangt sie mit dem Auto.

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83 % der Menschen am Land nutzen das Auto mehrmals wöchentlich. (ÖAMTC/Demox Research. 3.400 Befragte)

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Das Problem des öffentlichen Verkehrs am Land sei ein ökonomisches, erklärt Verkehrsplaner Georg Hauger (siehe Interview). "Er rechnet sich nämlich nur, wenn es große und gebündelte Nachfrage gibt. Ländliche Gebiete sind aber gekennzeichnet durch örtlich und zeitlich schwache Nachfrage." Sein Urteil: "Der klassische öffentliche Verkehr in einer für die ­Bevölkerung ausreichend wahrgenommenen Qualität ist unfinanzierbar." Was im Übrigen nicht nur für den öffentlichen Verkehr gelte, sondern für die meisten Mobilitätslösungen: Am Land fehle aufgrund der geringen Nachfrage das privatwirtschaftliche Geschäfts­modell für Mitfahr- und Leihsysteme.

Dass das Auto auch in Zukunft das effektivste Mobilitätsmittel am Land bleiben wird, zeigt auch die Forschungsarbeit von Hauger (siehe Interview): "Wir haben in verschiedenen Szenarien den öffentlichen Verkehr durch kürzere Intervalle und nähere Stationen deutlich verbessert und auch nachfragebasierte Demand-Services integriert. Das Ergebnis: Diejenigen (wenigen), die auf den öffentlichen Verkehr angewiesen sind, erfahren modellmäßig tatsächlich eine Verbesserung, weil sie in ihrem persönlichen Zeitbudget mehr Ziele erreichen können. Das Auto bleibt aber die flexibelste Möglichkeit Ziele zu erreichen."

Außerdem gibt der Verkehrsplaner zu bedenken, dass man auch zwischen den ländlichen Regionen differenzieren müsse.

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18,7 km weit müssen Menschen am Land im Schnitt zum Facharzt oder ins Krankenhaus fahren. (ÖAMTC/Demox Research. 3.400 Befragte)

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Land ist nicht gleich Land

"Wir haben gemeinsam nur ein Auto", erzählt Thomas Filz. Der 48-jährige Vorarlberger lebt mit seiner Frau Carina und dem gemeinsamen Kind in Frastanz im Bezirk Feldkirch. "Das Auto nutzen wir auch für wichtige Arztbesuche oder den Großeinkauf. Aber Carina macht fast alle Wege mit dem Fahrrad plus dem Anhänger für den Kleinen. Sie fährt eigentlich bei jedem Wetter, egal ob es regnet oder stürmt." Und im Notfall wird der Postbus vor der Haustüre genutzt.

"In Regionen mit ausgeprägten Talstrukturen hat der linienhafte öffentliche Verkehr mehr Potenzial als in flächigen, zerstreut besiedelten Regionen. Außerdem spielt die Siedlungsdichte eine wesentliche Rolle", so Verkehrsplaner Hauger (siehe Interview). Und die ist abge­sehen von Wien in keinem anderen Bundesland so hoch wie in Vorarlberg: 156 Menschen leben hier im Schnitt auf einem Quadratkilometer. Die andere Seite des Spektrums: Kärnten mit etwa 60 und das Burgenland mit 76 Einwohner:innen pro Quadratkilometer. Die beiden Bundesländer weisen auch einen ­hohen Motorisierungsgrad auf: 2022 kamen in Kärnten 654 Pkw auf 1.000 Personen, im Burgenland sind es 679 Pkw, so viele wie nirgendwo sonst in Österreich.

Dass es deutliche Mobilitätsunterschiede zwischen den Regionen gibt, zeigt auch eine Studie des ÖAMTC aus dem Jahr 2019. Befragt wurden mehr als 3.000 am Land lebende Personen. Während in Vorarlberg lediglich rund die Hälfte der Befragten "voll und ganz" zustimmte, dass die Menschen am Land auf das Auto angewiesen sind, sind es in Kärnten 73 und im Burgenland gar 75 Prozent.

Ausblick in die Zukunft

Gibt es für Menschen, die am Land leben und kein Auto haben, also gar keine Lösungen? Und wird dort auch in Zukunft der Pkw alternativlos bleiben?

Ganz so ist es nicht.

Georg Hauger (siehe Interview) von der TU Wien sieht besonders in sozialen Innovationen Potenzial: "Es könnten sich beispielsweise Vereine bilden, in denen pensionierte Menschen Fahrten anbieten, weil sie junge Leute oder Berufstätige unterstützen wollen. Das ersetzt vielleicht nicht das Auto, aber vielleicht das Zweitauto." In Zukunft könnten auch Güter- und Personenverkehr stärker verschmelzen.

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Justine Stromberger mit ihrer großen Familie in St. Margarethen im Lavanttal. Bei ihnen gibt es keine öffentlichen Verkehrsmittel, nicht einmal einen Schulbus.

Zurück ins Lavanttal zu Justine Stromberger. Sie könnte ihre Einkäufe auch nicht nach Hause schleppen, wenn sie wollte. Selbst der Greißler ist zu weit entfernt. Eier, Gemüse und Fleisch produziert die Familie selbst. Für den Großeinkauf geht's aber nach Wolfsberg, was viel Zeit frisst.

Und doch ist sich die Kärntnerin sicher: "So hoch der Organisationsaufwand auch sein mag, ich würde nie von hier wegziehen. Wir sind sehr naturverbunden, brauchen Platz – und unsere Freiräume."

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