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Oktober 2016

Weit, weit weg: Reise nach Shanghai und Peking

Wer ohne Klischees im Kopf nach China reist, muss jahrhundertelang tiefgefroren gewesen sein. Was nicht heißt, dass Klischees nicht auch hin und wieder zutreffen können.

China im Kopf: traditionell, kommunistisch, exotisch, Millionen von armen, fleißigen Menschen. China live hingegen: atemberaubend modern, quirlig, lebendig und ganz schön kapitalistisch.

Ich stehe vor einem Eissalon in Pudong, einem der jüngsten Stadtbezirke von Shanghai, der allein knapp drei Millionen Einwohner zählt (ganz Shanghai ungefähr 24 Millionen). Das Café ist ein Häagen-Dazs, der Espresso vorzüglich. Vor mir die Rückseite jener Skyline, die das Bild von Shanghai prägt; sie wird Tausende Male pro Tag vom gegenüberliegenden Ufer des Huangpu-Flusses aus fotografiert.

Seit 1994 der Fernsehturm fertig wurde, damals noch als einziges hohes Bauwerk dort, sind in Pudong die Wolkenkratzer wie die Schwammerln aus dem Boden geschossen. Der Bezirk ist eine Sonderwirtschaftszone, das Wirtschaftswachstum beträgt seit 1990 im Schnitt 20 Prozent pro Jahr.

Eigentlich wollte ich ja auf die höchstgelegene Aussichtsplattform der Welt. Sie befindet sich im 119. Stock des zweithöchsten Gebäudes der Welt: des Shanghai Tower. Doch dessen Spitze in 632 Meter Höhe verliert sich im Grau. Die Aussicht von dort oben kann ich mir vorstellen; ebenso gut könnte ich mir die Augen verbinden lassen.

Als sich endlich die Wolken lichten, geht's erst einmal in den Keller. Freundliche junge Damen führen durch die Ausstellung im Untergeschoß, wo ich 3-D-Modelle der höchsten Gebäude der Welt und Schnittzeichnungen der einzelnen Stockwerke dieses High-Tech-Öko-Wolkenkratzers bewundere. Erst dann geht es im Expresslift nach oben. Das ist ja einmal ein anderer Blick auf die Hochhäuser des Finanzdistrikts Pudong und den Bund jenseits des Huangpu.

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Der Bund: die "Goldene Meile", die sich zwischen Leuchtturm und Heldendenkmal erstreckt. Der seltsame Straßenname geht auf die britische Herrschaft über die chinesische Hafenstadt zurück. Die Kolonialherren verwendeten für die Uferpromenade das Hindustani-Wort "band" (Damm). Die Glocke im Zollamt am Bund erklingt in der Melodie des Londoner Big Ben.

Tausende Touristen, die meisten von ihnen aus China selbst, dichter Autoverkehr und die allgegenwärtigen Polizisten und Polizistinnen, die versuchen, Ordnung ins Chaos zu bringen. Das entsteht vor allem durch Gruppen von Passanten, die in dem Gewurl stehen bleiben, um einander vor der eindrucksvollen Skyline fotografieren. Ups, da gehören wir auch dazu.

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1 In Shanghai wimmelt's vor Touristen. Die meisten kommen aus China selbst. © Peter Pisecker

2 Eine der verkehrsstärksten Kreuzungen, ob am Tag oder in der Nacht: die Ecke Bund/Nanjing Road. © Peter Pisecker

3 Selfie mit Skyline. © Peter Pisecker

Ganz anders, viel ruhiger präsentiert Shanghai sich in der Altstadt. Dort spaziert man durch verwinkelte kleine Gassen, an altertümlichen Holzhäusern vorbei, die Schnellrestaurants, Modehäuser und Supermärkte beherbergen. In einer Auslage sind große Schwarzweißfotos europäischer Städte als dekorativer Hintergrund für die Schaufensterpuppen aufgehängt. Auf einem der Bilder erkenne ich das Straßenschild "Ofenloch": ein Restaurant in der Wiener Innenstadt. So klein ist die Welt.

Oase der Ruhe: der Yu-Garten, ein letztes Überbleibsel aus der Zeit der Ming-Dynastie. Der reiche Beamte Pan Yun Duan hat ihn im 16. Jahrhundert als privates Refugium angelegt. Er muss ein mächtiger Mann gewesen sein: In dem weitläufigen Park befinden sich nicht nur ein Teehaus, Teiche und viele Wege, die sie miteinander verbinden, sondern auch mehrere Drachen-Skulpturen. Darstellungen von Drachen waren damals jedoch dem Kaiser vorbehalten, allen anderen war ihr Besitz streng verboten.

Der Yu-Garten ist der einzige im Stadtgebiet von Shanghai. Freunde der gepflegten Gartenkultur kommen aber in Souzhou auf ihre Kosten: Dort können rund 70 klassische chinesische Gärten besichtigt werden. Der prächtigste von ihnen, der "Garten des Meisters der Netze" (UNESCO- Weltkulturerbe), wurde teilweise im Metropolitan Museum of New York nachgebaut, wo er von vielen Besuchern irrtümlich für einen japanischen Kulturgarten gehalten wird.

Niemand reist aus Europa nach Shanghai, um dort die weltweit gleich gestylten Filialen der globalen Luxusmarken aufzusuchen. Vermute ich jedenfalls. Sollte doch jemand derlei vorhaben, biegt er vom Bund einfach rechtwinkelig in die Nanjing Road ein und ist bereits angekommen: in einer der größten und belebtesten Einkaufsstraßen der Welt. Kommunismus in China? Hier jedenfalls nicht.

Abends kehren wir im Fairmont Peace Hotel ein, gleich am Anfang der Nanjing Road. Dort in der Bar swingt jede Nacht die "Old Jazz Band", und zwar schon seit den 1920ern. Das Durchschnittsalter der sechs heutigen Bandmitglieder, denen schon Jimmy Carter und Ronald Reagan gelauscht haben, beträgt rund 80 Jahre.

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Kapitalismus pur: Flagship Store von Gucci auf der Nanjing Road.
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Einen Abend muss man in der Jazz Bar des Fairmont Peace Hotels einplanen – eine Zeitreise in die Zwanziger- und Dreißigerjahre.
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Die Old Jazz Band tritt täglich ab 19 Uhr auf. Dresscode: Smart Casual.

Von Shanghai nach Peking

Der Bahnhof Shanghai-Hongqiao muss größenwahnsinnig sein: Er denkt, er sei ein Flughafen. Zumindest sieht er ganz genau so aus – wie ein sehr moderner übrigens. Wer den Hochgeschwindigkeitszug nach Peking (Bahnhof Beijingnan) besteigen möchte, findet sich an einem Check-in-Schalter und in Sicherheitskontrollen wieder, wie sie eher vor Flugreisen üblich sind als zu Beginn einer Zugfahrt.

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Der moderne Bahnhof Shanghai-Hongqiao wirkt eher wie ein funkelnagelneu erreichteter Großstadt-Flughafen.
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Äääh… Wann ist Abfahrt, und von welchem Gleis?
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Erstaunlich unspektakulär geht's dahin. Der Zug ist leise, schaukelt sanft und soll von Shanghai nach Peking rund 4 Stunden 50 Minuten brauchen. Er braucht dann doch länger.

Pünktlich um 9 Uhr setzt der Zug sich leise in Bewegung, 1.300 Kilometer sind zu durcheilen. Die pünktliche Ankunft in Peking um 13:48 Uhr stellt sich als trügerische Hoffnung heraus: Über eine Stunde Verspätung reißen wir auf. Streckenweise soll “Jinghu PDL“ bei idealen Bedingungen eine Höchstgeschwindigkeit von 380 km/h erreichen können, doch aus Gründen der Sicherheit und Wirtschaftlichkeit fährt er langsamer. Die höchste Geschwindigkeit, die in großen roten Digitalziffern an der Stirnwand jedes Waggons abzulesen ist, beträgt während meiner Fahrt 303 km/h. Überraschende Erkenntnis: Auch bei einem solchen Tempo kann einem ganz schön fad werden.

China_Okt16_PP_DSC_0694_CMS.jpg Peter Pisecker © Peter Pisecker
Smog in Peking. Blick aus dem Hotelfenster.

In der Hauptstadt der Volksrepublik China

In Peking sind sechs Millionen Autos zugelassen, so viele wie in ganz Österreich. Ich glaube, ich habe sie alle gesehen. Unfassbar, dieser Verkehr hier. Am Bahnhof nimmt uns mit einem herzhaften "Servas" unser Guide Hao in Empfang, nach eigener Aussage ein halber Österreicher ("Halb-Audili" heißt das bei ihm). Sein Deutsch hat mehrere Akzente, darunter einen steirischen. Hao erzählt, scherzt, lacht viel, doch als wir zum "Platz des Himmlischen Friedens" fahren, wird er ernst. "Ihr könnt mich hier im Bus alles fragen. Aber sobald wir ausgestiegen sind, kann ich nur noch offizielle Antworten geben." Der Tian'anmen-Platz wird mit Kameras und Mikrofonen überwacht. Außerdem herrscht Rauchverbot.

Tausende Besucher wandern täglich über den Platz und durch das Tor des Himmlischen Friedens (das Gebäude mit dem riesigen Mao-Porträt) in die Verbotene Stadt, den 1406 erbauten Kaiserpalast sämtlicher Herrscher der Ming- und Qing-Dynastien, der letzten vor der Volksrepublik.

"Stadt" ist übertrieben. Eher eine Abfolge von großen Plätzen und Gebäuden, eingerichtet mit geradlinig-schlichten (Ming, 14. bis 17. Jh.) oder massiven, opulent verzierten (Qing, 1644–1911) Möbeln. An die 5.000 Menschen haben innerhalb dieser Mauern gewohnt, um dem jeweiligen Kaiser zu dienen.

Etwas weiter weg vom touristischen Getriebe ist der experimentierfreudige Reisende am Nachtmarkt von Donghuamen, gleich ums Eck der Einkaufsstraße Wangfujing, wo er seinen Appetit auf frisch geröstete Heuschrecken oder Skorpione am Spieß stillen kann. Falls er einen verspürt.

Noch ein Klassiker: die Große Mauer. Von Peking aus am einfachsten zu erreichen ist der Abschnitt bei Badaling. Sie besteht natürlich nicht mehr durchgehend und kann, entgegen anderslautenden Gerüchten, auch nicht vom Mond aus gesehen werden. Kein Astronaut hat das je bestätigt, auch chinesische nicht. Aber der restaurierte Teil der Mauer, den man bei Badaling erkunden kann, ist beeindruckend genug.

Über hohe Stufen klettere ich ein steiles Stück empor zu einem Wachturm. Der Blick von oben ist aller Mühen wert. Beim Runtersteigen treffen wir ein chinesisches Paar, sie eine feine ältere Dame. Sie hört uns reden, zeigt auf einen weiter entfernten Mauerabschnitt und meint: “Dort drüben ist es auch sehr schön.“ Wir bewundern ihr ausgezeichnetes Deutsch. “Ich komm’ ja auch aus Wien“, sagt erstaunlicherweise die Dame aus China. “Wohn’ seit 30 Jahren im 7. Bezirk.“ Wie gesagt: So klein ist die Welt.

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© Peter Pisecker

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