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März 2017

Thüringen: Luthers Land

Vor 500 Jahren formulierte Martin Luther seine Thesen, die die Reformation auslösten. Eine Spurensuche.

Er war ein begnadeter Redner, sprachgewaltiger Schreiber und kluger Denker: Als zorniger Mönch nagelte Martin Luther (1483–1546) der Legende nach im Frühjahr 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel, mit dem man sich durch einen Obolus an Bischof und Papst von Sünden freikaufen konnte, ans Tor der Schlosskirche in Wittenberg. Die Folge: die Reformation, denn Luthers Thesen, Schriften und vor allem seine Bibelübersetzung aus dem Lateinischen verbreiteten sich dank Buchdruck rasend schnell. Die Kammer, in der er damit fast ein Jahr lang beschäftigt war, lässt sich heute genauso besuchen wie unzählige andere Stätten, an denen er wirkte. Diese Fahrt auf den authentischen Spuren Luthers (und vieler weiterer Geistesgrößen) ist quasi ein Königsweg der Kultur.

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Hoch über Eisenach thront die Wartburg.
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Der Burghof mit dem Nürnberger Erker.
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Der Südturm ist noch komplett original.

Erste Station: die Wartburg

Auf unserer Spurensuche ist die im Jahr 1067 von Ludwig dem Springer, einem Thüringer Grafen, gegründete Burg hoch über der Stadt Eisenach die erste Anlaufstelle. Für Martin Luther war sie eine wichtige Zwischenstation.

Blenden wir zurück ins Jahr 1521. Auf dem Wormser Reichstag hatte sich Luther geweigert, seine Kritik an der Kirche zurückzunehmen: "Hier stehe ich und kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!" Von da an steht er unter dem Kirchenbann und ist geächtet – also vogelfrei. Sein Leben ist in Gefahr. Bis zum 4. Mai.

An diesem Tag überfallen bewaffnete Reiter nahe der Burg Altenstein die Kutsche, in der Luther unterwegs ist. Luther kann gerade noch das Neue Testament und eine hebräische Bibel ergreifen, als er aus der Kutsche gezogen wird. Gegen elf Uhr Abend treffen er und die Reiter, denen er folgen muss, auf der rund 30 Kilometer entfernten Wartburg ein. Er kann aufatmen: Überfall und Entführung sind nur vorgetäuscht, Sachsens Kurfürst Friedrich der Weise hatte ihn quasi aus dem Verkehr gezogen, um ihn zu beschützen.

Luther bleibt fast ein Jahr. Sein Aufenthalt, den er zum Übersetzen des Neuen Testaments in eine allen verständliche deutsche Sprache nutzt, soll geheim bleiben. Zwecks Tarnung schlüpft er in die Rolle eines "Junker Jörg".

Zur Wartburg sind es mit dem Auto ab Österreich 430 km oder vier Stunden Fahrzeit via A8 (Innkreis-Autobahn, Grenzübergang Suben/Passau) bzw. 500 Kilometer oder fünf Stunden via A12 (Inntal-Autobahn, Grenze Kufstein/Kiefersfelden).

Die Burg sieht heute übrigens ziemlich anders aus als zu Luthers Zeiten: Ihr heutiges Aussehen verdankt sie einer historisierenden Renovierung zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Nürnberger Erker (Foto oben Mitte) etwa wurde damals in Nürnberg ab- und auf der Wartburg angebaut. Heute zählt die Burg zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Zweite Station: Eisenach

"Meine liebe Stadt": So nannte Martin Luther die (heute) 40.000-Einwohner-Metropole am Fuße der Wartburg. Zu ihr hat vor allem der junge Luther einen Bezug. Als 15-Jähriger tritt er 1498 in die Lateinschule ein, die er bis 1501 besucht. Und später, zur Zeit der Reformation, predigt er in der Georgenkirche, einem der ältesten protestantischen Gotteshäuser.

Apropos Georgenkirche: Johann Sebastian Bach wurde am 2. April 1685 in ihr getauft. Über 130 Jahre lang waren Mitglieder der Familie Bach in dieser Kirche als Organisten tätig. Und Johann Sebastians Geburtshaus gilt neben dem Lutherhaus als die zweite Top-Sehenswürdigkeit der Stadt.

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Der Markt in Eisenach.
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Junge Leute in der Fußgängerzone.
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Das Creutznacher Haus aus dem 16. Jahrhundert.

Die Altstadt Eisenachs wird geprägt durch drei historische Plätze. Der Marktplatz mit der Georgenkirche und dem barocken Stadtschloss (heute Thüringer Museum), der Karlsplatz mit dem Nikolaitor und der Platz am Frauenplan mit dem Bach-Haus laden zum Verweilen ein, die Straßen dazwischen – vorwiegend Fußgängerzonen – zum Flanieren. Allerdings nur bis zum frühen Abend, später wirken sie wie ausgestorben. Als wären die Gehsteige hochgeklappt.

Am meisten los ist in Eisenachs Innenstadt am Vormittag, wenn die vielen Reisegruppen auf Luthers und Bachs Spuren in die gleichnamigen Häuser einfallen.

Einschub: Bach reloaded

Wie hat der echte Johann Sebastian Bach ausgesehen? Bilder und Statuen, die ihn mit der zu seiner Zeit bei festlichen Anlässen üblichen Perücke zeigen, gibt es genügend. Nur: Bach saß dafür niemals Modell. Man kann also davon ausgehen, dass sie ihn verklärend geschönt zeigen.

Die Frage nach dem Aussehen Bachs hat bereits 1894 Fans und Forscher bewegt. An Hand seines Totenschädels versuchten sie, sein wahres Aussehen zu ergründen. Um das Geheimnis seines wunderbaren Gehörs zu lüften, sägten sie sogar das Schläfenbein heraus. Die Halb-und-Halb-Büste gilt als die erste 3D-Gesichtsrekonstruktion der Neuzeit und ist heute im Bach-Haus zu sehen.

So wie die allerneueste Rekonstruktion, die vor kurzer Zeit mittels Hochleistungs-Computertechnologie ausgeführt wurde. Sie zeigt vor allem eines: Das feinsinnige Musikgenie besaß ein recht derbes Antlitz.

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So kennt man Bach. Ob er wirklich so aussah?
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Das ist die Gesichtsrekonstruktion von 1894.
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Und das die Rechner-Simulation von heute.

Noch ein Einschub: Autostadt Eisenach

Eisenach ist seit 1896 auch ein Standort der Autoindustrie. Die damals auf der grünen Wiese gegründete Fahrzeugfabrik begann zwar mit der Produktion von Fahrrädern, doch schon zwei Jahre später wurde der erste Wartburg-Motorwagen gebaut, als Lizenzprodukt des französischen Unternehmens Decauville. 1904 wurden die Autos auf "Dixi" umbenannt, ab 1922 fertigte man einen kleinen Austin unter diesem Namen in Lizenz. 1928 stieg BMW ein und baute die ersten Autos der Marke in Eisenach.

Nach dem Zweiten Weltkrieg baute man im nunmehr enteigneten und in den Sowjet-Konzern Autowelo integrierten Werk unter der Marke EMW ("Eisenacher Motoren-Werke") bis 1955 Vorkriegs-BMW wie die Modelle 321, 328 und – als Weiterentwicklung des 326 – den 340. Danach wechselte man auf eine in der DDR entwickelte viertürige Zweitakt-Limousine: den Wartburg. 

1990, also nach der Wende, baute Opel eine Fertigung auf, produzierte den Astra, den Corsa und aktuell den Kleinwagen Adam am Fuße der Wartburg.

Dritte Station: Erfurt

Zurück zu Martin Luther. Weiter geht die Reise nach Erfurt, der Stadt, in der Luther von 1501 bis 1511 lebte. Heute ist Erfurt Thüringens Landeshauptstadt und hat 210.000 Einwohner – darunter sehr viele junge, die an der Universität studieren.

Erfurt ist nicht nur viel größer als Eisenach, sondern auch völlig anders: lebhaft, quirlig, mit einer faszinierenden Innenstadt voller Restaurants, Gasthäuser und Bars, die fast schon weltstädtisch anmuten. Und mittendrin die Orte, die an den großen Reformator erinnern, der hier seine Studienjahre verbrachte.

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Die Krämerbrücke mit ihrer durchgehenden Fachwerk-Bebauung.
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Abhängen an der Gera gleich bei der Krämerbrücke.
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Der Erfurter Dom und die Severikirche.

Erfurt nennt sich heute "Luthers geistige Heimat". 1513 soll er gesagt haben: "Die Erfurter Universität ist meine Mutter, der ich alles verdanke."

In den erhaltenen Universitätsmatrikeln für das Sommersemester 1501 lässt sich heute noch lesen: "Martinus Ludher ex Mansfelt" – vermutlich der erste schriftliche Beleg aus Luthers Leben. Bis 1505 ist er Student der "Sieben Freien Künste" an der so genannten Artistenfakultät, während dieser Zeit besuchte er vermutlich auch die Michaeliskirche, die für die Studenten dieser Uni die Universitätskirche war. 1505 schließt er sein Studium als Magister Artium ab und besucht Vorlesungen in der Juristenschule.

Während eines Gewitters am 2. Juli 1505 kommt dann die Wende in seinem Leben. In Todesangst gelobt er, Mönch zu werden. Tritt als Novize ins Kloster der Augustiner-Eremiten ein und beginnt seine theologische Ausbildung. 1507 wird er zum Diakon geweiht, im selben Jahr noch zum Priester. Bis 1511 besucht er theologische Vorlesungen im Dom, reist nach Rom – und entscheidet sich schlussendlich, von Erfurt nach Wittenberg zu übersiedeln – wo er 1517 seine 95 Thesen an der Schlosskirche anbringt.

Der junge Luther hätte sicher auch heute seine Freude an Erfurt gehabt. Und vieles, das Luther sah, ist auch in unserer Zeit noch zu sehen. Flanierer kommen auf ihre Kosten. Besonders auf und um die Krämerbrücke.

Man könnte die Reise auf diesem Königsweg der Kultur noch viel weiter fortsetzen. Weimar, eine knappe halbe Autostunde entfernt, böte sich an – die Stadt der Klassiker, in der Goethe und Schiller, aber auch Luther (zeitweise) wirkten. Oder etwas weiter, Leipzig, wiederum mit starkem Luther- und Bach-Bezug. Und natürlich Wittenberg – wo die Reformation ihren wirklichen Ausgangspunkt hatte. Aber das heben wir uns für ein anderes Mal auf.

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