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© Mike Hill
© Mike Hill
September 2015

Roll over Botswana

Unterwegs im Rollstuhl zu den wilden Wassern Afrikas. Von Botswanas sumpfigem Okavango-Delta nach Simbabwe zu den donnernden Victoria Fällen des Sambesi.

Nacht für Nacht der gleiche Traum. Von einem Fluss, der hoch in den Bergen Afrikas entspringt, der ohne das Meer zu erreichen im Wüstensand versiegt. In seinem Sterben schafft er Leben am Rand der Kalahari: das Okavango-Delta.

Der Himmel brennt tiefrot, der Wald ist still. Das Lagerfeuer wirkt hypnotisierend, aus dem Küchenzelt dringt würziger Bratgeruch, der prickelnde Gin Tonic aus dem Metallbecher gibt der Stunde einen verwegen-romantischen Touch – bis zu diesem markerschütternden Gebrüll: einmal, zweimal, und nochmal. Danach Flüstern: „Lion! Male!“

Wahnsinn! Wir campieren ohne schützenden Zaun in der Wildnis und da draußen schleicht gerade ein schlecht aufgelegter Löwen-Macho herum. Hat mich der sandige Lagerplatz auf der kleinen Lichtung anfangs noch an die Kritzendorfer Au erinnert, so ist mir jetzt klar: Ich bin da. Angekommen in meinem ewigen Traum von Afrika im Busch von Botswana.

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Safari im Okavango-Delta

Mit der Dunkelheit mehren sich knackende Geräusche. Gänsehaut! Bin ich denn völlig übergeschnappt? Was treibt mich, dass ich, querschnittgelähmt, im Rollstuhl nach Afrika reise und, damit nicht genug, auch noch zwei Nächte im Zelt übernachte? Teco, unser Guide, hier im Okavango-Delta aufgewachsen, scheint meine Zweifel zu spüren: “Don’t worry! Was immer heute Nacht im Lager passiert: Bleib ruhig, bleib im Zelt, da bist du sicher. Leuchte ja nicht mit der Lampe hinaus, genieße es – oder schlaf einfach weiter.“

In Botswana habe ich den gelähmten Körper unter mir vergessen und nur den Moment genossen.

Samuel Koch, querschnittgelähmter Schauspieler

Schlafen? Wie denn? Ich fahre hoch. Ein Schleifen oben auf dem Zeltdach, dann hinter mir, jetzt links auf Höhe des Ohrs. Schnaufen, Knarren, Knacken. Was ist das? Durch das Moskitonetz erkenne ich schemenhaft: Ein Elefantenbulle beschnuppert tapsig mit dem Rüssel mein Zelt, bricht Äste vom Baum daneben ab, zermalmt sie genüsslich. Mit kehligem Knarren scheint er zu kommunizieren, denn von weitem kommt Antwort. Ich spüre das Adrenalin, wage kaum zu atmen. Nach einer gefühlten Halben Stunde trollt sich der Dickhäuter, nicht ohne einen Haufen elefantöser Kotkugeln zu hinterlassen – Afrika unplugged. Mit pochendem Herzen, aber breitem Grinsen schlafe ich ein – glücklich.

Glücklich, weil intensive Naturerlebnisse seit meiner Querschnittlähmung rar geworden sind. Afrika im Rollstuhl hielt ich für nicht machbar. Bis mir Heike begegnete: In Südafrika aufgewachsen, leitet sie in Deutschland das Afrika-Reisebüro Elangeni. Ich bin wie elektrisiert, als sie mir von ihrem gemeinsamen Botswana-Trip mit Samuel Koch erzählt. Samuel, der junge Sportler, der bei “Wetten dass…“ so schwer verunglückt und seither vom Hals abwärts gelähmt ist. “Wenn er das kann, dann...“, schießt es mir durch den Kopf. Und wenn ich das kann, dann...

“Jeder kann das, wenn er will!“, lächelt Heike. Sie erzählt von Mike Hill, dem Partner vor Ort in Botswanas Safari-Geschäft. Erzählt, dass Mike vor langer Zeit einen Rollstuhlfahrer, der mit ihm ins Okavango-Delta wollte, im Hotel zurücklassen musste. Ein Schlüsselerlebnis, das seine Welt massiv verändern sollte.

Mike Hill und sein Afrika für Alle

Ich treffe Mike Hill in unserem Lager in Xakanaxa im nördlichen Delta, spüre in jedem Wort, jeder Geste Passion und Charisma. Ein Mann mit der Vision von absoluter Integration, der weiß, dass er Afrika nicht barrierefrei machen kann, es auch nicht will. Ein Mann, der Spuren nicht in der Natur, sondern in den Köpfen hinterlässt. Zelte mit Nasszellen, Duschrollstühle, mobile Rampen, Safari-Trucks mit Hebebühnen und viel Improvisationsgeist sind seine Helfer. So hat Mike ein Afrika für alle geschaffen, nennt es fortan “Inclusive Tourism“, wo Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam reisen. Prominentester Klient bisher: Stephen Hawking, das an als ALS erkrankte Physik-Genie. 

“Knock, Knock!“ Weckruf im Morgengrauen. Heißes Wasser wird gebracht. Es ist kalt, acht Grad. Also heute nur Katzenwäsche. Sonnenaufgang in Fleece-Jacke und langer Unterhose darunter. Es riecht nach Holzfeuer. Kaffeekannen stecken in der Glut, Pfadfinder-Feeling. Ein frecher Vogel, ein Hornbill, hüpft herum, wartet nur, dass ein Stück von meinem Toast für ihn abfällt. Die Stimmen klingen heiser. Gesprächsthema: die Besucher der letzten Nacht. Die Küchen-Crew berichtet, dass auch ein Leopard ums Lager schlich und dass eine Hyäne Eier gestohlen hat.

Teco setzt den speckigen Lederhut auf, drängt zum Aufbruch: Es wird langsam heiß. Per Hebebühne hievt er mich samt Rollstuhl auf den Truck – los geht’s. Über tiefsandige Pisten, durch meterhohes Buschgras und Furten. Jetzt, nach der Regenzeit, sind die Flussdurchfahrten noch tief, das Wasser unheimlich schwarz. Was darin wohl alles lauert? Geschickt manövriert Teco den offenen, erhöht aufgebauten Allradler durch das Delta. “Dieses Jahr hatten wir viel Pula, darum ist alles noch so grün“, erzählt er. Pula? Ein besonderes Wort im Sprachschatz Botswanas: Es bedeutet Regen. Und weil Regen so wertvoll ist, wurde auch gleich die Landeswährung danach benannt. Und sogar beim Zuprosten sagt man...? Erraten. “Pula!“

Das grüne Afrika ist grandios: das Buschgras riecht nach Salbei, Giraffen-Hälse ragen aus den Bäumen, Elefanten brechen urplötzlich aus dem Dickicht und in übervollen Wasserläufen treiben Nilpferde mit weit aufgerissenen Mäulern ihre groben Spielchen. Der dominante Bulle hat uns entdeckt, warnt uns mit rotierenden Pinselohren und aggressivem Grunzen, ein Sound wie der einer rostigen Autohupe. Hippos sind extrem revierbezogen, ein Eindringen in ihre "Comfort Zone“ würde einen wuchtig-entschlossenen Angriff provozieren. Sogar die Erzfeinde, riesige Nilkrokodile, halten Respektabstand zu den fülligen Großmäulern.

Impalas, Pavianhorden, Wasserböcke, Zebras – das tierische Afrika läuft uns in Scharen über den Weg, alles, nur keine Raubkatzen. Plötzlich eine Löwenspur. Sie führt nach Dead Island, einer unheimlich bizarren Landschaft aus abgestorbenen Bäumen und riesigen Termitenhügeln. Unser Jagdinstinkt ist geweckt. Das Jagen ist zwar in Botswana längst verboten. Aber unsere Waffen knallen nicht, töten nicht – sie schießen nur Fotos.

Teco stoppt den Truck. Ein junger Elefantenbulle läuft auf uns zu. Wir setzen zurück. “He is in Musth!“ flüstert Teco ehrfürchtig. Die “Musth“ ist quasi die Pubertät. Vollgepumpt mit Testosteron kommt dieser Bulle bedrohlich nah, ehe er dann doch abdreht. Der massige Körper trieft, riecht streng.

Schnell wird es dunkel, wir brechen ab, fahren zurück, der Löwe muss warten. Am Lagerfeuer kündigt Big Mama, die Küchenchefin, das Dinner an: Kudu-Steak, pikantes Curry-Hendl, Reis, vegetarische Nudeln, Karamel-Pudding, Obstsalat, dazu Shiraz aus Südafrika. Sensationell, was Big Mama auf der Feuerstelle aus den Pfannen zaubert.

Es ist früher Nachmittag, als ich mich nach langer Fahrt, einen Gin Tonic in der Hand, müde in den weichen Ledersessel sinken lasse. Gin Tonic gilt unter Afrikareisenden als Prophylaxe, als Medizin. Die Savute Safari Lodge als Luxus­oase: im afrikanischen Ethno-Design, barrierefrei (nur im Bad fehlen Haltegriffe) und vor allem nachhaltig. So bekommen wir gleich bei der Ankunft Alu-Wasser­flaschen geschenkt, denn Plastik gilt hier als “No go“. Die Atmosphäre ist elegant, entspannt und exklusiv. Exklusiv wie Botswana selbst. Kein Massentourismus, sondern Qualität ist das Credo im sichersten Land Afrikas.

Am Wasserloch vor der Dinner-Terrasse ist ein Kommen und Gehen: Wie Models auf dem Catwalk erscheinen die Elefanten. Führt da jemand Regie? In Botswana lebt die größte Elefantenpopulation Afrikas, in der Hochsaison (Juni bis September) stehen sie zu Hunderten an den Wasserlöchern. Und noch eine Besonderheit: Hier gibt es einen launischen Fluss, den Savute Channel. Als der Missionar und Afrikaforscher David Livingstone 1851 vorbeizog, war er noch am Fließen. Immer wieder verschwindet das Wasser für Jahre, oft Jahrzehnte. Derzeit fließt er wieder und füllt den Savute Marsh mit Leben.

Botswana_2015_09_MIkeHill_CMS_48.jpg  Mike Hill © Mike Hill
Busch-Camp in Okavango-Delta.
Botswana_2015_09_MIkeHill_CMS_60.jpg  Mike Hill © Mike Hill
Busch-Pool der Savute Safari Logde.
Botswana_2015_09_MIkeHill_CMS_63.jpg  Mike Hill © Mike Hill
Busch-Komfort in der Chobe Game Lodge.

Zeichen und Spuren: Schlammlöcher, gefällte Bäume, Vandalenakte der Elefanten. Löwenfährten und Schleifspuren, die von finalen Überlebenskämpfen zeugen, und Skelette: Knochen von Büffeln, Zebras und Gnus; von Raubkatzen abgenagt, von Geiern und Hyänen verstreut, ausgebleicht durch die unbarmherzige Sonne. Alles Vergängliche wird im Busch zu Nährstoff, den Müll hat erst der Mensch erfunden. Auch er hat Spuren hinterlassen. Oben auf einem Hügel Felszeichnungen: Von wilden Tieren, wie sie die Buschmänner vor Tausenden von Jahren sahen und wie es sie heute noch gibt.

Der Weg hinauf zu den Felsen ist nur für die Gehfähigen der Gruppe möglich. Aber Teco winkt entschieden ab. Eine Löwin mit zwei Jungen soll sich auf dem Hügel aufhalten. Eine Begegnung wäre, O-Ton Teco, “not nice!“

Plötzlich Warnschreie, Impalas in Aufruhr. Dort! Bewegung im braunen Gras: ein Leopard! Ganz auf die Beute fokussiert schleicht die Raubkatze auf die Herde zu, nimmt von uns keine Notiz. Die Impalas flüchten auf Kommando. Heute kein “Kill“ für den gefleckten Räuber. 

Der frühe Abend taucht das Land in weiches, gelbes Licht. Fast alle Tiere der Savanne sind nun zu sehen. Mittendrin die Partymacher: Warzenschweine, die gerade eine Herde Wasserböcke durcheinanderwirbeln. Aber mit schwindendem Licht beginnen sich die Dinge zu verändern. Arten rotten sich zusammen. Zebras, Gnus, Gazellen sammeln sich zu Hunderten im dornig-dichten Busch. Es gilt die Nacht zu überleben.

Christiane Stolhofer: Austria in Afrika

Zwei Tage später. Es ist wärmer im Norden Botswanas. Chobe ist Grenzgebiet im Vierländereck zwischen Namibia, Sambia, Simbabwe und Botswana. Nach Tagen in der Wildnis wieder Dörfer, Menschen, Autos. Wir fahren auf einer Asphalt­straße, den malerisch mäandernden Grenzfluss entlang. Wir sehen viele riesige, alte Bäume: Schirmakazien, Baobabs und den immergrünen Pod Mahogany. Den Lieblingsbaum von Christiane Stolhofer, der österreichischen Künstlerin aus Gmunden, die in Botswanas Safari-Hauptstadt Maun lebt. Ich habe sie besucht und sie hat mir von der Natur hier oben vorgeschwärmt. Christiane ist in Gmunden aufgewachsen, kam in den 1970er-Jahren als Krankenschwester nach Afrika. Reiner Zufall, sagt sie heute: “Hätte man mich nach Indien geschickt, wäre ich vielleicht heute noch dort.“

Ein Stein, den ihr ein afrikanischer Bildhauer zum Bearbeiten bringt, entpuppt sich als Sprengstoff. Christiane krempelt ihr Leben um, bleibt als bildende Künstlerin in Afrika, spezialisiert sich auf die traditionelle afrikanische Kunst der Holzbildhauerei. Ihr Werkmaterial, Harthölzer und die Inspiration für ihre Arbeiten sucht und findet sie im Busch.

Botswana_2015_09_DSCF1589_CMS.jpg  August Kargl © August Kargl
Muster.
Botswana_2015_09_DSCF1590_CMS.jpg  August Kargl © August Kargl
Muße.
Botswana_2015_09_DSCF1592_CMS.jpg  August Kargl © August Kargl
Meisterstück.

An einer Uferböschung Botswanas außergewöhnlichste Unterkunft – die Chobe Game Lodge. In den 1960er-Jahren im türkischem Stil erbaut, ist die Lodge heute die einzige innerhalb des Nationalparks. Die Wege sind stufenlos, aber manchmal steil. Ich brauche Schiebehilfe. Und so stoße ich auf Albert: blauer Overall, strahlendes Zahnpasta-Lächeln, 63 Jahre alt. Faktotum und wandelndes Geschichtenbuch. Er hat diese Lodge als junger Mann mit erbaut, ist als Hausarbeiter hier geblieben. Albert erinnert sich gut an die vielen Begegnungen mit Berühmtheiten, die einst hier logierten, weiß heute noch die Nummern ihrer Suiten. Herzchirurg Christian Barnard etwa wohnte auf 413. Und Elizabeth Taylor und Richard Burton verbrachten ihren wilden zweiten Honeymoon auf 210. Die Ehe hielt zwar nur wenige Monate, doch das Bild der beiden hängt noch heute in der Hotelbar.

Ich rolle über das Herzstück der Anlage, den Boardwalk. Beobachte bei Rooibostee und Apfelkuchen, wie Elefantenkühe und Jungtiere im Wasser plantschen. Auf die andere Flussseite wagen sie sich nur bei Nacht, denn drüben im Caprivi-Streifen von Namibia droht Gefahr, dort werden sie immer noch gejagt.

Und als ein frecher Affe blitzschnell meinen Kuchen stiehlt, eine Horde Erdmännchen keifend über die Wiese wuselt, während das "hoteleigene“ Warzenschwein friedlich am Pool schläft, frage ich mich, ob mein Dauer­grinsen jemals wieder aufhören wird.

Rauchschwaden ganz nah. Niemanden scheint das zu kümmern. Also nippe ich gelassen an der Tasse Earl Grey, nasche krachend Chilli-Cashews, lausche den Klängen des Klaviers aus dem Salon. Genussvoll inhaliere ich den Hauch von Merry Olde England. Und bedaure zutiefst, dass es im Victoria Falls Hotel zwar Rampen, aber keine geeigneten Zimmer für Rollifahrer gibt. Aber der Ausblick von der Terrasse des ehrwürdigen Hauses ist dramatisch: hinüber auf die dampfende Sambesi-Schlucht und die Eisenbahnbrücke hinüber nach Sambia.

Meine Kleidung ist immer noch feucht, denn ich komme gerade von dort drüben – aus dem donnerenden Rauch, der himmelhohen Gischt der weltberühmten Wasserfälle, die ihr Entdecker, David Livingstone, voller Euphorie nach seiner Königin Victoria benannt hat. Und so endet meine Reise, wie sie begann – an einem Fluss. Als dann die sinkende Sonne einen kitschigen Regenbogen in die Szene malt, denke ich erstmals an daheim. Will endlich erzählen, was ich nun nicht mehr träumen muss: dass ich Afrika im Rollstuhl bereist habe.

Botswana barrierefrei

Mike Hill führt heute seine eigene Agentur (www.endeavour-safaris.com). Er hat die Art des Reisens verändert, nennt es “Inclusive Tourism“, wo Gesunde und Menschen mit Handicap gemeinsam unterwegs sind, zum gleichen Preis. Heike van Staden vom deutschen Afrika-Spezialisten Elangeni (www.elangeni.de) teilt diese Philosophie. Gemeinsam bilden sie die Nord-Süd-Achse des barrierefreien Tourismus für Reisen ins südliche Afrika. Viele Lodges in Botswana sind dank Mike und Heike heute barrierefrei.

Alle Infos und Buchungen bei den Reisebüros des ÖAMTC und unter Tel. 0810 120 120.

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