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Ganz drüber: Aussicht am Peyto Lake, Banff National Park, Alberta.

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Ganz drüber: Aussicht am Peyto Lake, Banff National Park, Alberta.

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November 2016

Das weite Land

Von den Niagarafällen zu den Rocky Mountains und an den Pazifik: zwei Wochen durch Kanada, den zweitgrößten Staat des Planeten. 

Kanada ist nicht zu fassen. Das Land ist 120 Mal so groß wie Österreich, hat aber nur viermal so viele Einwohner, die Vorfahren in mehr als 80 anderen Ländern der Welt haben. Der Trans-Canada Highway führt 7.800 Kilometer vom Atlantik an den Pazifik, das ist 26 Mal die Strecke Salzburg–Wien.

Wo soll man da anfangen? Mit den grandiosen Rocky Mountains, in denen türkisfarben schimmernde Seen, majestätische Bergriesen und scheinbar endlose Wälder warten, durch die Grizzlybären und Elche streifen? Oder doch lieber mit faszinierenden Städten wie dem aufstrebenden Toronto, dem frankophonen Montréal oder der Pazifik-Boomtown Vancouver, das Wien den ersten Platz in den Ranglisten der Städte mit der höchsten Lebensqualität streitig macht?

Beginnen wir besser mit Felicitas Dusbaba, mit der ich an diesem warmen, sonnigen Oktobertag mit einem Ausflugsboot zu den "Tausend Inseln" im Sankt-Lorenz-Strom hinausfahre. Schon hat der Herbst die Ahornblätter gelb und rot gefärbt. Ein milder Wind streichelt das Wasser, das den wilden Absturz über die Niagarafälle schon hinter sich hat und nun dem Atlantik entgegengleitet.

"Gesucht habe ich vor allem Freiheit, weniger Zwänge", sagt Felicitas, die als junge Frau aus Deutschland nach Montréal gekommen ist. "Aber sicher war es auch jugendliche Albernheit. Wenn mein Vater zornig war, sagte er immer: Ich gehe Holz hacken nach Kanada." Felicitas heiratete (einen Ex-Österreicher), Kanada wurde für sie wie für viele andere zur Erfolgsgeschichte. "Das Land hat sich phänomenal entwickelt", sagt Felicitas stolz. 2017 feiert ihre Heimat ihren 150. Gründungstag. 

Zu den Niagarafällen fahren wir gemeinsam. Die touristische Totalnutzung hat den 53 Meter hohen Absturz des Sankt-Lorenz-Stroms zwischen Erie- und Ontariosee zu einer Art Natur-Disneyland gemacht. Der Attraktivität des gigantischen Schauspieles aus Wasser, Dampf und Licht hat das allerdings nicht geschadet. Ich gebe mir die volle Niagara-Dröhnung, fahre am offenen Schiffsdeck der "Hornblower" hinein in die tosenden Wassermassen. Nass werden gehört zu diesem Spaß dazu.

Etwas mehr als 100 Euro kostet es, das Naturwunder für einige Minuten aus dem Helikopter zu bestaunen. Das vergisst man ein Leben lang nicht, garantiert. Anschließend führt mich Felicitas in das nahe Weinbaugebiet zu einer Verkostung aus. Wir spazieren durch die schmucke, wohlhabende Kleinstadt Niagara-on-the-Lake, erste Hauptstadt des einstigen Oberkanadas. Und gehen auf einen Espresso, der wie zu Hause schmeckt. So schön kann das Leben sein.

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Überflieger in Niagara

Auf in die Wildnis!

Wie viele andere Reisende, die nicht Monate, sondern nur etwa zwei Wochen Zeit für eine Kanada-Tour haben, nehme ich für über drei Stunden das Flugzeug, um möglichst rasch über den sogenannten Brotkorb, die riesigen Getreidefelder Ontarios und Manitobas, von den Attraktionen im Osten in den Wilden Westen zu kommen. Calgary, das Tor zu den Rocky Mountains, verdankt Reichtum und Glitzer-Wolkenkratzer dem Ölsand und anderen Schätzen, die in der kalten Erde lagern. Der Preisverfall sorgt allerdings bei den Öl-Cowboys derzeit für Krisenstimmung und Entlassungswellen.

Aber ich will nicht zu viel über Ökonomie grübeln, mich locken Wildnis und Nationalparks. Schon wenige Kilometer außerhalb der City beginnt das Reich der Bären. Auf Schritt und Tritt muss man hier als Wanderer oder auch nur bei einem Picknick mit einer Begegnung rechnen. Max, der Felicitas als Begleitung abgelöst hat, weiß, was zu tun wäre: Nur in Gruppen gehen, Bären-Pfefferspray mitnehmen und richtig einsetzen, Lärm machen, das Essen verpacken und nicht davonlaufen (der Bär ist immer schneller). In der sommerlichen Hochsaison kommt es regelmäßig zu Verkehrsstaus ("Bearjams"), wenn sich die Tiere den Touristen entlang der Highways zeigen. Aussteigen aus dem Auto ist lebensgefährlich. Viele tun es trotzdem, um später mit einem Handyfoto angeben zu können.

Wo sind die Grizzlybären?

Banff ist ein gemütlicher Touristenort inmitten einer fantastischen Gebirgslandschaft. Max und ich nehmen die Seilbahn auf den Sulphur Mountain und genießen die Aussicht. In den "Rockies" sind, anders als in den Alpen, auch die Talböden von Nadelwald bedeckt, große Teile sind menschenleer. Am nächsten Tag fahren wir den Icefield Parkway hinauf, der über zwei Pässe hinüber nach Jasper führt – eine der schönsten Gebirgsstraßen der Welt, die einzigartige Aussichtspunkte berührt. Etwa jenen am Lake Louise mit atemberaubender Aussicht auf See und Victoria-Gletscher. Das vom Österreicher Gregor Resch geführte, luxuriöse Fairmont-Hotel dominiert das Seeufer. Hier ist man selten alleine, Touristengruppen aus aller Welt bevölkern das Seeufer. 

Doch die Wildnis ist da. Sie ist nur wenige Schritte von den Bus-Trampelpfaden entfernt. Das Columbia Icefield kann ich mit einem Amphibien-Fahrzeug erkunden, das auch ein Stück auf den Gletscher hinauffährt. Auch hier hat man dem Trend zur Inszenierung der Berge nachgegeben und eine neue Aussichtsplattform hoch über dem Tal errichtet. Jasper ist ein Mekka für Wanderer und Sportler: Wir fahren zum Maligne Lake, einem der schönsten Seen Kanadas. In der Nähe des Parkplatzes kann es bei gutem Wetter laut sein, aber ein Großteil des Ufers ist nur zu Fuß oder per Boot erreichbar. Auch hier sind sie überall, die Elche und Grizzlybären. Aber leider (oder zum Glück?) nicht heute.

Von Jasper nach Vancouver an den Pazifischen Ozean sind es satte 800 Kilometer, die man mit dem Auto bzw. Bus oder – nobler und spektakulärer – mit dem Aussichtszug "Rocky Mountaineer" zurücklegen kann. Ich gestehe, dass ich Vancouver liebe. Das Meer mit seinen Orcas vor der Kulisse der Küstengebirge. Die Halbinsel mit Wolkenkratzern, Gentry-Vierteln und großzügigen Parks. Und die Menschen mit Vorfahren aus vielen Ländern der Welt, die ein Miteinander versuchen. Dieser Mix macht Vancouver zu einer der lebenswertesten Städte der Welt. Da kann man schon verzeihen, dass es sechs Monate im Jahr praktisch durchregnet. Doch ohne Regen kein Regenwald, wie ich ihn im Capilano Canyon in North Vancouver von einer berühmten Hängebrücke bestaunen kann.

Ganz in dessen Nähe, am Rand der Stadt Victoria, findet sich in einem Park ein kleines Denkmal. Es zeigt einen jungen Mann mit einem künstlichen Bein. Gleich daneben markiert eine Tafel "Mile Zero", den ersten von 7.800 Kilometern des Trans-Canada Highways, der von hier bis nach Neufundland verläuft. Terry Fox ist in Kanada ein Nationalheld. Nachdem er an Knochenkrebs erkrankt war und ein Bein verloren hatte, beschloss er trotz der Prothese in einem „Marathon der Hoffnung“ quer durch Kanada zu laufen und damit Geld für die Krebsforschung zu sammeln. Er schaffte genau 5.373 Kilometer, dann musste er aufgeben und starb ein Jahr später.  

Ich muss die Fähre zurück ans Festland erreichen. An Deck schaue ich den Wellen und der über dem Pazifik sinkenden Sonne zu. Die Leistung von Terry Fox und die Dimensionen Kanadas, beide sprengen jede Vorstellungskraft, sind einfach nicht zu fassen. Schade, dass es morgen wieder zurück nach Europa geht.

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