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Alles einsteigen! Vom Zentrum aus bringen einen die Linien 1, 2 und 14 nach Plagwitz.

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Alles einsteigen! Vom Zentrum aus bringen einen die Linien 1, 2 und 14 nach Plagwitz.

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August 2016

Ist Leipzig das neue Berlin?

Ein Streifzug in das pulsierende Szeneviertel Plagwitz bringt Aufschluss.

Was fällt ihnen zu Leipzig ein? Allerlei. Nicht nur das Leipziger Allerlei, ein Gemüsegericht, das hier original mit Flusskrebsen serviert wird. Klar, die Innenstadt, die ist schön herausgeputzt und damit das klassische Touri-Programm für einen Wochenend-Trip. Doch glauben Sie mir: Viel spannender ist die Vorstadt. Fahren sie doch mit den Straßenbahnlinien 1 oder 2 vom Zentrum bis Holbeinstraße in das junge Leipzig, das im grünen Westen, in Plagwitz, aufblüht, und stellen Sie sich auf die stählerne Könneritzbrücke: Unter Ihnen bevölkern wieder Paddelboote die Weiße Elster, seit die Industrie abgezogen ist. 

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Die Fabriken an den Ufern sind fast alle noch da, sie sind mustergültig restauriert und werden heute mit Werkstätten und Ateliers bespielt. Direkt an der Könneritzbrücke  eine Villa in Schönbrunner Gelb mit herrschaftlichem Park: Hier residierte einst Karl Heine. Er war vor 150 Jahren so etwas wie ein früher Immobilienentwickler, der das Bauerndorf Plagwitz zum gefragten Produktionsstandort machte.

Gleich bei der riesigen Kammgarn-Spinnerei mit ihrer zweigeschoßig den Fluss überspannenden Brücke zweigt der nach seinem Erbauer benannte Karl-Heine-Kanal von der Weißen Elster ab. Hier treffen sich Radler, Skater und Müßiggänger in hippen Lokalen wie dem Stelzenhaus oder gegenüber im Kaiserbad, um mit Blick aufs Wasser beim regionalen Craft Beer oder einem Fläschchen Lipz abzuhängen. Lipz? Die Bio-Limo mit dem alten Namen Leipzigs schmeckt super (besonders Stachelbeere oder Rhabarber) und ist nicht zu süß. Ina Thyrolf hat sie mir empfohlen. Auf ihrer kulinarischen Plagwitz-Tour (www.eat-the-world.com/leipzig) mit Kostproben in sieben alternativen Lokalen schildert sie die Wandlung vom Arbeiterviertel zum Szene­bezirk.

Nach so einer kulinarischen Tour sollten Sie einenVerdauungsspaziergang einplanen. Ich rate Ihnen dafür, die Karl Heine-Straße stadtauswärts zu gehen (wenn Sie mich nicht verraten: Sie können auch mit der Linie 14 bis zur Endstation, S-Bahn Plagwitz, fahren). So kommen Sie nach einer guten Viertelstunde in die Spinnereistraße 7. Was Sie dort machen? Staunen!

Denn dort ist aus einem riesigen Baumwollspinnerei-Komplex ein ebenso riesiges Kunst-Werk geworden, in dem über 100 Künstler subventionsfrei werken – von unbekannten Grafikern bis hin zu Deutschlands Maler-Superstar Neo Rauch. Sehen Sie ihnen zu und lassen Sie sich ruhig durch das faszinierende Szenario treiben.

Nach so einer ausgiebigen Ladung Alternativ-Kultur empfehle ich Ihnen als Ausgleich einen stinknormalen Stadtbummel. Fahren Sie mit der Linie 14 wieder zurück ins Zentrum, steigen Sie beim Goerdeler Ring aus und marschieren Sie schnurstracks durch das futuristische Einkaufszentrum "Höfe am Brühl". Nicht dass ich Sie jetzt zum Shoppen schicken will – aber quer durch diese Kaufrausch-Arkaden kommen Sie direkt zum Alten Rathaus.

Nun sind Sie mitten im schick renovierten Leipzig. Schlendern Sie zur Thomaskirche, in der Johann Sebastian Bach wirkte, werfen Sie einen Blick in die Mädler-Passage (Grimmaische Straße/Neumarkt). Hier stand bis 1912 Auerbachs Hof. Ja, richtig, Sie kennen ja Auerbachs Keller aus Goethes Faust – auf den beruft sich ein Restaurant in der 142 Meter langen viergeschoßigen Passage seit über 100 Jahren. Vor allem bei Japanern ist es sehr beliebt.

Gehen Sie aber auch die paar Schritte zur Nikolaikirche an der Nikolaistraße, treten Sie ein in den evangelisch-lutherischen Sakralbau und halten Sie inne: Sie befinden sich am Ausgangspunkt der friedlichen Revolution von 1989. Im September vor 27 Jahren entwickelten sich aus den hier stattfindenden Friedensgebeten die Montagsdemos – und die Glocken dieser Kirche läuteten das Ende der DDR ein.

Haben Sie genug von der Altstadt? Und vielleicht gar wieder Appetit? Dann kann ich Ihnen ein ganz spezielles Restaurant empfehlen – zufälligerweise wieder in Plagwitz. Setzen Sie sich wieder in die Linie 14 und fahren Sie nochmals die Karl Heine-Straße entlang. Steigen Sie an der Haltestelle Gießerstraße aus und gehen Sie besagte Straße etwa 300 Meter in Richtung Süden.

Lassen Sie sich nicht von der etwas abgerockten Umgebung, ein paar Punks am Gehsteig und teilweise devastierter Industriearchitektur verunsichern – sie sind am rechten Weg. Sie erleben eine Leipziger Institution abseits des kulinarischen Mainstream: den Chinabrenner in der ehemaligen Metallgießerei der Kirow-Werke.

Keine Angst, hier bekommen Sie keine Glutamatbomben serviert – ganz im Gegenteil. Thomas Wrobel, ein ehemaliger Designstudent und Weltenbummler, den es 1993 erstmals nach China verschlagen hatte, lernte in Chengdu, dem Zentrum der Sichuan-Küche, kochen. Gesund kochen. Mit enormer Hitze und unzähligen Gewürzen. Und immer möglichst authentisch. Ich kann Ihnen – so komisch das nun auch klingt –  die Stelze empfehlen. Doch das "Eisbein nach Art des Dichters Su Dong Po" hat rein gar nichts mit unserem knusprigen Schweinshaxen zu tun: Denn die kocht Wrobel stundenlang in einem Sud aus Sojasauce, Anis, Fenchel und Zimt. Bis sie so zart ist, dass sie mit der Gabel zerteilt werden kann.

Leipzig Chinabrenner_3058_CMS.jpg  Kurt Zeillinger © Kurt Zeillinger
Chinabrenners Gastgarten am Abend.
Leipzig Chinabrenner_4176_CMS.jpg  Kurt Zeillinger © Kurt Zeillinger
Links oben: das butterweiche Zimt-Eisbein.
Leipzig Chinabrenner_3054_CMS.jpg  Kurt Zeillinger © Kurt Zeillinger
Des Autors Favorit: Pikantes Huhn mit Erdnüssen.

Während Sie mit der Linie 14 wieder ins Zentrum tuckern, können Sie meine eingangs in der Überschrift gestellte Frage ja für sich beantworten. Was ich dazu meine, ob Leipzig nun das neue Berlin sei? Ja und Nein. Nein vor allem deshalb, weil mir die Stadt doch zu wenig kosmopolitisch erscheint – und eine Weltmetropole kann sie mit ihrer halben Million Einwohner auch nicht wirklich sein.

Andererseits haben Teile Leipzigs genau das an sich, was in den frühen Nach-Wende-Jahren Berlins Charme ausmachte: Dass junge Menschen in die Stadt kommen, um sich niederzulassen und ihre Träume zu verwirklichen. Das Mikroklima dafür ist in Plagwitz genauso gut geeignet wie einst in Prenzlauer Berg oder Kreuzberg: Es herrscht eine neue Gründerzeit, und alles scheint möglich.

Das macht Leipzig auch für Besucher so spannend. Ganz gleich, ob Sie nun mit dem Flieger anreisen, mit der Bahn oder – wie viele junge Leute heute – mit dem Fernbus: Vergessen Sie nicht, festes Schuhwerk mitzunehmen, wenn Sie sich auf Leipzig – und speziell auf Plagwitz – einlassen. Viel Spass!

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