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August 2015

Einmal um den See herum

Lohnend und durchaus zu schaffen: 27 Kilometer von St. Wolfgang bis St. Wolfgang an einem Tag.

Dann und wann bedarf es auch für einen, der gern spazieren geht und ab und zu an Wochenenden ein, zwei Stunden wandert, einer wirklichen Herausforderung. Eines Zieles, das anvisiert wird und dessen Erreichen das wohlige Gefühl bringt, etwas für Kadaver und Kondition getan zu haben. So ein Ziel war, den 27 Kilometer langen Weg rund um den Wolfgangsee an einem Tag zu bewältigen. Länger am Stück ging ich zuvor noch nie.

Warum gerade der Wolfgangsee? Am Anfang stand die Faszination für alte Eisenbahnstrecken, auf denen längst kein Zug mehr fährt, deren Schienen schon seit ewigen Zeiten abgebaut sind – die aber noch genau erkennen lassen, dass da einmal Lokomotiven, vorzugsweise Dampfloks, ihre Waggons zogen. Genau dieser Faszination erlag ich in Triest, wo ich unbedingt den auf einer ehemaligen Bahntrasse angelegten Cottur-Radweg befahren musste.

An den Wolfgangsee brachte mich ein Bildband über die legendäre Schmalspurbahn, die von 1893 bis 1957 durch die Bilderbuch-Landschaft hier fuhr: die Salzkammergut-Lokalbahn, viel besungen ("Zwischen Salzburg und Bad Ischl pfeift a kloane liabe Eisenbahn"), oft verfilmt ("Kaiserball" mit Rudolf Prack und Hans Moser). Sie fuhr das Südufer des Sees entlang, von St. Gilgen bis Strobl, und ihre Trasse ist heute ein Rad- und Wanderweg. Das Buch gehörte Radiolegende Reinhard Mildner, meinem allererstem Chef, als ich bei Ö3 mein Berufsleben begann. Eisenbahnfreak und passionierter Fernwanderer war er schon damals und ist er es auch heute – im Unruhestand – noch immer. "Warum umrunden wir nicht den See“, fragte er mich, "das ist an einem Tag machbar."

Wir saßen über der Wanderkarte, sahen uns das Höhenprofil an und konstatierten: Es gibt ein einziges Steilstück, das sollten wir gleich morgens hinter uns bringen, denn danach geht es nur noch brettleben dahin.

Gesagt, getan: Wir gingen strategisch vor, buchten zwei Nächte im Landhaus zu Appesbach auf einer kleinen Anhöhe am Ortsanfang von St. Wolfgang und starteten bei bedecktem Himmel um neun Uhr früh.

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Und los geht's

Zuerst geht es zum Friedhof, dort ein Stück bergab zum See und an ihm entlang an der Schiffsstation und am Weißen Rössl vorbei durchs Ortszentrum. Die Pfarrkirche mit ihren berühmten Altären von Schwanthaler und Pracher lassen wir links liegen, hinter dem Hotel Cortisen queren wir die Trasse der Schafbergbahn, marschieren weiter westwärts auf verkehrsberuhigten kleinen Straßen in den Ortsteil Ried. Welch ein Idyll dort, vor allem als die Sonne herauskommt: Schmucke Bauernhäuser mit praller Blütenpracht an den Fensterbänken und Balkonen, mit Gästezimmern abseits des Touristenstroms und direktem Seezugang. Beim Marterl am Ende des Dorfs ein letzter Blick hinunter auf den See, ehe es schräg rechts die Anhöhe hinauf geht. Erst moderat, dann immer steiler durch den Wald. Mountainbiker mit Wadeln, die an Keulen erinnern, überholen uns, die müssen topfit sein! Es ist der Weg der Wallfahrer hinauf zur Falkensteinkirche, die auf 717 Meter Höhe und damit fast 200 Meter über dem See liegt. Bis dorthin geht es an vielen Stationen vorbei, die über uralte Kultstätten, christliche Missionierung und die Einsiedelei bei der Kirche Aufschluss geben. Auch über den "Waxweichen Stein", auf dem der Heilige Wolfgang seine Abdrücke hinterlassen haben soll.

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1 Wallfahrtskapelle und Einsiedelei Falkenstein. © Kurt Zeillinger

2 Verdiente Rast an der Kapelle. © Kurt Zeillinger

3 Ausblick vom Weg hinunter nach Fürberg. © Kurt Zeillinger

Für den Abstecher zur Felswand mit dem spektakulären Seeblick hinunter haben wir keine Zeit, noch ein paar anstrengende Höhenmeter liegen vor uns – und dann geht’s endlich bergab. Steil bergab. Bis auf halber Höhe smaragdgrün die Bucht von Fürberg durch den Wald schimmert.

Wir sind wieder am See, knapp zwei Stunden unterwegs und beschließen, im Gasthof Fürberg die erste Pause zu machen. Sitzen direkt am See, genießen den Blick aufs ankommende Linienschiff und ein großes Soda Zitron.

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Der Gasthof Fürberg.
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Gastgarten an der Schiffsstation.
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Nach einer kurzen Rast geht es weiter.

Kaum ausgetrunken, drängt Reinhard zum Aufbruch. Was nun folgt, ist einer der Höhepunkte der Strecke: Der Fürbergweg führt am See entlang zwischen Abhang und Wasser, teilweise unter schrägen Bouldering-Traversen hindurch mit Blick nach St. Gilgen und seine Pfarrkirche.

Zehn Minuten später mundet der Weg in ein Motiv wie aus einer alten Ansichtskarte: Entrückt von Raum und Zeit scheint plötzlich eine Ansammlung aus fünf alten Bauernhäusern aus der zum See hin offenen Wiese herauszuwachsen. Wir sind in Brunnwinkl, einer völlig verkehrsfreien (selbst Radfahren ist hier nicht erlaubt) Bucht. Das alles ist so versteckt, dass es weder vom Schiff aus noch von der Straße gesehen werden kann.

Mittendrin in dem Idyll eine uralte Linde mit einem Sitzbankerl drumherum. Hier saß wohl einst als Sommerfrischler Karl von Frisch, dessen Familie das Anwesen gehörte, beobachtetend, wie die St. Gilgener seine Bienen zählten, die er zuvor mit Farbtupfern kennzeichnete. Mit solchen Aktionen ergründete er die Sprache der Bienen, die sich in Brunnwinkl wegen der absoluten Ruhelage sehr wohl fühlten. In St. Gilgen hieß es 1973, als ihm für seine Forschungen der Nobelpreis verliehen wurde,  dieser gebühre eigentlich allen Ortsbewohnern.

Wie nun weiter? Immer am See entlang. Zwanzig Minuten später erreichen wir St. Gilgen und sind wieder mitten im Leben. Am Wohnhaus der Maria Anna Mozart vorbeikommend steuern wir zielstrebig die Konditorei Dallmann an, es ist mittlerweile Mittag und es ist ziemlich schwül. Eine Cremeschnitte bringt Stärkung. Wir blättern noch im Fotoalbum, das Deutschlands Altkanzler Helmut Kohl gewidmet ist, der hier seine Urlaube verbrachte und die eigens für ihn geschaffene Kanzlertorte genoss, eine Komposition aus dunklem und weißem Schokomousse und Himbeeren. Verführerisch, doch wir müssen aufbrechen.

Wolken ziehen auf – hoffentlich bleibt es trocken. Wo die Straße am See zum einspurigen Weg wird, sind sie erstmals zu sehen, die fürs Salzkammergut so typischen Bootshäuser. Manche pur wie anno dazumal, manche ausgebaut zu tollen Ferienwohnsitzen. "Jetzt sind wir bereits auf der Bahntrasse", macht Reinhard mich aufmerksam. Und plötzlich ein riesiger Gründerzeit-Bau, früher Kinder-Ferienhort, noch früher Hotel, und noch viel viel früher Brauerei mit Ausflugsgaststätte. Und, bis 1957: Station der Salzburger Lokalbahn, wie eine Tafel am Weg erinnert. Ein Jahr nach unserer Wanderung wurde die Holzfassade violett eingefärbt, Gregor Bloeb gab hier den Sigismund Sülzheimer in einer poppig-fetzigen Neuverfilmung des Weißen Rössls. Wir blicken über den See, sind jetzt genau auf der Höhe der Felswand hinter der Falkensteinkirche.

Der Weg führt nun asphaltiert immer geradeaus zwischen See und Straße, und er scheint für uns immer härter zu werden, weil er von Kilometer zu Kilometer eintöniger wird. Aber da müssen wir durch.

Angenehmer, weil abwechslungsreicher wird es erst dort, wo sich die riesige Landzunge in Abersee auftut: Beim Seegasthof Gamsjaga biegen wir links ab in Richtung der vielen Campingplätze, immer der alten Trasse nach, die hier sogar ausgeschildert ist.

Wir passieren die dem Ort gegenüberliegende alte Bahnstation St. Wolfgang, überqueren den Zinkenbach, durchschreiten flotten Schritts blühende Wiesen und erreichen irgendwann einmal Strobl.

Es gewittert, wir suchen Unterstand und finden ihn für eine Stunde in einem Wirtshaus. Meine Wadeln schmerzen, eine Blase am rechten Fuß nervt, und Reinhard gibt das Zeichen zum Aufbruch. Am See entlang, links in einen Park und schließlich am Fuße des Bürglstein-Felsens auf einer Art kinderwagengerechtem Steig – unter uns peitscht das Wasser im See. Über eine Wiese in Richtung Straße und an dieser in Richtung St. Wolfgang: Um 16 Uhr haben wir den See umrundet, wir sind wieder am Ausgangspunkt, dem Landhaus zu Appesbach.

Es ist geschafft!

Das Fazit der Tour: Knapp 27 Kilometer bei wechselndem Wetter von Sonnenschein bis Gewitter in acht Stunden und 17 Minuten absolviert, davon fünf Stunden 16 Minuten gegangen und drei Stunden und eine Minute pausiert – nicht zuletzt des Gewitters wegen. Laut Pulsuhr-Hochrechnung über 2.500 Kalorien verbrannt, eine geplatzte Blase am Fuß und Schmerzen in den Beinen – zwei Tage lang.

Aber das Gefühl, ein – persönlich – hoch gestecktes Ziel erreicht zu haben, gibt dir Berge.

Apropos: Morgen geht’s hinauf auf den Schafberg – aber mit der Zahnradbahn.

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