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Februar 2020

Woking on Sunshine

Werksbesuch in Woking. Und McLarens deutscher Formel-1-Teamchef Andreas Seidl im Exklusiv-Talk.

Grautöne, gigantisch geschwungene Glasfronten, Geschichte im Gegenlicht. Ein glitzernder See und Kraniche im Steigflug. Eine entrückte Hightech-Welt. So anders als die beschaulich-britischen Ortschaften. Das McLaren Technology Centre in Woking steht auch optisch für Vision und Innovation. Eine Formel-1-Schmiede im Design des Star-Architekten Norman Foster, der Gebäude und Gewässer in Form des chinesischen Yin-Yang-Symbols vereint hat.

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Entrückte, gläserne High-Tech-Welt in der Grafschaft Surrey südlich von London. Das McLaren Technology Centre in Woking, Meisterstück des Londoner Star-Architekten Sir Norman Foster.

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Der Name ist Kult: McLaren ist das zweiterfolgreichste Team der Formel-1-Geschichte – mit zwölf Fahrer-Weltmeisterschaften und acht Konstrukteurs-Titeln. Die Fabrik in Woking ist auch Pilgerstätte für Motor-affine Besucher. Mit leuchtenden Augen bummeln sie den Boulevard entlang.

Vorbei an den "Papayas", nostalgischen Rennern in Orange wie der "Guillotine", Formel-1-Bolide des Firmengründers Bruce McLaren von 1969 mit abenteuerlich hoch montiertem zweiten Frontflügel, oder dem Can Am M8D von Denis Hulme aus den 1970ern. Tragischer Hintergrund: Im bau­gleichen Auto verunglückte Bruce McLaren in Goodwood tödlich.

Auch das legendäre 1976er-Auto von James Hunt ist da. Und die TAG-Turbos von Niki Lauda und Alain Prost. Daneben Sennas dominanter 1988er-McLaren-Honda, der 15 von 16 Rennen gewann. Am Schluss die silberfarbene Mercedes-Ära von Mika Häkkinen und David Coulthard bis hin zum MP4-24, das Auto, in dem Lewis Hamilton 2008 in der letzten Kurve von São Paulo den bislang letzten Titel für McLaren einfuhr.

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Putztag in den Trophy Cabinets. Der große "Häfn" links war für den Sieger von Watkins Glen 1976 – James Hunt.

Es riecht nach Politur. Heute ist Putztag in den Trophy Cabinets, den mit Pokalen gerammelt vollen Vitrinen. Hier ist der Spirit des einstigen Team-Prinzipals Ron Dennis deutlich spürbar, der seine Fahrer zur Abgabe all ihrer Sieges-Trophäen verpflichtete.

Lässige Jeans, schwarzes Hemd und Sneakers. Lächelnd, mit bayerischem Akzent, empfängt uns der neue McLaren-Chef, Andreas Seidl. Freudig erzählt er: "Heute wird unser neuer Motor befeuert!" Im Race Bay, der klinisch weißen Montage-Halle, läuft der 2020er-Hybridantrieb zum ersten Mal im neuen Chassis. Fotografieren verboten!

Andreas Seidl will McLaren wieder zurück an die Spitze führen. Grund zum Jubeln gab's bereits im Vorjahr. Best of the Rest: Platz vier in der Konstrukteurs-WM und im Grand Prix von Brasilien das lang ersehnte Podium.

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Begegnung in Woking. McLaren-Teamchef Andreas Seidl empfängt uns in lässigen Jeans und Sneakers.

Wie tickt Andreas Seidl? "Ich bin ein Kind der Schumacher-Ära, wollte aber nie Rennfahrer werden. Mein Traum war, einmal als Ingenieur in Monaco in der Start­aufstellung zu stehen."

Andreas studiert Ma­schinenbau, nur um in den Motorsport zu kommen. Noch als Student bietet ihm Mario Theissen ein Praktikum bei BMW im Bereich Formel 1 an. Daraus werden zehn Jahre. Anfangs in der Motorenentwicklung, später als Leiter des Rennteams. 2009 dann der Schock: BMW steigt aus! "Wenn du über längere Zeit Teil des Formel-1-Zirkus bist, fällt es schwer, so plötzlich aufzuhören."

Es folgen Jahre im GT-Sport auf der Nordschleife des Nürburgrings. Danach leitet Andreas Seidl den DTM-Einstieg von BMW. Schon im ersten Jahr werden sie Meister.

Irgendwann kommt ein Anruf aus Weissach: Porsche braucht ihn, sie bauen von null weg ein LMP1-Projekt auf. Seidl geht mit Porsche nach Le Mans, drei Siege. Das verschafft Respekt. 2018 in Le Mans auch der erste Kontakt mit Zak Brown, dem McLaren-CEO. Zak fragt, ob sich Andreas vorstellen könnte, mit dem Formel-1-Team von McLaren einen Neuanfang zu starten. Klar kann er! Diese Chance ist zu verlockend.

Breakfast at McLarens

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Der Chef schenkt ein. Frei nach der Devise: "Zuerst wird gefrühstückt!"
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Andreas Seidl ist angekommen, in der Formel 1 und im Chef-Sessel von McLaren.
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Bevor es los geht mit dem Interview, noch einmal kurz die Fragen checken.

– Teamchef bei McLaren, was war der Reiz?

Andreas Seidl: Ich bin ein Racer, ein Wettbewerbs-Typ, für mich war immer klar, dass ich für die richtige Möglichkeit unbedingt wieder in die Formel 1 zurückkehren möchte, nachdem ich meine ersten 10 Berufsjahre mit BMW dort verbracht habe. Als mich McLaren zum ersten Mal 2018 in Le Mans kontaktiert hatte, war es für mich einfach verlockend, Teil dieses Teams mit dieser großartigen Historie zu sein. Und gleichzeitig als Teamchef einen Neuanfang mitzugestalten. 

– Wie ist das zustande gekommen? Haben Sie sich beworben?

Andreas Seidl: Die Formel 1 lebt oft in ihrer eigenen Blase, aber durch das erfolgreiche Porsche-Projekt wurde McLaren auf mich aufmerksam. Zak Brown hat mich 2018 gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Ich hab Ja gesagt. McLaren ist ein super Team mit extrem talentierten Mitarbeitern und enormer Leidenschaft. Es war immer schon mein Ziel, große Motorsport-Operationen zu leiten. Mir taugt es, Mitarbeiter davon zu überzeugen, dass man mit mir und als Team etwas erreichen kann.

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Der Bayer Andreas Seidl wollte unbedingt wieder in die Formel 1 zurück. Teil von McLaren zu sein, dem zweiterfolgreichsten Team der Formel-1-Geschichte, war einfach zu verlockend.

– Was war für Sie persönlich schlussendlich ausschlaggebend?

Andreas Seidl: Schon nach den ersten Gesprächen mit Zak Brown, dem CEO von McLaren, und den Besitzern des Teams habe ich gespürt, wie engagiert und begeistert sie waren. Eine Begeisterung, wieder in dieses Traditions-Team zu investieren und die Vision zu leben, wieder an die Spitze der Formel 1 zurückkehren. Somit war die Entscheidung für mich klar. Und was mich täglich morgens aus dem Bett treibt, ist, Teil dieser neuen Ära bei McLaren zu sein.

– War der Reiz vielleicht höher, weil McLaren in den letzten Jahren tief in der Krise steckte?

Andreas Seidl: Nein! Nicht die vergangenen Schwierigkeiten. Der eigentliche Reiz ist, Teil des zweiterfolgreichsten Teams in der Formel 1 zu sein. Klar ist es vom Timing her für mich eine riesige Möglichkeit, nach schwierigen Jahren jetzt meinen Beitrag zu leisten, auch meinen Stil reinzubringen.

– Was ist Ihr Stil?

Andreas Seidl: Das Wichtigste war für mich, mit einer klaren Struktur an den Start zu gehen, die ich gleich zu Beginn installiert habe. Ich bin ein Fan von traditionellen Motorsport-Strukturen: einfach verständlich, sodass jeder im Team weiß, wie Berichterstattungs-Wege und die Kommunikation laufen. Ich habe drei Bereiche installiert, die an mich berichten: Die technische Entwicklung unter der Leitung von James Key, die Produktion unter der Leitung von Piers Thynne, und der dritte große Bereich ist das Rennteam unter Andrea Stella. Das war ein wichtiger Schritt, weil in den vergangen Jahren dem Team die Klarheit in der Führung gefehlt hat. Es gab viele Wechsel und keine Stabilität.

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Zwei, die sich verstehen: Teamchef Andreas Seidl und CEO Zak Brown.

– Wie lebt es sich eigentlich als Bayer in Britannien?

Andreas Seidl: Meine Familie lebt weiter in Deutschland, die Kinder gehen dort zur Schule. Ich pendle hin und her. Der Job ist ja nicht gerade familienfreundlich, aber sie kennen es nicht anders. Und es gibt auch in England gutes Essen und gute Biere (lacht). Ich hatte auch nie Probleme, mich in einem neuen Umfeld zurechtzufinden. Im Gegenteil, es macht mir sogar großen Spaß.

– Ist es wahr, dass vor Ihrer Zeit hier in Woking Überstunden mit Schokoriegeln abgegolten wurden? 

Andreas Seidl: Da war ich nicht dabei. Deshalb kann ich das nicht kommentieren. Als ich im Vorjahr am 1. Mai gekommen bin, habe ich ein super Team vorgefunden mit talentierten, hoch motivierten Mitarbeitern. 

– Wieso erfolgte der Einstieg erst im Mai?

Andreas Seidl: Nach meinem Ausstieg bei Porsche galt es natürlich Kündigungsfristen und Sperrzeiten einzuhalten. 

– An welchen Rädern mussten Sie zuerst drehen?

Andreas Seidl: Es gibt noch Defizite im Bereich Infrastruktur. So bauen wir unter anderem einen neuen Windkanal in Woking. Seit vielen Jahren nützen wir den Windkanal von Toyota in Köln. Schon wegen der Distanz ist das ein Nachteil gegenüber den Top-Teams. Und dann die Frage der Power Unit: Ich bin froh, sagen zu dürfen, dass wir ab 2021 mit Mercedes-Motoren starten. Mercedes ist Benchmark in dieser Hybrid-Ära. Deshalb war es unser Ziel, den gleichen Motor im Heck zu haben, der auch das Weltmeister-Team antreibt. 

– Mit wem wurde der Motoren-Deal ausgehandelt und wie lange soll er gehen? 

Andreas Seidl: Die Gespräche fanden direkt mit Toto Wolff und dem Geschäftsführer von Brixworth, Andy Cowell, statt. So eine Vereinbarung macht auch nur Sinn, wenn sie längerfristig gilt. 

– Und wann kommt der neue Windkanal?

Andreas Seidl: Das ist ein längerfristiges Projekt. Gleichzeitig ist es aber nicht nur für unser Team, sondern auch für die Außenwirkung ein deutliches Zeichen, dass es die Eigentümer ernst meinen, wieder den Anschluss zur Spitze zu schaffen. Es gibt aber auch noch andere Themen, wie etwa einen neuen Fahr-Simulator, den wir im Laufe dieses Jahres installieren werden. 

– Ist es nicht schade, dass Porsche nun nicht in die Formel 1 kommt? McLaren hatte historisch gesehen mit zwei Motoren die größten Erfolge: Porsche und Honda.

Andreas Seidl: Grundsätzlich würde es der Formel 1 gut tun, wenn noch weitere Motoren-Hersteller dazukommen würden. Aufgrund der aktuellen Lage der Autoindustrie und der hohen Investitionen, die notwendig wären, um den Rückstand aufzuholen, den jeder Einsteiger gegenüber den etablierten Herstellern hätte, ist es keine einfache Entscheidung für potenzielle Hersteller.  

– Apropos Honda – woran mag es gelegen haben, dass die Zusammenarbeit mit Honda nicht funktioniert hat?

Andreas Seidl: Auch hier gilt: Ich war nicht dabei und kann mich deshalb dazu nicht äußern. Wichtig ist, nach vorne zu schauen und sich auf die Zukunft zu konzentrieren. 

– Heißt nach vorne auch, dass die Zusammenarbeit mit Fernando Alonso nun endgültig vorbei ist?

Andreas Seidl: Ja. Das ist nicht gegen Fernando gerichtet. Aber ein wesentlicher Grund für die Erfolge von 2019 sind unsere beiden Fahrer Lando Norris und Carlos Sainz, die einen tollen Job gemacht haben. Beide sind noch jung, beide haben das Potenzial zum Top-Piloten. Der ganze Fokus des Teams liegt daher auf diesen beiden. Wir wollen ihnen so viel Zeit wie nur möglich geben: im Simulator und bei den ohnehin limitierten Tests.

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Der so wichtige Erfolg: Der dritte Platz von Carlos Sainz im Grand Prix von Brasilien 2019.

– Kam der Podiumsplatz in Brasilien überraschend? 

Andreas Seidl: Der dritte Platz in Brasilien war das i-Tüpfelchen auf eine sehr erfolgreiche Saison. Für mich aber war viel wichtiger, dass wir mit diesem Podium den 4. Platz in der Konstrukteurs-WM eingefahren haben. Ein Platz, der reflektiert, wo unser Team im letzten Jahr gestanden ist. Den haben wir uns über die Saison hart erarbeitet. Nicht zu vergessen: Viele bei uns im Team haben eine sehr harte Zeit hinter sich. Junge Leute, noch nie eine Podiums-Platzierung miterlebt haben. Somit war es mir wichtig, diesen Erfolg mit dem gesamten Team zu feiern. Auch wenn das Podium ein wenig glücklich war. 

– Wo sind die Ziele für heuer? Immerhin haben wir heuer eine Übergangs-Saison vor einer Reglement-Änderung. 

Andreas Seidl: Das erklärte Ziel für 2020 ist wieder der vierte Platz. Weil der Abstand zu den drei Top-Teams einfach zu groß ist. Diese drei haben über viele Jahren einen besseren Job gemacht. Also haben wir noch einen langen Weg vor uns. Zusätzlich haben diese Teams um so viel mehr Budget, dass wir dort im Moment nicht mitspielen können. Aber wir haben über den Winter viel Energie aufgewendet, um 2020 den nächsten Schritt machen zu können, mit dem Auto, aber auch als Team. 

So arbeiten wir derzeit hart an unseren Defiziten: an der Haltbarkeit des Autos, an den Boxen-Stopps. Klar ist auch, dass wir die Reglement-Änderung ab 2021 brauchen. Die Budget-Obergrenze von 175 Millionen Dollar ist noch immer zu hoch, aber eine Chance, in Zukunft auf dem Level der Top-Teams zu operieren. Wenn wir uns weiterentwickeln plus neuem Motor und besserer Infrastruktur, denke ich, könnten wir ab 2023 um Siege mitfahren.

– Einmal noch zurück zum Windkanal. So eine neue Unit muss man auch verstehen, beherrschen. Müsst ihr dazu noch Personal einkaufen?

Andreas Seidl: Wir haben gute Leute an Bord, samt jeder Menge Know-how. Ich glaube nicht, dass wir Hilfe von außen brauchen werden. Wenn wir Abläufe und Infrastruktur auf den Letztstand bringen, haben wir alles im Haus, was wir brauchen. 

– Sie haben Fußball gespielt, waren Mannschaftssportler. Funktioniert der Spirit des Mannschafts-Geistes überhaupt in der Formel 1?

Andreas Seidl: Ich war früher Libero und Spielführer bei einem Dorf-Verein (schmunzelt). Heute kann ich sagen: Erfolg im Fußball wie im Motorsport ist immer das Ergebnis einer gewaltigen Teamleistung. Es ist wichtig, dass wir für jeden Mitarbeiter den richtigen Platz finden, sodass er seine Talente richtig anwenden kann. Und jeder soll mit Spaß zur Arbeit gehen und wertgeschätzt werden für seinen Beitrag, den er leistet. 

– Woher kommt diese Philosophie?

Andreas Seidl: Ich hatte in meiner Laufbahn das Glück immer Chefs zu haben, die mir Freiheit gegeben haben. Und so konnte ich Tag für Tag zeigen, was ich kann. Und das versuche ich meinen Führungskräften vorzuleben. Engstirniges Denken ist absolut kontraproduktiv. Mir ist wichtig, dass wir eine Kultur der Offenheit im Team haben und keine Kultur der Schuldzuweisung. Ich mag auch keine Politik. Sondern dass wir lernen, mit Fehlern offen umzugehen und offen darüber zu sprechen. Und dass wir jedes Scheitern an einem Rennwochenende als Chance nützen. 

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Der McLaren-Teamchef ist total happy mit seinem Fahrern. So wie mit Carlos Sainz in Singapur.

– Man sagt: Formel-1-Fahrer sind oft schwierig im Umgang. Wie ist Ihre Erfahrung?

Andreas Seidl: Im Moment, nach dem Neuanfang bei McLaren, ist die Situation nicht anders als bei Porsche im Endurance Racing. Wir haben zwei junge Fahrer, die verstehen: Wenn sie dem Team helfen, ist das ihre Chance, in Zukunft um Siege zu kämpfen. Sie verstehen auch, dass sie sich im Zweikampf gegeneinander zurücknehmen müssen. Dass es im Moment nicht um das Match zwischen ihnen geht. Mir ist aber schon klar: Je weiter vorne wir mitfahren werden, umso mehr Konkurrenz-Kampf wird dann auch zwischen den beiden sein.

–  … aber Formel-1-Piloten ticken schon anders, oder?

Andreas Seidl: Je stärker Fahrer in der Öffentlichkeit stehen, umso mehr müssen sie sich da wieder rausziehen, um sich auf ihren Sport zu fokussieren. Ihr Job ist, Erfolge abzuliefern. Im Rallyesport oder im Endurance Racing ist die Aufmerksamkeit weitaus geringer. Dadurch ist es möglich, sich mehr zu öffnen, mehr Zugang zu den Fans zu haben. Stell dir vor, wir würden den Formel-1-Paddock aufmachen. Ich wäre auch ein großer Fan davon. Aber Superstars wie ein Lewis Hamilton oder Sebastian Vettel könnten sich nicht mehr bewegen. 

– Wer sind Ihrer Meinung nach die Formel-1-Fahrer der Zukunft?

Andreas Seidl: Lando und Carlos haben beide ein großes Potenzial. Aber wirklich beeindruckend ist Max Verstappen. Was der in seinem jungen Alter schon abgeliefert hat, mit dem richtigen Mix aus Aggressivität und gleichzeitig dem Fahren auf Resultate!

– … nicht Charles Leclerc?

Andreas Seidl: Bei Charles ist es zu früh, etwas zu sagen. Er hat bewiesen, dass er ein riesiges Talent ist. Aber es bedarf mehrerer Saisonen, um zu zeigen, dass man die Konstanz hat, um ein Großer zu werden; und das hat Max schon bewiesen. 

Gesprächs-Kultur

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1 Während des Interviews war Andreas Seidl sehr entspannt, … © Erich Reismann

2 … dazwischen gab es auch einiges zu lachen. Doch am Ende… © Erich Reismann

3 … war der Deutsche wieder voll fokussiert, auf die Zukunft und die großen Ziele. © Erich Reismann

– Sie haben zuvor Endurance Racing erwähnt. Die Hersteller sind aus der WEC, der Langstrecken-WM, ausgestiegen und in die Formel E gegangen. Ist Elektromobilität die Zukunft, ist vielleicht sogar die Formel E die zukünftige Formel 1?

Andreas Seidl: Ich bin überzeugt, dass es über eine lange Zeit noch Verbrennungsmotoren geben wird, vermutlich in Verbindung mit einem Hybrid-Antrieb. Es gibt Themen, wie etwa synthetischer Kraftstoff, die wir auch in der Formel 1 diskutieren. Was ein guter nächster Schritt sein könnte, der auch einen Nutzen für die Serienfahrzeuge bringen würde. 

– Motorsport ist mit vielen Reisen verbunden, wie geht es Ihnen damit? 

Andreas Seidl: Für mich ist Reisen ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ein Teil, den ich auch sehr genieße an diesem Job. Meine Lieblingsrennen sind Australien, Monaco und Montreal. Eigentlich alle traditionellen Rennstrecken. Mein Lieblingsplatz ist aber ganz nah: der Bayerische Wald (lacht). Ich schätze die Landschaft dort, die Art der Leute und diese Ruhe. 

– Wie steht es um die eigene Fitness?

Andreas Seidl: Die kommt definitiv zu kurz. Ich fahr gerne mit dem Mountainbike, wenn ich Zeit habe, aber das ist immer zu wenig. Wenn ich meinen jährlichen Fitness-Check absolviere, dann sagen die Ärzte: Für einen untrainierten Menschen sei ich gar nicht schlecht (grinst).

Der Pionier ist mit am Tisch

Andreas Seidl_McLAREN_SEIDLAndreas_er153.jpg Erich Reismann © Erich Reismann
Der Spirit von Bruce McLaren ist omnipräsent. Das Konterfei des Pioniers und Firmengründers steht auf dem Schreibtisch von Teamchef Andreas Seidl.

– Ist Ihrer Generation Bruce McLaren noch ein Begriff?

Andreas Seidl: Aber natürlich! Das ist Bruce McLaren. (Andreas Seidl deutet auf ein Schwarzweiß-Bild auf seinem Schreibtisch.) Er ist der Gründer von McLaren. Ich hab schon Bücher über ihn gelesen. Er war einer der vielen Pioniere von damals. Beeindruckend, was diese Leute aus der Kraft ihrer Leidenschaft erreicht haben. 

– In Anlehnung an die alte Zeit der Formel 1 – wie stehen Sie zur der immer wieder verlangten Forderung „Let them race“?

Andreas Seidl: Das sehe ich von zwei Seiten. Die Regularien, die wir haben, sind nicht schlecht. Jeder weiß, woran er ist. Rennfahrer brauchen klare Regeln. Den Fahrern mehr zu erlauben und zu sagen, die Jungs sollen es untereinander an der Strecke ausmachen, ist nicht realistisch. Wenn wir die Fahrer da draußen aufeinander loslassen würden, wäre es gefährlich und die Aufregung noch lauter. Ich glaube, wir hatten im letzten Jahr einen super Sport mit drei Teams, die gewonnen haben, mehreren siegreichen Fahrern. Und die Plattform Formel 1 funktioniert, der Erfolg ist ungebrochen, die Fangemeinde ist weiter gewachsen. Das größte Problem ist momentan die Schere zwischen den drei Top-Teams und den restlichen Teams. Doch ich bin zuversichtlich, dass mit den Reglement-Änderungen ab 2021 – vor allem durch die Budget-Beschränkung – der Abstand kleiner werden wird. 

Die Welt von McLaren auf einen Blick

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