PenningerGS1_5712 Kopie_CMS.jpg  © Georg Schlosser
© Georg Schlosser
© Georg Schlosser
Juli 2016

Josef Penninger: Einstein 2.0

Unzählige Auszeichnungen bekam Gen-Spitzenforscher Josef Penninger verliehen. Zu seinen Forschungsleistungen zählen bahnbrechende Erkenntnisse für die Heilung von Knochenschwund und Brustkrebs.

Josef Penninger empfängt mich um 9.30 Uhr mit einem ganz speziellen Carpe Diem-Kaffeehäferl (siehe Fotoleiste unten) in der Hand. Wir sitzen inmitten einer Skyline aus wissenschaftlichen Texten, Skripten, Büchern und allerlei Wichtigem – und einem roten Sandsack. Das ist das Büro des Direktors des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften im dritten Bezirk in Wien. Seine Liste mit Auszeichnungen ist über zwei A4-Seiten lang. "Am Anfang ist es toll, alle Leute schauen auf einen." Aber wirklich wichtig ist dem führenden Krebsforscher der Welt die Zeit im Labor mit seinen Studenten. Und natürlich, kranken Menschen zu helfen.

Vor einigen Jahren fand er heraus, dass das "Rankl"-Protein verantwortlich ist für Knochenschwund und Osteoporose. Penningers aktuelle Entdeckung ist, dass "Rankl" auch bei genetisch bedingtem Brustkrebs der entscheidende Faktor für das Ausbrechen von Krebs ist. "Eine Brustkrebs-Prävention könnte nach diesen Ergebnissen möglich sein, weil es bereits ein zugelassenes Medikament gibt."

Werbung
PenningerGS1_5826 Kopie_CMS.jpg  Georg Schlosser © Georg Schlosser
Prof. Dr. Josef Penninger hat…
PenningerGS1_5835_1 Kopie_CMS.jpg  Georg Schlosser © Georg Schlosser
… im Jahr 2014 den…
PenningerGS1_5810 Kopie_CMS.jpg  Georg Schlosser © Georg Schlosser
… Wittgenstein-Preis erhalten.

Angelina Jolies radikaler Kampf gegen den Krebs ...

— Schauspielerin Angelina Jolie hat sich die Brüste abnehmen lassen – ist das die Lösung bei genetisch bedingtem Brustkrebs?

Josef Penninger:Vererbbarer Brustkrebs tritt nicht so häufig auf, aber wenn die Mutter oder die Tante daran erkrankt sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass man ihn auch bekommt. Es gibt verschiedene Mutationen – eine betrifft ein Gen mit dem Namen BRCA1 (BReast CAncer). Frauen mit einer Mutuation des BRCA1-Gens haben ein dramatisch hohes Lebenszeitrisiko für Brustkrebs bis zu 80 Prozent. Dazu kommt, dass der Krebs of in jüngeren Jahren und in einer sehr aggressiven Form auftritt. Ich kann verstehen, dass diese Frauen sich heute ihre Brüste amputieren lassen und das tun auch viele. Denn, wenn man das Gewebe rausnimmt, gibt es weniger Zellen, aus denen Krebs entstehen kann.

Zu den Hauptursachen von Brustkrebs zählen die Einnahme künstlicher Hormone und Umwelteinflüsse wie etwa Chemikalien.

Josef Penninger, Gen-Forscher

Wir betreiben am IMBA sehr intensiv Brustkrebs-Forschung – und werden auch dabei über ein amerikanisches Brustkrebs-Forschungsprogramm unterstützt. Wir haben 2010 entdeckt, dass die Einnahme künstlicher Sexualhormone Brustkrebs auslösen kann – über zwei Proteine des Knochenstoffwechsels namens "Rank" und "Rankl". Diese Proteine übersetzen die Information der Sexualhormone und senden den Brustzellen ein Signal, das diese zum Wachstum anregt. Überschießt das Signal jedoch, kann es zu unkontrolliertem Wuchern der Brustzellen kommen. Dieses Prinzip wirkt auch bei der Erkrankung an vererbbarem Brustkrebs. Wenn man aber das Signal abschaltet, kann das Ausbrechen von vererbbarem Brustkrebs in manchen Fällen völlig verhindert oder zumindest verzögert werden.

Eine Brustkrebs-Prävention mittels Rankl-Blockade könnte nach diesen Ergebnissen möglich sein. Es gibt bereits ein zugelassenes Medikament. Und dieses wird bereits erfolgreich von Brustkrebsspezialisten in Wien eingesetzt. Der nächste Schritt sind sorgfältige klinische Studien, um die Wirksamkeit beim Menschen zu bestätigen. Danach könnte jede Frau, die positiv auf eine BRCA1 Mutation getestet ist, das Medikament zur Prävention einnehmen, um ihr dramatisch erhöhtes Brustkrebsrisiko zu senken. Unter diesem Gesichtspunkt wären schwerwiegende Eingriffe, wie eine doppelte Brustamputation im Fall von Angelina Jolie, vermeidbar.

Meine große Vision: Faktoren finden, um Brustkrebs zu verzögern oder zu verhindern.

Prof. Dr. Josef Penninger, Gen-Forscher

Weniger Chemotherapie in der Zukunft

— Wie sieht die Zukunft der Krebstherapie aus?

Josef Penninger: Die Zukunft wird sein, dass – vielleicht im Jahr 2040 – jemand einen Tumor hat, man diesen herausnimmt und so die Krebsmasse verringert. Man wird die Mutationen finden, die dazu führen, dass die Krebszellen zu schnell wachsen oder zu langsam absterben, und dann wird man sie selektiv töten. Es wird viel weniger Chemotherapie benötigt, denn die Krebszellen werden verstärkt über ihre spezifischen Schwachstellen besiegt. Den Rest des Körpers lässt man großteils in Ruhe. Patienten haben dadurch zukünftig weniger Nebenwirkungen. Dem Immunsystem gibt man sozusagen einen Tritt in den Hintern. Es sollen nur gesunde Zellen übrig bleiben. Das wird wahrscheinlich die Zukunft der Therapie sein.

— Wie kann man dem Immunsystem sozusagen einen Tritt in den Hintern geben?

Josef Penninger: Es ist nicht nur wichtig zu wissen, wie der Tumor entsteht und wie man die Schwäche der Tumor-Zelle steuern kann, sondern dass man die Bremse des Immunsystems entdeckt. Das ist wie beim Auto. Das Immunsystem hat ein Gaspedal und wenn es zum Beispiel einen Virus sieht, dann reagiert es. Aber es braucht auch eine Bremse. Denn wenn es nur reagiert, dann kommt es ständig zu Entzündungen. Die Balance zwischen Bremsen und Gas geben, gilt es zu finden.

Vielleicht können wir einmal gegen Krebs impfen. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg.

Josef Penninger, Gen-Forscher

Das Immunsystem hält uns gesund – und wenn man die Bremse kennt, kann man sie blockieren und dieses Automobil-Immunsystem ständig fahren lassen. 

Die Erfahrungen der letzten Jahre in diesem Feld sind spektakulär. Es gibt zum Beispiel Kombinations-Immuntherapien, die in Österreich bereits zugelassen sind. Mit dem Ergebnis, dass 60 Prozent der Menschen mit Hautkrebs weiterleben. Vor ein paar Jahren war das noch das Todesurteil. Ich hätte damals nie gewagt zu sagen, dass wir eines Tages etwas in unserem Repertoire haben werden, mit dem wir Krebs heilbar machen können. Aber mit diesen neuen Immuntherapeutika ist es teilweise möglich. Die Therapie schlägt nur bei bestimmten Krebsarten an, aber es ist eine völlig neue Welt der Krebstherapie. Es gibt aber noch wahnsinnig viel zu tun.

Jeden Tag entstehen in unserem Körper eine Million an Krebszellen, die von unserem Immunsystem besiegt werden. Deswegen sitzen wir heute so gesund hier. 

Prof. Dr. Josef Penninger, Gen-Forscher

Renaissance der biologischen Wissenschaften

— Sie planen, ein Stammzellenforschungs-Zentrum in Wien einzurichten?

Josef Penninger: Ja. Wir möchten ein europäisches Stammzellenforschungs-Institut gründen und haben bereits Leute dafür. Mein Co-Direktor Jürgen Knoblich hat schon die ersten Mini-Gehirne aus Stammzellen gemacht.

— Mini-Gehirne?

Josef Penninger: Genau. In den letzten Jahren ist dieses Gebiet völlig explodiert. Wir können uns damit Erkrankungen wie Hirnkrebs anschauen und völlig neue Ansätze für Krebstherapien entwickeln. Was in letzter Zeit in den Lebenswissenschaften passiert ist, ist erstaunlich. In 500 Jahren werden die Leute zurückblicken und sagen: Das war die Renaissance der biologischen Wissenschaften! Wir können Stammzellen und kleine menschliche Gewebe machen, wir können Gene teilen und sehr schnell ihre Funktion erkennen. Ein anderes Beispiel: Jeder Mensch hat in etwa drei Milliarden genetische Buchstaben. Heute können wir diese an nur einem Nachmittag lesen. Das ermöglicht uns jetzt, Gene zu finden, die wichtig sind für Erkrankungen – wie für Krebs.

Das Institut für Molekulare Biotechnologie in Wien (IMBA) zählt mittlerweile 200 Mitarbeiter. Wir bilden heute bei weitem das größte Institut der Akademie der Wissenschaften.

Institut für Molekulare Biotechnologie

Prof. Dr. Josef Penninger, Leiter des IMBA

In der Traditionellen Chinesischen Medizin steckt viel Wissen

— Was halten Sie von Naturheilkunde?

Josef Penninger: Letztes Jahr hat die Chinesin Youyou Tu den Nobelpreis für ein Malaria-Medikament erhalten. Sie hat in 17 Jahrhunderte alten Texten der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) über eine bestimmte Pflanze gelesen, die bei Malaria hilft. Ich glaube, dass wir das Wissen dieser uralten Tradition nicht verlieren sollten. Vielleicht können wir es auch wieder zurückbringen. TCM ist im Krankenhaus genauso wichtig wie die westliche Medizin. Wenn ich zum Beispiel eine Lungenentzündung habe, dann brauche ich ein Antibiotikum. Aber wenn ich Schmerzen habe, dann kann man auch Akupunktur oder etwas anderes ausprobieren. Die Idee, dass man einen Arzt bezahlt, damit man nicht krank wird, finde ich eigentlich nicht so schlecht (lacht). Denn wir tun erst etwas, wenn wir krank sind. Von Homöopathie halte ich gar nichts (lacht). Ich bin ein Molekularer. Wenn es nichts gibt, kann es auch nicht wirken.

PenningerGS1_5740_1 Kopie_CMS.jpg Georg Schlosser

Mein Ziel ist es, Österreich in die Topliga der Forschung zu bringen.

© Georg Schlosser

Ich möchte die Welt verbessern

— Wollten Sie schon immer Forscher werden?

Josef Penninger: Naja. Ich wollte eigentlich Fußballer werden und weil ich es nicht geschafft habe, bin ich Forscher geworden (lacht). Ich habe übrigens kürzlich einen meiner Lebenswünsche erfüllt bekommen: Die österreichische Ärztenationalmannschaft hat mich gefragt, ob ich mitkicken möchte. Die letzten zehn Minuten holten sie mich aufs Feld. Es war einfach toll, für Österreich zu kicken.

— Wie sind Sie dann Forscher geworden?

Josef Penninger: Als Jugendlicher wollte ich die Welt verändern und Physiker und Mathematiker werden. In der Klasse war ich in Mathematik immer der Beste und in Deutsch der Schlechteste. Ich habe dann aber spontan begonnen, Medizin zu studieren. Ich saß im Stadtpark und hörte den Vögeln zu. Plötzlich wollte ich die Welt retten. Ich hatte mit 17 Jahren diese Eingabe und habe später spontan begonnen Medizin zu studieren. Eines Tages hat mich der bekannte Immunologe Georg Wick nach Innsbruck geholt. Er hat sehr viele Talente entdeckt und hat zu der Zeit gerade einen Studenten für ein Projekt gesucht. Er hat mich dann am Arm genommen und gesagt: "Am Montag fängst du an." Und so bin ich Wissenschaftler geworden. Ich konnte das logische Denken – hier lag schon immer meine Leidenschaft – verbinden mit meinem Wunsch, die Welt besser zu machen.

PenningerGS1_5895 Kopie_CMS.jpg  Georg Schlosser © Georg Schlosser
"Leider sitze ich zuviel im Büro."
PenningerGS1_5881_1 Kopie_CMS.jpg  Georg Schlosser © Georg Schlosser
"Ich schätze sehr die Zeit mit …
PenningerGS1_5867_1 Kopie_CMS.jpg  Georg Schlosser © Georg Schlosser
… meinen Studenten im Labor."

Meine Leidenschaft ist Fußball

— Wie bekommen Sie Ihren Kopf frei?

Josef Penninger: Mit Fußball! Ich kicke jeden Samstag. Das ist meine heilige Zeit. Ansonsten gehe ich joggen. Wenn ich auf Reisen bin, dann erkunde ich die Städte im Laufschritt. Früher habe ich wahnsinnig viel gelesen – etwa drei bis vier Bücher die Woche.

— Und welches Buch lesen Sie zur Zeit?

Josef Penninger:"Dictator" von Robert Harris. Es geht um Cicero, Caesar, Tiro – eine der interessantesten Zeiten in der Weltgeschichte.

— Können Sie auch am Sonntag faul auf der Couch sitzen?

Josef Penninger: Das kann ich auch. Meine Labrador-Hündin sitzt dann neben mir und ich schaue mir Fußball an.

— Verfolgten Sie als Fußball-Fan jedes Spiel der Europameisterschaft?

Josef Penninger: Klar! EM und WM sind immer Fixpunkte in meinem Leben. Auch wenn ich in Übersee bin, dann stehe ich notfalls um drei Uhr früh auf. Als Fan bin ich nach der Vorrunde schon völlig fertig. Kicker haben ja nur drei Spiele, aber ich habe bis zu vier am Tag (lacht).

Mein Beitrag zur Umwelt

— Wie sind Sie in Wien mobil?

Josef Penninger:Mein Toyota Prius Hybrid ist mein Beitrag zur Umwelt. Da ich im 13. Bezirk zu Hause bin, brauche ich ein Auto. Ich wollte mir eigentlich heuer einen Tesla kaufen, aber ich warte noch auf den Toyota Mirai. Auf Wasserstoff umzusteigen ist meine Vision, denn ein Elektroantrieb ist mir noch zu umweltschädlich. Selbstfahrende Wasserstoffautos, das wäre es (lacht). Das wäre ein schönes Zukunfts-Szenario: Ein selbstfahrendes Auto holt mich in der Früh ab, ich trinke gemütlich meinen Kaffee und lese die Zeitung.

Penninger_GS1_5671_1 CMS.jpg Georg Schlosser

Ich fahre einen Toyota Prius Hybrid. Ich würde aber gerne auf Wasserstoff umsteigen, denn ein Elektroantrieb ist mir noch immer zu umweltschädlich. 

© Georg Schlosser

Wittgenstein-Preisträger: Prof. Dr. Josef Penninger

  • Geboren am 5. September 1964 in Gurten (OÖ)  
  • Verheiratet, 3 Kinder  
  • Studierte Medizin an der Universität Innsbruck
  • ÖAMTC-Mitglied seit 2003  
  • Ernst-Jung-Preis (2007)  
  • 2 ERC (European Research Council) Advanced Grants (2008, 2013)  
  • Innovator Award (2012)  
  • Wittgenstein-Preis (2014), gilt als österreichischer Nobelpreis  
  • War bereits zweimal unter den Top 10 der meist zitierten Wissenschaftler weltweit  
  • Seit 2002 Leiter des IMBA (Institut für Molekulare Biotechnologie) Wien  

Kommentare (nur für registrierte Leser)