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März 2017

Franzobel: Das Handschuhfach

"Das Handschuhfach ist wie das Badezimmer eines Autos, äußerst intim und doch leicht zugänglich. Zeig mir dein Handschuhfach, und ich sage dir, wer du bist."

Eine Eigenart der an Regeln nicht gerade armen deutschen Sprache ist, dass bei zusammengesetzten Wörtern der erste Teil den zweiten spezifiziert: Der Kirschbaum ist ein Baum mit Kirschen, der Autoreifen ein Reifen vom Auto und das Badezimmer ein Zimmer fürs Sanitäre. Natürlich gibt es auch Ausnahmen wie zum Beispiel den Störenfried, der alles andere denn ein Friedensbringer ist. Der Rottweiler meint nur selten eine kleine Siedlung und die Nervensäge ist kein Werkzeug eines Neurologen. 

Wie aber steht es mit dem Handschuhfach? Erstens ist es lange schon kein Fach mehr, sondern eine Klappe, zweitens finden sich darin nur selten Handschuhe, die, seit es geschlossene Verdecke und Innenraumheizungen gibt, also zirka seit tausend Jahren, nicht mehr obligat sind. Viele Autofahrer verwahren daher in den Handschuhfächern Kaugummis oder Pfefferminzbonbons, um im Falle einer Kontrolle den eventuell alkoholgetränkten Atem zu maskieren. So als ob die amtsgewaltigen Organe nicht wüssten, dass es gerade der schneidende Pfefferminzodem ist, der den Lenker verdächtig macht. 

Sonst finden sich in Handschuhfächern gerne Eiskratzer, Straßenkarten, CDs und Fahrtenbücher. Ich habe aber auch schon Kopfschmerztabletten, Kondome, Kugelschreiber, Klopapierrollen, Tampons, Schminkutensilien, Bibeln, Babyfläschchen, Batterien, Büstenhalter, Badehosen oder Maskottchen darin gesehen. Ein Bekannter verwahrt dort einen Kochlöffel, den er allerdings bei jeder Gelegenheit herausholt, um damit wild fuchtelnd und laut fluchend unbegabten Autofahrerinnen die Meinung zu geigen. Er überlegt allerdings bereits, auf der Konsole eine Halterung für Schöpflöffel, Kelle, Schneebesen, Spachtel und Ähnliches zu montieren. Dabei ist der gute Mann nicht einmal Koch, er kocht nur schnell (vor Wut), und machohaft. Man müsste ihm einen Gemüseschöpfer schenken, damit er seine matschigen Vorurteile auf die Schaufel nehmen kann. Doch zurück zum Handschuhfach: Würde Friedrich Schiller heute leben, hätte er wohl angefaulte Äpfel als Stimulanzmittel darin.

Das Handschuhfach ist wie das Badezimmer eines Autos, äußerst intim und doch den Gästen (Beifahrern) leicht zugänglich. Zeig mir dein Handschuhfach, und ich sage dir, wer du bist. In keinem Führerscheinkurs wird gelehrt, was in das Handschuhfach gehört, wobei ein Verbandskasten bestimmt nicht schaden kann. Natürlich nur, wenn er hineinpasst. So aber ist das ein unbestimmter Raum, eine Art Niemandsland im Auto. Man sieht selten hinein und vergisst meist auch, was drinnen ist. Die Kugelschreiber sind eingetrocknet und die Pfefferminzbonbons ausgeraucht. Niemand außer ein paar Autodesignern zerbricht sich den Kopf über das Handschuhfach, doch genau das sollten wir tun, denn die Welt ist voll von Handschuhfächern, und wer weiß, vielleicht ist es ja so etwas wie die Zirbeldrüse, der Sitz der Seele eines Autos?

Was also lässt sich damit machen? Einige Autotypen haben ins Handschuhfach integrierte Becher- und Stiftehalter, andere Handschuhfächer sind gekühlt, um dort Lebensmittel aufzubewahren. Ich fände eine Minibar nicht verkehrt. Besonders kreative Autopimper bauen vielleicht ein Aquarium hinein. Eine ausziehbare Modelleisenbahn, Plattenspieler oder eine Spieluhr mit sich bewegenden Figuren? Ein Schachbrett, einen kleinen Flipper oder einen aufblasbaren Polizisten? Auch ein Bordcomputer für den Beifahrer wäre nicht schlecht. Ein Survival-Paket mit Minizelt, Taschenlampe, Kompass, Messer? Oder doch lieber eine zusammensteckbare Golfausrüstung? Reisebibliothek oder Fitnessgeräte?

Ganz egal, wozu wir das Handschuhfach auch immer nützen, es sind die kleinen, unbeachteten Dinge, die das Leben kostbar machen. Wenn wir sie bemerken, können sie uns sehr erfreuen – genauso wie die Ausnahmen bei den zusammengesetzten Wörtern, so sich welche finden: Das Feuerwerk ist keine Fabrik, der Festsaal kein schlangenförmiger Fisch, und die Kalmücken sind keine Insekten. Was aber, wenn wir irgendwann nicht mehr wissen, wohin mit all dem kleinen Zeug und unnützen Wissen? Na? Wohin wohl? Ich hätte da eine Idee: Ab ins Handschuhfach!

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Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, ist einer der populärsten und polarisierendsten österreichischen Schriftsteller. In seiner Kolumne „Spurwechsel“ schreibt der Autor seine persönliche Meinung, die sich nicht mit der des ÖAMTC decken muss.

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