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September 2020

Die Maske runterreißen

Schauspiel als Handwerk zwischen Ästhetik und Absurdität. Felix Kammerer ist Rebell und doch wieder nicht, ist Kontrollfreak, doch schätzt Freiräume und Räder, die sich in Bewegung setzen. Interview von Birgit Schaller

Begegnung mit einem der jüngsten Ensemblemitglieder des Wiener Burgtheaters: Warum Felix Kammerer Struktur liebt, doch Anarchie auf der Bühne lebt.

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Mit 25 Jahren am Burgtheater – das ist eine steile Karriere. Wie kam es dazu?

Felix Kammerer: Es ist alles sehr schnell passiert. Ich wurde nach dem ersten großen Vorspielen in Berlin ins Münchner Residenz­theater eingeladen, wo Martin Kušej (der heutige Burgtheaterdirektor, Anm.) damals noch Intendant war. Er suchte bereits für sein ­Engagement in Wien. Ich spielte einen ­Monolog aus "Endspiel" von Samuel Beckett, eine Adaption von "Der Spieler" von Dostojewski und "Macbeth" nach Heiner Müller.

Wir haben auf der Bühne gemeinsam ge­arbeitet und danach ging ich in die Garderobe. Wenige Minuten später wurde ich zurück auf die Bühne geholt mit den Worten: "Bevor dich uns jemand wegschnappt – hast du Lust auf ein Engagement?"

Da hab ich zuerst gefragt, ob das ein Witz sei. Auf dem Weg nach Hause wusste ich: Ich habe einen Job.

Wieso nennst du Berlin dein Zuhause?

Felix Kammerer: Ich habe vier Jahre an der Ernst Busch studiert und habe mich in diese Stadt verliebt. Ich lebte in einer schönen Ecke in Friedrichshain-Kreuzberg zwischen superschicken Neubauten und besetzten, bunt angemalten Häusern. Es ist so eine unprätentiöse Stadt im Gegensatz zu Wien.

Berlin ist potthässlich, aber es hat Charme und die Leute halten zusammen. Vielleicht ist Wien einfach zu schön.

Felix Kammerer, Schauspieler

Wie meinst du das?

Felix Kammerer: Vielleicht ist Wien einfach zu schön, es ist ein bisschen Disneyland. Was mir in Wien ein bisschen auf die Nerven geht, ist, dass sich niemand an die Regeln hält, aber alle so tun, als müssten sie andere auf Verstöße hinweisen.

Wenn ich auf dem Gehsteig mit dem Rad zu meiner Wohnung rolle, natürlich ohne jemanden zu gefährden und zu belästigen, dann werde ich zurechtgewiesen. Wenn ich das in Berlin tue, interessiert es niemanden. Berlin ist potthässlich, aber es hat Charme und die Leute halten zusammen.

Gibt es noch eine Kluft zwischen Ost und West?

Felix Kammerer: Die Trennung in Ost und West ist immer noch ein sehr komplexes Thema. Man taucht in Berlin in starke Schattierungen ein. Die Ernst Busch ist eine Ostschule und sehr viel dogmatischer als Schulen im ehemaligen Westen. Andererseits hat diese klare Struktur etwas, das ich sehr mag.

Was magst du daran?

Felix Kammerer: Struktur gibt mir eine besondere Freiheit. Ich kann wählen, ohne gegen etwas anzukämpfen. Ich bin sicher kein Rebell, der die Absicht hat, etwas zu zerstören. Ich bin nur insofern ein Rebell, als ich Lust habe, mein Ding zu machen. Das vielleicht keiner versteht, aber das im vorgegebenen Rahmen bleibt. Ich will gar nicht so sehr gegen etwas sein, sondern eher einfach nicht dafür sein. Anstatt die Wand einzuschlagen, weigere ich mich nur, sie zu streichen. Ich will ästhetisch und gleichzeitig absurd spielen.

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Warum machst du Theater?

Felix Kammerer: Ich habe den naiven Glauben, dass ich mit der richtigen Form der Kunst Menschen und ihr Denken verändern kann. Aus dem gleichen Grund gehen Menschen in die Politik oder in die Sozialarbeit. Ich bin am Theater hängengeblieben. Diese Mobilisierung und Veränderung machen mir Freude. Aber es ist auch ernüchternd, weil man nur selten merkt: Bei dieser Produktion passiert etwas.

Wann hast du das zuletzt gefühlt?

Felix Kammerer: Bei "Schwarzwasser" von Elfriede Jelinek am Akademietheater, was vor allem an der Arbeit des Regisseurs Robert Borkmann liegt. Er schafft es, dass nicht nur einfach Leute dirigiert und Geschichten erzählt werden. Das hat etwas Bildendes.

Es ist wie eine Skulptur, die eine Aussage hat. Er gibt ein klares Ziel vor, lässt aber viel Freiraum, wie man hinkommt. Die Arbeit mit ihm ist großartig. Bei Borkmann beginnt das Publikum zu fühlen, zu denken und wird bereit, sich zu engagieren.

Ich habe den naiven Glauben, dass ich mit der richtigen Form der Kunst Menschen und ihr Denken verändern kann.

Felix Kammerer, Schauspieler

"Schwarzwasser", das den Ibiza-Fall thematisiert, ist ein Fließtext ohne Rollen. Das ist interessant. Wir sind drei Schauspieler, eine Schauspielerin und ein Chor. Das gibt Raum für das, was Theater aus meiner Sicht am besten kann: Zusammenhänge, Muster und Mechanismen aufdecken. Ich reiße die Maske runter und schäle Systeme heraus.

Wie viel Einfluss hat ein Schauspieler?

Felix Kammerer: Im typischen Stadttheater, das es auch heute noch gibt, ist der Raum begrenzt. Aber es entwickelt sich gerade das, was ich am besten finde: die Kooperation aller Departments. Kostüm, Bühne, Dramaturgie, Musik, Regie, Schauspieler und Schauspielerinnen, alle Abteilungen sitzen zusammen und grooven sich ein und entwickeln gemeinsam. Es ist ein konstanter Austausch, der Möglichkeiten schafft, sich einzubringen und zu verändern.

Fühlst du dich gefordert, gefördert – oder überfordert an diesem großen Haus?

Felix Kammerer: (lacht) Kannst du die Frage wiederholen? Also ja, der Druck ist sehr hoch, denn da sitzen 1.300 Menschen und hören mir zu. Doch das verändert kaum meinen inneren Stress. Ob am Maxim-Gorki-Theater in Berlin, an der Burg oder bei den Salzburger Festspielen, das ist für mich egal.

Deine Eltern sind beide Opernsänger. War die Entscheidung, Schauspieler zu werden, für dich immer klar?

Felix Kammerer: Ich wurde in viele Richtungen sehr gefördert. Ich habe Klavier gelernt, Geige, dann Cello. Ich war beim Elmayer, habe zeitgenössischen Tanz gemacht, Leistungsturnen. Mit 15 stand für mich fest, ich mache Schauspiel.

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Wie gehst du an Rollen heran?

Felix Kammerer: Hm, keine Ahnung. Was ist mein Werkzeug? Es scheint, ich habe meine Ausbildung inhaliert. Was mich interessiert, ist Sprache, und eines mache ich immer: Ich suche nach so viel Material wie möglich. Artikel, Gespräche, Begegnungen, Orte, Fotografien. Ich suche nach Assoziationen. Die packe ich in ein Büchlein, da steht alles drin und wird zum Gefühl, das ich verinnerliche. Aber eines ist mir wichtig: Ich verlasse jede Rolle, sobald ich von der Bühne gehe. Es gibt keine Identifikation.

Magst du ein Beispiel erzählen?

Felix Kammerer: Ich habe Don Juan gespielt. Es gibt die Rich Kids auf Instagram, deren Leben hat mich an Don Juan erinnert. Ich habe ihre Posts ausgedruckt und eingeklebt.

Dann habe ich auf einer Toilette ein Graffiti gesehen: "Der Mond ist nur ein Zwischenstopp". Das klingt zu schön für die Oberflächlichkeit der Insta-Kids, aber es war auf den Punkt formuliert die Aussage: Es ist nie genug.

Auch das habe ich in mein Buch gefügt. Dann sah ich ein überfahrenes Tier am Straßenrand. Es war eine weitere Assoziation. Das ist alles sehr intuitiv. Bevor ich spiele, sehe ich mir das Buch an und spüre und schmecke so die ganze Rolle.

Ich suche nach so viel Material wie möglich. Artikel, Gespräche, Begegnungen, Orte, Fotografien. Ich suche nach Assoziationen. Die packe ich in ein Büchlein, da steht alles drin und wird zum Gefühl, das ich verinnerliche.

Felix Kammerer, Burgschauspieler

Gibt es Generationenthemen, die aktuell einfließen in die Theaterwelt?

Felix Kammerer: Ganz sicher. Ich habe den Eindruck, dass das Theater mehr Mut zur Jugend bekommt. Ich habe das in München, in Bochum, in Leipzig gesehen. Ich sehe immer mehr Zwanzigjährige, die große Rollen wie Richard III., Macbeth, Maria Stuart, Antigone oder eine Gertrude in "Hamlet" spielen. Das sind Rollen, in denen wir ältere Darsteller zu sehen gelernt haben.

Und es gibt einen wunderbaren Trend zur Verstellung. Es muss keine ältere Frau sein, die die Arkadina in "Die Möwe" spielt. Wir sind im Theater. Auch ich spiele in "Der Meister und Margarita" eine zwei Meter große Katze.

Ich finde die Diskussion über Identifikation oder Repräsentation eine lustige. Kein Mensch geht aus dem Theater raus und glaubt, dieser Mensch auf der Bühne war ein echter dänischer Prinz. Jeder weiß, das war ein Schauspieler in einer Rolle. Im Film funktioniert das anders, da kann dieser Tisch kein Pferd sein. Theater ist Imitation und arbeitet mit Symboliken.

Theater und Film vermischen sich aber auch immer mehr: Theater bringt Szenen wie im Film und manche Filme wirken sehr theatralisch.

Felix Kammerer: Für mich gehören Theater und Film getrennt. Theater ist eine Raumkunst. Film eine Zeitkunst. Die Arbeit mit Abstraktion und Symbolik ist nur im Theater möglich. Der Mann mit Augenklappe, der hinkt, ist der Bösewicht. Der mit dem Cape und der geleckten Frisur ist der Held. Oder absurd. So hat Andrea Breth die Ophelia anfangs mit der jungen Mavie Hörbiger besetzt und später mit Elisabeth Orth, weil Ophelia immer mehr in ihrer Trauer verfällt, bis sie im tieferen Sinn eine alte Frau ist. Aber klar, auch ich werde gern als junger Prinz besetzt. Und es gibt Grenzen – zum Beispiel kann kein 25-Jähriger Macbeth spielen.

Heißt das, du freust dich auf deine Rollen in zehn Jahren?

Felix Kammerer: Nein, ich habe jetzt auch super Rollen! Ich spiele den großen Kater Behemoth in "Der Meister und Margarita", ein Roman von Michail Bulgakow über Liebe und Feigheit, außerdem "Die kleine Hexe" im Vestibül, den Herzog von Medina-Sidonia in "Don Carlos" und an der Akademie im großartigen "Schwarzwasser".

Felix Kammerer_c_Constantin Widauer.jpg Constantin Widauer © Constantin Widauer

Theater wird immer noch oft als Privileg für die oberen Zehntausend betrachtet. Wie lässt sich das verändern?

Felix Kammerer: Es braucht Theater ohne Vorwissen, wie bei "Dionysos Stadt" an den Münchner Kammerspielen. Das dauerte zehn Stunden und war immer ausverkauft. Da wurde die gesamte griechische Antike aufgerollt und trotzdem musste keiner wissen, wer wer ist. Es war supercrazy, aber ganz klar: Es geht um ein emotionales Verstehen und das ist für alle Menschen spürbar.

Theater ist nicht logisch und muss nicht verstanden werden. Es muss genügen, da zu sein und wahrzunehmen. Ein anderes Beispiel ist das Projekt "Bitte nicht berühren". Wir sind diesen Sommer im Rahmen des Theaterfestivals "Hin & Weg" in Litschau im Waldviertel als Theatergruppe kollekTief für 14 Tage in fünf Container mit Glaswand gezogen – fünf Schauspieler/-innen, 24/7. Wir haben in den Boxen gelebt und täglich performt. Das war Theater für jeden, der vorbeigekommen ist – und das waren tausende Menschen.

Wow, das klingt extrem. Wie war das?

Felix Kammerer: Ich habe unser Projekt anfangs falsch interpretiert. Ich dachte, es geht um uns in den Boxen. Aber in Wahrheit ging es um das, was die Menschen draußen gesehen und erlebt haben. Wir waren nur eine Art Material.

Das ist es auch, was mich am Ende interessiert hat: Wie es euch draußen ergangen ist, wenn ihr vor unseren Boxen gesessen seid, getanzt habt, unsere täglichen Vorführungen und Rituale gesehen habt.

Und ich bin, was auch eigenartig ist, vom Schlechten ausgegangen und war von der Hilfsbereitschaft der wildfremden Menschen überrascht. Ich war von der Zuneigung fast geschockt. Wir hatten Wunschlisten an den Glasscheiben. Schließlich haben wir nicht nur alles bekommen, was wir uns gewünscht haben, sondern so viel mehr.

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1 Selbstisolation: Fünf Mitglieder der Theatergruppe "kollekTief" lebten im August 2020 (im Rahmen des Festivals "Hin & Weg" in Litschau) 14 Tage lang in Glasboxen. © Stephan Mussil

2 Neben Felix Kammerer verließen AntoN Widauer, Alina Schaller, Tilmann Tuppy und die junge Musikerin Anna Mabo die Container mit Glasfront zwei Wochen lang kein einziges Mal. © KollekTief

3 Im Inneren der Container gab es Mikrophone, regelmäßig fanden Performances statt. Das Publikum war unter freiem Himmel, die Isolierten in ihren vier Wänden. © Stephan Mussil

Magst du eigentlich Opern?

Felix Kammerer: Ich habe viel zu viele gehört und gesehen. Ich habe auch ein Problem mit dem Inszenierungsstil: Der Star stellt sich an die Rampe, singt eine Arie, geht dann nach hinten und spielt eine Szene. Das wirkt sehr eitel. Es geht nur um den Gesang, die Verbindung von Spiel und Gesang fehlt oft.

Emotionales Spiel und klassischer Gesang gemeinsam, da bekomme ich Lust auf Oper. Das wäre für mich eine Krönung. Ich bin gespannt, was der neue Staatsoperndirektor Bogdan Roščić machen wird, es könnte cool werden. Frank Castorf wird "Faust" inszenieren und auch Simon Stone soll inszenieren – beide sind Theatermenschen. Das klingt schon mal interessant … oder doch abstrus?

Gibt es andere Kunstformen, die dich interessieren?

Felix Kammerer: Neben Theater, Film und bildender Kunst fasziniert mich Mode. Form, Farbe, Symbolik. Die Aussage von Styling. Trage ich monochrom? Bin ich schlampig? Trage ich Accessoires? Wie ist der Schnitt? Kaschiere ich oder betone ich meine Figur?

Es ist eine Rolle, die jeder täglich anzieht. Kleidung zeigt, wie Leute wahrgenommen werden wollen. Trage ich hohe Absätze, eine hochgeschnittene Hose? Dann will ich groß wirken. Trage ich enganliegende Kleidung, dann zeige ich meinen Körper, weil er mir gefällt. Man kann sich mit Mode zeigen, aber auch verstellen. Das ist interessant.

Du trägst eine weite, hochgeschnittene Hose, ein feminines Hemd, unterschiedliche Socken.

Felix Kammerer: Die Socken sind kein Statement, sie sind Faulheit. Ich mag sie nach dem Waschen nicht sortieren. Was ich tatsächlich total gerne trage, sind hochgeschnittene Hosen, Highwaist, das betont die Taille. Was mir gefällt, sind lange Strümpfe dazu, dann sieht es aus wie Knickerbocker. Ich verbinde gern Epochen, modern mit klassisch. Und ich kaufe seit Jahren nur in der Frauenabteilung.

Hast du eigentlich Angst, weil du schon so jung auf einer der größten Bühnen im deutschsprachigen Raum spielst?

Felix Kammerer: Ich bin da, wo ich hinwollte. Ich habe noch viel Zeit und ich glaube, ich mag, was gerade ist. Ich mag Ordnung und Struktur im Theater. Ich bin ein Kontrollfreak.

Aber ich mag es auch, wenn sich die Räder in Bewegung setzen. Also Struktur in einem festen Ensemble, in einer klaren Inszenierung, in einem Gebäude – und auf der Bühne mal schön Anarcho

Felix Kammerer

  • Geboren am 19. September 1995 in Wien
  • Sohn der Opernstars Angelika Kirchschlager und Hans Peter Kammerer
  • Studium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin
  • Seit 2019 Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters
  • Aktuell zu sehen in "Schwarzwasser", "Die kleine Hexe" oder "Der Meister und Margarita"
  • Spielorte: Salzburger Festspiele, Maxim-Gorki-Theater, Berlin, Deutsches Theater Berlin, Junges Ensemble Hörbiger
  • Sommer 2020: Isolationsprojekt "Bitte nicht berühren", Theatergruppe kollekTief

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