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Januar 2019

Hofburg

Rolls-Royce Cullinan: Wir fuhren ein Königsschloss und sprachen mit seiner Architektin.

Das ist kein Autotest. Natürlich nicht. Es ist ja sinnlos, einen Rolls-Royce testen zu wollen.

Lenkung, Bremsen, Beschleunigung: Vorhanden. Über die Motorleistung erhielt man viele Jahre lang nur die Auskunft: "Sufficient", ausreichend.

Welche Kriterien sind denn wichtig bei so einem Fahrzeug? Wen interessiert wirklich, wie lang es dauert, bis der 2,7-Tonner aus dem Stand Tempo 100 erreicht hat? Seine Käufer kaum.

Ein Rolls-Royce ist ja nur im Nebenberuf Auto. Sozusagen als Hobby. Ja, er hat Räder und einen Antrieb, diesfalls über alle vier Räder, ein Novum bei Rolls-Royce. Er verfügt sogar über so profane Details wie Scheibenwischer, aber diese Dinge sind es nicht, die einen Rolls-Royce in erster Linie ausmachen.

Er ist eine Wertanlage, in der man auch reisen kann. Ein Statement, das auch fährt. Ein Erbstück, das einen zufällig auch an ein Ziel bringen kann, wenn man das wünscht. Eine Trophäe, ein Familienmitglied, ein Schmuckgegenstand.

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Hier sehen Sie ihn in Bewegung:

Verantwortlich ab Stunde null

Caroline Krismer ist Tirolerin. Und eine sehr, sehr nette Frau. Wer hin und wieder mit Entwicklungschefs von Automobilherstellern zu tun hat, ihnen im Interview gegenüber sitzt und zuhört, wie sie, bewacht von PR-Leuten, Sätze aus der Pressemappe zitieren, anstatt einfach über das Auto zu erzählen, um das es geht, für den ist eine Unterhaltung mit Frau Krismer eine Erholung. Weil sie einfach über das Auto erzählt, um das es hier geht. Über den Rolls-Royce Cullinan.

Caroline Krismer ist die verantwortliche Projektentwicklerin des ersten SUV von Rolls-Royce.

Und das von Anfang an, ab der Stunde null des Projekts. Fünf Jahre lang hat sie mit ihrem Team aus Fahrzeugkonstrukteuren und Designern daran gearbeitet. Der Cullinan ist ihr Baby.

Rolls Royce Interview Krismer_4580_WB_CMS.jpg Wilhelm Bauer © Wilhelm Bauer

Gespräch mit Caroline Krismer

Wie geht man an so ein Projekt heran, das allererste SUV einer Marke wie Rolls-Royce – eher von der technischen oder von der Marketing-Seite?

Caroline Krismer: Wir haben beim Cullinan immer explizit die Kundenseite in den Vordergrund gestellt. Die ersten Aktivitäten waren Interviews mit Kunden, die wir fragten: Wenn es einen SUV von Rolls-Royce gäbe, was sollte der denn können? Technisch, optisch, was stellen Sie sich vor? Wir haben auch gezielt gefragt, was er nicht können soll, was sie sich nicht erwarten. 

Und welche Antworten haben Sie bekommen?

Caroline Krismer: Einfachheit der Bedienung. Keine Verspieltheit in der Anwendung der technischen Möglichkeiten – das wollten die Kunden dezidiert nicht. Effortless everywhere. Deswegen muss man jetzt nur einen Offroad-Button drücken, wenn man ins Gelände fährt. Die Kunden wollen nicht noch fünf zusätzliche Knöpfe drücken, um ein bestimmtes Setting zu generieren. Diese Einfachheit war äußerst wichtig.

Außerdem wollten die Kunden eine gewisse Präsenz des Fahrzeugs haben, die den Rolls-Royce-Charakter darstellt. Was heißt das nun, wenn man ein weltweit gültiges Design haben will? Da haben wir eine Menge Gedanken reingesteckt. Wir wollten selbst das Gefühl haben, alles getan zu haben, dass es von Anfang an das Richtige ist.

Das Richtige?

Caroline Krismer: Ja, die Rolls-Royce-Gene. Dazu zählen der Fahrkomfort oder die akustische Performance des Fahrzeugs. Cullinan ist nach dem Phantom, den wir im vergangenen Jahr neu vorgestellt haben, das zweite Fahrzeug in unserer "Architecture of Luxury". Diese Architektur erlaubt uns, für jedes Fahrzeug eine eigene Plattform zu entwickeln. Es gibt gemeinsame Aluminium-Druckgussteile, aber eigene Bodenbleche und Strukturgerippe.

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1 Der Cullinan ist 5,34 Meter lang und 1,84 Meter hoch. Projektentwicklerin Krismer betont, wie wichtig die Proportionen der Karosserie sind. Mit dem damaligen Chefdesigner Giles Taylor arbeitete sie persönlich… © Heinz Henninger

2 … an den Formen des SUV. Ebenfalls wichtig: die Präsenz des Fahrzeugs – am besten in der Vorderansicht zu erkennen. Der typische Rolls-Royce-Grill und… © Heinz Henninger

3 … die Spirit of Ecstasy natürlich, die vom Bildhauer Charles Robert Sykes geschaffene Figur, die seit 1911 auf dem Kühlergrill jedes Rolls-Royce thront. © Heinz Henninger

Wie viel BMW X7 steckt im Rolls-Royce Cullinan?

Caroline Krismer: Null Prozent. Wir haben Wert darauf gelegt, unsere eigene Architektur zu haben. Wie bei anderen Herstellern an eine Plattform gebunden zu sein, das wollten wir explizit nicht. Cullinan hat seine eigenen Struktur und nichts mit einem anderen Fahrzeug aus der BMW-Gruppe gemeinsam. 

Was verstehen Sie unter Präsenz, über die schiere Größe dieses Fahrzeugs hinaus?

Caroline Krismer: Von vorne der typische Rolls-Royce-Grill, der klare vertikale Strukturen in das Design reinbringt. In der Heckansicht etwa die Linien des Liftgate, das ins Tailgate übergeht. Auch das Innenleben der Heckleuchten. Die Edelstahl-Zierleiste wiederum, die sich seitlich das Auto entlang zieht, ist die größte und längste durchgehende Edelstahlleiste in der gesamten Automobilindustrie.

Chrom wurde, wie ich sehe, eher sparsam verwendet. Am Heck beispielsweise nur an der Griffleiste.

Caroline Krismer: Weniger ist mehr. Aber das, was wir in Chrom haben, ist Echtmetall. Auch im Interieur: Die Luftausströmer, wir nennen das Eyeball Vents, sind aus Metall, wie alles, was man zu Bedienzwecken angreift.

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Feinster Luxus im Interieur – Holz, Leder, Metall. Und die meisten horizontalen Flächen können beheizt werden, auf dass den Ellbogen nicht kühl werde.

Eines der Rolls-Royce-Gene ist, dass die Achsen möglichst an das äußere Ende der Karosserie gebracht werden. An der Vorderachse des Cullinan sieht man das ganz markant.

Caroline Krismer, Projektentwicklerin Cullinan

Konnte – oder sollte – sich Designer Giles Taylor beim Entwurf des SUV denn auch an früheren Rolls-Royce-Modellen orientieren?

Caroline Krismer: Oh ja. Das sieht man zum Beispiel am "Two-and-a-half-box"-Design. Wir hatten ja mit einem Three-Box-Design angefangen, wie es auch alle Limousinen haben: Motorraum, Innenraum, Kofferraum. Doch da haben die Proportionen der Seitengrafik anfänglich nicht gestimmt, dann mussten wir den Winkel der Heckscheibe ändern… Wir haben viel Arbeit hineingesteckt, damit die Proportion passt.

Cullinan ist der erste Rolls-Royce mit einer Heckklappe. Wir nennen sie "The Clasp". Das "Two-and-a-half-box"-Design ist angelehnt an die Zeit, als das Gepäck noch hinten auf die Karosserie draufgeschnallt wurde. Es ist kein Two-Box-Design, wie es die meisten SUV haben, denn zwischen Passagierraum und Gepäckraum befindet sich eine Glaswand. Sie verhindert, dass Kälte oder heiße Luft ins Wageninnere kommt, wenn man die Hecktüre öffnet.

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1 Der Platz, auf dem wir den Cullinan fotografieren, wird vom Navigationssystem dreidimensional und detailreich dargestellt: Direkt… © Heinz Henninger

2 … vor der Wiener Hofburg. Das Bild erscheint auch auf den Bildschirmen vor den Passagieren auf den Rücksitzen. Diese können sich aber auch während der Fahrt einen Film anschauen. © Heinz Henninger

3 Der Testwagen verfügte über die so genannten Individual Seats: zwei Einzelsitze im Fond, dazwischen eine feste Konsole mit gekühltem Getränkeabteil. Es sind aber auch Lounge Seats lieferbar, dann ist dieser Royce ein Fünfsitzer und es gibt nichts zu trinken. © Heinz Henninger

Das Leitmotiv des Cullinan lautet "Effortless everywhere", also überall mühelos fahren. Wo ist dieses Everywhere, wohin fahren Rolls-Royce-Kunden mit dem Cullinan?

Caroline Krismer:Hauptsächlich On-Road, aber eben auch Off-Road. All-Terrain wäre wieder etwas anderes, eine andere Benchmark. Ein schwerer Geländewagen wäre ein ganz anderes Auto, das vieles nicht so leisten könnte, wie es ein Rolls-Royce leisten soll. Es geht um etwas, das wir bei Rolls-Royce "Magic Carpet Ride" nennen – höchsten Fahrkomfort. Nicht Sitz-, sondern Rollkomfort. Sie können auf Schotterwegen 70 km/h schnell fahren und im Innenraum merkt man nichts davon. Es fühlt sich so an wie auf glatter Fahrbahn.

Das ist der extrem steifen Karosserie und der elektronisch gesteuerten Luftfederung zu verdanken. Sie können mühelos von On-Road zu Off-Road wechseln. Einfach von der Straße abbiegen. Sie drücken nur einen Knopf in der Mittelkonsole und schweben über Schotterstraßen, nasses Gras, Schlamm, Schnee, Sand. Nur der Dünen-Mode ist ein "Expert mode", dazu bedient man einen zusätzlichen Knopf am Lenkstockhebel, der auch die Übersetzung reduziert.

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© Heinz Henninger

Rolls-Royce Cullinan in Zahlen:

  • Preis ab ca. € 420.000,–
  • 6,75-Liter-Twin-Turbo-V12-Benzinmotor
  • Leistung 420 kW (571 PS) bei 5.000/min
  • Maximales Drehmoment 850 Nm bei 1.600/min
  • Leergewicht 2.660 kg
  • Länge/Breite/Höhe 5.341/2.164/1.835 mm
  • Radstand 3.295 mm
  • Wendekreis 13,23 m
  • Kofferraumvolumen 526 l
  • Kraftstoffverbrauch (Werksangabe) 15 l/100 km
  • Kraftstoffverbrauch (auto touring-Normrunde) 15,1 l/100 km

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