Vergleich_Opel Corsa OPC_Mercedes AMG A45 4matic_2015-12_MZ_02_CMS.jpg  © Markus Zahradnik
© Markus Zahradnik
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Dezember 2015

Eine Frage an zwei Furiose

Der Mercedes-AMG A45 hat rund doppelt so viel Leistung wie der Opel Corsa OPC; er kostet auch rund doppelt so viel. Bietet er auch doppelt so viel Fahrspaß?

Fahrspaß also. Beziehungsweise: Soso. Was bedeutet für Sie eigentlich Fahrspaß? Ein geringer Kraftstoffverbrauch? Viel Fahrkomfort? Purer Speed? Für uns ist hier und jetzt Letzteres entscheidend. Der Zug nach vorne. Das Lastwechselverhalten. Die Performance vor, in und nach der Kurve. Uns geht’s nicht um das Fahren-um-des-Fahrens-Willen, sondern um das Schnell-von-A-nach-B-Kommen-Fahren. Und wir wollten wissen, wieviel Geld Fahrspaß kosten muss, kann, darf, soll.

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Die Ausgangsbasis.

Mercedes-AMG A45 4matic: 381 PS aus 2 Liter Hubraum, Basispreis: 58.180 Euro

Opel Corsa OPC: 207 PS aus 1,6 Liter Hubraum, Basispreis: 22.630 Euro. Wir würden allerdings unbedingt zum optionalen 2.400 Euro teuren OPC-Performance-Paket raten, das bessere Bremsen, ein mechanisches Sperr-Differenzial sowie eine sportlichere Fahrwerksabstimmung inkludiert. Alle weiteren Corsa-Angaben beziehen sich daher auf das Vorhandensein dieses Pakets.

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Der giftgrüne Opel Corsa OPC kostet ungefähr die Hälfte des …
Vergleich_Opel Corsa OPC_Mercedes AMG A45 4matic_2015-12_MZ_01a_CMS.jpg  Markus Zahradnik © Markus Zahradnik
… weißen Mercedes-AMG A45. Bietet der Corsa … 
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… auch nur halb so viel Fahrspaß?

Zahlen zum Vorglühen.

  • Euro pro PS: Mercedes 152,70 vs. Opel 120,92
  • Kilo pro PS: Mercedes 3,9 vs. Opel 6,0
  • Beschleunigung 0–100: Mercedes 5,3 vs. Opel 7,3 Sekunden

Und jetzt: einsteigen.

Wir öffnen zuerst die Türen der A-Klasse. Für mehr Geld gibt es offenbar auch mehr Material. Vor allem ganz viel dunkles Material. Hie und da eine rote Ziernaht, aber sonst: grau, schwarz, Karbon-Look. Und wirklich alles in diesem Innenraum wirkt höchst solide. Die Mittelkonsole: massiv. Die drehbaren Lüftungsregler: massiv. Lenkrad, Sitze, Cockpitverkleidung: alles massiv. Da klappert nichts – allerdings wirkt das Ambiente nicht sonderlich sportlich. Trotz der Schalensitze, trotz der Schaltwippen für das Doppelkupplungsgetriebe, die griffgünstig hinter dem Lenkrad platziert sind.

Im Opel Corsa OPC dagegen: Alles ein Tick filigraner, sauber verarbeitet zwar, aber weniger hochwertig. Für weniger Geld gibt’s hier eben auch weniger qualitativ hochwertiges Material. Ist so. Was außerdem gleich auffällt: Der Touchscreen der Multimedia-Einheit ist zu tief platziert, hinsehen bedeutet bewusst wegsehen von der Fahrbahn.

Beim AMG ist das Display höher, besser platziert. Was bei beiden verstört, genau genommen eigentlich eine Zumutung ist: Ordentliche Sportsitze müssen extra bestellt werden – bei Mercedes kostet diese Option 1.875 Euro netto, bei Opel fairer taxierte 573 Euro (ebenfalls netto). Wobei die deutlich teureren Sitze im AMG gar nicht unsere erste Wahl wären. Rein von der Passform und dem Seitenhalt her betrachtet ist uns das Recaro-Gestühl im OPC nämlich sogar lieber.

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Das Flügel-Beiwerk fällt in beiden Fällen …
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… weißen Mercedes-AMG A45. Bietet der Corsa … 
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… sogar erst extra bestellt und bezahlt werden.

Motor an, Ohren auf.

Uiuiui, der AMG ist definitiv kein Leisetreter. Röhrt, brabbelt, schreit und schießt, dass es nur so eine Freude ist, je nach Lebenslage halt. Auf Dauer mag das vielleicht unangenehm werden, für den Moment aber (oder auch die nächsten zwei, drei) ist’s ein unpackbarer Genuss.

Ganz anders der OPC. Ein dezentes, blechern klingendes Röhren, aber das war’s auch schon. Selbst bei scharfer Gangart, wenn man den Motor so richtig jubilieren lässt, kommt aus dem Auspuff keine schärfere Melodie. Der Corsa ist leise und bleibt leise. Daher auch unauffälliger (was bei Autos dieser Machart nicht unbedingt von Nachteil sein muss).

Gang rein, vorwärts marsch.

Der A45 passiert die 100-km/h-Marke nach fünf Sekunden, tut dies (leider) beinahe so unauffällig wie ein kräftiger Diesel. Reifenquietschen gibt’s auch keins, da der AMG über Allradantrieb verfügt. Freilich: Am Tempo der vorbeiziehenden Landschaft ist erkennbar, wie hurtig man vorwärtsprescht. Und es ist beeindruckend, mit welcher Vehemenz dieser Vorwärtsdrang auch jenseits der hierzulande gültigen Höchstgeschwindigkeit anhält. Ein Blick auf die Drehmomentkurve des 381 PS starken 2-l-Vierzylinders verrät auch, wieso: Der Maximalwert von 475 Newtonmetern liegt bereits bei 2.250/min an – und hält bis 5.000/min an. Ein derart konstanter Schub ist zwar durchaus begrüßenswert, reduziert den emotionalen Effekt einer Beschleunigung jedoch spürbar.

Im Corsa dagegen geht es – zeitlich betrachtet – ein wenig gesitteter zu. Zwar arbeitet auch hier ein Vierzylinder-Turbo, allerdings ein kleinervolumiger: Aus 1,6 Liter Hubraum werden 207 PS geholt, das maximale Drehmoment liegt bei 245 Newtonmetern, verfügbar von 1.900/min bis 5.800/min. Bis zum Erreichen der 100er-Marke aus dem Stillstand dauert es immerhin rund sieben Sekunden, das Erlebnis an sich jedoch scheint purer, ehrlicher zu sein. Auch wirkt die Verbindlichkeit am Gaspedal direkter und natürlicher. Möglicherweise deshalb, weil der OPC nur über Vorderradantrieb verfügt, die Krafteinflüsse in der Lenkung immer spürbar sind; trotz Sperrdifferenzial und Sportfahrwerk (oder gerade deswegen).

Auf der Rennstrecke offenbaren sich diese Unterschiede noch deutlicher. Während der AMG selbst in schnellen Wechselkurven erstaunlich stoisch und stabil bleibt, wirkt der OPC an derselben Stelle deutlich quirliger, erfordert mehr Aufmerksamkeit und Lenkkorrekturen. Der Mercedes scheint richtiggehend auf der Straße zu kleben, der OPC jedenfalls verliert früher die Bodenhaftung, erweitert untersteuernd den Kurvenradius. Je schneller die Strecke, je weiter die Radien, desto eher schlägt die Stunde des AMG. Umgekehrt gilt: Je verwinkelter, desto klarer zeichnen sich die Vorteile des OPC ab.

"Na klar", werden Sie sagen. Der hat ja auch einen kürzeren Radstand und eine geringere Spurbreite, die Reifen sind noch dazu ganz anders dimensioniert. Und wir antworten darauf: "Stimmt!" Aber hier geht es ja auch nicht um die schnellste Rundenzeit, sondern um den Fahrspaß. Sie erinnern sich an die eingangs gestellte Frage? Wenn es für doppelt soviel Geld auch doppelt soviel Leistung gibt, bedeutet das auch doppelt so viel Fahrspaß? Und jetzt stehen wir vor einem echten Dilemma. Denn Fahrspaß, auch wenn es nur um den puren Vorwärtsdrang und die reine Kurvengeschwindigkeit geht, definiert jeder anders. Daher antworten wir mit: "Jein" – beziehungsweise mit "Ja" und "Nein" gleichzeitig.

Markus Zahradnik Alexander Fischer, Redakteur

Mein Fazit

Wenn die monetäre Hürde nehmbar erscheint, dann Mercedes-AMG A45. Warum? Weil die Gaudi in Opels kleinem Giftzwerg so ist wie er selbst: Kurz. Weil diese kompakte A-Klasse Fahrleistungen bietet, die auf Motorrad-Niveau liegen. Weil Überholvorgänge binnen weniger Augenblicke auch schon wieder Geschichte sind. Weil die Straßenlage als nahezu perfekt bezeichnet werden kann. Weil der Motor-Sound schlicht sensationell ist. Genug "Weil’s" gehört? Dann sind wir uns ja jetzt vermutlich einig: Emotional ist dieser AMG einfach ein Volltreffer – und deshalb antworten wir hier einfach mit "Ja". Ja, mehr Geld bedeutet auch mehr Fahrspaß.

Markus Zahradnik Christoph Löger, Redakteur

Mein Fazit

Welch feine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der ewige VW-Gegner Opel mit dem Corsa OPC ein Auto in die Gegenwart beamt, das das schwere Erbe des Ur-GTI ganz locker antritt. Der Giftzwerg ist nicht besonders schwer und vor allem besonders schwer in Ordnung, was den Fahrspaß angeht. Unglaublich die Traktion des Fronttrieblers in engen Kurven: Er gewährt keinen Haftungsausschluss, dem Sperrdifferenzial sei’s gedankt. Mein Favorit ist also klar, weil: Wozu um teures Geld einen mit Steroiden vollgepumpten Kompakt-Mercedes kaufen, wenn’s die gleiche Gaudi für weit weniger Aufwand gibt?

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