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Die Eye-Tracking-Brille zeichnet die Augenbewegungen des achtjährigen Buben auf.

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Die Eye-Tracking-Brille zeichnet die Augenbewegungen des achtjährigen Buben auf.

© Heinz Henninger
August 2019

Stress am Schulweg

Kinder sind im Straßenverkehr stark gefordert. Auch Volksschulkinder haben noch keinen sicheren Pendelblick – das zeigen die Eye-Tracking-Aufnahmen der ÖAMTC-Untersuchung.

Kann ich mein Kind alleine in die Schule gehen lassen? Liebe Eltern, die Antwort kennen nur Sie. Lassen Sie sich nicht von Ratschlägen anderer Eltern verunsichern oder gar beeinflussen. Denn nur Sie wissen, wie konzentriert Ihr Kind ist. Welche Erfahrungen es im Straßenverkehr schon gemacht hat. Wie oft und wie sicher es zu Fuß unterwegs ist. Oder wie lange Ihr Kind den Schulweg mit einer Aufsichtsperson bereits geübt hat und weiterhin übt. 

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Blickmessung mit speziellen Brillen

Um zu verstehen, was in Kindern vorgeht, bevor und während sie am Schutzweg die Fahrbahn überqueren, hat der ÖAMTC in Kooperation mit Viewpointsystem das Blickverhalten von Fünf- bis Neunjährigen analysiert. Dafür wurden die Probanden mit Eye-Tracking-Brillen ausgerüstet. Diese Brillen verfügen über drei Kameras. Die Untersuchung fand an einer geregelten und einer ungeregelten Kreuzung in Schwechat statt. 

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Vorbereitung: Die Eye-Tracking-Brille wird für jedes Kind neu skaliert. 
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Am Computer werden die Daten der Kameras gesammelt.
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Los geht’s! Die Kinder überqueren die Fahrbahn am Schutzweg.

VIDEO: Die Eye-Tracking-Untersuchung

Die Ergebnisse der Blickaufzeichnungen der fünf- bis sechsjährigen Kinder zeigen, dass man sie keinesfalls aus den Augen oder alleine eine Fahrbahn überqueren lassen darf. "Sie können nicht abschätzen, wie schnell das herannahende Auto fährt und ob es stehen bleiben wird", weiß ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger. Deswegen gilt für Kinder der Vertrauensgrundsatz nicht. "Sie suchen auch nicht den Augenkontakt mit den Lenkern." 

Fahren Kinder Roller, schauen sie nicht auf den Verkehr. Sie konzentrieren sich stark auf ihr Gefährt. 

Marion Seidenberger, ÖAMTC-Verkehrspsychologin

Die Aufzeichnungen verdeutlichen, dass die jungen Probanden überfordert sind, Dinge gleichzeitig zu tun. "Kinder sind gestresst, wenn sie eine Fahrbahn überqueren müssen. Sie gehen dann viel zu schnell, dabei ist die Gefahr sehr groß, dass sie stolpern", weiß die Expertin. "Die jüngsten Probanden fixierten starr die Fußgängerampel. Beim Wechsel auf Grün marschierten sie hastig los, ohne auf den Querverkehr zu schauen."

An der ungeregelten Kreuzung schauten die acht- bis neunjährigen Schulkinder auf den Stoßfänger des herankommenden Autos und beobachteten so das langsamer werdende Fahrzeug. Danach richtete sich ihr Blick auf den Lenker und sie konnten auch seine Handzeichen wahrnehmen.
 

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Die Eye-Tracking-Brille zeichnet auf, wann das Kind wohin sieht, was es wahrnimmt und wie es darauf reagiert.

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Sicher in die Schule

Die Strecke des Schulweges sollte gut gewählt werden: nicht die kürzeste Route, sondern die sicherste. "Üben Sie mit Ihrem Kind den Schulweg über Wochen hinweg. Erst wenn Sie sicher sind, dass Ihr Kind bereit ist, alleine zu gehen, dann trauen Sie ihm das auch zu", rät die Verkehrspsychologin. "Parkende Fahrzeuge, Hecken, Baustellen und auch Umleitungsschilder verdecken kleine Verkehrsteilnehmer", betont Seidenberger. "Kontrollieren Sie nach ein paar Wochen oder Monaten erneut den Weg Ihrer Kinder, vor allem während des Wahlkampfs stehen vermehrt Werbetafeln im Verkehr. Ihr Kind kann nicht in die Fahrbahn einsehen."

Die Untersuchung

Die Eye-Tracking-Brille besteht aus drei Kameras: Die Frontkamera fängt das Blickfeld des Kindes ein. Die beiden Innenkameras, die auf die Augen gerichtet sind, filmen sämtliche Augen­bewegungen.

Sven Hugo Joost, Viewpointsystem

Um zu verstehen, wo die Gefahren für Kinder lauern, hat der ÖAMTC in Kooperation mit Viewpointsystem mittels Eye-Tracking-Brille das Blickverhalten von Kindern beim Überqueren eines Schutzweges analysiert.

Die (Vor-)Schulkinder überquerten eine vierarmige Kreuzung mit Schutzweg in Schwechat – sowohl ungeregelt als auch durch eine Ampel geregelt. Die Probanden absolvierten die Aufgabe allein, zu zweit, zu Fuß und mit Tretroller.

Der Kernbereich des Wiener Unternehmens liegt in der Seh- und Blickforschung, vor allem in Bezug auf Verkehrssicherheit und Unfallanalysen. Die von Viewpointsystem entwickelte Eye-Tracking-Brille digitalisiert das menschliche Blickverhalten. Diese Brille besteht aus drei Kameras: Die Frontkamera fängt das Blickfeld ein. Die beiden Innenkameras, die auf die Augen gerichtet sind, filmen sämtliche Augen­bewegungen. 

So sehen Kinder den Straßenverkehr

Fünf- bis sechsjährige Kinder  
"Wenn ich ein Auto sehe, dann sieht es mich auch!" 
Kinder in dieser Altersgruppe verfügen noch nicht über ein vorausschauendes Gefahrenbewusstsein. Sie können jederzeit Mamas Hand loslassen und einfach darauflos laufen.

Sieben- bis achtjährige Kinder    
"Das Auto blinkt. Ich weiß aber nicht, wann es abbiegt – noch vor dem Zebrastreifen oder danach?" 
Sieben- bis Achtjährige lernen zwar Gefahren vorauszusehen, aber sie können noch nicht beurteilen, was das Fahrzeug tun wird.

Neun- bis zehnjährige Kinder   
"Ich überquere die Fahrbahn bei der Fußgängerampel." 
Neun- bis Zehnjährige beginnen gefährliche Stellen zu meiden und machen auch einen Umweg, um sicher über die Straße zu kommen. Sie erkennen auch Handzeichen der Lenker.

Elf- bis dreizehnjährige Kinder  
"Das Auto fährt aber schnell. Ich denke, es hält nicht vorm Zebrastreifen." 
Teenager können sich auf mehrere Dinge konzentrieren und schätzen Gefahren besser ein. Aber auch ihr Verhalten wird berechenbarer für andere Verkehrsteilnehmer.

Schulweg 2019_HEN_0632_CMS.jpg Heinz Henninger
© Heinz Henninger

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