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Lohn der Anstrengung:
Aussicht vom
"Überstieg" auf
die Thaya-Schlinge.

© Waldviertel Tourismus/Studio Kerschbaum

Lohn der Anstrengung:
Aussicht vom
"Überstieg" auf
die Thaya-Schlinge.

© Waldviertel Tourismus/Studio Kerschbaum
Januar 2021

Weit! Weg! Wandern!

Auf dem Thayatalweg 630 durch das nördliche Waldviertel: einer von vielen Weitwander-Wegen, die mit Gepäcktransport von Unterkunft zu Unterkunft angeboten werden. 

Über 100 Kilometer sind es ganz zum Schluss. Und ich muss mir eingestehen, dass jetzt doch die Fußsohlen brennen und die Wadeln schmerzen. Das ist eben das mangelnde Training, denke ich, während ich im Regionalexpress von Retz nach Wien mit einem Seufzer in den Sessel niedersinke und die Beine strecke.

Der sonst menschenleere Zug setzt sich sanft in Bewegung, gleitet in die Nacht hinein. Und gleichzeitig eilen meine Gedanken zurück: Wie genau hat eigentlich mein kleines Abenteuer vor fünf Tagen begonnen?

Ernest Zederbauer ist das, was man gerne als Tausendsassa bezeichnet. Durchs schöne Weitra führt der gelernte Installateur freiberuflich als launiger Nachtwächter, er schreibt gerne Bücher, erzählt noch lieber viele Geschichten und – darauf kommt es an diesem Dienstag im Oktober in Karlstein an – er wandert gerne. "Ich bin der Zedi", begrüßt er mich vor dem Kräuterpfarrer-Zentrum und drückt mir ein dickes Buch in die Hand. "Rundumadum Waldviertel" steht drauf. Und: "43 Tage und 850 Kilometer zu Fuß". Na servas. Worauf habe ich mich da eingelassen?

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Der Thayatal-Weitwanderweg 630

Waldviertel Karte_CMS 1.jpg auto touring/Peter Scharnagl © auto touring/Peter Scharnagl

Zum Glück entpuppt sich der redselige Zedi nicht auch noch als pensionierter Extremsportler, sondern als gemütlicher und ortskundiger Begleiter. Ein willkommener Einstieg also auf der ersten Tagesetappe, die uns auf nur 14 Kilometern bis nach Raabs führt. Im Spaziergeher-Tempo geht es zunächst über einige Hügel bis nach Speisendorf und dann, gut beschildert, auf einem schönen Waldweg immer die Thaya entlang. Zum dunklen Wolken­himmel hat sich Schnürlregen gesellt, aber es ist nicht kalt, und ich bin mit guten Schuhen und Sportjacke bestens gerüstet. 

Von Karlstein nach Retz auf dem 630er-Weitwanderweg

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Wandern und Geschichten

Es ist einer dieser Tage im Herbst, an denen die zweite Welle der Pandemie nur als düstere Prophezeiung existiert. Hotels und Wirtshäuser sind geöffnet, doch im Wald­viertel geht die Saison schon zu Ende: Heute sind wir hier die einzigen Wanderer an der Thaya.

Die Zeit vergeht rasch, denn Zedi ist ein unerschöpfliches Reservoir an Geschichten. Eine sei hier wiedergegeben. Und gleichzeitig sei vorab ausdrücklich betont, dass sie selbstverständlich nicht die Realität des Tourismus im Waldviertel widerspiegelt.

Also: Als Zedi im Zuge seiner Waldviertel-Umrundung im Spätherbst eben genau nach Raabs kommt, ist es schon stockfinster. Der Platz liegt im Dunkeln, aber in einem Gasthaus brennt noch Licht. Er tritt in die Stube und fragt, ob es hier Fremdenzimmer gebe.

"Wia kann ma denn noch Raabs waundan, ohne dass ma vorher a Zimmer bestöllt", wird er da vom Wirt belehrt.

"Bei uns in Weitra is das kein Problem, do kriag i jedazeit a Zimma", entgegnet Zedi.

"Daun hässt holt in Weitra beibn solln", kommt postwendend die Antwort.

Zedi hat dann doch ein Privatzimmer bekommen.

Ich selbst muss mir in der Gegenwart über solche möglichen Widrigkeiten während ­einer Weitwanderung freilich keinerlei Gedanken machen. Denn ich habe ja eine organisierte Tour gebucht, bei der nicht nur die Zimmer vorreserviert sind, sondern auch das Gepäck pünktlich und verlässlich zu meinem nächsten Etappenziel transportiert wird. Und das klappt, das sei hier gleich vorweg genommen, überall perfekt.

Und noch viel besser: Alle meine vorgebuchten Quartiere haben auf ihre Art besonderen Charme. In Raabs übernachte ich im "Hotel Thaya", vom schönen Zimmer geht es direkt hinaus in einen Garten am Fluss mit Blick auf die Burg. Mein Vier-Sterne-Hotel in Geras ist der "Schüttkasten", ein behutsam renoviertes klösterliches Gutsgebäude. Und in Drosendorf bzw. Unterthürnau darf ich bei Thomas Eccli zu Gast sein, der aus einer beeindruckenden 30er-Jahre-Villa den "Zweitwohnsitz" mit ruhigen Zimmern gemacht hat.

Nur in Hardegg wird es nichts mit der Übernachtung, da das einzige Hotel in der "kleinsten Stadt Österreichs" in diesem Corona-Herbst schon geschlossen hat. Als Ersatzprogramm bekomme ich einen Auto­transfer nach Geras für eine zweite Nacht im "Schüttkasten" und am nächsten Morgen wieder zurück nach Hardegg.

Ein sanfter, dunkler Fluss

Die Hauptrolle in dieser wunderbaren Wanderung spielt natürlich die Thaya, ein sanfter, dunkler, leiser Fluss mit naturbelassenen Ufern, der in immer wieder neuen Schlingen durch schweigsame Wälder mäandert. Oft verläuft der Weitwanderweg 630, der ja eigentlich am Nebelstein im nordwestlichen Eck Niederösterreichs beginnt, direkt entlang des Flussufers.

Manchmal aber windet sich der Sechshundertdreißiger auch in einem kurzen steilen Anstieg aus dem Tal hinaus auf die Hügellandschaft des nördlichen Waldviertels. Hier wechseln einander Felder mit Fichtenwäldern ab, deren Zeit aufgrund der Borkenkäferplage hier wohl gerade für immer zu Ende geht. 

Für meine zweite Etappe, die 20 Kilo­meter von Raabs nach Drosendorf, benötige ich doch viereinhalb Stunden reine Gehzeit. Auf ihrem Schlingerkurs zwischen Österreich und Tschechien verlässt die Thaya hier für ein Stück unser Land. Der Sechshundertdreißiger aber bleibt in Österreich und führt auf meiner dritten Etappe 17 Kilometer nach Geras, wo ich mir Zeit für einen Besuch das Naturparks mit seinen Mufflons, Luchsen und Hirschen nehme, der – wenn alles gut geht – ab Ostern wieder für Besucher/-innen geöffnet sein ­sollte. Das Prämonstratenser-Stift Geras ist auch Wirkungsstätte des "Kräuterpfarrers" Benedikt, Schüler und Nachfolger des legendären "Kräuterpfarrers" Weidinger.

Irgendwann wird man Teil dieser Landschaft, geht in ihr auf. Und das Herz geht dir über.
 

Ernest Zederbauer, Buchautor

Ich aber muss meine Schritte wieder nach Norden lenken, um über Langau und Riegersburg auf meiner vierten Etappe bei der kleinen Grenzstadt Hardegg wieder die Thaya zu erreichen. In meiner Kindheit markierte hier die Brücke über den Fluss das Ende der Welt. Oft malten wir uns aus, was wohl passierte, wenn wir ins Wasser fallen und ans andere Ufer getrieben werden würden, wo, da waren wir sicher, bewaffnete Soldaten nur darauf warteten, uns festzunehmen.

Die Grausamkeit jener Grenze wurde zum Glück für die Natur. Denn wie auch an anderen Stellen entlang des Eisernen Vorhangs ging die Natur aus dem Streit der Menschen als Sieger hervor. 13 Quadratkilometer unberührte Flusslandschaften, eingebettet in majestätische ­Buchen- und Eichenwälder, geben im Nationalpark Raum für 1.280 verschiedene Pflanzenarten, Wildkatzen und seltene Vogelarten.

Auf meiner fünften und letzten Etappe wandere ich entlang des Flusses bis zum sogenannten Überstieg, ein nur etwa 100 Meter breites Felsband über der Thaya, die hier in einer großen Schlinge fast den gesamten Bergrücken umfließt. Von hier genieße ich die phantastische Aussicht auf die Flusslandschaft.

Später muss ich das Tal der Thaya verlassen, die wieder Kurs auf Tschechien nimmt. Ich folge dem Kajabach, in dem man mit etwas Glück streng geschützte Flusskrebse beobachten kann, hinauf bis zur Ruine Kaja.

Wenn es am schönsten ist, sollte man ­eigentlich Schluss machen. Aber in meinem Fall sind es an diesem Tag noch satte 18 Kilometer bis zum geplanten Endpunkt meiner Tour in Retz. Zum Glück geht es jetzt die meiste Zeit bergab.Irgendwann taucht der erste Weingarten auf, hier ist das Waldviertel zu Ende – und damit auch fast meine erste Weitwanderung.

Angebot: Weitwandern am Thayatalweg 630

Ohne Gepäck. Sportliche Wanderer, die den gesamten Thayatal-Weitwanderweg 630 gehen möchten, sind für 179 Kilometer neun Tage unterwegs. Wer es etwas gemütlicher angehen möchte, entscheidet sich zum Beispiel für den zweiten Teil von Karlstein oder Raabs bis Retz, der in der Reportage beschrieben wird. Sechs Tage (fünf Nächte) inklusive Frühstück, Jausensackerln, Thayatalführer und Gepäcktransport kosten p.P. im DZ € 456,– (01.04.–31.10.2021).
Info & Buchung: Waldviertel-Tourismus, Tel. 0800 23 38 30.

Weitwandern in Österreich & Nachbarländern

Große Auswahl. Das Serviceportal www.weitwanderwege.com, ein Projekt von "Österreichs Wanderdörfern", bietet mehr als 30 ausgewählte Weit- und Fernwanderwege in Österreich und den Nachbarländern. Die Palette reicht von zweitägigen Einsteiger-Touren oder Genuss-Wanderungen bis hin zu anspruchsvollen hochalpinen Abenteuern oder Monats-Touren auf Fernwanderwegen. Auch für spezielle Zielgruppen wie Familien mit Kindern oder Hundebesitzer/-innen bietet das Portal passende Mehrtagestouren. Wanderbegeisterte können ihre Tour selbst planen oder auch Pauschalangebote mit Services buchen: zum Beispiel einen Berg- oder Wanderführer als Begleitung oder Gepäcktransport von Hütte zu Hütte bzw. auch von Hotel zu Hotel. Angeboten werden nicht nur die schönsten Wanderwege in Österreich, sondern auch in den Nachbarländern sowie grenzüberschreitende Touren wie der Alpen-Adria-Trail oder die Europäischen Fernwanderwege. 

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