2017-06-11_Praslin_Lemuria_0534_CMS neu.JPG  © Helmut Eckler/auto touring
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August 2017

Die sanften Inseln

Nach den Sommerferien ist vor dem Winterurlaub. Die Seychellen gelten als Inbegriff des Sonnen-Traumzieles.
 

Wer etwa im Februar acht bis neun Stunden auf die fernen Seychellen im Indischen Ozean fliegt, handelt sich garantiert einen Kulturschock ein. Ich kann davon ein Lied singen, denn ich habe genau das dieses Jahr getan. Irgendwie war es eine spontane Idee: Weihnachten vorbei, der Fasching entsetzlich. Im Wetter-TV waren riesige Tiefdruckgebiete zu sehen, die sich über Island mit eiskalter Luft vollsaugten und auf den Weg machten, um wie in der Fantasy-Serie "Game of Thrones" bei uns für einen endlosen Winter zu sorgen.

Aber wohin flüchten? Malediven: Kann für einen Einzelreisenden langweilig werden. Thailand & Karibik: zu weit für eine Woche. Emirate: In Wahrheit habe ich gerade keine Lust auf Arabien. "Wie wär’s mit den Seychellen?", wirft ein reiseerfahrener Kollege ein Hölzchen. Ja, warum nicht? Aber, bitte schön, wo genau ist das jetzt? Ich ziehe den alten ­Atlas aus der großen Schublade (ja, ich habe noch immer so ein Ding). Da die Seychellen mitten im Indischen Ozean liegen (irgendwo zwischen Afrika, der Arabischen Halbinsel, Indien und Madagaskar), picken sie auf allen Kartenblättern irgendwo an den Rändern. Ich schaue ins Netz: Palmen! Sandstrand! Türkisfarbenes Meer! Die Würfel sind gefallen.

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Neu: Nonstop von Österreich auf die Seychellen

Ab November werden Austrian Airlines nonstop von Wien auf die Seychellen fliegen. Ich muss noch mit Emirates Airlines einen kleinen Umweg machen und in Dubai umsteigen. Die Maschinen sind zwar bequem, doch beim Hinflug gilt es, von halb zwölf bis halb drei Uhr nachts in Dubai auf den Weiterflug zu warten. Ziemlich anstrengend.

Am kleinen, aber funktionellen Flughafen der Seychellen-Hauptinsel Mahé erwarten mich kurz nach sechs Uhr früh ein schöner Sonnenaufgang und schmeichelnde 23 Grad. Plus. Nach der problemlosen Einreise geleitet mich eine freundliche Agentur-Angestellte zum Mini-Inlandsflughafen, von wo es nach zwei Stunden warten mit Air Seychelles gleich weiter auf die Insel Praslin geht. Hier wiederum steht schon ein Mini-Bus für mich ganz alleine bereit: mein Shuttle in die Indian Ocean Lodge auf der anderen Seite der Insel. Nach 30 Minuten sind wir da.

Ich bin müde. Gut, dass das geräumige Zimmer in einem der zweistöckigen Chalets schon bezugsfertig ist. Doch mich zieht es sofort die wenigen Meter hinüber zur Grand Anse (französisch für kleine Bucht). Fünf ­Minuten später dümple ich im bacherlwarmen Wasser und schaue mir den von Palmen gesäumten Sandstrand vom Meer aus an.

Ab diesem Moment allerdings geht absolut gar nichts mehr schnell. Das mir bis dato unbekannte relativistische Zeitphänomen der „Allgemeinen Seychellenverlangsamung“ erfasst mich. Es geht einher mit einer fantastischen Erweiterung der Sinne. Zurück am Strand spüre ich, dass der Sand weich wie ­Puder ist. Die Luft ist Watte, sie umschmeichelt die Haut. Die Temperatur des Meerwassers ist perfekt, ich schätze 25 bis 26 Grad – gerade so recht, dass das Bad eine klitzekleine Erfrischung bringt. Sogar die Sprache der Einheimischen, das Kreolische, ergibt in meinen von harten "ck" und "ss" gestressten ­Ohren eine angenehme Melodie. Die Hintergrundmusik liefert der scheinbar ewige Wind, der die Palmblätter Geschichten von der Sehnsucht nach dem Süden erzählen lässt.

Ach, mögen solche Momente ewig währen!

Doch ich habe mir vorgenommen, auch etwas zu unternehmen. Und so begebe ich mich gleich am nächsten Tag auf die Suche nach der Coco de Mer. Die Meereskokosnuss,  Frucht einer einheimischen Palme, hat die Phantasien vieler Generationen von Reisenden angeregt, da sie die Form eines Frauenunterleibes hat. Damit nicht genug. Die männliche Palme bewahrt ihre Pollen in ­einem Stiel auf, der einem riesigen Phallus ­ähnelt. Auf Praslin lassen sich diese Kuriositäten am besten im Regenwald des Nationalparks Vallée de Mai bewundern, der unter dem Schutz der unesco steht. 

Ein Rundgang auf gepflegten Wegen dauert etwa eine Stunde. Es ist keine Überraschung, dass die Analogien zwischen Palmen- und Menschenfortpflanzung auf Besucher/-innen aus aller Welt eine gewisse Faszination ausüben. Gerne erzählt wird bei dieser Gelegenheit auch die Geschichte, dass die Coco-de-Mer-Palmen einander in stürmischen Nächten vereinigen und nicht nur die neuen Kokosnüsse, sondern die Menschenkinder gleich mit gezeugt werden. Was will man mehr erwarten von einem Inselparadies, das auch als Top-Destination für Flitterwochen gilt! Aber abgesehen davon ist die Meeres­kokosnuss in jedem Fall eine außergewöhnliche Pflanze, deren Fruchtfleisch man auch ­essen kann. Im Park verstecken sich angeblich auch schwarze Seychellen-Vasa-Papageien, von denen es nur noch ganz wenige Exemplare gibt. Doch ich kann ins Dickicht spähen, so angestrengt ich will, keiner der nur hier heimischen Vögel zeigt sich.

11.000 Menschen leben auf der 26 Quadratkilometer kleinen Insel Praslin. Auch zur berühmten Anse Lazio am Nordspitzerl, Schauplatz für Dreharbeiten unzähliger Werbefilmchen, ist es mit dem Shuttle nur ein Hupfer. Hier tummeln sich chinesische Reisegruppen, doch zwischen schönen Wellen und pippifeinem Sand bleibt alles im Rahmen. Ich bleibe fast den ganzen Tag und tue – nichts. Das einzige Restaurant hier versorgt mich mit guter Küche. Doch billig, das sei gesagt, ist auf den Seychellen nichts. Im zugegeben schicken Café des Artes gleich neben meinem Hotel kann der Fisch schon umgerechnet 30 Euro kosten. Dafür tafelt man an einem schön gedeckten Tisch und Meeresrauschen sorgt für die akustische Untermalung. 

Die schönsten Strände der Welt?

Auf nach La Digue, vielfach gerühmt als eine der schönsten Inseln der Seychellen! Am Fährhafen empfange ich per Internet Nachrichten von zu Hause. Es sind Botschaften wie vom Saturn, ich verstehe gar nicht, wo­rum es geht. Tiefenentspannt erreiche ich nach etwas mehr als einer Stunde den Hafen. Ein paar Fischerboote dümpeln im Mittagslicht, kleine E-Transporter, Fahrräder und Kutschen warten am Pier. Es geht an Land, alles in Zeitlupe. Die La Digue Island Lodge, ein Vier-Sterne-Hotel im Bungalow-Stil, wartet nur ein kleines Stück südlich des Landungssteges. Auch auf der Hauptstraße gibt es praktisch keinen motorisierten Verkehr. Man mietet ein Fahrrad, fährt mit Kutsche oder E-Transporter bzw. geht zu Fuß. Vor der Hotelanlage ist ein fantastischer Sandstrand, bei Ebbe gestaltet sich das Schwimmen aufgrund eines Riffs allerdings etwas schwierig. Mit Schwimmschuhen wird’s einfacher, es gibt aber auch einen Pool. Von Restaurant und Bar aus kann man kitschige Sonnenuntergänge bestaunen.

Gemütlich radle ich zur Source ("Quelle") d’Argent, sozusagen einem Seychellen-­Bilderbuchstrand: türkisfarbenes Meer, blütenweißer, feiner Sand, Palmen und gigantischen Granitfelsen. Gegen Abend, zurück in der Lodge, wird der Himmel zunächst pechschwarz und öffnet dann seine Schleusen. Beim Baden im Tropenregen ist das Meer ein gesprenkelter Teppich, die Palmen beugen sich im Wind, ich schwebe. Dann hört der Regen auf. Kein Mensch ist zu sehen, über mir ziehen Fledermäuse ihre Kreise. Dann malen die Wolken Seefahrtsschinken aus dem 18. Jahrhundert in den Pastellhimmel. Und ich laufe mit den streunenden Hunden am Strand um die Wette.

Ich bleibe drei Tage, dann fahre ich zurück nach Mahé. Der junge Bernard, der in der in der Verteidigung der Fußball-Nationalmannschaft der Seychellen spielt und auch im Tourismus arbeitet, zeigt mir die Hauptinsel des Archipels und die Hauptstadt Victoria. Alles sehr schön und sehr schmuck.

Aber wo, zum Kuckuck, sind denn jetzt die Schattenseiten der Seychellen, will ich wissen. Während wir ganz oben in den von Dschungel bedeckten Bergen von einer verlassenen Missionsstation auf die schimmernden Buchten hinunter starren, denkt Bernard lange nach. Ja, sagt er dann, die Golf-Araber kaufen die teuren Grundstücke auf und bauen dort ihre Protzvillen. Das beeindruckt mich nicht besonders, denn das gibt es überall auf der Welt.

Und sonst? Ja, natürlich läuft etwas völlig schief auf den Seychellen. Jetzt bin ich aber gespannt. Die jungen Leute, seufzt Bernard, starren eher auf ihre Smartphones, anstatt die Natur zu erkunden und zu schätzen. Das ist alles? Oh, ihr glücklichen Seychellen, ihr neuen Inseln der Seligen!

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