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© Helmut Eckler
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April 2019

Über den Tod hinaus

Vor 25 Jahren starben Ayrton Senna und Roland Ratzenberger in Imola. Sennas Therapeut Josef Leberer erinnert sich an das schwärzeste Wochenende der Formel 1.

Diese unglaubliche Präsenz! Manchmal hab ich das Gefühl, er ist noch da!“, sagt Jo Leberer, Salzburger Formel-1-Physio, über seinen ehema­ligen Schützling Ayrton Senna. Immer wieder wird er von jungen Formel-1-Piloten nach Senna befragt, obwohl manche erst Jahre nach dem Tod des Brasilianers geboren wurden.

Jo ist seit mehr als 30 Jahren als Therapeut für Formel-1-Rennfahrer tätig. Aber nur Ayrton Senna war er so nah wie niemandem sonst. Wie kam es dazu? "Ayrton und ich haben sieben Jahre lang zusammengearbeitet. Er hat mir vertraut, mehr noch, wir waren Freunde. Irgendwann hat er zu mir gesagt: 'Wir beide verstehen uns so gut, lass uns zusammenarbeiten, solange ich Rennen fahre; und auch noch danach!' Aber im Grunde hat er mich nicht gebraucht, selbst mit einem Koala-Bären als Therapeuten wäre er Weltmeister geworden."

imola 1994_josef_c_Privatarchiv Leberer_CMS.jpg Privatarchiv Leberer © Privatarchiv Leberer
Vertraute & Freunde: Der Salzburger Physiotherapeut Josef Leberer und der dreifache Weltmeister aus Brasilien, Ayrton Senna.
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Jo weiß um den Druck von Formel-1-Piloten, die physisch und psychisch immer wieder ans Limit und darüber hinaus gehen. Er sieht es als Aufgabe, zum Vertrauenskreis seiner Fahrer zu gehören. Als er von 1988 bis 1994 für Senna arbeitet, lässt Jo alle anderen geschäftlichen Möglichkeiten außer Acht, konzentriert sich einzig auf den Brasilianer: "Ich hab ihn trainiert, massiert, sein Frühstücks-Müsli zubereitet und mittags für ihn gekocht. Ayrton hat sofort gemerkt, wenn das Salatdressing einmal nicht von mir war."

Imola 1994: Zwei tödliche Rennunfälle erschüttern die Welt

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Das Horror-Wochenende der Formel 1. Es ist das dritte Rennen der Saison. Die ersten beiden Läufe, Brasilien und Japan, gewinnt Michael Schumacher im Benetton. Senna ist dennoch zuversichtlich. Er fährt für Williams, das Weltmeister-Team. Aber ohne die nun verbotene aktive Radaufhängung fehlt dem Auto die Dominanz. Die 1994er-Boliden sind allesamt durch die Reglement-Änderung unberechenbar geworden, die Fahrer durch mysteriöse Testunfälle nervös. Auch Gerhard Berger sorgt sich um die Sicherheit.

"Das ganze Imola-Wochende war eigen­artig", weiß Jo Leberer. "Erinnere dich nur an das Freitagstraining, als das Auto von Rubens Barrichello mit High Speed abhebt, in die Fangzäune fliegt und zerfetzt wird."

Barrichello kommt glimpflich davon – nur ein Nasenbeinbruch. Der Samstag war extrem schwül, viel zu heiß für die Jahreszeit. Es war der 30. April, der Geburtstag von Jo Leberer. "Nach dem Qualifying wollten wir im kleinen Kreis ein wenig feiern, auch Willi Dungl war angereist." Aber um 13.22 Uhr zeigen die Fernsehbilder von Eurosport eine Tragödie – live: Der Simtek des Österreichers Roland Ratzenberger verliert den Frontflügel, bricht im Villeneuve-Knick mit über 300 km/h aus, kracht ungebremst in die Streckenbegrenzung. Wrack und Kopf des Salzburgers sind nur noch Spielball der Kräfte.

Abbruch. Ayrton Senna springt aus seinem Williams, will sofort zur Unfallstelle. Er diskutiert mit Offiziellen, die ihn daran hindern wollen.

Endlich erbarmt sich ein Steward, fährt mit ihm raus. Senna sagt nur: "He's dead."

Noch am Unfallort rät ihm Formel-1-Arzt Dr. Sid Watkins, mit dem Rennsport aufzuhören. Sennas Antwort: "Ich kann nicht!" 

Tief betroffen kehrt er in die Box zurück. Für die Fahrt zur Unfallstelle will ihn die FIA bestrafen. Verstoß gegen die Sicherheit!

"Ich hab Ayrton nie zuvor so wütend ge­sehen", erzählt Jo Leberer. "Der Vorwurf war lächerlich! War doch eh alles abgesperrt." Das Qualifying wird fortgesetzt, Senna verzichtet, behält aber am Ende Pole.

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Ein nachdenklicher Ayrton Senna. Er, der im Rennwagen so gnadenlos sein konnte, ist voller Mitgefühl, erkundigt sich nach der Familie des tödlich verunglückten Roland Ratzenberger.

© Mayerhofer

Hat Ayrton Senna Roland Ratzenberger überhaupt gekannt? "Ich hab die beiden bekannt gemacht", sagt Jo. "Roland war ja Salzburger wie ich. In Imola haben sie noch an der Boxenmauer miteinander gesprochen. Senna ist jungen Fahrern gegenüber immer sehr hilfsbereit gewesen."

Am Abend, statt der Geburtstagsfeier für Jo, Trauer und gedrückte Stimmung. Senna ist nachdenklich. Er, der auf der Strecke so hart sein konnte, ist voll Mitgefühl. Erkundigt sich bei Jo immer wieder nach Rolands Familie. Senna will nach dem Rennen eine rot-weiß-rote Fahne zeigen.

Der Renntag, 1. Mai 1994. Unheilvolle Vorzeichen: Abbruch nach Startkollision, Zuschauer werden verletzt. Das Rennen wird bis Runde fünf neutralisiert. Nach dem Neustart in Runde sieben ist der Williams plötzlich unlenkbar. Senna bremst, kracht in der Tamburello-Kurve mit Tempo 220 gegen die Mauer. Ein Vorderrad wird abgerissen, trifft den Helm.

"Ich hab das Rennen am Bildschirm im Motorhome verfolgt", sagt Jo Leberer leise. "Als ich Ayrtons Kopf ge­sehen ­habe, hab ich gleich gespürt: Es ist vorbei!"

Die Todesnachricht geht um die Welt. In Brasilien werden Fußballspiele unterbrochen. Aber der Grand Prix von San Marino wird fertig gefahren, endet mit ­einem jubelnden Michael Schumacher.

Ayrton Senna: Mensch und Superstar

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Im Spital von Bologna stehen Gerhard Berger und Jo Leberer vor dem toten Freund – weinen. Wie in Trance fährt Jo heim nach Salzburg. Drei Tage später sitzt er im Flugzeug nach Brasilien, auf Wunsch von Sennas Familie neben dem Leichnam des Freundes. Die First Class der Maschine ist leer geräumt für den Sarg, bedeckt mit brasilianischer Fahne und einer Rose oben drauf. Abfangjäger begleiten die Maschine im Anflug auf São Paulo.

Josefs Stimme stockt. "Diese Fahrt hinaus zum Friedhof kann ich unmöglich vergessen." Er sitzt im ersten Auto hinter dem Feuerwehrwagen mit Sennas Sarg. Die Szenerie ist bizarr: "Millionen Men­schen am Straßenrand, auf Häu­sern auf Brücken: kniend, betend, weinend, applaudierend… schwarz, weiß, arm, reich… unvorstellbar. Einige fahren im Rollstuhl kilometerweit neben dem Trauerzug her."

Nach der Ankunft auf dem Friedhof von Morumbi trifft Jo auf Sennas Mutter. Die Umarmung: ein schwieriger Moment.

Was war so besonders an Senna? "So viele großartige Fahrer sind vor ihm gestorben: Clark, Rindt, Villeneuve. Ayrton war die Summe aus allen, ihre Tugenden waren in ihm vereint." Josefs Augen glänzen: "Senna hatte Charisma, war die perfekte Führungskraft. Angetrieben von seinen Werten und Vorstellungen." Senna verlangt viel, zeigt aber Wertschätzung für Leistung, besonders gegenüber seinen Mechanikern. Der Brasilianer weiß Menschen zu motivieren. "Und doch war er schüchtern. Im Auto aber gnadenlos!", wirft Jo ein. Erst als mit Gerhard Berger der Schmäh zu McLaren kommt, sie zu dritt um die Häuser ziehen, taut Senna auf.

Gab oder gibt es einen Fahrer mit ähnlichem Charakter wie Senna? Jo überlegt lange. Auch nicht ansatzweise? Die Antwort überrascht: "Nicht in dieser besonderen Art. Aber in puncto Auftreten, Bescheidenheit, Entschlossenheit und Reife trotz jugendlichen Alters – vielleicht Charles Leclerc!"

Keiner ist wie Senna

imola 1994_senna_cMayerhofer_CMS.jpg Mayerhofer © Mayerhofer
Gibt es heute in der Formel 1 überhaupt noch Fahrer wie Ayrton Senna?
HamiltonM152876_CMS.jpg AMG-Mercedes F1 © AMG-Mercedes F1
Der fünffache Weltmeister Lewis Hamilton, hätten vielleicht viele gedacht, aber…
imola 1994_190003_charles_leclerc_Scuderia Ferrari.jpg Scuderia Ferrari © Scuderia Ferrari
… für Jo Leberer ist es, wenn auch nur ansatzweise, der Monegasse Charles Leclerc.

Senna war wohlhabend, zeigte es aber nie. Auch Personenschutz lehnte er ab. Die Härte, die er sich selbst und seinen Konkurrenten entgegenbringt, ist für den Brasilianer nur Teil seines Entwicklungsprozesses. Senna ist auch menschlich ein Superstar. Arbeitet im Hintergrund an seinen Charity-Projekten für Menschen in Not. Dafür gründet er das Senna-Institut. Für Jo ist es eine Freude zu sehen, wie die Idee des Freundes über den Tod hinaus erfolgreich weitergeführt wird. Als Jo Leberer nach mehr als zwanzig Jahren Sennas 91-jährigen Vater wieder trifft, ist es eine emotionale Begegnung aus Lachen und Tränen. "Der Vater konnte sich an mehr Begebenheiten erinnern als ich! Und am Ende sagt er zu mir: Jo, du warst meinem Sohn am nächsten!" Worte, die Frieden geben.  

Roland Ratzenberger 1960–1994

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Er starb für seinen Traum – den Rennsport und die Formel 1

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"Immer um diese Jahreszeit kommen die Emotionen wieder hoch", sagt der Vater Rudolf Ratzenberger heute. "Als Roland in Imola fuhr, sind wir gerade von einer Mexiko-Reise heimgekommen, müde nach dem langen Flug liege ich im Bett und sehe auf Eurosport, wie ein zerstörtes Auto aus der Tosa-Kurve schießt." Völlig entgeistert erkennt der Vater: Es ist sein Sohn. "Wie der Kopf leblos hin- und gefallen ist, da hab ich gewusst…" 

Wie ist so etwas zu verkraften? Rudolf Ratzenberger: "In meinem Arbeitsleben bei der Pensionsversicherung hab ich so viele Schicksale erlebt… Viele werfen mir vor, abgebrüht zu sein, aber das bin ich nicht." Rudolf Ratzenberger flüchtet sich in öffentliche Auftritte, wird dafür kritisiert. "Aber so konnte ich die Tragödie verarbeiten. Meine Frau hat länger gebraucht." Rudolf Ratzenberger ist beeindruckt von der Anteilnahme der Italiener, die Jahr für Jahr Gedenkfeiern für Senna und seinen Sohn in Imola veranstalten. 20 Jahre nach dem Unfall pilgern 25.000 Fans an die Strecke.

Was war der Roland für ein Mensch? "Meine Frau sagt, das erste Wort, das er gesprochen hat, war Auto, nicht Mama." Die Ratzenbergers wohnen auf der Salzkammergut-Straße. Roland zählt gern vorbeifahrende Autos, kennt früh alle Marken. Gegenüber die Garage von Walter Lechner – dessen Formel-Ford-Rennwagen haben es dem Buben angetan. "Am liebsten war er drüben bei den Mechanikern", weiß Rudolf Ratzenberger. Die Eltern sind wenig begeistert, als Roland Jahre später die HTL abbricht, um Rennen zu fahren. 

Roland Ratzenberger arbeitet hart für seinen Traum. Er trainiert 1980 in Walter Lechners Racing School, später wird er Instruktor. Walter Lechner weiß: "Roland war ein guter Rennfahrer. Aber sein Talent, ohne große finanzielle Mittel immer wieder ein Team und ein Cockpit zu finden, war unglaublich."

In memoriam Roland Ratzenberger

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1986 gewinnt Ratzenberger das Formel-Ford-Weltfinale von Brands Hatch. Fährt dann Tourenwagen für das Schnitzer-Team, später Formel 3. 1989 fahren Ratzenberger und Lehrmeister Walter Lechner gemeinsam die 24 Stunden von Le Mans. Dann führt der Weg nach Japan. Der Salzburger wird als erster Europäer Toyota-Werksfahrer, fährt drei Meisterschaften zugleich: Formel 3000, Sportwagen und Tourenwagen. Ratzenberger ist in Japan ein Held, sein Konterfei hängt überlebensgroß an Tankstellen. Und endlich öffnet sich die Tür zur Formel 1: 1994 holt ihn Designer Nick Wirth in sein neu gegründetes Simtek-Team. In Brasilien verpassen sie die Qualifikation. In Japan beendet Roland Ratzenberger seinen ersten Formel-1-Grand-Prix. Dann kam Imola…

Trotz Trauer und Schmerz krempeln Ratzenbergers Eltern ihr Leben um, verkaufen ihr Haus, ziehen in die Salzburger Wohnung, die ihr Sohn wenige Tage vor seinem Ableben gekauft hat. "So lebt unser Roland auch heute noch mit uns!"

imola 1994_1998 ratzenberger rudolf_cMayerhofer_CMS.jpg Mayerhofer © Mayerhofer
Immer um diese Jahreszeit kommen die Gefühle von damals wieder hoch. Rudolf Ratzenberger sah im Fernsehen seinen Sohn sterben.

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