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November 2016

Formel 1: Ein Tiroler weiß, wie der Haas läuft

Der Beziehungsstatus USA und Formel 1 war und ist kompliziert. Ausgerechnet Günter Steiner, einem Südtiroler, gelang mit Haas die sensationelle Rückkehr der Amis in die Königklasse des Motorsports.

Kantig-geschnitzte, wettergegerbte Gesichtszüge, Südtiroler Dialekt. Optisch ein Bergfex wie aus dem Bilderbuch. Einer, der jede freie Minute in senkrechten Dolomiten-Wänden verbringt? Fehlanzeige: Ich treffe Günter Steiner nicht unter den Geisslerspitzen, den Drei Zinnen oder auf dem Westgrat der Marmolata, sondern vor einem beheizten Reifenstapel in der Garage des amerikanischen Formel-1-Teams Haas.  

Günter Steiners Passion seit Jugendtagen ist der Motorsport – untypisch für einen Südtiroler, wie er selbst zugibt. Nach vielen Jahren in Rallyesport und NASCAR ist er nun Teamchef des amerikanischen Formel-1-Rookie-Teams Haas F1. Nur vier Jahre nach einem ähnlichen, aber gescheiterten USA-Projekt haben Günter Steiner und der Industrielle Gene Haas in Rekordzeit ihr Team auf die Beine gestellt. Mit Standorten über die halbe Welt verteilt. Mit dem sechsten Platz beim Saison-Auftakt im Albert Park von Melbourne schrieben sie Geschichte, schafften das beste Debut seit 2002, als der Finne Mika Salo im Toyota auf Anhieb in die Punkte fuhr. 

— Wie kommt ein Südtiroler aus Meran zum Motorsport?

Günter Steiner: Ganz komisch! Schon als Kind hab ich meinen Vater immer wieder angebettelt, mit mir zum Mendelrennen zu fahren. Dieses legendäre Bergrennen kennen sicher auch viele Österreicher. Mit 20, also gleich nach dem Militärdienst, bin ich nach Belgien gegangen und hab dort in einem Rallyeteam zu arbeiten begonnen. Danach bin ich wieder nach Italien zurück, immer im Rallyesport. Und erst 2002 hab ich es in die Formel 1 geschafft, zu Jaguar. 

— Zu Jaguar hat sie damals doch Niki Lauda geholt, aber ihr hattet keinen Erfolg?

Günter Steiner: Ich will nicht sagen, dass wir keinen Erfolg hatten, die Leute haben uns einfach zu wenig Zeit gegeben. Niki war auf einem guten Weg, Jaguar aus dem Sumpf herauszuholen. Nur ein Jahr mehr und wir hätten es bestimmt geschafft. Aber ohne Zeit und ohne Perspektiven bin ich dann auch weg.

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Steiner Günter_Interview_Juli2016_HE_009_CMS.jpg Helmut Eckler
© Helmut Eckler

— Heute sind Sie der Supervisor eines amerikanischen Formel-1-Teams. Wie kompliziert ist die Beziehung Formel 1 und USA?

Günter Steiner: Sehr kompliziert, denn der Motorsport in den USA funktioniert anders. Ich würde nicht sagen besser oder schlechter. Auf jeden Fall offener, viel unkomplizierter, vor allem aber weniger politisch, als sich die Formel 1 im Moment darstellt. 

— Weniger Politik und unkomplizierter, was heißt das im Klartext?

Günter Steiner: Die Zuschauer haben viel mehr Zugang zu dem Sport. In der Formel 1 sind die Zuschauer weit weg, sie sehen die Autos vorbeifahren, aber Zugang zu den Fahrern oder Teams haben sie nicht. In den Vereinigten Staaten ist der Motorsport ähnlich wie die DTM in Deutschland, wo die Leute auch in den Paddock, das Fahrerlager gehen dürfen, und die Fahrer hautnah sehen. Im Vergleich dazu ist die Formel 1 total abgeschottet. Und politisch ist die Formel 1 kompliziert, weil einfach zu viel Geld im Spiel ist und es daher immer schwierig ist, Konsens zu finden. Der Einfluss und das Engagement der Werke macht den Kampf nochmals um vieles härter.

— Welche Rolle spielte Rennstall-Besitzer Gene Haas bei der Entscheidung für die Formel 1?

Günter Steiner: Gene Haas versteht Motorsport, hat ihn im Blut. Er hat viel Erfahrung in der NASCAR gesammelt, hat dort auch Meisterschaften gewonnen. Deshalb hat er sich jahrelang Gedanken gemacht, was es außer der NASCAR noch Attraktives auf dem Motorsport-Sektor gibt. Irgendwann haben wir über ein Formel-1-Projekt geplaudert. Er war Feuer und Flamme, hat sofort gesagt: Das ist es! Ich will wieder ein amerikanisches Formel-1-Team an den Start bringen. 

Haas F1: Die USA kehren nach 30 Jahren in die Formel 1 zurück.

— Besteht in den USA überhaupt Interesse an der Formel 1? 

Günter Steiner: Absolut! Das Interesse ist enorm. Allein dadurch, dass es mit uns jetzt ein amerikanischen Team gibt. Das heizt an. Was wir aber unbedingt demnächst bringen müssen, ist ein amerikanischer Fahrer.

— Inwieweit hilft Ihnen ihr Rallye-Know-how in der Formel 1?

Günter Steiner: Ich habe außer mit Jaguar auch mit Red Bull in der Formel 1 gearbeitet. Im Motorsport ist die Herangehensweise immer die gleiche. Erstens: Du musst optimal vorbereitet an die Rennstrecke kommen. Das ist das Wichtigste. Zweitens: Hol dir erfahrene Leute, die wissen, wie die Formel 1 funktioniert, die alle Fallen und Feinheiten kennen. 

— Ihr arbeitet auf drei Standorten: in Banbury, Großbritannien, in Kanapolis, North Carolina, und in Varano in der Nähe von Parma. Wie schafft ihr das logistisch, wenn Ferrari es nicht einmal schafft, dass die Motor- und die Chassisabteilung effizient miteinander kommunizieren?

Günter Steiner: (lacht) Alle, die im Haas-F1-Team arbeiten, kennen es nicht anders. Unser Team wurde von Beginn an mit der Voraussetzung von drei Standorten aufgestellt. Wir arbeiten eng mit Ferrari zusammen, allein deshalb brauchen wir einen Standort in Italien. Wir benutzen ja auch ihren Windkanal in Maranello. In Varano ist die Aerodynamik-Abteilung von Dallara, wo unsere Autos entwickelt und konstruiert werden. Aber ein Rennteam in Italien aufzustellen, ist schwierig. Du kannst hier nicht die richtigen Leute finden. Daher sind wir auch in England, Banbury, in der ehemaligen Fabrik von Marussia. Hier finden wir unser Personal: die Mechaniker, die Ingenieure, Logistiker. Unsere Leute an der Rennstrecke kommen zu 95% aus England. 

Und unser Hauptsitz ist Kanapolis, dort bin ich die meiste Zeit. Wenn ich nicht gerade beim Rennen oder in einem Flugzeug bin. Kanapolis ist Sitz unserer Geschäftsführung und der CFD-Abteilung (Anm.: CFD steht für Computational Fluid Dynamics. Ein Programm, das die aerodynamischen Abläufe eines Fahrzeugteils simuliert, noch bevor er gebaut ist). Auch die Fräs- und Drehteile für die italienische Aerodynamik-Abteilung stellen wir in Kanapolis her, natürlich auf Haas-Fräsmaschinen. 

Gene Haas looks on-572_CMS.jpg  Haas F1 © Haas F1
Der Visionär. Nach NASCAR-Erfolgen sucht der Industrielle Gene Haas eine neue Herausforderung; er findet sie in der Formel 1. 
VF16 at speed at Monza-121_CMS.jpg  Haas F1 © Haas F1
Das Auto. Dem Haas F1 gelingt die Sensation: auf Anhieb in Australien und Bahrain in den Punkte-Rängen. Das beste Debut sein 2002.
Steiner Günter_Juli2016_HE_037_CMS.jpg  Helmut Eckler © Helmut Eckler
Der Mastermind. Der Südtiroler Günter Steiner. Er bringt die nötige Erfahrung mit: aus der Rallye-WM und der Formel 1 bei Jaguar und Red Bull.

— Ihr seid sensationell in die Saison gestartet, auf Anhieb ein 6. Platz in Australien, ein fünfter in Bahrain. Danach hattet ihr einen Hänger – warum?

Günter Steiner: Ein Mix aus vielen Umständen. Wir waren mehrmals 11. – ist zwar knapp daneben –, aber wenn es gut läuft, sind wir in der Lage, immer in die Punkte zu fahren. Wir hatten anfangs Probleme, konnten unsere Reifen auf Strecken mit niedrigeren Asphalttemperaturen nicht richtig zum Arbeiten bringen. Was uns wichtig war: Wir wollten im starken Mittelfeld der Formel 1 nicht die Letzten sein. Das ist uns gelungen.

— Was ist von den Ergebnissen her für Privatteams überhaupt möglich in einer Zeit, in der die Werksteams alles in Grund und Boden fahren?

Günter Steiner: Im Moment ist es sicher schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, die Werke zu schlagen. Aber wir wollen unser Team erst einmal solide aufbauen, so dass wir in vier bis fünf Jahren mit dem einen oder anderen Werksteam konkurrieren und vielleicht noch enger zusammen arbeiten könnten. Gut möglich, dass wir eines Tages selbst zum Werksteam werden. Im Moment liegt unser Hauptaugenmerk im Schaffen einer Grundlage, um überhaupt interessant für Kooperationen zu sein. 

HONY9739-756_CMS.jpg Haas F1 © Haas F1
Gene Haas und sein Problemkind Esteban Gutiérrez. Er wurde zwar zweimal Elfter, aber die Punkte fuhr bis jetzt ausschließlich der Teamkollege ein – der Franzose Romain Grosjean. Daher muss sich der Mexikaner für 2017 ein neues Team suchen.

— War ein amerikanischer Motor jemals angedacht?

Günter Steiner: Nein. Das wäre auch nicht sinnvoll. Die Formel 1 erfindet sich sowieso immer wieder neu, befindet sich in einem permanenten Cocooning. Was hält in dieser Serie länger als drei Jahre? Wenig, oder? Wichtig ist, ein gutes, kompetentes Team zu haben. Wenn sich irgendwann die Gelegenheit für etwas Größeres bietet, sind wir bereit es anzupacken.

— Zuhause zu sein, gibt es das in ihrem Job?

Günter Steiner: Nach meinem Gefühl verbringe ich die meiste Zeit im Flugzeug. Mein Zuhause ist jetzt North Carolina. Mein einziges Problem ist: Ich bin definitiv zu wenig daheim, daher nehme ich die Familie öfter mit auf Reisen, sonst würd’ ich sie ja gar mehr nicht sehen. 

Das Interesse an der Formel 1 ist in den USA enorm. Besonders seit es mit Haas ein amerikanisches Team gibt. Was wir aber demnächst unbedingt bringen müssen, ist ein amerikanischer Fahrer.

Günter Steiner, Teamchef Haas F1

— Nun leben wir in einer Zeit, in der sich Motorsport per se immer öfter rechtfertigen muss. Wo sehen sie die Formel 1 in zehn bis zwanzig Jahren?

Günter Steiner: Ich glaube, die Formel 1 wird immer das größte Motorsport-Spektakel sein. Was die Technik angeht, denke ich, wir werden immer mit einem Verbrennungsmotor fahren. Zumindest solange ich lebe, keine Ahnung, was in hundert Jahren ist (grinst). An die Elektroenergie als alleinigen Antrieb glaube ich nicht. Sie wird maximal ergänzend zum Einsatz kommen. Was auch immer kommen mag – wichtig wird sein, junge Menschen zu begeistern. Das heißt: Es darf nicht alles nur mehr übers Fernsehen laufen, schaut doch eh keiner mehr. Auch Social Media muss einbezogen werden.

— Hat die Formel 1 diesbezüglich Aufholbedarf?

Günter Steiner: Und wie! Es gibt im Moment große Anstrengungen in diese Richtung. Aber wenn sich die Formel 1 endlich entschließen sollte, in diese Richtung zu gehen, dann wird es sicher ein Erfolg. Einfach weil mehr als genug Geld da ist und weil es so viele hochintelligente Leute in dieser Serie gibt. Die Vermarktung über Social Media ist in den Vereinigten Staaten, besonders in der NASCAR-Serie jetzt schon um vieles besser.

Steiner Günter_Juli2016_HE_008_CMS.jpg Helmut Eckler
© Helmut Eckler

— Stichwort Entscheidung. Wenn ein neu eingeführtes Qualifying-Reglement nach einem Rennen wieder aufgehoben wird, fragt man sich da: Werden diese Dinge nicht durchdacht, sind das einfach nur Schnellschüsse, oder haben die falschen Leute das Sagen?

Günter Steiner: Schnellschuss ist das richtige Wort. Würde es diese Dinge bei jedem zweiten Rennen geben, wäre ich auch genervt. Ich würde mich fragen, ob hier nur Volltrottel am Werk sind. Aber das passiert ein-, zweimal in fünf Jahren. Das ist okay, wir lernen alle aus solchen Fehlern. 

— Was erwarten Sie sich in Zukunft von Liberty Media, dem neuen Rechte-Inhaber der Formel 1?

Günter Steiner: Mit Liberty Media kommt eine Firma mit großem Potential aus den Vereinigten Staaten in die Formel 1. Wir als amerikanisches Team hoffen auf eine deutliche Belebung des Markts. Ich sehe darin nur Positives, eine Entwicklung, die längst notwendig war.

https://www.haasf1team.com

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