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Der Held, der keiner sein will: Capt. Chesley "Sully" Sullenberger, Pilot von US Airways-Flug 1549.

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Der Held, der keiner sein will: Capt. Chesley "Sully" Sullenberger, Pilot von US Airways-Flug 1549.

© Markus Zahradnik
November 2016

Chesley Sullenberger

Ja, wir sind stolz: Als einziges europäisches Medium haben wir zum Oscar-Favoriten "Sully" ein persönliches Interview mit jenem Mann geführt, um den es im Film geht - Captain Chesley Sullenberger. Warum der Held von Flug 1549 keiner sein will? Das erklärt er uns bei sich zuhause in Danville, Kalifornien.

Der US Airways-Kurs 1549 von New York City nach Charlotte in North Carolina wäre für Capt. Chesley Sullenberger und seinen Ersten Offizier Jeff Skiles der letzte an diesem Tag gewesen. Wir schreiben Donnerstag, den 15. Jänner 2009, und die beiden Piloten sind, mit 155 Passagieren an Bord, soeben vom Flughafen La Guardia gestartet. Das Wetter ist gut, alles deutet auf einen ruhigen Ausklang des Arbeitstages hin. 

Dann passiert es: Nur zwei Minuten nach dem Abheben kreuzt ein Schwarm Kanada-Gänse die Route des Airbus A320, unzählige Vögel werden in die beiden Triebwerke gesaugt, die daraufhin sofort ausfallen. Sullenberger übernimmt das Steuer von Skiles und setzt, nur 208 Sekunden später, das antriebslose Flugzeug in den Hudson River. Dank der beeindruckenden Landung, den vorbildlich reagierenden Flugbegleiterinnen und einer beispiellosen Rettungsaktion der New Yorker Fährenkapitäne überleben alle Passagiere, nur einige tragen kleinere Verletzungen davon. Sullenberger und seine Crew haben in nur sechs Minuten Flugdauer Luftfahrtgeschichte geschrieben.

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New York City, 15. Jänner 2009

Überwachungskameras zeichnen die Notwasserung von Flug 1549 auf:

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Hudson River, 15.32 Uhr Ortszeit. Wenige Augenblicke nach der Evakuierung des Airbus stehen die Passagiere auf den Tragflächen und warten auf die Rettung aus dem eisigen Fluss. Ein beeindruckendes Bild, das um die Welt geht.

© APA

Wer ist dieser Mann, der bis zu diesem Tag einer von 150.000 anonymen US-Linienpiloten war und dessen Meisterleistung ihn von einer Sekunde zur anderen so weltberühmt machte, dass Hollywoodstar Clint Eastwood soeben seine Geschichte verfilmt hat und niemand Geringeren als Tom Hanks für die Hauptrolle des "Sully" verpflichtete?

Wir haben den heute 65-Jährigen zu Hause im nordkalifornischen Danville besucht und waren überrascht: Zum Exklusiv-Interview taucht wider Erwarten kein Superstar samt Medienberater-Stab auf, sondern ein freundlicher, zurückhaltender Mann, der sich im Laufe des Gesprächs als bescheidener "Sir" der alten Schule entpuppen sollte – mit einer Ausnahme: Er steht auf Rockmusik der härteren Gangart. Aber lesen Sie am besten selbst…

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Ein Leben für die Fliegerei: "Sully" als junger Air-Force-Pilot in der F-4 Phantom, als…
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… heute pensionierter Privatier im kleinen Business-Jet und als… 
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… Ehrengast in einer F-18 der berühmten Kunstflugstaffel "Blue Angels".

… über die ersten Minuten von Flug 1549

— Mister Sullenberger, seit dem berühmten Flug 1549 sind nun sieben Jahre vergangen. Wenn Sie heute privat im Flieger unterwegs sind, achten Sie dann in den ersten Minuten nach dem Start besonders aufmerksam auf unübliche Geräusche?

Chesley Sullenberger: Nein, überhaupt nicht. Ich reise sehr viel und sitze auch selbst noch oft im Cockpit. Aber auch vor dem 15. Jänner 2009 war ich häufig hinten als Passagier unterwegs, um zwischen meinem Wohnsitz in Kalifornien und dem jeweiligen Ort, von dem aus ich meinen Arbeitstag beginnen musste, hin- und herzupendeln. Als Pilot ist mir natürlich zu jeder Sekunde eines Fluges bewusst, was genau soeben passiert. Ich kann die Geschwindigkeit ziemlich exakt einschätzen, ob wir beschleunigen oder langsamer werden, steigen oder sinken. Aber ich zähle nicht die ersten 100 Sekunden nach dem Abheben bis zu jenem Moment, ab dem damals unser aufregendes Abenteuer begann. Obwohl mir manche Passagiere von Flug 1549 erzählt haben, dass sie das seit damals sehr wohl tun. Worauf ich viel eher achte, ist, wie sanft ein Kollege landet. (lacht)

— Was war eigentlich Ihr allererster Gedanke damals, nachdem Ihr Airbus im Hudson River zum Stillstand kam?

Chesley Sullenberger: Es war an jenem Donnerstag der letzte Flug nach einer Vier-Tages-Tour. Kurz nach dem Start vom New Yorker Flughafen La Guardia hatten wir dann die fatale Begegnung mit den Kanada-Gänsen und danach noch exakt 208 Sekunden Zeit für die ultimative Aufgabe, den Arbeitstag erfolgreich abzuschließen. Mein erster Gedanke, nachdem in geringer Höhe beide Triebwerke ausfielen? "Okay, darauf wurden wir eigentlich nie trainiert." Die Flugsimulatoren, an denen wir ausgebildet werden, sind nämlich nicht in der Lage, diesen sehr speziellen Vorfall mit anschließender Notwasserung darzustellen. Darauf sind sie nicht programmiert, weil diese Situation in der Theorie eigentlich gar nicht existiert. Das einzige Training, das wir zum Thema Wasserlandung vorher hatten, war eine kurze Diskussion im Schulungsraum. Demnach mussten mein Erster Offizier Jeff Skiles, unsere Flugbegleiter (Anm. d. Red.: sehr lesenswerter Artikel zu den vermeintlichen "Saftschubsen" von austrianwings.info) und ich an diesem Tag eine Aufgabe bewältigen, die wir vorher nie üben konnten. Ganz abgesehen davon, dass wir dafür ja nur einen einzigen Versuch hatten. Was wir wussten: Ohne Antrieb würde es jedenfalls eine sehr, sehr harte Landung werden. Als das Flugzeug dann im Wasser aufsetzte, war die Verzögerung zwar extrem heftig, bis zum Stillstand aber überraschend gleichmäßig. Und als wir stoppten und bemerkten, dass die Maschine halbwegs intakt geblieben war, stabil schwimmt und somit keine allzu schweren Verletzungen der Passagiere zu erwarten waren, blickten Jeff und ich uns überrascht an und sagten beide gleichzeitig: "Nun, das war jetzt nicht so schlimm wie erwartet." (lacht) Zeit zum Feiern blieb uns aber natürlich nicht. Ich musste sofort aus dem Cockpit, um der Crew den Befehl zum Evakuieren der Kabine zu erteilen. Und dann ging es darum, 155 Menschen so rasch und sicher wie möglich aus einem Flugzeug zu bringen, das an einem eiskalten Jännertag in einem Fluss treibt und droht, demnächst unterzugehen.

Gänsehaut: die minutiöse Rekonstruktion

In dieser unglaublich sehenswerten Computer-Simulation ist Flug 1549 vom Start am Flughafen La Guardia bis zum Vogelschlag und der anschließenden Landung im Hudson River in Echtzeit nachgestellt – inklusive Original-Funkverkehr (ab Minute 1:20) zwischen den Piloten Sullenberger und Skiles sowie dem Tower der Flugsicherung.

… über Heldentum

— Haben Sie danach jemals versucht, die Situation noch einmal zu simulieren, "es" also ein zweites Mal zu schaffen?

Chesley Sullenberger: Ich weiß, dass viele Menschen das probiert haben, zum Beispiel zu Hause auf ihren Computern. Ich wollte das aber nicht, zumindest bis vor kurzem. Es ist ja bereits bekannt, dass im Herbst ein Film namens "Sully" in die Kinos kommt, der die Geschichte von Flug 1549 erzählt. Regie führt Clint Eastwood, meine Rolle wird von Tom Hanks dargestellt und die meines Co-Piloten Jeff Skiles von Aaron Eckhardt. Damit die Schauspieler das Szenario nachvollziehen und authentisch spielen können, war ich also mit ihnen im Simulator, und wir haben die Landung gemeinsam als Crew noch einmal nachgestellt. Aber eben nur bis zu dem Moment kurz vor dem Aufsetzen auf dem Wasser, weil sie bis ganz zum Ende von der Technik nicht realitätsnah umsetzbar ist.

— In ihrem autobiographischen Buch "Man muss kein Held sein" weisen Sie an mehreren Stellen darauf hin, dass Sie sich selbst nicht als der oft zitierte "Held vom Hudson" sehen. Haben Sie Angst, dass der Film zu stark mit Hollywood-Klischees spielen wird?

Chesley Sullenberger: Nein. Der Vorfall ereignete sich zu einer Zeit, als die Welt im Allgemeinen und mein Land im Besonderen wegen der globalen Finanzsituation den Anschein machten, den Bach hinunter zu gehen. Dann passierte unsere Notwasserung mitten in New York City, bei der alle Beteiligten – die Crew, die Passagiere, die Fährenkapitäne, die Rettungsteams – exzeptionell gut reagiert und eine wahre Meisterleistung vollbracht haben. Sie alle sind in diesem einen Moment an ihrer schwierigen Aufgabe gewachsen und haben das absolut Bestmögliche in dieser Situation erreicht. Und das, denke ich, hat vielen Menschen in dieser ansonsten nicht sehr rosigen Zeit Hoffnung gegeben. Es hat ihren Glauben an die Menschheit erneuert: dass es, wenn wir zusammenhalten, nichts gibt, das wir nicht gemeinsam schaffen können. Deshalb glaube ich nicht, dass die Verfilmung zu kitschig wird, wenn man die historischen Umstände bedenkt. Außerdem ist mein Gesicht wohl oder übel das Aushängeschild dieser Geschichte, vor der ich so viel Respekt habe. Und ich gehe davon aus, dass alle Personen, die an dem Film arbeiten, diesen Respekt teilen.

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Chronik einer Notwasserung: "Sully"…
sullenberger_2016-02_3er-B.jpg  Markus Zahradnik © Markus Zahradnik
… erklärt uns anschaulich die…
sullenberger_2016-02_3er-C.jpg  Markus Zahradnik © Markus Zahradnik
… letzten Sekunden von Flug 1549.

… über sein Familienleben

In den letzten Jahren ist der Medienrummel um Ihre Person weniger geworden, das Privatleben hat sich vermutlich etwas normalisiert. Wenn der Filmstart im September näher rückt, wird sich das wohl wieder ändern…
 
Klar ist: Für jeden, der in diesem Flugzeug war, hat sich danach viel verändert. Es gibt Momente im Leben jedes Menschen, die es in ein „Davor“ und ein „Danach“ teilen, und Flug 1549 war ein solcher Moment. Meine Familie und mich betraf das aber ganz besonders, weil wir naturgemäß die meiste Aufmerksamkeit abbekamen. In letzter Zeit ist das öffentliche Interesse an meiner Person zwar nicht mehr so stark wie früher, bewegt sich aber doch noch immer auf sehr hohem Niveau. Ich kann also nicht sagen, dass unser Leben wieder ganz normal abläuft. Aber meine Frau, meine Töchter und ich sind besser darin geworden, mit dem Rampenlicht umzugehen. Was uns in der Vergangenheit mitunter sehr viel Anstrengung gekostet hat, um es sanft auszudrücken. Das größte Problem war, dass meine weltweite Bekanntheit ja nicht langsam wachsen konnte wie etwa bei einem Hollywood-Schauspieler, sondern innerhalb weniger Stunden einfach explodiert ist. Lassen Sie es mich so formulieren: Wenn der Film demnächst rauskommt, werden wir als Familie diesmal mehr Übung darin haben, wie man mit dem Trubel richtig umzugehen hat.

— In den letzten Jahren ist der Medienrummel um Ihre Person schwächer geworden, das Privatleben hat sich vermutlich etwas normalisiert. Wenn der Filmstart im September näher rückt, wird sich das wohl wieder ändern…

Chesley Sullenberger: Klar ist: Für jeden, der in diesem Flugzeug war, hat sich danach viel verändert. Es gibt Momente im Leben jedes Menschen, die es in ein "Davor" und ein "Danach" teilen, und Flug 1549 war ein solcher Moment. Meine Familie und mich betraf das aber ganz besonders, weil wir naturgemäß die meiste Aufmerksamkeit abbekamen. In letzter Zeit ist das öffentliche Interesse an meiner Person zwar nicht mehr so stark wie früher, bewegt sich aber doch noch immer auf sehr hohem Niveau. Ich kann also nicht sagen, dass unser Leben wieder ganz normal abläuft. Aber meine Frau, meine Töchter und ich sind besser darin geworden, mit dem Rampenlicht umzugehen. Was uns in der Vergangenheit mitunter sehr viel Anstrengung gekostet hat, um es sanft auszudrücken. Das größte Problem war, dass meine weltweite Bekanntheit ja nicht langsam wachsen konnte wie etwa bei einem Hollywood-Schauspieler, sondern innerhalb weniger Stunden einfach explodiert ist. Lassen Sie es mich so formulieren: Wenn der Film demnächst rauskommt, werden wir als Familie diesmal mehr Übung darin haben, wie man mit dem Trubel richtig umzugehen hat.

Sie haben zwei junge Töchter, die bestimmt schon den Segelflugschein in der Tasche haben, um in Daddys Fußstapfen zu treten, richtig?

Chesley Sullenberger: (lacht) Nein, das interessiert sie überhaupt nicht. Mein Vater war zum Beispiel Zahnarzt, und das wollte ich ja auch nie werden. Meiner Frau und mir war es stattdessen immer wichtig, dass die beiden Mädchen jede Möglichkeit haben sollten, ihren eigenen Weg zu wählen, um starke, unabhängige Frauen zu werden, die kritisch und eigenständig denken können. Ich selbst habe meinen Weg sehr früh gefunden, weil ich schon im Alter von fünf Jahren wusste, dass ich irgendwann fliegen werde. Analog dazu haben unsere Töchter ihre Ziele auch relativ bald definiert, worüber ich mich sehr freue. Eine möchte Tierärztin werden und wurde gerade erst an einer guten Schule für Veterinärmedizin aufgenommen, die andere will Geschichte-Lehrerin an einer Highschool werden.

Für einen Gentleman im besten Alter haben Sie einen interessanten Musikgeschmack, wie man in Ihrem Buch nachlesen kann. Sie erwähnen etwa die Punkrock-Band Green Day, aber auch den österreichischen Violinisten Fritz Kreisler

Chesley Sullenberger: Ich liebe Musik, seit ich ein kleines Kind war. Meine Mutter war im Hauptberuf Lehrerin, hat in ihrer Freizeit aber leidenschaftlich gerne Piano gespielt. Ich habe wunderschöne Erinnerungen daran, wie ich als Bub neben ihr auf der Bank saß und zuhörte, während sie Strauss-Walzer oder Stücke von Chopin interpretierte. Diese Liebe zur Musik wurde zu einem lebenslangen Geschenk, das ich bis heute gerne auspacke. Mein Geschmack ist deshalb auch sehr, sagen wir, eklektisch. Ich beschränke mich ungern auf bestimmte Genres, sondern mag einfach das, was ich ganz simpel gute Musik nenne. Deshalb finden sich auf meinem iPod neben Klassik eben auch Bands wie Green Day, The Killers oder Evanescence.

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Als Kind (re.) mit Vater und Schwester, heute…
sullenberger_02_2016_privat_3er2_2.jpg  privat © privat
… mit Gattin Lorrie samt Hundemeute und…
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… den beiden Töchtern Kate und Kelly.

… was in der Luftfahrt falsch läuft

— In ihrem Buch klingt mitunter ungewöhnlich harte Kritik an den Arbeitsbedingungen von Beschäftigten in der Luftfahrt-Industrie durch. Wie denken Sie über Entwicklungen wie jene von Piloten, die für ihre Anstellung bezahlen müssen, oder die jüngsten Streiks bei renommierten Airlines wie der Deutschen Lufthansa?

Chesley Sullenberger: In aller Deutlichkeit: Mir gefallen viele Aspekte daran gar nicht. Das Berufsbild des Piloten zum Beispiel darf man niemals gering schätzen. Was wir da vorne tun und wie wir es tun, ist existenziell, denn wir halten sprichwörtlich das Leben von hunderten Menschen in unseren Händen. Und das gilt nicht nur für uns im Cockpit, sondern auch für die Flugbegleiter, das technische Personal und die Mitarbeiter auf dem Boden. Wenn Piloten diesen Beruf ergreifen – den ich für mich persönlich immer auch als Berufung verstanden habe –, geben wir ein Versprechen ab. Wir versprechen jedem Passagier, dass wir künftig bei jedem Flug, an jedem Tag und unter allen Umständen unser Bestes geben werden, um sie oder ihn gesund ans Ziel zu bringen. Das setzt viel Hingabe und Verantwortungsgefühl voraus.

Und ich verlange, dass auch all jene Menschen, die eine Fluglinie leiten, exakt dieselbe Hingabe und dasselbe Verantwortungsgefühl besitzen müssen. Sie sollten nicht nur in Equipment, Strukturen und Training investieren, sondern vor allem in Menschen.

Die globale Luftfahrt-Industrie ist in den letzten Jahrzehnten in einen immer härter werdenden Kostenwettbewerb geraten. Überall herrscht immenser Druck auf das System, Geld zu sparen. Ich bezeichne das immer als ein ökonomisches Rennen in den Abgrund. Historisch gesehen haben die meisten Airlines früher nämlich immer mehr getan als durch ein gesetzlich reguliertes Minimum vorgeschrieben war. Warum? Weil es schlicht als richtig angesehen wurde, so zu agieren. Qualität und Sicherheit waren Aspekte mit Werbewert, die heute einer ständigen Kostenminimierungs-Mentalität gewichen sind.

Nicht falsch verstehen: Fliegen ist noch immer absolut sicher, aber nicht wegen, sondern trotz dieses finanziellen Drucks von allen Seiten. Wenn die Airline-Manager das Thema Sicherheit weiterhin als bloße Abwesenheit von Unfällen definieren und wenn sie glauben, dass sie alles richtig machen würden, nur weil in ihren Flugzeugen in letzter Zeit niemand ums Leben kam, dann lügen sie sich selbst vorsätzlich an. Wir müssen mehr tun, und zwar proaktiv. Dazu zählt in erster Linie, Risiken zu erkennen und zu beheben, lange bevor sie zu gefährlichen Situation führen.

Ich rufe Fluglinien vehement dazu auf, ihre Sicherheits-Standards kontinuierlich zu verbessern und sich nicht damit zu begnügen, bloß die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen. Das gilt auch für die neue Pilotengeneration, die sich von meiner doch in einigen Punkten unterscheidet. Die wurden vielleicht nicht so intensiv geschult wie ich und konnten sich womöglich nicht soviel Erfahrung aneignen wie ich, bevor sie Passagiere befördern dürfen. Erfahrung, die am Ende aber dafür ausschlaggebend war, dass Flug 1549 relativ glimpflich ausgegangen ist. 

— Was ist mit den Kunden, die für ihr Flugticket zwar weniger bezahlen möchten als für ein Abendessen am Urlaubsort, sich gleichzeitig aber über immer enger werdende Sitzabstände im Flieger beschweren?

Chesley Sullenberger: Ganz richtig, auch das ist in diesem Zusammenhang ein Problem. Flugreisen sind unglaublich günstig geworden, und ich finde es nach wie vor erstaunlich, wie selten dafür eigentlich etwas passiert. Ich glaube auch, dass man hier den Fehler gemacht hat, das komplizierte System des Flugbetriebs trügerisch einfach aussehen zu lassen. Die Menschen vergessen, dass es ein unglaublicher Aufwand ist, Flugzeuge sicher und pünktlich herumfliegen zu lassen, gleichzeitig aber diese Billigtickets anbieten zu können. 

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Berufung: das Fliegen.
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Begabung: das Vertrauen.
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Bewältigung: der Hudson.

… über müde Piloten

— Heute haben wir die Situation, dass bei einem ernsten Vorfall in der zivilen Luftfahrt immer seltener die Technik versagt, sondern eher der Faktor Mensch. Was kann man tun, um daran etwas zu ändern?

Chesley Sullenberger: Ich bin überzeugt, dass wir Änderungen an den derzeitigen Rollen vornehmen müssen, die wir den Piloten einerseits und der Technik andererseits zuteilen. Wir haben über die Jahre ein System entwickelt, in dem Flugzeuge zunehmend komplexer und automatisierter werden. Der Großteil eines Fluges wird heute von der Technik übernommen und nur ein kleiner Prozentsatz durch manuelle Eingriffe der Piloten beeinflusst.

Das bedeutet aber auch, dass diese nicht mehr soviel Übung im eigenständigen Steuern der Maschine bekommen. Diese Verschiebung weg vom aktiven Handeln und hin zum passiven Überwachen birgt große Probleme. Das Überwachen von Instrumenten, die nahezu nie versagen, ist – vor allem über einen längeren Zeitraum hinweg – für Menschen nämlich unglaublich ermüdend, da wir uns mental automatisch vom Geschehen entkoppeln. Was im Notfall wiederum zu längeren Reaktionszeiten führt, wenn die Konzentration zuerst wieder neu hochgefahren werden muss.

Wir sind schlicht und einfach schlechte Beobachter. Was wir hingegen gut können, ist Dinge selbständig zu tun. Aber was hat man stattdessen gemacht? Alles umgedreht und die richtigen Kompetenzen den falschen Stellen überlassen. Also arbeitet nun die Technik, während wir ihr dabei zusehen. Ich denke, es sollte genau umgekehrt sein. Die Technik sollte Piloten unterstützen, richtige Entscheidungen zu treffen. Sie sollte Limits setzen und davor warnen, diese zu überschreiten.

Vielleicht müssen wir uns die menschlichen Fähigkeiten und Einschränkungen noch einmal genauer ansehen und das Setting der heutigen Cockpits dahingehend ändern. Man darf auch nicht vergessen: Die Technik kann nur das tun, wofür sie programmiert wurde. Sie kann demnach nur auf Situationen reagieren, die von Menschen vorhergesehen wurden. Und wie man an Flug 1549 gesehen hat, lässt sich ein bis dahin undenkbares Ereignis wie ein doppelter Triebwerksausfall nach einem Vogelschlag in geringer Höhe über einer Großstadt nicht planen. Ich bezweifle stark, dass die Technik zu den durchaus sehr innovativen Entscheidungen fähig gewesen wäre, die Jeff und ich damals getroffen haben. Und selbst wenn man die Erkenntnisse aus unserer Landung jetzt im Nachhinein einprogrammieren könnte: Irgendwann wird es wieder zu einer Situation kommen, auf die ein Computer niemals vorbereitet werden konnte. Und dann sitzt hoffentlich wieder jemand im Cockpit, der vorher genug Erfahrung sammeln durfte, um schnell und effizient zu reagieren.

Oscar-Anwärter

Absolut sehenswert: Der beeindruckende Trailer zum Kinofilm "Sully" (Österreich-Start am 7. Dezember 2016): Fasten your seat belts...

… über das Leben in der "Holzklasse"

— Wie erleben Sie das Fliegen heute, wenn Sie privat als Passagier unterwegs sind?

Chesley Sullenberger: Man muss sich damit abfinden, dass Flugreisen in den letzten Jahrzehnten einen dramatischen Wandel durchgemacht haben. Die positive Seite: Weil sie so günstig geworden sind, können sich mehr und mehr Menschen leisten, weit weg zu fliegen. Davor musste man für solche Trips entweder Geschäftsreisender sein oder eben sehr wohlhabend.

Die negative Seite: Fliegen ist so gewöhnlich geworden. Eine Ware. Die Romantik ist weg. Und es ist im Vergleich zu früher heute nur mehr selten ein angenehmes Erlebnis. Man hat viel weniger Platz und eine Mahlzeit ist entweder erst gar nicht inkludiert oder sie ist ungenießbar. Man hat das Gefühl, dass jeder Teil des Ablaufs billig gestaltet wurde, sofern man nicht in der Business oder First Class sitzt. Natürlich argumentieren die Fluglinien, dass der Kunde eben genau das bekommt, wofür er gewillt ist zu bezahlen. Trotzdem sollte man sich zumindest einen Mindeststandard erwarten können, der durchaus ein wenig höher sein darf als derzeit, wie ich meine, weil sich eben nicht jeder eines der teureren Tickets leisten kann. Ich selbst fliege privat zum Beispiel ausschließlich Economy, und da stoße ich mit meinen Knien oft sogar dann gegen den Sitz, wenn der Passagier vor mir seine Lehne gar nicht zurückgeklappt hat. Ein höchst unbefriedigendes Erlebnis.

— Beeinflusst das Ihre Liebe für die Fliegerei?

Chesley Sullenberger: Nein. Sie ist und bleibt meine Passion. Es macht mir als Pilot einfach unglaublich viel Spaß, in einem Metier gut sein zu wollen, in dem dies seit jeher nicht so einfach ist. Es war mir immer wichtig, danach zu streben, ein exzellenter Flieger zu werden, währenddessen aber lebenslang weiter zu lernen. Ich versuche zum Beispiel nach wie vor, den nächsten Flug noch ein bisschen besser zu machen als den vorigen, anstatt die selbe Standard-Flugstunde 20.000 Mal zu wiederholen.

… und Sullys bester Tipp gegen Flugangst?

— Zum Abschluss bitten wir Sie um einen Rat: Stellen Sie sich vor, einer unserer Leser hätte unheimliche Flugangst. Kann Captain Sully helfen?

Chesley Sullenberger: Glücklicherweise habt Ihr in Europa ja eine hervorragende Eisenbahn-Infrastruktur, das wäre also schon einmal eine Lösung. (lacht) Nein, Scherz beiseite: Der Hauptgrund für Flugangst besteht ja darin, dass das Fliegen eine ungewohnte Situation ist und die meisten Menschen nicht wissen, wie es überhaupt funktioniert. Dann kommt auch das Unbehagen dazu, die Kontrolle an jemanden abgeben zu müssen, den man nicht kennt und dem man blind vertrauen muss, dass er einen gut nach Hause bringt. Ein weiterer Aspekt ist die Geräuschkulisse, die man nicht versteht. Man fragt sich, ob ein bestimmtes Surren, Klacken oder Brummen normal ist oder einen unmittelbar bevorstehenden Crash ankündigt. Und schlussendlich ist da noch die dumme Angewohnheit von Flugzeugen, bei Turbulenzen zu schaukeln.

Für jede dieser Ängste gibt es logische Antworten und Hilfestellungen, die aber den Rahmen unseres Gesprächs sprengen würden. Deshalb nehme ich jenes Thema heraus, das ängstliche Fluggäste am öftesten unmittelbar betrifft: die Turbulenzen. Zuerst muss man wissen, dass Piloten darauf trainiert sind, sie zu vermeiden, wo immer das möglich ist. Etwa mittels Ausweichrouten, einer Höhenänderung oder durch Verminderung der Geschwindigkeit. Sind sie dennoch unumgänglich, kann man trotzdem beruhigt sein. Flugzeuge sind so konstruiert, dass sie auch bei stärksten Turbulenzen nicht einfach auseinanderbrechen. Vielmehr gibt es sogar beim schlimmsten anzunehmenden Vorfall zusätzlich noch einen 50-prozentigen Spielraum, was die Festigkeit der Flügel und Kabinenstruktur betrifft.

Es gibt aber ein ganz simples und hilfreiches Experiment, das jeder selbst ausprobieren kann: Wenn jemand mit Flugangst das nächste Mal als Passagier in einem Auto sitzt, dann sollte er die Augen schließen und sich gut konzentrieren, um zu hören und zu fühlen, was gerade passiert. Diese Eindrücke gilt es nun mental exakt aufzuzeichnen. Jede Unebenheit, jeden Stoß, jedes Schlingern, jede Vibration, jedes Geräusch. Und dann sollte man sich vorstellen, nun einen imaginären Tisch aus dem Armaturenbrett oder der Sitzlehne zu klappen und darauf einen fiktiven Becher Kaffee abzustellen. Man wird feststellen, dass dieser in einem Auto niemals lange an seinem Platz bleiben würde. Weil Autofahren aber für uns eine so alltägliche Situation ist, die wir verstehen und bei der wir völlig desensibilisiert sind, was die vielen Bewegungen im Fahrzeug betrifft, haben wir keine Angst. Im Flugzeug interessanterweise aber schon, obwohl dort der Kaffeebecher zu 99 Prozent der Reisezeit problemlos stehenbleibt – trotz subjektiv als stark empfundener Turbulenzen. Weil uns nun das Fliegen im Vergleich zum Autofahren aber fremder ist, beunruhigt uns die Schaukelei mehr, obwohl sie objektiv deutlich sanfter ist. Wenn man das einmal ausprobiert hat, wird man Turbulenzen beim nächsten Flug als weniger bedrohlich wahrnehmen, versprochen.

— Captain Sullenberger, wir bedanken uns für das Gespräch.

Info

Chesley Burnett Sullenberger (65) lebt mit seiner Gattin Lorrie und den beiden Töchtern Kate und Kelly in Danville/Kalifornien, rund eine Autostunde von San Francisco entfernt. Seine Lebensgeschichte und die Ereignisse rund um den 15. Jänner 2009 hat er in dem beeindruckenden Buch "Man muss kein Held sein" (engl. Originaltitel: "Highest Duty") niedergeschrieben. Bestellt werden kann es im gut sortierten Fachhandel oder bei Amazon.

sullenberger_02_2016_MZ_preview_fazit_1.jpg Markus Zahradnik © Markus Zahradnik
Capt. Sullenberger im Gespräch mit auto touring-Redakteur Christoph Löger.

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