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Mai 2018

Absolut frei

Kennen Sie es? Dieses Glückgefühl, wenn man sich vom Alltag löst? Diese Freiheit, wenn man alles hinter sich lässt, das einen bestimmt?

Es gibt Momente, da ist man ganz bei sich. Da lebt man nur im Hier und Jetzt, und alles, was zählt, ist in einem Augenblick vereint. Niemand sonst ist in deiner Welt 
in diesen Sekunden, diesen Minuten, niemand und nichts: keine Zeit, kein Raum, kein Zwang, nur du. Allein und frei. (Oder in Begleitung und frei, das geht auch.) Für viele Menschen hat dieses Gefühl der Freiheit mit Mobilität zu tun, oder jedenfalls mit einer bestimmten Form von Mobilität. Sie finden es beim Wandern, beim Radfahren, beim Fliegen, auf Bergeshöhen oder tief unter Wasser. Sie spüren es, wenn der Wind an ihnen zerrt, im freien Fall aus blauem Himmel, auf einem Motorrad oder am Lenkrad eines offenen Oldtimers. 


Herrlich! Nie soll es aufhören.


auto touring hat Menschen gesucht, die diese Freiheit kennen und genießen, wann immer sie können. Nicht ständig, natürlich, es sind seltene Momente und darum umso wertvoller. Die Freiheit muss man sich nehmen. In der übrigen Zeit findet das "normale" Leben statt. Doch die Vorfreude lebt immer mit. Freiheit macht süchtig, sie ist dein persönlicher Besitz: Zeit, die nur dir gehört, über die nur du bestimmst, in der du tust, was dir gut tut. Kennen Sie dieses Gefühl? Schreiben Sie uns, wann und wo Sie sich frei fühlen: leserforum@autotouring.at

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"Fliegen, fliegen, fliegen – etwas anderes gibt es für mich nicht."

Fallschirm_IMG_6638 (1).JPG Marco Hepp © Marco Hepp
Freier Fall in Fano in Italien.

4.000 m Höhe, 55 Sekunden. Für Iveta Zitkova ist Fallschirmspringen nicht nur eine Leidenschaft. "Der Sprung aus dem Flugzeug ist wie nach Hause zu kommen. Dieses Gefühl habe ich nur im Himmel", erzählt sie nach ihrem 705. Sprung am Flugfeld in Wiener Neustadt. Für die 27-Jährige ist Fliegen wie Meditation. "Ich lebe dabei im Moment, so sehr muss ich mich konzentrieren, dass kein Fehler passiert." Sehr hart für Iveta sind die Wintermonate, da nützt sie die Zeit, um im Windtunnel zu trainieren. Doch das ist natürlich nicht dasselbe wie ein Sprung aus dem Flugzeug: "Das Gefühl zu fliegen ist zwar da, aber die atemberaubende Aussicht von 4.000 Metern Höhe fehlt natürlich." Und wie fühlen sich die ersten Flüge der Saison an? "Ein bisschen nervös bin ich immer, aber das gehört dazu. Mein Vater ist Hobbypilot und er hat immer gesagt: Angst ist wichtig, aber das Wollen muss stärker sein!"

"Wenn ich durchs Wasser schwebe, fühle ich mich schwerelos. Das erlebe ich nur beim Freitauchen."

Taucher_HEN_1036.jpg Heinz Henninger © Heinz Henninger
Wolfgang Huber ist Meeresbiologe und leidenschaftlicher Apnoetaucher.

25 Meter tief, 90 Sekunden. Wolfgang Huber holt tief Luft, bevor er abtaucht – nur mit Taucherbrille, Schnorchel, Flossen, Blei und je nach nach Wasser­temperatur mit Neopren-Anzug oder mit Badehose. Bis auf 25 Meter taucht er in die Tiefe. "Gerätetauchen ist für mich mit Stress verbunden, weil ich viel mehr Equipment brauche, an eine Gruppe gebunden bin und weil es viel Geld kostet." Frei tauchend hingegen ist der 43-Jährige fast täglich als Meeresbiologe im Aquarium im Wiener "Haus des Meeres" unterwegs und zweimal im Jahr irgendwo auf der Welt mit einem Freund. "Wir sind dann zwei bis drei Stunden im Wasser, tauchen etwa 50 Mal hintereinander in die Tiefe und die Küste entlang. Apnoetauchen ist super für die Psyche. Je ruhiger ich bin und je besser ich mich fühle, desto länger kann ich unter Wasser bleiben und entspannen."

"Während unserer Reise haben wir jedem Tag die Chance gegeben, der schönste in unserem Leben zu werden."

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Vanessa Lehner und Gerhard Hinterberger genießen ihre Pause am Karakol-See in China.

35.000 Kilometer in 13 Monaten. Viele träumen nur davon, Vanessa Lehner und Gerhard Hinterberger haben es getan: Mit einem 28 Jahre alten VW T3 California sind sie von Österreich quer durch Asien bis nach Indien und wieder retour gereist. Was Freiheit für sie bedeutet? Zu den ersten Sonnenstrahlen in einer fremden Landschaft erwachen. Der Geruch von Espresso und getoastetem Brot zu einem Gespräch über die Überraschungen, die der neue Tag bereithalten könnte. Und die Aussicht, es sich am Abend in dem mobilen Zuhause wieder gemütlich zu machen.

"Wenn ich im Kopf frei bin, gibt es mir positive Energie. Meditation, Yoga und Gartenarbeit helfen mir."

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Thomas Edlfurtner beim Meditieren in seinem Garten am Bisamberg.

5.000 m2 Natur pur. Der Reiseleiter Thomas Edlfurtner hat (fast) die ganze Welt gesehen – in Afrika, Japan und Kolumbien sogar eine Zeit lang gelebt. "Freiheit spielt sich im Kopf ab. Dabei helfen mir Gartenarbeit, Yoga und Meditation – und generell achtsam mit mir und dem Tag umzugehen", erzählt der 55-jährige Weltenbummler. Am Bisamberg hat er sich sein kleines Paradies geschaffen, ganz ohne Wasser- und Stromanschluss. "Ich komme her, um abzuschalten. Ich habe keine Nachbarn. Ich genieße die Ruhe, lausche nur den Vögeln." Gartenarbeit hilft ihm, da sie ihn von Tausenden Gedanken ablenkt, die ihn unfrei machen. Für Thomas ist das Grundstück perfekt. Er pflegt seinen Gemüsegarten, darin wachsen auch seltene Kräuter. Zu Sonnenaufgang startet er mit Yoga und Atemübungen in den Tag. Auch Meditation gehört dazu, die genießt er beim Jäten oder liegend in der Hängematte.

"Wenn ich mit einem Grinser im Gesicht heimkomme, weiß meine Frau, ich bin mit dem Volvo gefahren."

Oldtimer_HEN_1286.jpg Heinz Henninger © Heinz Henninger
Michael Herzer mit seinem 1969er Volvo 122 S Amazon.

4 Zylinder, 2 Liter, 103 PS. Ein altes Auto fahren kann bald wer. Der Wiener Rechtsanwalt Michael Herzer aber fährt nicht nur, er schraubt und zangelt auch selbst. Dabei kriegt er den Kopf frei und genießt das manuelle, mechanische Arbeiten. Auch die Vorkriegs-Veteranen Steyr 100 (Baujahr 1934) und Citroën B14 (1928), die ihm und seinem Bruder gehören, hält er höchstpersönlich technisch in Schuss. "Die fahr’ ich selten, eigentlich nur auf Classic-Veranstaltungen. Für den Stadtverkehr sind sie zu schade." Im Sommer nützt er bei schönem Wetter für die tägliche Fahrt in seine Kanzlei in der Wiener Innenstadt einen knallroten 1969er Volvo 122 S Amazon. "Der fährt sich so direkt wie ein Kart." Der Jurist pendelt jeden Tag 100 Kilometer in die Arbeit. "Wenn ich den Amazon nehme, komme ich schon morgens gut gelaunt und entspannt ins Büro. Abends geh’ ich manchmal müde raus, steig’ in den Volvo und fahr’ gemütlich über Landstraßen nach Hause, und schon bin ich wieder munter und es geht mir gut."

"Der Unfall hat mir die Augen geöffnet, mein Leben so zu nutzen, wie ich es wirklich will."

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Simon Wallner ist querschnittsgelähmt und fährt mit einem per Hand angetriebenen Handbike.

Bewegung ist Freiheit. Auch für Simon Wallner. Bis 2011 liebte er seine Touren mit dem Motorrad. Bis der Unfall kam. "Das Vorderrad rutschte weg." Der Tiroler stürzte, fühlte sich plötzlich zweigeteilt. "Von einem Moment auf den anderen spürte ich von der Brust abwärts gar nichts mehr", erinnert er sich. Querschnittslähmung! Doch was andere aus der Bahn wirft, machte ihn noch stärker. Schon seiner kleinen Tochter zuliebe biss er die Zähne zusammen: "Geht nicht, gibt’s nicht!" Fasste den Entschluss, Monoski zu fahren. Und zwar möglichst professionell. Mit befreundeten Sportlern trainierte er so hart, dass er im Weltcup und bei den Paralympics jetzt Fixstarter ist. Im Frühjahr und im Herbst studiert er Sport an der Uni Innsbruck, im Sommer fährt er Handbike, zwischendurch startet er beim "Wings for Life"-Run oder lässt sich mit dem Wakeboard übers Wasser ziehen. "Auch wenn ich im Rollstuhl sitze, weiß ich: Es gibt schlimmere Fälle."

"Ich möchte jede freie Minute in der Luft verbringen!"

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Kirsti Ruckelshausen mit ihrem einmotorigen Ultraleichtflugzeug.

Fliegen ist Freiheit. Der Vater und die Brüder: Segelflieger. Und sie hat einen Job in der Flugbranche: Kirsti ist Operations Control Officer. Mit der gebraucht um den Preis eines Oberklasse-Pkw gekauften Dynamic Ultralight (300 kg Leergewicht, 100 PS) erfüllte sie sich ihren Traum. Kürzlich hat sie damit sogar den Mann ihres Lebens abgeschleppt. Bei einem Segelflug-Event steuerte sie das Schleppflugzeug. Kurz darauf sagte sie Ja! Heute fliegen beide mit der zweisitzigen Maschine oft zusammen irgendwo hin. Etwa ans Meer – in 80 Minuten sind sie in Portorož. Dabei genießen sie ihre Freiheit – zu zweit. 

Institut für Freizeit- und Tourismusforschung  Interview mit Prof. Peter Zellmann, Freizeitforscher

"Selbstbestimmung macht uns zu freien Menschen."

— Was ist persönliche Freiheit?

Peter Zellmann:Freiheit heißt frei sein – vor allem für etwas. Und damit meine ich nicht, freie Zeit zur Verfügung haben. Denn Freiheit erlebt man nicht nur in der Freizeit. Dieses Gefühl kann man auch erfahren, wenn man am Wochenende arbeitet. Wichtig ist, dass die Zeit selbstbestimmt ist. Erst das macht uns zu freien Menschen. 

— Sehnen sich Menschen heute mehr nach Freiheit in der Freizeit?

Peter Zellmann:Natürlich, weil das Potenzial an Freiräumen größer wurde. In der Mobilität können Menschen den Raum freier erobern als früher. Dieser Drang nach Erweiterung des Raumes ist auch ein Charakteristikum der Evolution. Menschen möchten ihre eigene ­Lebenswelt erweitern, bis sie den ganzen Planeten kennengelernt haben. Im Kleinen gilt das auch für den Freizeitalltag. Die Mobilität des Erlebens entfernt sich immer weiter vom Wohnort weg.

— Die Personen, mit denen wir über Freiheit gesprochen haben, haben alle etwas gemeinsam: Sie suchen Wege, um ihren Kopf freizubekommen, im Hier und Jetzt zu sein. Sie zieht es in die Natur, egal ob fallschirmspringend odermeditierend im Garten.

Peter Zellmann:Ein gesellschaftlicher Trend ist: Das Streben nach Ruhe, aber auch nach Erlebnis. In den Mittelpunkt rücken: das Natur- und Gesundheitsbewusstsein und die Ichbezogenheit – im positiven Sinne. Gartenarbeit kann natürlich auch von Freiheit geprägt sein. Generell kann man sagen, wenn ein Trend über die sozialen Grenzen hinausgeht und alle Altersgruppen betrifft, dann verändert er die Gesellschaft. Extremsportarten hingegen sind ein Hype und werden von weniger als einem Prozent der Bevölkerung ausgeübt.

— Und wie hat sich die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten verändert?

Peter Zellmann:Ein gutes Beispiel ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Beruf und Freizeit. Heute ist beides gleich wichtig, natürlich gibt es Lebensphasen, wo einmal das eine dominiert, dann wieder das andere. Unter Freizeit verstehe ich nicht passive Konsumzeit. Freizeit ist die Zeit, wo sich unsere Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte, aber auch Sorgen und Ängste zeigen. Die Freizeit ist durch soziale Verpflichtungen aber auch fremdbestimmt. Erst wenn sie selbstbestimmt ist, fühlt man sich frei.

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