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Dezember 2014

Auf die harte Tour

Eine Taubergung ist keine Alltagsroutine. Eine Top-Ausbildung und laufende realitätsnahe Trainings machen das Team der Christophorus-Flugrettung zu Profis und wahren Helden.

Die Funk-Kommandos zwischen Pilot und Flugrettungssanitäter müssen während des Einsatzes sitzen: "Vor fünf tief fünf" oder "tief zwei". Gesichert an einem 20-Meter-Tau justiert der Flugretter den Hubschrauber ein. Es ist seine Aufgabe, dem Piloten die Entfernung zum Verletzten durchzugeben, in diesem Fall muss der Pilot fünf Meter weiter nach vorne fliegen und fünf Meter tiefer. Danach erneut um zwei Meter in die Tiefe. In der Schlucht hängend bewegen sich der Flugretter und der Notarzt, langsam und akribisch genau, zum Unfallort. Die vorläufig letzte Anweisung lautet: "Hoch 0,5 hoch stopp". Der Pilot folgt dem Kommando, in der Flugsprache Call Out genannt, fliegt einen halben Meter höher und hält dann die Position. Zentimetergenau setzt er so die beiden ab.

Mitten im Gelände, wo man ohne Hubschrauber gar nicht hinkommt, wird dem Verletzten die selbe notfallmedizinische Versorgungsqualität geboten wie an jedem anderen Ort.

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Hinter der Punktlandung stecken jahrelange Erfahrung, perfektionierte Teamarbeit, harte Ausbildung und viele Übungsstunden.

Die laufenden Trainings sind beinhart. Beinhart wie auch die täglichen Einsätze des Teams. Trainiert wird jährlich am Stützpunkt, und alle drei Jahre findet für die Flugrettungssanitäter das verpflichtende Einsatztaktische Intensivtraining des Air Rescue College von Christophorus statt. Dabei werden realitätsnahe Einsätze im Gelände simuliert, die Handhabung des Einsatzmaterials sowie die fliegerische und die Notarztassistenz überprüft. In einem separaten Raum wird eine Cockpit-Situation simuliert, und Flugrettungssanitäter und Trainer gehen Kommunikationssysteme im Hubschrauber und die Zielfindung mittels Koordinaten durch.

Adrenalin ausgestoßen wird während der Versorgung der Megacode-Puppe, die von ihrer Anatomie her wirklichkeitsnah einem Menschen entspricht. "Während der Übung vergisst man bereits nach 30 Sekunden, dass es eine Puppe ist. Sie gibt sogar Laute von sich, wie etwa die der Atmung", erzählt Jacob Krammer, medizinischer Übungsleiter.

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Training mit der Puppe.
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Realitätsnahe Simulation.
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Anatomie wie ein Mensch.

Viel Übung erfordern Taubergungen. Bei dem Training werden standardisierte Verfahren trainiert und Fehlerquellen minimiert. "Jede Aktion, jeder Einsatz ist mit Risiko verbunden. Der Notfallort ist einfach ein gefährlicher Platz. Gerade die Taubergungen sind knifflig. Dafür geben uns die vielen Trainings Sicherheit", erklärt Chefpilot Martin Lackner.

Das Einsatztaktische Intensivtrainig findet in Hochfilzen auf dem Truppenübungsplatz des österreichischen Bundesheeres statt. Der simulierte Kletterabsturz ist vorbereitet: Am Fels hängen die beiden Trainer an einem Kletterseil, um die Übung anschließend beurteilen zu können. Ein weiterer mimt den Verletzten, der Hilfe braucht.

Mit unserem Taubergeverfahren bringen wir den Notarzt direkt zum Verunglückten.

Gerhard Hubmann, Trainer im Air Rescue College

Zeitgleich bekommen Flugretter und Pilot am Übungs-Stützpunkt in schriftlicher Form die Aufgabenstellung und starten den Erkundungsflug – in der Flugsprache High Reconning genannt. "Bei einem realen Einsatz mache ich mir beim Abflug nicht sehr viele Gedanken über Unfall und Bergung. Denn wir erhalten meistens sehr wenige Informationen. Deswegen fliegen wir zuerst hin, um mögliche Gefahren für den Hubschrauber zu evaluieren. Wir schauen uns den Unfallort aus der Luft an. Erst dann entscheiden wir, welche Bergetechnik wir anwenden und ob der Notarzt mit mir am Tau mitkommen kann", schildert Gerhard Hubmann, Leitender Flugrettungssanitäter, die Vorgangsweise.

"Es gibt verschiedene Ansätze, einen Verletzten zu bergen und zu versorgen. Die Einsätze werden während des Trainings gefilmt und abends bei einer Videoanalyse besprochen", fügt Hubmann hinzu.

Rettung darf nie Routine werden. Denn jeder Einsatz ist anders, jeder Unfallort ist anders und jede Verletzung ist anders.

Flugrettungssanitäter haben während des gesamten Einsatzes keine Ruhephase. Denn sie fungieren neben der notärztlichen Assistenz bei der medizinischen Versorgung auch als Cockpit-Assistenten und Flugretter.

Gleichzeitig ist der Flugrettungssanitäter Bindeglied zwischen Pilot und Notarzt, denn die beiden sind in ihrem Beruf oftmals Einzelkämpfer. Bei der Christophorus Flugrettung sind sie jedoch ein Team.

Gemeinsam haben sie ein Ziel, eine Sprache, einen Hubschrauber und einen Stützpunkt – um Menschenleben zu retten.

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