Cover Schulbeginn_HH_DSC7063_CMS.jpg  © Heinz Henninger
© Heinz Henninger
© Heinz Henninger
August 2015

Reif für den eigenen Schulweg

Zeigen Sie Ihrem Kind den Schulweg. Es muss Gefahren selbstständig erkennen können – nur so ist es sicher.

Der tägliche Wahnsinn: Es ist kurz vor 8 Uhr. Vor der Schule herrscht Ausnahmezustand. Die Autos stehen kreuz und quer. Auf der Bushaltestelle, in zweiter Spur – einfach überall. Ständiges Gehupe. Kleine Kinder hüpfen aus dem Auto und taumeln mit ihren viel zu schweren Schultaschen Richtung Schule. Größere rollen mit ihrem Mini-Scooter an.

"Die Parkplatzsituation vor den Schulen ist natürlich ein großes Problem", weiß Volksschuldirektorin Beatrix Hengstberger. "Bei uns in Geras gibt es genügend Parkplätze – jedoch nicht direkt vor dem Schultor." Leider nehmen nur wenige Eltern einen zusätzlichen kurzen Fußweg in Kauf. "Es wird sogar der markierte Weg von der Bushaltestelle zur Schule zugeparkt, sodass die Kinder auf die Fahrbahn ausweichen müssen."

Der tägliche Schulweg zu Fuß ist für Kinder wichtig – für ihre körperliche Fitness und für ihre Selbstständigkeit.

Beatrix Hengstberger, Volksschuldirektorin

Auch Gerhard Binder, Gymnasiallehrer in Wien, erzählt von der fehlenden Vorbildwirkung der Eltern: "Was erlaubt ist und was nicht, ist ihnen egal. Sie stellen ihr Auto im Parkverbot ab und gehen sogar in die Schule hinein, um ihr Kind direkt aus der Nachmittagsbetreuung abzuholen."

Gibt es eine Lösung für das Park-Dilemma? "Ich diskutiere mit meinen Kollegen verschiedenste Schulprojekte durch", so Hengstberger. "Ein oberösterreichisches Projekt zeigt zum Beispiel, dass es möglich ist, eine autofreie Zone im Umkreis von 500 Metern einzuführen. Dagegen erhebt sich aber auch der Widerstand einiger Lehrer." 

Werbung

Im Vorjahr wurden 517 Kinder zwischen sechs und 15 Jahren bei Verkehrsunfällen am Schulweg verletzt, zwei sogar getötet, so die Zahlen der Statistik Austria. 

Erschreckend: 43,3 Prozent der Volksschüler müssen mindestens einen gefährlichen Straßenabschnitt mit einer stark befahrenen Straße im Ortsgebiet begehen und 16,5 Prozent gehen auf einer Straße ohne Gehsteig – so die Ergebnisse einer ÖAMTC-Studie, bei der 5.500 Eltern mit mindestens einem Volksschulkind im Haushalt befragt wurden. 

Ab welchem Alter ist es sinnvoll, sein Kind alleine loszuschicken? "Natürlich hängt die Bewältigung des Schulweges von vielen Faktoren ab, aber wenn man sein Kind einige Tage, Wochen oder Monate begleitet, es gut vorbereitet, ihm mögliche Gefahren zeigt, kann es durchaus schon in der ersten Volksschulklasse allein in die Schule gehen. Zumindest ein Teilstück. Das hat ja auch etwas mit Schulreife zu tun", erklärt die Volksschuldirektorin Hengstberger. 

So kommen Volksschulkinder in die Schule

So kommen Volksschulkinder in die Schule Peter Scharnagl © Peter Scharnagl
ÖAMTC-Erhebung. Mehr als jedes zweite Volksschulkind bewältigt zumindest einen Teil des Schulwegs zu Fuß (56,2 %). Etwa ein Drittel der Kinder wird meistens mit dem Auto in die Schule gebracht: Am Land sind es 34,7 %, in der Kleinstadt 34,5 % – in Wien jedoch nur 24,1 %. 

10 Dinge, die Sie Ihrem Kind am Schulweg nicht antun sollten

"Wir sind meistens spät dran, deswegen bringe ich Leon eigentlich immer direkt vor die Schule." Liebe Eltern, Ihr Kind kann zumindest einen kurzen Weg zur Schule zu Fuß zurücklegen.

"Zur Schule fahre ich nur einmal um die Ecke – manchmal schnallt sich mein Kind nicht an. Für das Nachbarskind habe ich leider keinen Kindersitz." Es kann einfach immer etwas passieren. Wer kleiner als 1,50 Meter ist, benötigt zusätzlich zum Gurt einen Kindersitz oder eine Sitzerhöhung. Der sicherste Platz ist auf den Rücksitzen

"Immer das Gleiche: Vor der Schule ist einfach kein freier Parkplatz. Ich bleibe schnell in der Bushaltestelle stehen. Dauert eh nur zwei Sekunden." Liebe Eltern, seien Sie sich bewusst: Ihre Kinder glauben, dass das, was Sie tun, das Richtige ist. 

„Manchmal hüpft Hannah einfach auf der Straßenseite aus dem Auto. Na ja – ich hoffe, dass vor der Schule andere Eltern ohnehin auf herumlaufende Kinder achten.“ Hoffen ist zu wenig. Kinder sollten immer auf der Gehsteigseite aussteigen. 

"Damit ich vor der Schule keinen Parkplatz suchen muss, sitzen Lea und Maxi schon sprungbereit mit der Schultasche am Rücken im Auto." Liebe Eltern, mit einer Schultasche am Rücken kann Ihr Kind nicht richtig gesichert werden.

"Für ein Frühstück ist jetzt keine Zeit, nimm das Kipferl in die Hand. Schnell, schnell – ich habe einen wichtigen Termin in der Arbeit." Bedenken Sie: Das Kind nimmt den Stress mit in die Klasse.

Üben Sie mit Ihrem Kind den Schulweg und machen Sie es auf Gefahren aufmerksam. Sie werden sehen, bald kann es auch alleine in die Schule gehen. 

Gerhard Binder, Gymnasiallehrer in Wien

"Meine kleine achtjährige Mia ist so ängstlich. Ich kann sie nicht alleine zur Schule gehen lassen." Lassen Sie los, zeigen Sie Ihrem Kind den Schulweg über mehrere Tage, Wochen oder Monate und die damit verbundenen Gefahren, aber lassen Sie es dann auch alleine gehen. Vertrauen Sie Ihrem Kind. Es muss seine eigenen Erfahrungen machen.

"Mein Kind ist in der Früh noch so müde, deswegen bringe ich es direkt zur Schule, dann muss es die schwere Schultasche nicht so weit tragen." Kinder brauchen Bewegung. Sie müssen sich körperlich abreagieren, denn sie sitzen dann ohnehin lang genug.

"Die Ampel zeigt zwar Rot, aber es kommt weit und breit kein Auto. Wir gehen schnell über die Straße und schauen links und rechts." Nein – ein absolutes No-Go: Seien Sie ein Vorbild für Ihre Kinder.

"Sebastian ist schon zwölf Jahre und fährt oft mit dem Fahrrad in die Schule. Einen Helm möchte er manchmal nicht aufsetzen. Es ist nicht cool. Ich möchte nicht, dass er ausgelacht wird." Mit einer Verletzung im Spital zu landen, ist auch nicht cool.

Kommentare (nur für registrierte Leser)