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Juni 2017

Eine Runde durch Südtirol

Ab in den Süden! Kaum woanders kommen einander alpine Landschaft und mediterrane Lebensfreude so nahe wie bei dieser 170-km-Runde.

Was Südtirol so einzigartig macht? Die Landschaft und das Klima – beides Voraussetzung für den unvergleichlichen Mix aus Tradition und Lebensfreude, der das Land und seine Leute prägt. Berge, Täler, Hochplateaus – und eine üppige Vegetation, die von mehr Sonnentagen und -stunden gespeist wird als die in Sizilien.

Und dann natürlich die Begleitmusik: Burgen, Schlösser, Bauernhöfe, quirlige Städte und einsame Weiler. Dazu eine großartige Küche und wunderbare Weine. Was? Sie glauben das alles nicht? Dann kommen Sie mit uns mit auf eine Runde durch das alpine Tor zum Süden.

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Eine 170-Kilometer-Runde durch Südtirol Grafik: Peter Scharnagl © Grafik: Peter Scharnagl

Zugegeben, Sterzing am Beginn unserer Runde wirkt noch recht alpin, doch mit jedem Kilometer südwärts gewinnt das Mediterrane an Einfluss: in wunderbaren Städten mit ihren Laubengängen und Plätzen, die schon wie Piazzas wirken. In der üppigen Natur, die sich auf alten Bewässerungspfaden (Waalwege genannt) und Palmen-bestückten Promenaden durchschreiten lässt. Und natürlich auf den Tellern und den Gläsern. Erst gegen Ende wird die Route wieder alpin – auf den 21 Kehren des Jaufenpasses, der von 2.000 Meter Höhe wieder nach Sterzing hinunterführt.

Genug der schönen Worte. Kommen Sie mit auf unsere Reise! Wir treffen uns in Sterzing.

km 0, Sterzing

Willkommen in Sterzing! In der nördlichsten Stadt Italiens stellen unseren Kilometerzähler auf Null, denn hier beginnt unsere Runde. Zuerst einmal aber zu Fuß – ein Rundgang lohnt sich. Das Auto können wir am (kostenpflichtigen) Parkplatz zwischen Brenner Staatsstraße SS12 und Mühlgasse abstellen und über eine der beiden kleinen Brücken in das gegenüber liegende Zentrum schreiten. Da sind wir schon mittendrin und stehen quasi vor dem 46 Meter hohen Zwölferturm, der den Stadtkern in die nördlich an ihn andockende Altstadt und die so genannte Neustadt teilt, die sich südlich bis zum Untertorplatz erstreckt.

Ein paar Tipps für alle, die nachmittags ankommen oder ein paar Tage in Sterzing verbringen möchten: Wir nahmen uns ein Zimmer in Fini Schafers Parkhotel Zum Engel mit seinen großen Zimmern im Neubautrakt, der schönen Wellness und dem Knusperhaus-ähnlichen Saunahäuschen im Park.

Sterzing ist in ganz Italien berühmt für Joghurt – das große Joghurtfest am 9. Juli huldigt dieser Tatsache. Und in Sterzings Fußgängerzone finden sich Geschäfte und Boutiquen wie in einer weit größeren Stadt. Wer kulinarische Mitbringsel erstehen möchte, kommt im Hofer Market (hat nichts mit den Supermärkten gleichen Namens in Österreich zu tun) oder in der Fleischerei Frick am Untertorplatz auf seine Kosten. Wer seinen Zwischenstopp ein wenig sportlicher anlegen möchte, wird auf Sterzings Hausberg, dem Rosskopf, eher sein Glück bei einer Wanderung finden, Einsteigern empfiehlt sich der fünf Kilometer lange Wasser-Erlebnisweg.

km 26, Franzensfeste

Wir haben die Brenner Staatsstraße SS 12 für unseren weiteren Weg nach Süden gewählt und sind nach einer knappen halben Stunde Fahrt an der Franzensfeste (hinter dem gleichnamigen Ort) angelangt. Unterwegs trafen wir auf unzählige Hinweise auf den Radweg, der auf der Trasse der alten Brenner-Bahnstrecke verläuft – die Tour auf zwei Rädern ist schon vorgemerkt. Aber jetzt sehen wir uns einmal die riesige Festung an, die die meisten nur vom Vorbeifahren von der Autobahn her kennen.

Die Franzensfeste entstand aus dem Trauma der Napoleonischen Kriege heraus: Den schnellen Vorstößen des kleinwüchsigen Korsen war die schwerfällige Heeres-Maschinerie nicht gewachsen. Erzherzog Johann, 1801 gerade 19 Jahre alt, hatte als Chef der Planungsbehörde den Plan, quasi die Einfallstore nach Österreich mit Sperren und Bollwerken abzusichern. Bei Brixen entdeckt er den optimalen Platz dafür. Doch wirklich gebaut wurde erst viel später – ab 1833. Fünf Jahre danach sind 2,6 Millionen Gulden (heute 400 Millionen Euro) investiert, 6.200 Arbeiter schufen aus den Granitblöcken, die 795.000 Pferdefuhrwerke hierher brachten, und aus 120.000 Fuhren Ziegeln eine waffenbestückte Wehrburg für 1.200 Soldaten. 

Doch als sie fertig war, war sie mehr Schein als Sein. Unmittelbare Kriegsgefahr gab es keine, bloß 70 Mann zogen ein, um die Stellung zu halten. Irgendwann später einmal hatte sich die Technik, Kriege zu führen, grundlegend verändert. Und die Franzensfeste war veraltet.

km 35, Brixen

12 Minuten Fahrzeit bis ins Parkhaus an der Via degli Alpini, fünf Minuten zu Fuß über die Straße und immer geradeaus: Wir sind im Zentrum von Brixen. 22.000 Einwohner, knapp drei Viertel davon deutschsprachig. Die Altstadt ist sehenswert und recht groß – unter einer Stunde, die man sich Zeit nehmen sollte, ist von ihr kaum ein Eindruck zu gewinnen. Aber hinter den Stadttoren, in den Laubengängen, in den engen Gassen und auf den großen Plätzen finden sich genug Gelegenheiten für eine Espressopause zwischendurch. Starten wir zu einem Rundgang.

km 80, Bozen

Ganz gleich ob über die Autostrada oder die Staatsstraße: in einer knappen Stunde ist Bozen erreicht. Das Zentrum ist von den deutschsprachigen Südtirolern geprägt, die in Südtirols Hauptstadt allerdings nur ein Viertel der 106.000 Einwohner stellen. Auch hier haben wir einen Tipp, das Auto abzustellen: Die Central Parking Garage liegt optimal für alles, was wir hier vorhaben.

Zuerst einmal lassen wir uns durch das Zentrum treiben, schlendern durch die Laubengänge, überqueren den Talferbach, marschieren am Siegesdenkmal vorbei in jenen Stadtteil, der von faschistischer Architektur geprägt ist, genießen den Schatten unter den Bäumen des Petrarca-Parks und rasten am großen Waltherplatz in einem Schanigarten. Wenn Sie das nachgemacht haben und noch über etwas Kondition verfügen, haben wir noch eine kleine Überraschung für Sie bereit. Doch davon später.

Ein kleiner Ausflug von Bozen aus – aber ohne Auto

Wir haben Ihnen eine kleine Überraschung versprochen – hier ist sie: Lassen Sie das Auto in der Garage stehen und machen Sie mit uns einen kleinen Ausflug. Planen Sie mindestens zweieinhalb Stunden dafür ein, oder besser noch, einen halben Tag. Es wird sich lohnen, denn Sie werden Bozen aus der Vogelperspektive, eine alte Eisenbahnstrecke und seltsame Felsformationen erleben. Aber schön der Reihe nach.

Von der Einfahrt der Central Garage aus gehen wir links den Bahnhof entlang, bis wir an der großen Rechtskurve zu einer Seilbahnstation kommen: Es ist die Rittner Seilbahn, und sie wurde gebaut, als das Steilstück der Zahnradbahn nach Ritten 1964 nach einem schweren Unfall mit Todesfolgen (ein Triebwagen stürzte ab) stillgelegt wurde. Seit 1966 ist die Rittner Seilbahn Nahverkehrsmittel für die Bewohner der Ortschaften am oberhalb von Bozen gelegenen Bergrückens. 

km 112, Tscherms

Nach dem Rundgang durch Bozen und dem Ausflug auf den Ritten fahren wir durch das Etschtal in Richtung Meran. Staats- wie Schnellstraße durchschneiden das Tal, in dem es keine Wiese zu geben scheint – nur Obstkulturen, vornehmlich Äpfel. Auf den Hängen links und rechts wechseln sich die Obstplantagen mit Weingärten ab. Warum wir ausgerechnet Tscherms als nächstes Zwischenziel gewählt haben? Weil es in diesem Ort eine Adresse gibt, die Feinschmecker und Weinliebhaber gleichermaßen anzieht: den Kränzelhof. Hier wird im übrigen selbst Kindern nicht fad: es gibt einen zauberhaften Labyrinthgarten. 

km 116, Marling

Nur ein Katzensprung ist es von Tscherms zu unserem nächsten Zwischenziel, an dem wir nicht nur Quartier nehmen, sondern auch eine schöne Wanderung unternehmen wollen. Gut ausgeschlafen, versteht sich.

Wir sind vom Kränzelhof gerade einmal vier Kilometer gefahren, als wir am Ortsende von Marling schon unser Hotel erblicken: das La Maiena Meran Resort. Es handelt sich dabei um ein 4,4-Sterne-Haus mit dem Schwerpunkt Wellness. Wir haben das Privileg, eines der Zimmer im ganz neu errichteten Zubau, der Meran Lodge, beziehen zu können, im letzten Stockwerk unter der riesigen Dachterrasse, mit Blick auf Meran.

Am nächsten Morgen ziehen wir uns die Wanderschuhe an und steigen gleich in der Nähe des Hotels hinauf zum Marlinger Waalweg. Waalweg? Waale nennt man die Bewässerungskanäle, die hier im Südtiroler Vinschgau schon vor Jahrhunderten geschaffen wurden, um Wasser aus Bächen und Flüssen vor allem auf die Sonnenhänge zu leiten, um die Obstkulturen mit Wasser zu versorgen. Hier waren die Niederschlagsmengen immer schon so gering, dass die Landwirtschaft auf künstliche Bewässerung angewiesen war. Auch heute sind die Waale noch in Betrieb – und die Pfade, die sie begleiten, herrlich ebene Spazier- und Wanderwege auf halber Höhe der Berge. 

km 122, Meran

Tags drauf wollen wir die Stadt, die wir bislang nur aus der Ferne gesehen haben, auch aus der Nähe kennenlernen. Wir wählen die Tiefgarage bei der Therme, überqueren die Passer, schlendern an der Kurpromenade entlang und durch die Altstadt, in der es – erraten! – wieder einen schönen Laubengang gibt.

Meran war einmal politisch ziemlich bedeutend, als im 13. Jahrhundert die Grafen von Tirol ihren Sitz nach Schloss Tirol (das liegt über der Stadt) verlegten. Kurstadt wurde Meran erst später. Und wirklich berühmt erst, als Kaiserin Elisabeth um 1870 hierher kam. Sie nahm Quartier im Schloss Trauttmannsdorf – und alle, die damals das Geld dazu hatten, folgten ihr.

Wir folgen dem Weg, der heute nach ihr benannt ist und von der Kurpromenade zum Schloss führt, das heute einer der Publikumsmagneten Merans ist. Im Schloss ist ein sehenswertes Tourismusmuseum und drumherum ein botanischer Garten, der seinesgleichen sucht.

Meran erblühte, und damit die kurenden Müßiggänger auch etwas Bewegung machten, legte man auf Anregung des damaligen Kurarztes Dr. Tappeiner Promenaden an. Die schönste ist der Tappeinerweg, auch ihn können wir nur empfehlen.

km 144, Sankt Leonhard in Passeier

Gewandert sind wir zwar schon genug auf dieser Südtirol-Runde, aber wir wollen noch eins draufsetzen. Wir haben gehört, dass es eine halbe Autostunde von Meran entfernt einen neuen Wanderweg gibt, einen regelrechten Traumweg am Oberlauf der Passer. Er führt von Sankt Leonhard nach Moos, beginnt bei der Dorfbrücke und ist zum Teil an einer Felswand über der Schlucht befestigt. Er bietet spektakuläre Ausblicke auf wildes Wasser, Wasserfälle, Strudel – Ausblicke, die vor der Entstehung des neuen Weges flugfähigen Tieren und Satelliten vorbehalten waren. Nichts wie hin!

Und jetzt direkt nach Sterzing! Oder auch nicht...

Menschen, die gerne kurvenreiche Strecken befahren, haben ab Sankt Leonhard eine gute Gelegenheit dazu: den Jaufenpass. Seine 20 Kehren, die den Reisenden spektakulär bis auf über 2.000 Meter Seehöhe bringen, wollten wir bei unserer Recherche Anfang Mai befahren. Es ist ja der kürzeste Weg zurück nach Sterzing. Doch es kam anders: Oben schneite es ziemlich, es herrschte Kettenpflicht und wir hatten nur Sommerreifen aufgezogen. Deshalb gibt es an dieser Stelle auch keine Fotogalerie über diese Strecke.

Wir verabschieden uns stattdessen mit einem Foto, das Sie im Garten von Schloss Trauttmannsdorf nachstellen können. Wie und wo das genau geht, das müssen Sie allerdings schon selbst herausfinden.

IMG_5775.JPG Kurt Zeillinger © Kurt Zeillinger

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