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Juli 2019

Nachglühen in der Formel E

Die fünfte Saison der Formel E hat die junge elektrische Königsklasse endgültig an die öffentliche Stromdose angesteckt. Wir sind heuer mitgereist und haben Antworten zu folgenden Fragen: Was war, was kommt, was bringt's?

Die Nase eines Formel E ist robust genug, dass du damit einen Lkw vor dir herschieben könntest", sagt Pascal Wehrlein zu mir, als ich Ende Mai mit ihm beim Berlin-E-Prix in der Box plaudere. "Gar kein Vergleich zu den filigranen Formel-1-Autos, wo du nach der kleinsten Berührung gleich einmal dein ganzes Rennen vergessen kannst."

Pascal weiß, wovon er spricht. Schließlich war er bis vor kurzem noch in der Verbrenner-Königsklasse unterwegs, bevor er sich als einer von bis dato überraschend zahlreichen Ex-F1-Kollegen vom fossilen Antrieb dauerhaft in Richtung Stromsport verabschiedet hat.

Aber lassen Sie uns am besten von vorn beginnen. Der auto touring hat heuer die Europa-Rennen der Formel E sowohl vor als auch hinter den Kulissen intensiv begleitet und dabei einiges erlebt: die ersten Testfahrten in Spanien, das erste Regenrennen in Paris, unzählige Gelb- und Rot-Phasen, Gespräche mit Fahrern, Team-Chefinnen und -Chefs, Sponsor-Magnaten, nicht zuletzt auch den Erfindern der definitiv spannendsten Rennsport-Serie seit Erfindung des Verbrennungsmotors.

In schöner Würze und möglichster Kürze werden wir nun versuchen, Sie, werte Leserinnen und Leser, mit den wichtigsten Aspekten zum Thema "Formel E" zu versorgen. Künftige Lift-Gespräche im Büro werden sich nach einem Motorsport-Wochenende demnächst nämlich vielleicht nicht mehr darum drehen, ob Sonntags-Hero Lewis Hamilton irgendwann den siebenten Formel-1-Titel schaffen wird, sondern ob man anderswo von Startplatz 17 mit klugem Energie-Management noch gewinnen kann… 

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Ich mag die Formel 1 nach wie vor und schaue jedes Rennen. Aber ich würde um nichts in der Welt meinen neuen Job tauschen.

Jean-Éric Vergne, erster Formel-E-Doppel-Champion.

Formel was?

Tatsächlich ist einer der Hauptgründe, Formel-E-Rennen anzuschauen, die dezidierte Rossnatur der Fahrzeuge: Wie in dieser Serie auf schmerzbefreite Tuchfühlung gefahren wird, kennen F1-Fans heute oft nur mehr von YouTube-Videos aus der goldenen Ära, als Piloten wie Ayrton Senna oder Alain Prost ähnlich engagiert das gegnerische Auto bearbeitet haben.

Kurzum: In der Formel E wird verlässlich spektakulärer Karbon-Salat serviert. Also jene Speise, die, so ehrlich muss man sein, einen dazu bringt, bei schönstem Wetter ein Wochenende vor dem Fernseher zu verbringen – Dosenbier, Pizza und spannende Familiendiskussionen inklusive.

Beispiel gefällig? Bitte schön – ein sehenswertes 11-Minuten-Best-Of, das die Liebe der Formel-E-Fahrer zur spontanen Kaltverformung des Dienstwagens akkurat dokumentiert. Und da geht's nur um die Europa-Rennen…

(Lieb gemeinter Tipp für Formel-1-Fans: Die Frequenz der Geschehnisse im folgenden Video könnte unter Umständen sowohl den gewohnten Blutdruck als auch sonntägliche TV-Gewohnheiten beeinflussen)  

Prolog: Gruppenbild mit Dame

Vorweg, um die Formel E und ihr Vorhaben (dem Rennsport ein ökologisches Bewusstsein zu verpassen) einzuordnen: Was Zampano Bernie Ecclestone einst für die Formel 1 war, ist Alejandro Agag heute für die Formel E. Der Spanier ist umtriebiger Unternehmer, hat eine sehr konservative Politik-Laufbahn hinter sich (Generalsekretär der Europäischen Volkspartei) und ist der Schwiegersohn des ehemaligen spanischen Ministerpräsidenten José María Aznar.

Die Formel E hat Agag – auf Initiative von FIA-Präsident Jean Todt – mit zwei Mitstreitern in einem Pariser Café gegründet. Der grundsätzliche Vertrag wurde dort im März 2011 auf einer Serviette unterschrieben, diese hängt heute noch eingerahmt an der Wand über dem Tisch, an dem die Herren damals saßen.

An den Formel-E-Rennwochenenden agiert Señor Agag heute meist im Hintergrund, lässt sich aber eines niemals nehmen: publikumswirksame Damen im Safety-Car publikumswirksam vorab über die Strecke zu chauffieren.

Kleine Auswahl gefällig?

2019_07_formele_LAT_block1_2.jpg LAT/Formula E 1
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1 Alejandro mit Supermodel-Ikone Naomi Campbell. © LAT/Formula E

2 Alejandro mit Schauspiel-Diva Liz Hurley. © LAT/Formula E

3 Alejandro mit Sing-Sternchen Rita Ora. © LAT/Formula E

Und jetzt zum Sport…

Die fünfte Formel-E-Saison ist nun Geschichte, der große Gewinner heißt Jean-Éric Vergne – wie der eingangs erwähnte Pascal Wehrlein ein weiterer F1-Aussteiger, der schon für die Europa-Rennen ("voestalpine European Races") den vom gleichnamigen Linzer Technologiekonzern ausgeschriebenen Pokal (mehr dazu gleich) mit nach Hause genommen hat und kurz darauf in New York auch noch den für den Gesamtsieg. Damit ist er der erste Doppel-Champ des derzeit noch dünnen Formel-E-Lexikons.

Wir dürfen ihn kurz vorstellen und uns zwecks Gesprächs zur Brust nehmen…

Im Interview: Doppel-Champ Jean-Éric Vergne

* Geboren am 25. April 1990 in Pontoise, Frankreich.
* 2012–2014: Formel-1-Pilot für Team Scuderia Toro Rosso.
* Seit 2014: Formel E. Weltmeister 2017/18 und 2018/19.
* Warum Startnummer "25"? Reminiszenz an seine Kart-Tage.
* Lieblingsgetränk: Wasser.

2019_07_formele_LAT_block2_1.jpg LAT/Formula E 1
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1 14. Juli 2019: Pokal für den zweiten Formel-E-Titel. Da lässt sich's vor der New Yorker Skyline gut lachen. © LAT/Formula E

2 Momentaufnahme, Sekunden vor einem Rennbeginn: Gentleman, start your engine. © LAT/Formula E

3 Prost mit Funkenflug: Wochen vor Saisonende kann Vergne schon den Europa-Titel runterschlucken. © LAT/Formula E

Gratulation zum zweiten Titel, Jean-Éric!

– Was, wenn jetzt ein Angebot käme, in die Formel 1 zurückzukehren?

Jean-Éric Vergne:Käme so ein Offert, wäre es wohl von keinem Top-Team, und ich könnte dann vielleicht ab und zu ein paar Punkte holen. In der Formel E fahre ich aber um Siege und Meisterschaften. Außerdem ist das fraglos die momentan spannendste Motorsportserie der Welt. Dazu kommt, dass ich hier Projekte gegen den Klimawandel unterstützen kann, was in der Formel 1 logischerweise komisch aussehen würde (lacht).

– Du hast in deiner F1-Zeit länger in Fuschl bei Salzburg gewohnt. Würdest du dir ein Formel-E-Rennen in Österreich wünschen?

Jean-Éric Vergne:Ich hätte gern eines auf der Straße zwischen Fuschl und Thalgau, da halte ich mit einem gemieteten VW Polo vermutlich den Streckenrekord (lacht). Ich bin da auch gemeinsam mit Danny (Ricciardo, Anm.) mal mit einem Roller gefahren. Da war ich im Windschatten, hatte aber auf zwei Rädern zu viel Angst. Danny nicht (lacht). Aber im Ernst: Ein Formel-E-Rennen in Wien zum Beispiel wäre toll. Ich liebe Österreich und habe viele Freunde dort. Bei euch ist alles so sauber, grün und riecht gut. Bis auf die Kühe manchmal (lacht). Und natürlich das Schnitzel! 

– Findest du die Stadtstrecken in der Formel E gut?

Jean-Éric Vergne:Ich hoffe, dass wir nie auf normalen Rennstrecken fahren werden, das ist ja nicht in der DNA der Formel E. Wenn ich jetzt etwa in Paris, der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, vom Innenstadt-Hotel in fünf Minuten zu Fuß zur Boxengasse spazieren kann und dort aus dem Cockpit den Eiffelturm über mir sehe, dann könnte ich nicht zufriedener sein.

Exkurs: auto-touring-Foto-Special

Zum Finale der Europa-Rennen in der Schweiz haben wir ausnahmsweise keine Schreibkraft geschickt, sondern unseren Mann für besondere Fotos. Sein Auftrag vor Ort: Motive zu finden, die man später nicht von der offiziellen Presse-Website runterladen kann…

Österreich und die Formel E

Im Zuge der Formel-E-Saison 2018/19 wurden heuer auch zum ersten Mal die "voestalpine European Races" ausgetragen – mit einer eigenen Wertung, die quasi als Europameisterschaft zu verstehen ist. Sie wurde unter der Sponsor-Schirmherrschaft des Linzer Technologiekonzerns voestalpine ausgetragen, samt aufwändiger 3D-Druck-Trophäe für den Sieger (Jean-Éric Vergne – who else? – siehe Foto unten).

Es stellen sich drei Fragen:

Warum tut sich ein riesiger Industrie-Player das (derzeit noch) riskante Experiment "Formel E" an?

Nun: Der oberösterreichische Stahl-Konzern erzielt mittlerweile rund 50 Prozent seines Umsatzes im Zukunftsmarkt Mobilität – mit der Sparte Elektromobilität als zunehmend wichtiges Feld. Er liefert hauchdünne Elektrobänder als Vormaterial zur Serienfertigung sowie Komponenten für effizientere E-Motoren. Dazu kommen hochfeste Leichtbau-Komponenten im Bereich Batteriegehäuse. Ziel: die Reichweitensteigerung von E-Autos.

Hat sich das Sponsor-Engagement ausgezahlt?

Unter vorgehaltener Hand (aber aus kundigem Mund) haben wir vernommen, dass sich das Sponsoring wegen des klugen Früh-Einstiegs ins Abenteuer "Formel E" im niedrigen einstelligen Millionenbereich bewegt. Klingt nach viel, ist für ein Unternehmen wie voestalpine aber vergleichbar mit einer Euro-Münze, die Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, aus dem Geldbörsl fällt, während Sie überlegen, ob Sie sich jetzt mühsam bücken oder halt nicht. Sprich: Ja, es hat sich wohl ausgezahlt.

Gibt's auch nächstes Jahr wieder heimischen Technik-Background? 

Ja, auch in der kommenden Saison 2019/20 werden die fünf Europa-Rennen als "voestalpine European Races" ausgetragen. Sie beginnen am 4. April in Rom, es folgen: Paris (18. April) und Berlin (30. Mai), bevor die Formel E am 25. und 26. Juli fürs Saisonfinale mit einem Doppel-Rennen endlich wieder nach London zurückkehrt. (Anm. in eigener Sache: Für den pathologisch anglophilen Autor dieser Zeilen hat der übliche UK-Sommerurlaub damit schon einen fixen Start-Termin.)

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Pensions-Antritt: Der langjährige voestalpine-CEO Wolfgang Eder verabschiedet Jean-Éric Vergne in die Saisonpause und sich selbst in den Ruhestand.

Technik-Transfer: Was bringt die Formel E?

"Motorsport-Technik": Der Stammtisch meint dazu oft, dass dies in erster Linie die kindliche Spielwiese von Ingenieuren in geschützen Werkstätten ist, um in sicherer Umgebung tun und lassen zu können, was man will. Ein Gerücht, das wir nun gern bestätigen wollen. 

Warum? Ganz einfach: Wer hat die besten Ideen, wenn es darum geht, Aufgabenstellungen für vermeintlich schwierige Lösungen zu finden? Wer hat die unbezahlbare Gabe, sich um nichts anderes kümmern zu dürfen als ein einziges Ziel, mag es noch so unlogisch erscheinen? Wer kennt keinerlei angelernte Grenzen, wenn es darum geht, etwas zu erreichen, das man unbedingt will?

Richtig: Kinder. 

Wir fragen nach bei Jens Marquardt, Motorsport-Chef von BMW, was die Formel E für die Entwicklung künftiger Serien-Elektroautos bringt. Und wie kindliches Denken in einem Konzern wie BMW nicht belächelt wird… 

2019_07_formele_BMW_1er_2.jpg BMW © BMW

"Günstiges E-Auto? Nicht einfach!"

O-Ton Jens Marquardt:

"Die kreativsten Ingenieure in der Serienfertigung haben immer das Problem, in sehr engen Grenzen denken zu müssen – das macht die wahnsinnig. Da geht es ja ausschließlich um Kosten und Ressourcen, damit der Endkunde ein leistbares Elektroauto bekommt. So ein günstiges, effizientes E-Fahrzeug hinzustellen ist aber nicht so einfach. Also sind diesen Leuten erstmal die Hände gebunden.

Für die Formel E geben wir klugen Freidenkern aus der Serienproduktion aber den Raum, sich auszutoben. Die kommen in den Motorsport, können hier barrierefrei kreativ sein und ihre Brainpower ausspielen. Die müssen nicht vom oberen Minimum zum unteren Maximum entwickeln, sondern umgekehrt. Und sehen dann, wie weit man vom Zenith einer Aufgabe entfernt ist. Wenn diese Leute dann nach einiger Zeit von der Formel E in die Massen-Produktion eines BMW i3 zurückgehen, dann fließt ihr neuer Horizont zurück. Bedeutet für den Endkunden: bessere Akkus, bessere Motoren, mehr Effizienz."

Epilog: Saison-Vorschau 2019/20

Kurz und bündig: Nächstes Jahr steigen – man lese und staune – Mercedes und Porsche als offizielle Werks-Teams in die Formel E ein. Zusätzlich zu Audi, BMW, DS Automobiles, ­Nissan und Jaguar. In keiner internationalen FIA-Rennserie werden dann mehr Hersteller vertreten sein.

Und: Das Saisonfinale findet, wie erwähnt, in London statt. Erstmals wird dort auch ein Teil der Strecke durch eine Halle (!) geführt.

In Ermangelung eines guten Schlusswortes bemühe ich an dieser Stelle einen ganz gut passenden Song einer Lieblingsband, der die kommende Formel-E-Saison fein zusammenfasst: britisch, elektrisch und – hoffentlich – endlich auch weiblich.

Oasis – She's Electric.

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