Chris Hofer steht vor einem Auto
© Chris Hofer
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Januar 2026

Die Welt braucht keine weitere Automarke

David Green, Vice President bei Lynk & Co, erklärt im Interview, warum die noch junge Automarke auf Kundenfeedback statt auf Perfektion setzt – und wie digitale Schlüssel neue Mobilitätskonzepte ermöglichen.
 

Viele Menschen in Österreich kennen Lynk & Co noch nicht. Sie sind gerade erst in den Markt gestartet. Wie würden Sie in ein paar Sätzen erklären, was die Marke ausmacht?

Wir wollten mehr als einfach nur ein weiteres Auto auf den Markt bringen. Wir haben die Marke vor zehn Jahren gestartet und alles um das Produkt herum aufgebaut. Wir haben mit einer tollen Plattform begonnen und darauf unsere Autos aufgebaut. Und als wir das Produkt angeschaut haben, haben wir uns gesagt: „Es ist ein schönes Auto, aber die Welt braucht keine weitere Automarke.“ Also mussten wir etwas anderes machen.

Was braucht denn die Welt?

Wir sind überzeugt, dass die Kunden großartige Produkte von hohem Wert und gute Erfahrungen wollen. Das ist es, was wir uns vorgenommen haben.

Und was hat Ihr Team konkret getan, was das Auto so anders macht als andere?

Wir haben die Fahrzeuge nicht auf Basis des Wissens von vielen Ingenieuren wie mir gemacht, die raten müssen, was die Kunden wollen. Wir haben uns komplett auf die Wünsche der Konsumenten eingelassen. In jedem Lynk & Co gibt es eine Feedback-App. Sie können damit eine Nachricht senden zu allem, was Sie im Auto entdecken – etwas, das Sie mögen oder nicht mögen. Egal, was. Und wir bekommen wirklich viel Feedback!

Was tun Sie mit dem Feedback?

Wir sind mit Lynk & Co Teil eines großen Konzerns, haben also eine riesige Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Aber anstatt F&E-geleitet zu sein, wollten wir konsumentengeleitet vorgehen. Wir testen immer sehr schnell neue Dinge und setzen auch Prototyping-Techniken ein. Dadurch können wir die Autos und ihre Komponenten und Anwendungen schnell verbessern. Manchmal bekommen wir auch einfache Kommentare wie: „Ich habe den Knopf gedrückt und weiß nicht, was ich jetzt tun soll.“ Es wird alles als Textnachricht an ein Tablet bei uns geschickt, und wir reagieren darauf.

Sie optimieren die Autos also auch noch, wenn sie bereits verkauft und auf der Straße sind. Wie reagieren Ihre Kunden darauf, dass sie kein perfektes, fertiges Produkt erhalten, sondern Beta-Tester sind?

Das ist ein sehr guter Punkt. Vor allem die großen Premium-Marken hatten immer den Anspruch, an einem Auto so lange zu arbeiten, bis es perfekt ist. Dafür haben sich alle viel Zeit genommen. Doch am Ende ist Ihr „perfekt“ vielleicht nicht deren „perfekt“. Ich saß in Autos und dachte, das ist toll, dann habe ich es jemandem gegeben, der sagte: „Ich mag das nicht.“ Und wenn Sie als Produzent beginnen, die Produkte durch die Augen der Kunden zu sehen, denken Sie bald: Oh Gott, ja, das ist richtig. Egal, was Sie tun, es gibt Dinge, die Leute mögen, und Dinge, die sie nicht mögen. Auf dieses Feedback muss man hören.

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Portrait David Green
© Lynk & Co

Oft ist es allerdings schwer zu beschreiben, was man gerne hätte, bevor es da ist.

Richtig. Wir wollen deshalb wissen, was die Leute mögen, fühlen und sich wünschen. Aber es bleibt unsere Aufgabe, herauszufinden, was sie damit meinen und wie wir eine gute Umsetzung sichern können.

Können Sie ein konkretes Beispiel geben, wie Kundenfeedback ein Auto verändert hat?

Unser erstes Auto war ein Plug-in-Hybrid mit rund 75 Kilometer elektrischer Reichweite. Und nach dem Marktstart erhielten wir unzählige Nachrichten: „Ich bin sehr verwirrt. Ich fahre mein Auto schon lange, und der Motor hat plötzlich gestartet.“ Wir haben dadurch herausgefunden, dass wir eine große Anzahl von Kunden hatten, die einen 75-Kilometer-Plug-in-Hybrid monatelang als Elektroauto benutzt haben. Sie haben nie Kraftstoff nachgefüllt. Und dann, eines Tages, sagt die Motorsteuerung: Ich muss den Motor sauber laufen lassen. Und der Motor startet. Und das führt zu diesen Nachrichten.

Und was haben Sie daraufhin geändert?

Wir haben ein Auto gebaut, das grundsätzlich ein Elektroauto ist, die Kunden aber nie auf der Langstrecke im Stich lässt. Wir haben viele Experimente gemacht und herausgefunden, dass 180 Kilometer E-Reichweite perfekt sind.

Sie bieten auch ein Sharing-Modell an. Wie funktioniert es?

Wir wissen, dass die meisten Autos von Unternehmen gekauft werden. Und was ist im Geschäftsumfeld die wichtigste Sache? Kosten. Und Kosten betreffen die Auslastung, die sich mit digitalen Schlüsseln maximieren lässt. Also haben wir digitale Schlüssel entwickelt und ein Umfeld für Sharing geschaffen, das unsere Kunden nutzen können.

Wie gut wird das Modell angenommen?

Sehr gut. In den Niederlanden gibt es sogar Unternehmen, die ein Geschäftsmodell auf die Lösung aufgesetzt haben. In diesen Peer-to-Peer-Umgebungen gibt es viel Kontrolle durch Bewertungen.

Und wie stellen private, die kein echtes Business daraus machen wollen, sicher, dass sie ihr Auto am nächsten Tag wieder nutzen können?

Wenn Sie ein Auto vermieten, müssen Sie es freigeben. Und die Zeit, in der Sie es freigeben, ist in der Navigation hinterlegt.

Wir haben uns komplett auf die Wünsche der Konsumenten eingelassen.

David Green, Vice President Lynk & Co.

Also können Autobesitzer festlegen, wann und wo es genutzt werden darf?

Ein Auto weiß, wie viel Kraftstoff es hat. Es weiß, wo es ist. Es weiß, wie spät es ist. Wir verwenden diese Infos, damit Autos optimal ausgelastet werden können und zu dem Zeitpunkt wieder an dem Ort sind, wo es gewünscht ist. Wir optimieren die Erfahrung laufend durch Feedback und bauen zum Beispiel Pufferzeiten ein. Wir leiten die Autos zurück oder schicken einen Alarm an den Eigentümer, wenn das Timing nicht passt oder jemand zu weit weg fährt. Wir können die User auch anrufen und sie an den Abgabetermin erinnern. Das Sharing ist also ziemlich kontrolliert. Ich sage nicht, dass es niemals schlechte Akteure gibt. Aber dann nehmen wir sie einfach aus dem System.

Gibt es regionale Unterschiede, wie das Konzept genutzt wird?

Ja, in den Niederlanden wird Sharing sehr stark angenommen. Dort informieren die Leute potenzielle User oft über Facebook und Instagram. In Italien wird die Möglichkeit auf eine andere Art genutzt. Dort sind es meistens Menschen in einer lokalen Gemeinschaft, die sich kennen. Oft leben sie in abgelegenen Dörfern, wo es keine Autovermietung und keinen Bus gibt. Aber eine Person mit einem Lynk & Co kann dort die Quelle der Mobilität für viele Menschen sein. In Schweden nutzen viele Leute Sharing innerhalb der Familie. Und dann gibt es immer mehr Firmen, die eine Pool-Flotte nutzen, ohne neue Systeme, ohne eine Box mit Schlüsseln. Die Mitarbeiter:innen können einfach ein Auto auswählen. Und dann wird aufgezeichnet, dass Sie es nehmen, wann Sie es gefahren sind, wie weit, und Ihre Abrechnung wird erledigt. Wir liefern also eine komplette Plattform.

Welche Ziele haben Sie sich für Österreich gesteckt?

Das Ziel in den nächsten Jahren ist einfach: Wir sind nicht hier, um einfach ein paar Autos auf den Markt zu werfen. Wir wollen auf der Basis dessen, was wir entwickeln, wachsen und wirklich erfolgreich werden. Dafür haben wir uns mit dem existierenden Volvo-Service-Netzwerk für Österreich verbunden. Das ist eine unserer größten Stärken. Und wir bauen eigene Verkaufsstellen auf. Weil wir nicht mit Volvo konkurrieren wollen. Wir wollen unsere eigene Atmosphäre schaffen. Wir wollen die beste Marke der Welt sein. Dafür müssen wir smart sein, wachsen, zuhören, uns weiterentwickeln und Autos bauen, die wirklich cool sind.

Kann es mit dem Ansatz auch gelingen, kostengünstigere Autos anzubieten?

Der Preis ist eine immer wichtigere Frage. Wir wollen aber auf keinen Fall auf Kosten des Produkts sparen. Wir können die Kosten dadurch senken, dass wir pro Serie nur eine Homologation machen, eine Testung, einen Crashtest. Wir bauen auch keinen großen Lagerbestand auf und haben keine ungenutzte Kapazität. Wenn Sie nicht unzählige Varianten der Autos anbieten, reduziert das die Kosten massiv. Wir machen Dinge, die Kunden nicht spüren, um die Kosten zu reduzieren. Plattform, Wertschöpfungskette, Fertigung – an diesen Schrauben können wir drehen. Dafür müssen wir die Qualität des Autos nicht reduzieren.

Über Lynk & Co

Lynk & Co ist eine Automarke des chinesischen Geely‑Konzerns, die 2016 in Zusammenarbeit mit Volvo gegründet wurde. Sie orientiert sich stark an einer jungen, urbanen, digitalaffinen Zielgruppe. In Europa ist vor allem das Plug‑in‑Hybrid‑SUV Lynk & Co 01 bekannt, das im Abo‑Modell mit Fokus auf Carsharing und App‑Vernetzung angeboten wird.

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