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Juli 2015

Wie von Geisterhand

Autonomes Fahren nimmt immer konkretere Formen an. Wir sitzen staunend auf dem Beifahrersitz des Audi RS7 Piloted Concept und lassen uns vom Auto über den Heldenplatz in Wien kutschieren.

Wir befinden uns im Herzen Wiens, genauer gesagt, am Heldenplatz. Vor uns steht ein Audi RS7. Allerdings kein gewöhnlicher RS7. Fairerweise sei erwähnt, dass bereits ein serienmäßiger RS7 kein gewöhnliches Auto ist – schließlich sorgen in diesem Modell ein Vierliter-V8 mit mächtigen 560 PS, Allradantrieb und ein Spurt von 0 auf 100 km/h knapp unter vier Sekunden für beeindruckende Eckdaten. Dieser RS7 ist aber noch spezieller.

Der RS7 "Piloted Driving Concept" ist ein Technikträger, mit dem Audi die Möglichkeiten des autonomen Fahrens in seiner ganzen Dynamik auslotet. Das große fünftürige Coupé entspricht technisch weitgehend dem Serienstand. Automatisiert angesteuert werden die elektromechanische Servolenkung, die Bremsen, die Drosselklappe des Motors (fürs Gasgeben) und die Achtgang-Automatik. Für die Orientierung auf der Piste nutzt der Technikträger speziell korrigierte GPS-Signale. Diese zentimetergenauen Differenzial-GPS-Daten werden per WLAN nach dem Automotive-Standard und zusätzlich (redundant) per Hochfrequenzfunk ins Auto übertragen. Parallel dazu werden in Echtzeit 3D-Kamerabilder mit on-board hinterlegten Bildinformationen abgeglichen. Dabei sucht das System in jedem der zahllosen aufgenommenen Einzelbilder nach mehreren hundert bekannten Merkmalen, etwa nach Bebauungsmustern hinter der Strecke, die es als zusätzliche Ortungsinformation nutzt.

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Das autonome Fahren, von Audi "pilotiertes Fahren" genannt, ist eines der wichtigsten Entwicklungsfelder des Ingolstädter Unternehmens aus dem VW-Konzern. Die ersten erfolgreichen Entwicklungen reichen bereits zehn Jahre zurück. Die Ergebnisse aus den Erprobungen fließen kontinuierlich in die Serienentwicklung ein. “Mit den technischen Lösungen zum pilotierten Fahren treiben wir einen der wichtigsten Trends in der automobilen Welt weiter voran“, sagt Prof. Dr. Ulrich Hackenberg, Vorstand für Technische Entwicklung der Audi AG. Bereits im Rahmen des DTM-Saisonfinales am Hockenheimring konnte der selbstfahrende RS7 seine Qualitäten auf einer Rennstrecke mit Spitzengeschwindigkeiten bis 240 km/h unter Beweis stellen. Kein Fahrer am Lenkrad, kein weiterer Passagier, das Auto drehte selbstständig seine Runden.

Aber auch für den Fahreralltag bieten solche "pilotierten" Systeme sinnvolle Ansätze für die Zukunft: automatisiertes Fahren im Stop-and-Go-Verkehr, selbstständiges Parken sowie eine erhoffte Erhöhung der Sicherheit im öffentlichen Straßenverkehr. In diesem Jahr hat Audi auf öffentlichen Straßen die nächsten Schritte des pilotierten Fahrens demonstriert, beispielsweise auf einer Langstreckenfahrt auf US-Highways von der Westküste nach Las Vegas anlässlich der CES (Consumer Electronics Show) im Jänner, auf der Autobahn A9 in Deutschland oder auf der Stadtautobahn von Shanghai.

Heute dreht der RS7 also am Heldenplatz, anlässlich des Festaktes zum 450-Jahr-Jubiläum der spanischen Hofreitschule in Wien, seine Runden. Wir steigen ein beim Prototypen, in dem zur Sicherheit noch ein Entwicklungsingenieur hinterm Steuer sitzt, um eingreifen zu können, wenn etwas doch nicht funktionieren sollte. An diesem Tag fährt der Audi RS7 aber allein – und ich selbst als Passagier auf dem Beifahrersitz, ebenso wie der Techniker auf dem Fahrersitz, der das Lenkrad und die Pedale nicht berührt. Ich spüre eine gewisse Anspannung: So sehr der Technik ausgeliefert fühle ich mich selten. Dann legt das Audi-Coupé los. Nicht schnell, aber zügig. Auf dem mittels GPS im Vorfeld bis auf zwei Zentimeter genau vermessenen Reitplatz der Lipizzaner fährt der RS7 Achterschleifen. Millimetergenau dreht das Auto seine Runden, beschleunigt minimal zwischen den Kurven und bleibt nach zwei Runden punktgenau am Startplatz wieder stehen.

Audi verwendet heute schon Assistenzsysteme, die auch beim pilotierten Fahren zum Einsatz gelangen werden – wie z.B. Totwinkelassistent, Spurhalteassistent, Tempomat mit Abstandswarner und Stop&Go-Funktion – und wird diese Technologien zur Serienreife weiterentwickeln. Wann es die ersten selbstfahrenden Autos zu kaufen geben wird, kann heute noch nicht gesagt werden und hängt nicht zuletzt von den verkehrsrechtlichen Bestimmungen ab, die dafür neu festgelegt werden müssen.

   

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