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Juni 2021

Grundstabilität

Piaggio kam 2006 mit dem Dreirad-Roller MP3 auf dem Markt und war damit Vorreiter eines auch hierzulande nicht mehr verkennbaren Trends. Nun kommt mit dem MP3 400 ein neues Modell mit zukunftsträchtigem Motor. Von Karin Mairitsch.

Das Wichtigste zuerst. Erstens: Der MP3 gilt als mehrspuriges Kraftfahrzeug und darf somit mit dem Autoführerschein gefahren werden. Ein Motorrad-Führerschein ist dafür nicht erforderlich.

Zweitens: Aufgrund der zwei Vorderräder lässt sich der MP3 sicherer und unbekümmerter um die Kurve fahren als ein herkömmlicher Roller, und bei ambitionierter Fahrweise haben zwei Vorderräder deutlich mehr Haftung als eines alleine.

Drittens: Nach manueller Betätigung des Sperrmechanismus der Vorderradaufhängungen kann man beim Stehenbleiben beide Füße am Trittbrett belassen – sehr praktisch, sehr cool.

Viertens: Ja, das Ding kann auch umfallen (bei all zu viel Schräglage beispielsweise).

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_40A9402.jpg  Piaggio © Piaggio
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Ich bin neu hier

Ich gebe zu, ich bin noch nie einen Dreirad-Roller gefahren, keinen Piaggio MP3, keinen Peugeot Metropolis, keinen Yamaha Tricity und auch nicht die sehr arge Yamaha Niken.

Oho, sagen die Herren vom Generalimporteur Faber, schütteln den Kopf und blicken mitleidig drein. Oho. Dann sei es wohl besser, wenn ich mich primär mal auf das Fahren und nicht auf das Stehenbleiben ohne Fuß am Boden konzentriere, den Fehler machen nämlich viele Neulinge.

Der MP3 400 ist ein ausgewachsener Großroller, ein Ersatz für das Automobil bei den alltäglichen Fahrten in der Stadt und der gelegentlichen Spritztour mit der/dem Liebsten am Sonntagnachmittag. OK. Verstanden. Ich bin neu hier.

OK, superhandlich ist anders, der MP3 bahnt sich seinen Weg durch vorausschauende Fahrweise und rechtzeitiges Erkennen der Lücke.

Karin Mairitsch, Journalistin

Erste Fahreindrücke

Also ab in die Stadt und unbedarft hinein in das Gewühl des wochentäglichen Nachmittagsverkehrs auf der Wiener Ringstraße. Das Getriebe des MP3 400 ist vollautomatisch, die Leistung von 35 Pferdestärken ist gerade richtig, der Bremsweg ist dank zweier (!) 258-Millimeter-Bremsscheiben vorne und eines unmerklich einsetzenden ABS wahrlich kurz.

Bis zu einer Geschwindigkeit von 40 Stundenkilometern vermeine ich die zwei Vorderräder zu spüren, darüber nicht mehr. Das Gewicht des Fahrzeuges ist in das Dreieck zwischen Lenker, Trittbrett und Sitzbank gut eingebettet. Alles fühlt sich sicher an.

Vorrangig gilt es also die limousinenartigen Dimensionen des MP3 400 im Freiraum zwischen den Autokolonnen zu verinnerlichen. Der Radstand misst 1.560 Millimeter, also um 19 Zentimeter mehr als bei der 300er-Vespa, und der Vorbau des MP3 ist gefühlt breiter als bei herkömmlichen einspurigen Kollegen – die Vorderräder haben eine Spurweite von 46 Zentimetern. Und dieser Wert ist wichtig, ermöglicht er doch die Typisierung als mehrspuriges Kraftfahrzeug und somit das Lenken mit dem Auto-Führerschein.

OK, superhandlich ist anders, der MP3 bahnt sich seinen Weg durch vorausschauende Fahrweise und rechtzeitiges Erkennen der Lücke.

Einparken, Kopfsteinpflaster und Vollgas

Vorm Schanigarten des Café Landtmann erblicke ich einen freien Parkplatz. Blinker rechts, und schon biege ich im spitzen Winkel über die Straßenbahnschienen ab und mache mir keine Sorgen, dass sich das Vorderrad in den Straßenbahnschienen verfängt. Es gibt ja zwei davon. Und auch etwaige Ängste vor Kanaldeckeln und Zebrastreifen sind obsolet.

Der Kellner hebt eine Augenbraue. Das Fahrzeug erscheint ihm kurios, die Fahrerin darauf eher klein gewachsen. Jetzt heißt es Nervenstärke zu beweisen und die Vorteile der drei Räder beim Einparken souverän in das Zentrum der Betrachtungen zu rücken. Ein kritischeres und aufmerksameres Publikum werde ich in der Innenstadt kaum finden.

Drei Meter vor der Parklücke betätige ich den Schiebeschalter zur Fixierung der Vorderradaufhängung, tippe die Fußbremse, komme zum Stillstand – und bleibe mit beiden Füßen am Trittbrett lächelnd sitzen. Kurz genieße ich den Augenblick, dann drehe ich den Motor ab und steige ab. Ich schlage den Lenker ein, begebe mich an das hintere Ende meines Fahrzeuges… und ziehe den Roller mit einer Hand am Heckbügel kinderleicht in die Parklücke. Geschafft. Jetzt lächelt auch der Kellner. Ich betätige die Feststellbremse und gönne mir einen Kaffee.

Weiter geht es später auf die Wiener Höhenstraße. Kopfsteinpflaster. Rutschig. Uneben. Der Albtraum des (ungeübten) Motorradfahrers. Doch mit dem MP3 ist dieser Untergrund einerlei, hier kann sich das Potenzial der beiden unabhängig kippbaren und getrennt gefederten 13-Zoll-Vorderräder so richtig entfalten. Kein einziges Mal verspüre ich hier eine Unsicherheit, die Vorderräder führen den Roller vergleichbar wie bei einem Auto.

Nächste Destination: Riederberg! In der Kurve will ich es wissen. Der Asphalt ist glatt und der Riemenantrieb des 14-zöllige Hinterrades bringt die Kraft des Motors sehr geschmeidig auf die Straße. Die Schräglage scheint aufgrund der beiden Vorderräder schier unbegrenzt, ein Wegrutschen der Front scheint physikalisch fast unmöglich. Limitiert wird die Rennfahrerin in mir nur vom schleifenden Aufsetzen des Hauptständers. Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht, zumal die Traktionskontrolle auch abschaltbar ist.

Der große, beleuchtete und mit einer Matte ausgestattete Stauraum unter der Sitzbank bietet Platz für zwei Vollvisierhelme, für größere Einkäufe gibt es auch einen einklappbaren Haken an der hinteren Platte der Frontschürze.

Karin Mairitsch, Journalistin

Ausstattung

Bei der Jause an der Donau finde ich Zeit, mich der Ausstattung des MP3 400 zu widmen. Höchst bemerkenswert ist der große, beleuchtete und mit einer Matte ausgestattete Stauraum unter der Sitzbank, der Platz für zwei Vollvisierhelme bietet (oder den Wochenendeinkauf oder den Laptop samt Büro-Zubehör). Für größere Einkäufe gibt es auch einen einklappbaren Haken an der hinteren Platte der Frontschürze.

Das Armaturenbrett ist übersichtlich und vollwertig – Geschwindigkeitsmesser, Drehzahlmesser, Uhrzeit, Außentemperatur- und Spritverbrauchsanzeige, Tages- und Gesamtkilometer. Über Bluetooth und eine eigene App kann ein Smartphone mit der Bordelektronik verbunden werden, sodass sich über eine Verbindungstaste am linken Lenkergriff während der Fahrt Telefonanrufe und Musik-Playlists verwalten lassen. Sehr praktisch ist, dass sich die App unter anderem den Standort des letzten Ausschaltens der Zündung und damit auch den Standplatz des Rollers merkt.

Im Handschuhfach oberhalb der Bordinstrumente gibt es eine Extra-Lade mit USB-Anschluss, in der sich das Smartphone gut verstauen und aufladen lässt.

Die Sitzbank ist bequem und bietet auch für Sozia oder Sozius ausreichend Platz. Im Zubehör wäre auch ein 50-Liter-Topcase mit Rückenlehne zu erwerben.

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1 Inforaum – alles da: Geschwindigkeitsmesser, Drehzahlmesser, Uhrzeit, Außentemperatur- und Spritverbrauchsanzeige, Tages- und Gesamtkilometer. © Piaggio

2 Stauraum: groß, beleuchtet und mit einer Matte ausgestattet, bietet Platz für zwei Vollvisierhelme (oder den Wochenendeinkauf oder den Laptop samt Büro-Zubehör). © Piaggio

3 Fußraum mit Fußbremse (einen Hand-Bremshebel gibt es jedoch nach wie vor).   © Piaggio

Fazit, Preis, technische Daten & Einordnung

Der MP3 400 ist eine gute, sinnvolle und sichere Alternative zum Automobil in Stadt und Vorstadt. Autofahrer/-innen werden eher auf den Dreirad-Roller umsteigen als Motorradfahrer/-innen. Mein Nachbar, ein Vespafahrer vor dem Herrn, hat den MP3 nicht mal ignoriert. Mein 10-jähriger Sohn hingegen fand ihn cool, weil er endlich hinten probeaufsitzen kann, ohne dass die Mama nervös wird, weil ihre Beine vielleicht zu kurz sind und das Ding umfallen könnte. Weil das mit dem Sperrmechanismus der Vorderräder hab ich jetzt drauf. Oho!

Preis € 8.999,-

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Einzylinder-Viertakt-Motor mit Kraftstoffeinspritzung │ Spitzenleistung: 26 kW (35,3 PS) bei 7.000/min │ Drehmoment: 37,7 Nm bei 5.500/min │ Abgasklasse: Euro 5 │ Antrieb: Riemen │ Fahrgestell: Doppelschleifen-Stahlrahmen. Parallelogramm-Vorderradaufhängung mit elektro-hydraulischer Fixierung, Federweg 85 mm. Hinterradführung über zwei hydraulische Stoßdämpfer mit 102 mm Federweg │ Assistenzsysteme: ABS, Traktionskontrolle (abschaltbar) │ Bremsen: vorne 2 Stück 258-Millimeter-Einscheibenbremse, hinten 240-Millimeter-Einscheibenbremse │ Sitzhöhe: 790 mm │ Radstand: 1.560 mm │ Verbrauch (WMTC*): 3,8 l / 100 km │ Tankinhalt: 13,2 Liter │ Reifen: vorne 110/70x13, hinten 140/70x14 │Gewicht: 265 kg vollgetankt

*) WMTC steht für World Motorcycle Test Cycle, einen weltweit einheitlichen Testzyklus für Motorräder, wie der WLTP (World harmonized Light-duty vehicles Test Procedure) für Autos.

Die Modellpalette. Lassen Sie uns an dieser Stelle einen Blick auf die Geschwister des MP3 400 werfen. Da wäre mal der große Bruder MP3 500. Er ist von Chassis und Fahrwerkskomponenten her mit dem 400er baugleich, verfügt dank größerem Hubraum über die Kraft von 44 Pferden und, man staune, über einen Rückwärtsgang. Das ist bei den Dreirad-Rollern eine Weltneuheit.

Die kleinere Schwester MP3 300 ist kleiner und leichter als ihre beiden großen Maxi-Brüder 400 und 500. Sie liefert aus ihrem 278-Kubikzentimeter-Viertakt Motor eine Leistung von 22,5 PS, hat einen um 12 Zentimeter geringeren Radstand und 40 Kilogramm weniger Gewicht. Das hat bei Einkäufe und Fahrten in der Stadt durchaus seine Vorteile. Der MP3 400 ersetzt den bisherigen MP3 350, auch wenn die Basis des Motors dieselbe geblieben ist. Überarbeitet wurden im Rahmen Piaggio-Konzerns (zu dem auch Marken wie Aprilia, Moto Guzzi und Vespa gehören) vor allem die mechanische und thermodynamische Leistung, der Vibrations- und Geräuschpegel, die Kupplung und das Getriebe.

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