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Ist er es? Oder ist er es nicht? Der Blick von Tom Cruise? Angesichts dieses glasklaren, analytischen Blicks wundert es uns jedenfalls nicht, dass Jorge Lorenzo bereits 5 WM-Titel geholt hat.

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Ist er es? Oder ist er es nicht? Der Blick von Tom Cruise? Angesichts dieses glasklaren, analytischen Blicks wundert es uns jedenfalls nicht, dass Jorge Lorenzo bereits 5 WM-Titel geholt hat.

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Juli 2017

Jorge Lorenzo – wie Tom Cruise, nur schneller

MotoGP in Österreich: Interview mit dem 5-fachen Weltmeister. Ob die Ducati seine Mission Impossible ist? 

Freitag vor einem Rennsonntag. Ich bin im Motorhome des Ducati-MotoGP-Teams. Um mich herum stehen nur sehr wenige andere Leute, hauptsächlich Teammitglieder, allesamt hastlos, entspannt. Es ist eine beinahe steril anmutende Umgebung, viel glänzendes Weiß und knallfarbiges Rot, das Weiß in visueller Überlegenheit. Da und dort prangt ein Ducati-Logo an der Wand. Auf zwei riesigen Flat-TV's sind die Rundenzeiten des letzten Trainings gelistet, dazwischen werden die besten Szenen der letzten Session gezeigt.

Ich warte.

Ich warte, weil ich zu früh hier war. Superstars kann man nicht warten lassen – und sie würden auch nicht warten. Never ever.

Ein sanftes Dröhnen verschafft sich langsam Gehör. Hinter der gar nicht so kleinen Theke presst eine italienische Edelkaffeemaschine hochdosiertes Koffein Tropfen für Tropfen Richtung Espresso-Häferl, während die Team-gewandete Schankkraft mit viel Bedacht ein paar Kristallzucker-Körner wegwischt. Ich gebe mich ein wenig der Lethargie dieser Szenerie hin, lasse vor meinem geistigen Auge den angelesenen Eindrücken über Jorge Lorenzo freien Lauf…

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Das kam mir dabei an möglichen Launen seinerseits in den Sinn:

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Schlecht drauf.
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Diva-Gehabe.
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Rutsch mir doch den Buckel runter.

Und so hat er dann tatsächlich auf meine Fragen reagiert:

Jorge_Lorenzo_17GP09_0031_AN_CMS.jpg  Andrew Northcott © Andrew Northcott
Hmmm.
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Meint der die Frage ernst?
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Im Grunde genommen ist es ja so…

Jetzt: Auftritt Lorenzo. Stolz & Stürze

Und dann war er plötzlich da, bereit für das Interview. Einem freundlichen Lächeln folgte eine ebensolche Begrüßung, ich stell mich kurz vor, wir nehmen Platz. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir das noch nie aufgefallen, aber in diesem Moment, als wir uns da zum ersten Mal gegenüber saßen, musste ich spontan an Tom Cruise denken. Ganz eigenartig. Ich glaube, es war dieser aufmerksame Blick in Kombination mit dem leicht spitzbübischen Grinsen, der diese spontane Assoziation auslöste. Möglicherweise wäre Jorge ja ein super Tom-Double für die ganz schnellen Motorrad-Fahrszenen…

— Hallo Jorge. Dürfen dich zunächst um ein kurzes Selbstporträt bitten?

jorge lorenzo: Ich bin ein Perfektionist. Ich bin sehr streng zu mir und zu den Leuten um mich herum, zu meinem Team. Ich bin aber auch sehr neugierig und liebe es, neue Dinge zu lernen. Das ist mehr oder weniger das, was mich ausmacht.

— Andere Fahrer behaupten, dein Fahrstil sei einzigartig. Man könne dir schwer folgen, deine Fahrweise kaum nachmachen. Macht dich das stolz?

jorge lorenzo:Ja, sicherlich macht mich das stolz. Aber mein Fahrstil ist auch nicht perfekt. Es gibt Stellen, da sind andere schneller, da muss ich mich dann verbessern, meinen Fahrstil anpassen, damit ich ihnen folgen kann. Prinzipiell versuche ich sehr geschmeidig zu fahren, sehr präzise, so wenig Fehler wie möglich zu machen. Ich möchte das Gefühl haben, dass die Maschine sehr stabil liegt. Außerdem opfere ich das scharfe Anbremsen zu Gunsten einer höheren Kurvengeschwindigkeit.

— Worauf bist du denn abseits des Rennsports stolz?

jorge lorenzo:Ich bin stolz auf meine bisherige Entwicklung.

— Warum?

jorge lorenzo: Weil ich ständig versuche besser zu werden, auf- und abseits der Rennstrecke. Also sowohl als Sportler als auch als Privatperson. Ich bin wie gesagt sehr neugierig, lese sehr viel, versuche aus meinen Fehlern zu lernen.

— Ich habe auch sehr viel gelesen – über dich. Du hast in einem Interview einmal gesagt, dass du dich in den vergangenen Jahren zwar sehr verändert hast, dass das aber gleichzeitig nicht für deinen Arbeitsstil gilt. Wie kann man sich denn persönlich verändern, ohne dass dies Auswirkungen auf den Alltag hätte? Da beeinflusst doch eines das andere, oder?

jorge lorenzo:Was ich meinte, war, dass ich mit schwierigen Situationen nun besser umgehen kann. Wenn ich beispielsweise im Rennen einen Fehler gemacht habe oder im Training gestürzt bin, dann bringt mich das nicht mehr so aus der Fassung. Klar ärgere ich mich, schimpfe und schreie vielleicht auch einmal mein Team an. Aber ich weiß jetzt viel eher, wo die Grenzen sind. Welche Reaktion noch okay ist und wann ich überreagiere. Mit solchen Situationen kann ich jetzt besser umgehen. Aber ich habe deswegen nicht meine Persönlichkeit geändert. Ich arbeite immer noch sehr fokussiert und konzentriert. Privat, abseits der Rennstrecke, bin ich allerdings ganz anders.

— Du hattest in deiner bisherigen Karriere auch ein paar wirklich heftige Stürze, hast deswegen auch die Airbag-Entwicklung wesentlich vorangetrieben. Was kann denn in punkto Fahrer-Sicherheit jetzt noch erwartet werden? Oder war es das schon?

jorge lorenzo: Ich glaube, dass in der Zukunft der gesamte Körper von einem Airbag geschützt werden wird, also auch Arme und Beine. Momentan ist es noch schwierig, einen Kompromiss zwischen Sicherheit und Wohlgefühl zu finden. Denn so ein Airbag bedeutet auch Mehrgewicht, das ganze System macht die Lederkombi zudem etwas steifer, unbequemer. Diesbezüglich müssen wir noch einen guten Mittelweg finden.

In Zukunft wird der gesamte Körper von einem Airbag geschützt werden.

Jorge Lorenzo, x-fach gestürzt.

Was Jorge Lorenzo auf- und abseits der Rennstrecke auszeichnet

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1 1. Sein runder, weicher, definitiv einzigartiger Fahrstil. © Monster Energy Media Management

2 2. Seine akribische, perfektionistische Arbeitsweise. © Monster Energy Media Management

3 3. Seine Professionalität im Umgang mit sämtlichen Parametern des Spitzensports. © Monster Energy Media Management

Was Jorge Lorenzo bei diesem Interview ausgezeichnet hat

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1 1. Kurz überlegte, klar artikulierte und sofort druckreife Antworten. © Andrew Northcott

2 2. Dieser aufmerksame Blick mit dem leicht spitzbübischen Lächeln. © Andrew Northcott

3 Die professionelle Freundlichkeit – selbst nach überzogener Interview-Dauer. Danke!  © Andrew Northcott

Let’s talk about Personality. Und Spielberg!

— Beruflich bist du quasi permanent unterwegs, musst viel reisen. Was machst du währenddessen? Wie nutzt du die Zeit?

jorge lorenzo:Meistens sehe ich mir Filme an, allerdings keine klassischen Blockbuster. Ich mag Filme, aus denen ich etwas lernen kann, Dokumentationen beispielsweise. Oder ich lese Bücher über Persönlichkeitsentwicklung. Wie gesagt, ich möchte ständig dazu lernen, besser werden. Alles was mir dabei hilft, ist willkommen. Filme, Bücher, Gespräche…

— Apropos Persönlichkeit: Wie möchtest du denn von deinen Fans wahrgenommen werden?

jorge lorenzo:Hm, ich glaube, sie nehmen mich als einen sehr ehrlichen Menschen war, einen, der immer seine Meinung sagt, auch wenn diese Meinung schmerzt. Aber ich versuche immer mit mir selbst im Reinen zu sein. Mir ist es lieber gehasst zu werden für die Persönlichkeit, die ich bin, als geliebt zu werden für eine Persönlichkeit, die ich nicht bin.

— Nun, die Ducati und du scheinen jeweils sehr unique Persönlichkeiten zu sein. Könnt ihr noch zu einem Dream-Team werden?

jorge lorenzo:Wir sind nicht soweit voneinander entfernt. In den letzten Rennen wurden wir schneller und schneller, nur am Sachsenring fühlte ich mich nicht wohl. Ehrlich gesagt gehört der Sachsenring auch nicht zu meinen Lieblingsstrecken. Ehrlich gesagt habe ich mir auch den Umstieg von der Yamaha zur Ducati ein wenig einfacher vorgestellt. Mir ist das Handling der Ducati noch nicht so richtig in Fleisch und Blut übergegangen. Sie passt nicht so ganz ideal zu meinem weichen, runden Fahrstil. Sie muss spät und hart gebremst werden, dann wieder schnell aufgerichtet und beschleunigt werden. Aber je mehr ich fahre, je mehr Erfahrung ich sammeln kann, desto besser wird es. Und die Techniker arbeiten parallel daran, das Handling der Ducati meinem Fahrstil besser anzupassen. Wir nähern uns an. 

— Was können deine österreichischen Fans in Spielberg von euch erwarten? 

jorge lorenzo:Spielberg ist eine exzellente Ducati-Strecke, im Vorjahr haben die Ducatis hier ja richtig dominiert. Es gibt lange Geraden, kurze Kurven, es ist eine Strecke, auf der man die Vorteile der Ducati voll ausschöpfen kann. Ist das Wetter gut, wird auch meine Performance gut sein.

— Gut genug für das Podium?

jorge lorenzo:Hoffentlich!

— Danke für das Interview!

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