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Oktober 2022

Sci-Fi ohne Helden

Keine Dauer-Action, keine Heldinnen oder Helden – und das in einer Raumstation: Mit dem Science-Fiction-Film "Rubikon" leistet die Regisseurin Leni Lauritsch in der österreichischen Filmwelt Pionierarbeit.

Schon seit ihrer Kindheit hat Leni Lauritsch eine Leidenschaft für Science-Fiction-Geschichten. Von Basics wie "Star Wars" bis zu Büchern wie "Solaris" brennt sie für futuristische Ideen. Mit "Rubikon" wollte sie etwas Neues in diesem Genre erschaffen und sich von der klassischen Heldengeschichte verabschieden.

Sie erzählt von den Schwierigkeiten des Projekts, dem langen Weg zum fertigen Drehbuch und die Weigerung, mit ihrem Film Erwartungen zu erfüllen.

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— Wolltest du immer schon Filmregisseurin werden?

Leni lauritsch: Ja, schon. Sobald ich als kleines Mädchen verstanden habe, wie ein Film gemacht wird, wollte ich immer hinter der Kamera stehen. Zuerst habe ich immer gesagt, dass ich Drehbuchautorin werden möchte – damals dachte ich, dass Drehbuchautoren und -autorinnen das machen, was Regisseure und Regisseurinnen machen. Dann haben mir alle erklärt, dass ich eigentlich von Regie spreche.

— Aber du machst ja beides, oder? Also du schreibst auch Drehbücher?

Leni lauritsch:Ja, aber nicht unbedingt, weil ich es gerne mache. Es gibt einfach so wenige Drehbuchautoren/-innen in Österreich, und viele von denen machen selber Regie. Das ist leider die traurige Wahrheit: Regisseure müssen in Österreich ihre Drehbücher selbst schreiben.

Die meisten von uns wollen das gar nicht und so ist es auch bei mir gewesen. Aber es hat geheißen: Wenn du etwas drehen willst, dann schreib es.

— War die Arbeit zu zweit am Drehbuch schwierig?

Leni lauritsch: Ein Drehbuch zu schreiben ist, glaube ich, immer schwierig. Es ist der wichtigste Teil des Films, du kannst keinen guten Film aus einem schlechten Buch machen. Ich musste da also ohnehin durch und ja, es ist nicht immer einfach zu zweit, aber es ist auch schön. Bei Niederlagen oder Sackgassen muss man nicht alleine rausfinden, sondern gemeinsam.

Ich würde eigentlich nur noch zu zweit schreiben, alleine schreiben ist einfach keine Option für mich.

Außerdem finde ich, dass zwei Gehirne ein besseres Ergebnis liefern. Zwischen den eigenen fixen Ideen und den Vorstellungen der anderen Person passiert die Magie. Das versuche ich am Set und in allen Aspekten der Produktion: diese Räume dazwischen finden.

Auf diese Art und Weise entstehen neue Dinge, auf die man als einzelne Person gar nicht kommen könnte. Ein Drehbuch ist zum Beispiel nur ein Haufen Probleme, die gelöst werden müssen, und die Frage, wie komme ich von A nach B. Helfen bei diesem Problem mehrere Gehirne, eine Lösung zu finden, ergibt sich ein Ergebnis, auf das du nie allein gekommen wärst.

— Schauspielerin war nie Thema für dich, immer nur hinter der Kamera?

Leni lauritsch:Ich hätte kein Problem, mir das einmal ganz entspannt anzuschauen. Mir wurde auch oft gesagt, dass ich als Regisseurin den Schauspielern und Schauspielerinnen die Dinge so vorgespielt habe, wie ich es meine.

Aber eigentlich nicht, ich bin nicht so gerne im Rampenlicht. Das überlasse ich lieber anderen (lacht). Mittlerweile habe ich mich allerdings dran gewöhnt, weil ich ja jetzt doch viele Interviews vor der Kamera geben muss und manchmal steht man auch auf einer Bühne. Das macht mir schon Spaß, aber ich bin nie auf die Idee gekommen, das für den Rest meines Lebens zu machen.

  Samsara/Graf/ Philipp Brozsek © Samsara/Graf/ Philipp Brozsek
Das Drehbuch für "Rubikon" schrieb Leni Lauritsch gemeinsam mit Jessica Lind.

Schaust du gerne Sci-Fi-Filme?

Leni lauritsch: Klar, das war eigentlich ein Haupthobby von mir. Ich bin ein totaler Science-Fiction-Nerd, schon immer gewesen. Aber besonders seit mein Vater mir die "Star-Wars" Filme als "Das Beste, das du je sehen wirst" verkauft hat. Ich kann mich nur daran erinnern, dass meine Schwester und ich neben dem Barbie-Spielen immer "Star Wars" rauf und runter geschaut haben.

Bist du ein Fan der Original-Trilogie oder siehst du auch die neuen Filme gern?

Leni lauritsch:Für mich gibt es die neuen Filme nicht (lacht). Die Prequels schon, da war ich genau im richtigen Alter dafür. Der erste ist ein total verkannter, zu Unrecht niedergemachter Teil.

Was ist dein liebster Science-Fiction-Film oder dein liebstes Science-Fiction-Buch?

Leni lauritsch: Hm, eigentlich immer noch Solaris von Stanislav Lem. Ich finde allerdings, dass Solaris noch nie so verfilmt wurde, wie es eigentlich hätte sein sollen. Tarkowski (Anm.: Andrei Arsenjewitsch Tarkowski, sowjetischer Filmemacher) hat es probiert, damit war der Autor sehr unglücklich. Und dann gab es noch die Version mit George Clooney, die fand ich auch nicht so gelungen. Das Buch ist aber genial!

— Bist du sehr technik- oder naturaffin?

Leni lauritsch: Ja, sehr. In der Schule haben mich immer Physik, Biologie und Chemie am allermeisten interessiert und ich denke schon, dass ich ein wenig "tech savvy" bin.

Vor "Rubikon" habe ich auch schon viel mit visuellen Effekten gearbeitet – deshalb habe ich mich überhaupt getraut, den Film zu schreiben. Ich wusste, was man machen kann, was technisch möglich ist, denn ich habe das alles selbst schon einmal gemacht. Ich habe auch Kamera studiert, also ja: Technik per se fasziniert mich – und wie man technologisch etwas hinbekommen kann.

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1 Die Bildschirme und die Raumstation wurden am Set vollständig gebaut, um auf Bluescreen verzichten zu können. © Samsara/Graf/ Philipp Brozsek

2 Special Effects wurden hauptsächlich für die Weltraumszenen genutzt. © Samsara/Graf/ Philipp Brozsek

3 Algen spielen in dem Film eine wichtige Rolle. © Samsara/Graf/ Philipp Brozsek

— Wie bist du auf die Filmidee gekommen?

Leni lauritsch:Eigentlich beim Prokrastinieren (lacht). Ich war gerade dabei, an einem anderen Projekt zu schreiben und war, statt zu arbeiten, auf einer Meme-Seite. Und dort hat jemand ein Bild gemacht mit dem Gedanken: "Stellt euch vor, die Welt würde unter der ISS untergehen. Wie würden die Astronauten/-innen reagieren?"

Mein erster Gedanke war: "Wow, coole Prämisse eigentlich, hat das schon jemand gemacht?"

Und ich habe zu der Zeit auch den Film "Moon" gesehen, auch von einem Erstlingsregisseur, der den ganzen Film auf einer Raumstation mit nur einem einzigen Schauspieler hat spielen lassen. Das hat mich damals total beeindruckt und ich dachte mir, warum das nicht auch machen? So ist die Grundidee geboren worden.

Dann musste ich natürlich noch weitere Themen einbringen. Worum es den ganzen Film über geht, was sind das für Figuren, was wollen sie und welche Probleme haben sie? Zu der Zeit haben mich auch sehr viele Umweltthemen interessiert, besonders unser Umgang mit der Welt und die Frage, wo das alles hinläuft.

Auf die Idee zum Film kam ich eigentlich beim Prokrastinieren. Statt zu arbeiten, war ich auf einer Meme-Seite.

Leni Lauritsch, Regisseurin

Mein Gedanke war, die Themen, die mich interessieren, mit dieser spannenden Prämisse zusammenzubringen.

— Was ist der erste Schritt, wenn man einen Film machen will?

Leni lauritsch: Man muss Förderungen finden. Manche gehen zuerst zu einer Produktionsfirma, mit denen sie dann gemeinsam schreiben, aber ich habe zuerst einmal selbst geschrieben. Zuerst macht man ein Treatment, das sind ungefähr 20 Seiten, in denen ersichtlich sein soll, um was es genau gehen soll. Das kann man auch ohne Produktionsfirma beim ÖFI, dem Österreichischen Filminstitut, einreichen.

Wenn du Glück hast, wirst du ausgewählt und bekommst ca. 12.000 Euro zum Realisieren des Drehbuchs. Wenn du bereits gefördert wurdest, dann fangen auch die Produktionsfirmen an, sich für dich zu interessieren. So war es in meinem Fall.

— Und nach dem entstandenen Drehbuch, geht's dann schon an den Cast?

Leni lauritsch: Zuerst arbeitest du eine Zeitlang am Drehbuch. Das hat bei "Rubikon" lange gedauert, da wir alle sehr unterschiedliche Verständnisse davon hatten, wo der Film hinlaufen soll. Da mussten wir uns erst einmal finden. Danach reichst du das Drehbuch bei der Entwicklungsförderung ein und dann gibt es Geld für das Casting.

— Hattest du die Schauspieler/-innen schon vorher im Kopf, die du engagiert hast?

Leni lauritsch:Ich hatte eine Art und Weise von Figur im Kopf, wie sie so ist, aber nicht, wie sie aussieht. Dann habe ich Julia Franz-Richter für Hannah gecastet. Sie war ein bisschen das, was ich gesucht habe, aber auf der anderen Seite auch ganz anders – und das hat es sehr spannend gemacht. Auch für mich als Regisseurin, da ich noch etwas von meiner Figur lernen konnte und Dinge an ihr ergründen musste.

Ich denke, genau da, wo die Dinge nicht ganz klar und fix sind, dort fängt es an wirklich interessant zu werden – in diesem unbekannten Spannungsfeld.

Daher war ich von Anfang an von ihr begeistert und wusste, sie muss es sein. Abgesehen davon spielt sie wahnsinnig gut, ich bin sicher, sie wird es noch weit bringen.

   Samsara/Graf/ Philipp Brozsek © Samsara/Graf/ Philipp Brozsek
Die Idee, mit wenigen Protagonisten in einem geschlossenen Raum zu arbeiten, hat die Regisseurin fasziniert.
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Julia Franz-Richter übernahm die Rolle der Hauptfigur Hannah. 
   Samsara/Graf/ Philipp Brozsek © Samsara/Graf/ Philipp Brozsek
Die Hauptdarstellerin musste in dem Raumanzug eine körperliche Höchstleistung erbringen.

— Was hat dir an dem Job am besten gefallen?

Leni lauritsch: Es gibt da ein paar Dinge. Am Set zu sein ist wunderschön, vor allem, wenn alle schon eingegrooved sind. Ich arbeite auch wahnsinnig gerne mit Schauspielern/-innen, die sich wirklich Gedanken machen zu ihren Figuren und Gefühle einbringen, die ein Regisseur oder eine Regisseurin gar nicht schreiben kann, da man so tief drinnen bist. Die dann vielleicht auch auf neue Ideen kommen, die man gebraucht hat.

Aber besonders liebe ich den Sound. Ton ist eine so wenig anerkannte Komponente im Film, die so stark emotional wirken kann. Da wir sogar Dolby Atmos bekommen haben, konnten wir tausende Lautsprecher im Kino bespielen und da kommt alles zusammen: Soundtrack, kurze Dialoge und das Sounddesign.

Es war wunderschön, da zu sitzen und nochmal von einer ganz anderen Ebene kreativ auf die Geschichte einzugehen. Mit Ton kann man noch einmal so viel erzählen, so viel machen, das gar nicht ausgesprochen wird.

— Weshalb fiel die Entscheidung, den Film auf Englisch zu drehen?

Leni lauritsch: Das war von Anfang an klar und hatte nichts mit der Vermarktung zu tun. Ich hätte es nur absurd gefunden, wenn lauter Menschen auf einer internationalen Raumstation sind und alle deutsch reden würden. Das war für die Authentizität. Noch dazu hätte ich dann alles mit Österreichern/-innen und Deutschen besetzen müssen und da hätte ich keine Ahnung gehabt, welche Schauspieler/-innen das hätten machen können. Es sollte sich international anfühlen.

Ich mochte daran auch, dass verschiedene Kulturkreise aufeinandertreffen. Es gab in dieser Ausnahmesituation Sprach- und Kulturbarrieren, die ich nicht extra erzählen musste, weil sie schon von Natur aus da gewesen sind.

— Hat jeder seine Rolle selbst auf Deutsch synchronisiert?

Leni lauritsch: Nein, nicht alle. Also Julia und ein paar von den Nebendarstellern/-innen. Der Brite, der Gavin gespielt hat, wurde natürlich von einem Österreicher synchronisiert und auch der Russe, der Dimitri gespielt hat. Der konnte zwar ein bisschen Deutsch, aber nicht genug.

— Wie viel vom Film ist GreenScreen?

Leni lauritsch: Fast gar nichts. Wir haben allerdings BlueScreen benützt, weil das blaue Licht, das von dem Screen zurückstrahlt, sogar geholfen hat. Wäre es grün gewesen, hätte noch viel getan werden müssen, um das Grün aus der Haut zu bekommen.

Trotzdem haben wir die Technik nur wenig eingesetzt, weil es immer wahnsinnig teuer war. Denn sobald du etwas Blaues im Hintergrund hast, musst du die Farbe nicht nur ersetzen, sondern auch die Kamerafahrten wiederholen und analysieren. Das ist besonders mit Handkameras, die wir hauptsächlich hatten, nicht so leicht. Jeder Shot, bei dem BlueScreen im Spiel war, war sehr teuer. Also haben wir versucht, wenn möglich darauf zu verzichten.

Das meiste wurde also am Set gebaut, auch die ganzen Monitore. Die haben alle auch funktioniert und waren responsive. Denn ich wusste: Alles, was nicht schon am Set ist, kostet danach dreimal so viel. Die paar Sachen, die wir dann doch im Nachhinein durch Fehler digital machen mussten, haben uns fast das Budget kaputt gemacht.

— Ist das Equipment realistische Weltraumausrüstung oder war das eher mit futuristischen Sachen befüllt, die nicht existieren?

Leni lauritsch:Ja, natürlich futuristisch. Also die Algen im Film basieren auf einem Projekt, das gerade wirklich läuft: Forschungen mit Algenkulturen, die wie im Film Gasaustausch und Lebensmittel liefern sollen. Was wir jetzt haben, ist aber nur ein kleiner Kasten mit ein paar Algen, da es noch ewig bis unendlich davon entfernt ist, dass es wie im Film funktioniert.

Wir haben uns auch von der ISS inspirieren lassen. Nur konnten wir die Raumstation, vor allem aus finanziellen Gründen, nicht 1:1 nachbauen. Wir haben einfach am Schrottplatz geschaut, ob es etwas gibt, das man umfunktionieren kann, damit es so ähnlich aussieht (lacht). Der Film musste auch in einer unbestimmten Zukunft spielen, sonst hätten wir noch näher am Original dran sein müssen.

— Wie werden die Flugszenen gedreht, hängen die Schauspieler auf Seilen vor einem BlueScreen?

Leni lauritsch: Ja genau, mit BlueScreen im Hintergrund. Julia musste Monate vorher schon ihre Körpermitte trainieren, weil sie sowohl ihr Eigengewicht als auch den recht schweren Anzug in der Luft halten musste.

Bei Seilen ist der erste Impuls, alles herunterhängen zu lassen. Dabei soll es aber schwerelos aussehen. Julia musste sich also dauerhaft aus eigener Kraft aufrichten, daher konnten wir auch keine sehr langen Einstellungen drehen. Da wir nur einen Tag hatten, an dem wir uns das alles leisten konnten, musste sie eine körperliche Hochleistung erbringen. Sie hat das den ganzen Tag ohne ein Stunt Double machen müssen.

Ich wusste, dass ich viel von ihr fordere, aber sie hat sich nie aufgeregt. Julia hat das wahnsinnig souverän hinbekommen.

Etwas Gutes hatte die Anstrengung: Es wirkt überzeugend, da es auch im echten Anzug draußen im All eine unglaubliche Anstrengung erfordert, einfache Bewegungen zu machen. Es wird ja ein künstlicher Druck erzeugt, gegen den die Astronauten/-innen arbeiten müssen. Auch wenn sie nur eine Hand öffnen, ist das anstrengend.

Da Julia beim Reden schon außer Atem war, mussten wir nichts nachsynchronisieren. Es hat also perfekt gepasst.

— Was war das Schwierigste an dem Projekt für dich?

Leni lauritsch:Die Finanzierung, die ist für alle Filmemacher schwierig. Es dauert immer, bis die Förderstellen überzeugt sind.

— Glaubst du, das mangelnde Budget ist der Grund, dass es so wenige österreichische Projekte in solchen Bereichen gibt?

Leni lauritsch:Ja sicher, aber ich denke, es hat sich auch noch niemand getraut. Ich finde auch, zu Recht. Wir waren dankbar, dass wir so blauäugig in das Projekt gegangen sind, denn hätten wir schon im Vorhinein gewusst, was da auf uns zukommt, hätten wir uns das vielleicht auch nicht angetan. Es ist verdammt schwer, dass es so aussieht, wie es soll, und hat nur funktioniert, weil wir alle mehr gearbeitet haben.

Ich hatte das Glück, dass ich unter Menschen war, die Science Fiction lieben und das als ihre Möglichkeit gesehen haben, einmal bei so einem Projekt dabei zu sein. Man kann aber nicht erwarten, dass sie nochmal so arbeiten würden.

Österreichische Filme sind immer prekär unterwegs. Für solche Filme gibt es nur sehr wenig Geld und da muss man sehr klug arbeiten. Oder eben alle bitten, mehr zu arbeiten, aber das sollte nicht passieren. Deshalb gibt es in Österreich mehr realistische Filme, die im Hier und Jetzt spielen: Weil es leistbar ist.

Man kann also nicht damit rechnen, dass Projekte wie "Rubikon" öfter passieren werden.

— Hat der Titel "Rubikon" mit der Metapher zu tun, sich auf eine riskante Handlung einzulassen?

Leni lauritsch:Ja, auch. Die Metapher war auf so vielen Ebenen perfekt – wir bewegen uns mit unserer Erde zu einem "point of no return", in meinem Film geht es genau darum. Die geplante Rückreise zur Erde ist so ein Punkt im Film und auch jede einzelne Figur hat ihren solchen Punkt.

Besonders das habe ich spannend gefunden, weil der Film ja hauptsächlich ein Spiel über Menschen ist, ihre Motivationen und ihre Werte. Es hat perfekt gepasst.

— Hattest du auch das Szenario "Atomkrieg" im Kopf?

Leni lauritsch: Das gab es einmal in einer früheren Version, aber das ist meiner Meinung nach schon so oft da gewesen, also diese Idee: "Der Mensch ist schlecht, weil er Krieg führt". Das hätte mich eher gelangweilt. Außerdem wollte ich eine für mich halbwegs realistische Geschichte machen und die Umweltkatastrophe war für mich das wahrscheinlichste Szenario.

Wir haben auch lange im Team überlegt, wie der Effekt dann aussehen soll. Da war auch kurz der Gedanke, das mit einem Feuereffekt zu machen, aber das gab's ja schon tausend Mal. Wir wollten etwas Eigenes machen, eine eigene Sprache finden. Und so etwas wie diesen braunen Nebel habe ich noch nie gesehen – wie ein Auge, das eintrübt. Das war ein cooles Konzept und hat aber auch gar nicht zu irgendwelchen Kriegs-Szenarien gepasst.

— Wo wurde "Rubikon" gedreht?

Leni lauritsch:In einer alten Panzerfabrik in Wien-Simmering. Zu Kriegszeiten wurden dort wirklich Panzer gebaut, heute sind dort Lagerhallen. Es ist sehr runtergekommen und daher schon öfter als Film-Location genutzt worden.

Es gab leider kein Studio, das groß genug für unsere Raumstation war. Es gab dort aber eine Halle, die wir dank Corona bekommen haben. Der ursprüngliche Kunde ist wegen der damaligen Unsicherheiten abgesprungen. Ich bin jeden Tag mit der S-Bahn in meine eigene Raumstation nach Simmering gefahren (lacht).

— Wann hat das Projekt denn ungefähr begonnen? Wie war das mit Corona?

Leni lauritsch: Also zu schreiben habe ich 2017 begonnen, zu drehen 2020. Wir waren der erste Dreh, der nach der ersten Corona-Welle wieder stattgefunden hat, und es war lange nicht klar, ob wir überhaupt drehen dürfen. Es gab aber schon die Möglichkeit der Corona-Tests und wir haben zwei Tage lang das ganze Team durchgetestet.

Wir haben genau in dieser Zeit gearbeitet, wo man sogar eine Arbeitsbescheinigung gebraucht hat, um das Haus zu verlassen. Das war sehr schräg. Also der Lagerkoller, die Isolation und die Klaustrophobie, die die Schauspieler/-innen auf dieser Station zeigen mussten, waren ziemlich echt. Sie waren auch immer nur am Set und im Hotelzimmer.

Die Familie von Mark Ivanir, dem Schauspieler, der Dimitri spielte, konnte gar nicht kommen. Er hat sie lange nicht gesehen und sehr vermisst, was aber super zur Rolle gepasst hat. Und George Blagden, der Gavin gespielt hat, war gerade eben Vater geworden. Er hat seinen Sohn nur ein paar Stunden gesehen, musste dann zum Dreh und wusste nicht, ob er die ersten wichtigen Momente seines Sohnes erleben würde. Das hat dann Gott sei Dank doch funktioniert, aber das war anfangs nicht klar.

Viele Gefühle der Charaktere waren durch die Pandemie sehr real.

Wir sollen immer die Fehler der Großen mit Solidarität und Umweltbewusstsein ausbaden und Helden und Heldinnen sein – dazu sagt der Film aber ganz klar Nein.

Leni Lauritsch, Regisseurin

— Der Film hat eher weniger Action und ist keine klassische Heldengeschichte. War dir das ein Anliegen?

Leni lauritsch: Schon, aber es wäre auch nicht mehr möglich gewesen. Selbst die wenigen Action-Szenen, die wir hatten, waren extrem teuer. Und da haben wir in Wahrheit hauptsächlich damit gearbeitet, dass viel gelaufen wird (lacht).

Ich wollte aber sowieso keinen Sci-Fi-Actionfilm machen, sondern eine Art psychologisches Spiel zwischen drei Personen. Ich wollte auch keinen Film über den Gedanken machen "Wenn wir selbst nur Helden/Heldinnen sind, dann wird alles besser". Daran glaube ich nicht.

In Science-Fiction-Geschichten werden aber Helden erwartet und daher sind wir in dieses Genre gegangen. Diese Erwartung wollten wir überraschend und emotional brechen.

Wir sollen immer die Fehler der Großen mit Solidarität und Umweltbewusstsein ausbaden und Helden und Heldinnen sein – dazu sagt der Film aber ganz klar Nein.

— Also soll der Film eine Message senden?

Leni lauritsch:Ich mag Messages in Filmen nicht so gerne, weil ich finde, das klingt immer so, als ob der Regisseur oder die Regisseurin wüsste, wo es hingeht, und die Welt besser versteht. Das ist meiner Meinung nach ein wenig herablassend, wenn Filme so daherkommen.

Ich mag es, wenn Filme Fragen stellen. Die Frage von "Rubikon" war: Was schulden wir der Gesellschaft als Einzelpersonen? Besonders wenn wir in einer Welt aufgewachsen sind, die deshalb so ist, wie sie ist, weil sie uns so hinterlassen wurde.

Wie sehr ist es an uns, diese großen Fehler auszubügeln, und wie sehr haben wir das Recht, auf unser eigenes kleines Leben zuerst zu schauen? Wie viel Solidarität darf und muss ich von mir fordern?

Darauf habe ich aber keine Antwort und die wollte ich auch nicht geben. Ich bin da bis heute auf keinen grünen Zweig gekommen und ich wollte mit "Rubikon" erreichen, dass die Leute sich selbst diese Frage stellen. Ich habe gehofft, dass ich da auch spalte, die Zuschauer und Zuschauerinnen diskutieren und viel darüber nachdenken. Es kam öfter das Feedback, dass der Film zum Nachdenken angeregt hat und es auch Streitgespräche gab. Das ist das Coolste, was ein Film machen kann, denn wenn er allen einfach nur gefällt, geht das irgendwann verloren. Ich finde es unglaublich spannend, in moralische Grauzonen zu stechen.

RUBIKON Szenenfoto DSCF2779_CMS.jpg Samsara/Graf/ Philipp Brozsek © Samsara/Graf/ Philipp Brozsek
Der Film ist mehr Kammerspiel als Actionfilm.

— Mit welcher Rolle der drei konntest du dich am ehesten identifizieren? Der grantige Dimitri, die innerlich zerrissene Hannah oder der symbolische Held Gavin?

Leni lauritsch: Das kann ich gar nicht sagen. Es gibt Tage, da bin ich Gavin – verdrossen, wie wir mit unserer Welt wirtschaften und umgehen. An anderen Tagen bin ich aber Dimitri, ich will
keine Verantwortung für die Fehler anderer übernehmen. Und manchmal bin ich so dazwischen wie Hannah, die das Richtige tun will, aber nicht vollständig auf Kosten ihrer selbst.

Irgendwie sind die drei sehr authentische Teile in mir drinnen und es wechselt sich ab, mit wem ich mich am besten identifiziere. Ich habe auch keine Lieblingsfigur, sie sind mir alle drei gleich nah.

— Sind die Figuren an Menschen, die du kennst, orientiert? Oder sollen sie nur eine gewisse Denkweise darstellen?

Leni lauritsch:Beides. Beim Schreiben bin ich draufgekommen, dass jede Figur symbolisch ein bisschen eine Generation vertritt. Also quasi Boomer, Millennials und Gen Z. Ich bin ja ein Millennial, wir stehen dazwischen. Einerseits waren wir ja mal die Praktikanten der Boomer, andererseits sehen wir auch, dass es so nicht weitergehen kann. Gen Z macht einfach ein eigenes Ding. So ist mir irgendwie klar geworden, dass Dimitri ein totaler Boomer ist, Gavin ein Gen Z und Hannah irgendwie das, wo ich stehe, also Millennial, die sich fragt, wohin mit ihr.

Aber ich finde, wenn man schreibt, sollte man Menschen, die man kennt, die Figuren auffüllen lassen. Das wirkt einfach authentischer. Also ja, ich würde schon sagen, dass alle Figuren eine Art Vorbild für mich haben. Aber ich sage natürlich nicht wer (lacht).

— Das Ende ist ja sehr kontrovers und hinterlässt die Figuren in einer unerwarteten Situation, das fast ironisch wirkt. War das bewusst?

Leni lauritsch:Genau, das ist bewusst. Ich wollte kein Happy End in dem Sinn, es ist ja eben auch kein klassischer Heldenfilm. Der Film lebt von den vielen Wendungen, den zwischenmenschlichen Beziehungen und eben dem bittersüßen Ende.

   Samsara/Graf/ Philipp Brozsek © Samsara/Graf/ Philipp Brozsek
George Blagden als Gavin.
   Samsara/Graf/ Philipp Brozsek © Samsara/Graf/ Philipp Brozsek
Julia Franz-Richter als Hannah.
   Samsara/Graf/ Philipp Brozsek © Samsara/Graf/ Philipp Brozsek
Mark Ivanir als Dimitri.

— Ein paar Fragen zu deiner Mobilität: Hast du ein Auto?

Leni lauritsch:Nein, und das eigentlich aus Überzeugung.

— Ein liebstes Verkehrsmittel?

Leni lauritsch:Mein Lieblingsgefährt ist die Straßenbahn. Ich finde es toll, wenn ein so effizientes und einfaches Gerät so viele Menschen transportiert.

— Würdest du selbst gerne mal ins All reisen?

Leni lauritsch: Sofort, da muss ich nicht einmal nachdenken.

— Planst du schon das nächste Projekt?

Leni lauritsch:Ich muss jetzt einmal schauen, wie es weitergeht. Ob ich überhaupt für den Rest meines Lebens Filme machen will. Das ist schon beschneidend in meiner Persönlichkeit, ich will so viel wie möglich machen, sogar mal Hochhausfenster putzen. Ich will noch mehr crazy Sachen machen und Geschichten sammeln, die ich erzählen kann.

Gerade habe ich aber wieder ein Treatment für ein Drehbuch gefördert bekommen, wieder nahe Science Fiction, das schreibe ich jetzt. Das wird kein gutes Drehbuch (lacht), das wird nur mal existieren und ich schaue dann, ob es irgendwen interessiert. Wenn schon – super, wenn nicht, dann halt nicht. Ich schaue also nicht gleich auf den nächsten Film, ich habe "Rubikon" nicht gemacht, weil ich einen Startschuss in meiner Karriere wollte. Ich bin gerade an einem Punkt in meinem Leben, wo ich einfach mal schauen will, wie es weitergeht. Ohne Plan oder Ziel.

"Rubikon" (Filmwebsite)

Info: Magdalena (Leni) Lauritsch, österreichische Regisseurin

  • Geboren 1988 in Kärnten 
  • Science-Fiction-Fan seit Kindertagen 
  • Klettert gerne und liebt HIIT-Trainings 
  • Studierte Kamera- & Bildtechnik sowie Regie 
  • Erster Kurzfilm 2009
  • Österreichischer Filmpreis 2015 für ihren Kurzfilm "Rote Flecken"  
  • Kärntner Kulturpreis 2015 – Förderungspreis für elektronische Medien, Fotografie und Film 
  • 2020 Beginn der Dreharbeiten für den Science-Fiction-Film "Rubikon", für den sie auch das Drehbuch schrieb 
  • 2022 Start von "Rubikon" in den Kinos  
  Maximilan Lottmann
© Maximilan Lottmann

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