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Dezember 2022

Für Elise

Es gibt wenige Menschen, nach denen legendäre Sportwagen benannt wurden. Elisa Artioli ist einer von ihnen – und sie geht mit dem schweren Erbe leichtfüßig um wie ihr Auto.

Dass Ludwig van Beethoven im Jahr 1810 natürlich nicht Elisa Artioli im Sinn hatte, als er sein Meisterwerk "Für Elise" komponierte, gebietet die historische Logik. Aber: Es gibt durchaus Parallelen – hatte er es doch einer jungen Frau gewidmet.

Exakt das tat 1995 nämlich auch der Großvater von Elisa, Romano Artioli. Er war damals Besitzer der Autofirmen Bugatti und Lotus – und widmete sein jüngstes Werk ebenfalls einer jungen Dame: seiner Enkelin Elisa, nach der er den Sportwagen Lotus Elise benannte.

Wir haben die heute 30-Jährige und ihr berühmtes Auto in Südtirol besucht.

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Mit meiner Elise geht es mir nicht um Speed, sondern um Bergstraßen und das Unterwegssein an sich.

Elisa Artioli

Ein Geschenk

— Elisa, du hast dein erstes Auto ein wenig früher bekommen als die meisten Menschen...

elisa artioli: (lacht) Mein Großvater hat mir meine erste Elise geschenkt, da war ich vier Jahre alt. Als ich mit 18 den Führerschein gemacht habe, musste ich wegen der italienischen Gesetze zuerst ein Jahr lang ein schwächeres Auto fahren, einen Fiat 500. Danach bin ich sofort auf die Elise umgestiegen und seitdem sind wir einander treu.

— Du durftest mit deinem ersten Auto also 15 Jahre lang nicht fahren. War das schlimm?

elisa artioli:Für ein ungeduldiges kleines Mädchen war das eine lange Wartezeit. Ich kann mich gut erinnern, dass ich als Kind entweder durch die Garage oder die Wohnungstür ins Haus gehen konnte. Ich bin aber jahrelang fast nur durch die Garage gegangen, um meine "Eli" so oft wie möglich anzuschauen.

Ein großes Problem war für mich dann als Teenager, dass sich meine Freundinnen gar nichts aus Autos machten, während ich ihnen immer voller Enthusiasmus mein Baby vorführen wollte.

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Elisa Artioli mit ihrem Opa Romano.
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Überraschung auf der IAA 1995.
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Der Lieblingsplatz war vorbestimmt.

Großer Auftritt

— Kannst du dich an die Frankfurter Automesse 1995 erinnern, als du bei der Präsentation der damals neuen Elise die im Wortsinn kleinste Überraschung warst?

elisa artioli:Nicht wirklich, da war ich ja erst zweieinhalb Jahre alt. Aber ich weiß, dass meine Eltern mit mir vorher lange geübt haben, damit ich nicht weinen würde, wenn ich bei der Messe dann plötzlich unter dem Tuch im Auto auftauche, um vor versammeltem Publikum leise "I am Elise" rauszuplappern. (lacht) Wenn ich mir das Video heute auf YouTube ansehe, verstehe ich aber, dass das wichtig war.

"I am Elise!" – IAA Frankfurt 1995

(Elisa taucht bei Zeitmarkierung 1:50 auf)

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Klischees

— Du kommst aus dem Land, in dem die schönsten Schuhe der Welt hergestellt werden. Trotzdem trägst du lieber klassische US-Chucks…

elisa artioli:(lacht) Die finde ich beim Fahren wegen der engen Pedalerie einfach besser. Hohe Absätze würden gar nicht gehen, weil sich die wegen der fast liegenden Sitzposition in der Elise sofort unter den Pedalen verhaken würden. Zu gefährlich.

— Fällst du in deiner Heimatstadt Bozen eigentlich auf?

elisa artioli:Ich musste mich erst daran gewöhnen. Da ich noch sehr jung war, als ich meine erste Elise bekam, fühlte sich das zuerst schon komisch an. Es war ja doch eher untypisch, dass eine 19-Jährige mit so einem Auto unterwegs ist.

Heute finde ich es aber schön, wenn mir Kinder zuwinken und Enthusiasmus für Sportwagen zeigen. Die lasse ich auch immer reinsetzen – und die Eltern machen dann Fotos.

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Elisa Artioli im Gespräch mit auto touring-Redakteur Christoph Löger.
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Elisa Artioli ist Italienierin, …
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… spricht dank Auslandsstudium…
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… aber fließend Deutsch.

Elisa über Elise

— Warum magst du das Auto so gern?

elisa artioli:Auf jeden Fall nicht nur wegen des schönen Namens. (lacht) Ich liebe es, dass man mit ihr auch bei geringen Geschwindigkeiten Spaß hat. Sie ist wie ein Go-Kart: Man hat immer das Gefühl schneller zu sein als man es tatsächlich ist.

Mir geht es auch nicht um Speed an sich, sondern um kurvige Bergstraßen und das Unterwegssein. Ich kenne kein anderes Fahrzeug, das sich dabei so pur anfühlt. In einer Elise musst du ständig konzentriert sein, weil sie dich fordert, sobald du einsteigst. Da gibt es ja nicht einmal eine Servolenkung.

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Auf Tour

— Wo warst du in einer Lotus Elise schon unterwegs?

elisa artioli:Australien, USA, England, Spanien, Frankreich, Portugal, Deutschland und natürlich auch in Österreich. Ich bin schon viel herumgekommen. Das passiert meistens im Zuge von Einladungen zu Lotus-Treffen, und ich freue mich immer sehr darüber, weil sonst würde ich dort überall ja nie oder nur selten hinkommen.

— Gibt's da Fans, die nach Autogrammen fragen?

elisa artioli:Ja, viele. Ich habe in den letzten Jahren auf so vielen Autos unterschrieben, dass ich es nicht mehr zählen kann. Am öftesten passiert das in den USA und in Australien, wo ich manche Autos sogar zehnmal an verschiedenen Stellen signieren musste, weil die Besitzer Angst hatten, dass eines meiner Autogramme auf dem Auto verschwindet, etwa durch Rempler beim Parken oder in der Waschstraße. Aber ich verstehe das: Auf meiner ersten Elise hat mein Opa unterschrieben – und diese Signatur habe ich mit Folie bombenfest versiegeln lassen.

— Darf außer dir jemand mit deiner Elise fahren?

elisa artioli:Ja, mein Freund natürlich. Ansonsten bin ich da ein wenig widersprüchlich. Denn einerseits bin ich in meinem Leben sehr von den beiden Elise, die ich besitze, abhängig. Andererseits ist es aber nicht so, dass ich extra vorsichtig wäre, was zum Beispiel Kratzer betrifft – oder dass Freunde darin zum Beispiel nichts essen dürften.

Ich benutze meine Autos im Alltag ganz normal, sie sind meistens auch schmutzig und ich bin nicht pingelig. Wenn jemand also ein wenig Erfahrung mit sportlichen Autos hat, lasse ich diese Person auch mit meinen Elise fahren. Ich denke mir dann immer: Wenn ich das kann, kann das ja sonst auch jeder (lacht)

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Elisa Artiolis "Happy Place": das Cockpit einer Lotus Elise.

Reality Check

— Machst du dir im stressigen italienischen Stadtverkehr manchmal Sorgen um deine Autos?

elisa artioli:Nein. Ich hoffe zwar, dass nie etwas passiert, aber meine Eltern haben mir beigebracht, dass das Lebensglück nie von materiellen Dingen abhängig sein darf. Sollten Kratzer passieren oder Blechschäden, dann kann man das reparieren. Deshalb genieße ich die Autos so, wie es gedacht war und wofür sie gebaut wurden. Zum Fahren.

Ich bin ohnehin ein wenig chaotisch, und es wäre anstrengend, wenn ich mir ständig Sorgen machen müsste, ob sie immer perfekt aussehen. Tu ich ja auch nicht.

"Sunshine": die letzte Elise

Als Fotomodell (neben Elisa) fungiert für diese Reportage übrigens ihre "Sunshine" benamste Elise. Es handelt sich dabei um das allerletzte Exemplar, das vom Band lief.

Als Namensgeberin durfte sich Elisa Artioli aussuchen, wie dieses – nur für sie angepasste – Exemplar aussehen sollte. Elisa hatte keine großen Wünsche: die goldgelbe Farbe war ihr wichtig, weil ihre erste Elise silber war. Und: Sie wünschte ausdrücklich kein Radio. Das Werk hat – lieb gemeint – dennoch einen eingebaut…

Elisa findet den Fauxpas lustig: "Ein Radio ist in diesem Auto komplett nutzlos, weil es keine Art von Musik gibt, die ab 50 km/h die Innengeräusche übertönen könnte. Im Prinzip ist es nur ein Kilo Zusatzgewicht, das niemand braucht. Aber jetzt ist es da, und manchmal höre ich dann halt krachende Musik aus winzigen Lautsprechern."

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1 Letzte Ausbaustufe der Lotus Elise: Sport 240 Final Edition mit 1,8-Liter-Motor, 243 PS und knapp 930 Kilo Gewicht. © markuszahradnik.com

2 Kein Platz für Luxus: Das Cockpit einer Elise ist ein sprichwörtlicher Arbeitsplatz. © markuszahradnik.com

3 Delightful Driving: Elisa Artioli bietet niederschwellige Sportwagen-Roadtrips unter ihrer Expertise an – für alle Fahrer:innen sportlicher Autos. © markuszahradnik.com

Zertifikat

Produktionstag 24. Februar 2022: "The last customer Elise to leave production" – die Bestätigung für Elisa Artiolis allerletztes Exemplar.

Elisa Artioli Sunshine final Eliseb.jpg Privat © Privat

Österreich-Connection

— Du hast lange in Wien studiert. In Österreich wird Essen oft etwas weniger liebenswert zelebriert wird als in deinem Heimatland. Hattest du in Wien damals vielleicht ein italienisches Stammlokal?

elisa artioli:Was ich an Wien immer schön fand und noch immer finde, ist, dass man sehr viel internationale Küche hat. Indisch, Thai, vietnamesisch, mexikanisch. Das gibt es Italien nirgendwo in dieser Fülle, nicht einmal in Rom.

Grundsätzlich suche ich aber nie italienische Restaurants im Ausland. Das hat mein Vater immer gemacht, wenn er mich in Wien besucht hat. "Elisa, lass uns italienisch essen gehen!" (lacht) Und ich immer: "Völlig sinnlos, weil es dreimal soviel kostet wie man in Italien bezahlen würde und vermutlich dreimal weniger gut ist."

Ich habe deshalb im Ausland auch noch nie einen Espresso getrunken, weil fünf Euro dafür sind doch verrückt, wenn ich etwas weit Besseres in Italien an jedem Eck um einen Euro bekomme, oder?

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Studentinnenzeit in Wien: Cappucino mit Blick vom Donauturm.

Beruf und Berufung

— Du bist studierte Architektin, hast dich vor einiger Zeit aber umorientiert. Warum?

elisa artioli:Ich mag Architektur, aber irgendwie klappt das mit uns nicht. In dem Beruf hat man so viel Verantwortung und man kann nicht einfach sagen: Sorry, ich habe heute keine Zeit, weil ich lieber einen Roadtrip unternehme.

Aber genau das ist meine wahre Leidenschaft. Also habe ich während der Covid-Lockdowns begonnen, das Konzept für mein kleines Unternehmen "Delightful Driving" aufzubauen. Damit organisiere ich von mir selbst geführte Sportwagen-Touren, die für jeden leistbar sind. Es geht dabei nicht um Luxus wie bei so vielen anderen Anbietern, sondern einzig und allein um die pure Freude am Fahren.

Delightful Driving

— Wer darf an deinen Touren teilnehmen?

elisa artioli:Alle, die wollen. Die Teilnehmer:innen kommen mittlerweile von überall aus der Welt und meine Trips sind auch nicht markengebunden. Nur ein sportliches Auto sollte mitgebracht werden, damit die Teilnehmer:innen die von mir gewählten Strecken auch genießen können.

— Was packst du für ein typisches Elise-Wochenende ein?

elisa artioli:Sonnenbrille, Sonnencreme und eine Kappe. Dann ist das Auto schon voll (lacht) Im Ernst: Über die Jahre habe ich gelernt, wirklich nur das mitzunehmen, was ich tatsächlich auch brauche. Zwei T-Shirts, eine Hose, das reicht meistens.

— Kannst du dir eigentlich vorstellen, deine beiden Elise irgendwann einmal zu verkaufen?

elisa artioli:Natürlich nicht. Was soll diese Frage? Man verstößt doch kein Familienmitglied! (lacht)

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Factsheet: Elisa Artioli

- Geboren am 16. April 1993 in Bozen (Südtirol)
- Namensgeberin der Lotus Elise
- Großvater: Romano Artioli, ehemaliger Besitzer von Bugatti und Lotus
- 1995: Auftritt als Zweijährige auf der IAA Frankfurt
- 2012–2017: Architekturstudium in Wien
- Besitzt zwei Lotus Elise: das erste, nach ihr benannte Exemplar und das letzte, das 2022 vom Band lief
- Trinkt, obwohl Italienerin, auch nachmittags Cappuccino
- Organisatorin von Sportwagen-Touren: www.delightfuldriving.com
- Instagram: www.instagram.com/iamlotuselise (33.400 Follower)

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