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© Erich Reismann
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Oktober 2016

Sportler-Wahl

Zwei Sportwagen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Trotzdem haben sie eines gemeinsam: unerhörten Fahrspaß. Und was haben sie sonst zu bieten?

Jetzt hat es auch Porsche erwischt! Der Aufschrei war groß, als die Stuttgarter ankündigten, dass in Zukunft nur noch vier statt sechs Zylinder im überarbeiteten Boxster zum Einsatz kommen. Ein weiterer heftiger Eingriff also in die jahrzehntelange Sportwagenkultur der Marke. Ähnliches haben eingefleischte Fans schon einmal durchmachen müssen: Vor knapp 20 Jahren endete nämlich die Ära der luftgekühlten Motoren in der Sportwagen-Ikone Porsche 911. Noch heute soll es Menschen geben, die darunter leiden. Jetzt also zwei Häferln weniger im Boxster.

Beim blau-weißen Konkurrenten BMW schaut die Sache gänzlich anders aus. Die Bayern sind, wenn es ums Thema Downsizing geht, ganz und gar nicht ängstlich. Im neuen BMW M2 schöpfen sie aus dem Vollen. Ein klassischer Reihensechszylinder mit satten drei Litern Hubraum und Turbolader (wie im Porsche) lässt dort die Herzen der zahlreichen Markenfans höher schlagen. 

Zwei Sportwagen also, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. Bei genauerer Betrachtung aber unterm Strich eines gemeinsam haben: fantastischen Fahrspaß. Aber der Reihe nach.

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BMW M2 & Porsche Boxster S im Video

Frischer Boxster

Der Boxster wurde überarbeitet. Wobei Facelift in diesem Fall fast schon übertrieben ist. Porsche hat das Blech des Boxster etwas geschärft und an der Front vor allem die Lufteinlässe vergrößert. Hinten sorgen Lichter unter Klarglas für eine neue Optik. Gleichzeitig verpasste man dem Mittelmotor-Zweisitzer einen neuen Namen: Über dem ausfahrbaren Heckspoiler steht ab sofort 718.

Die eigentliche Neuheit des Boxster sitzt allerdings hinter den Sitzen: der neue, aufgeladene Vierzylinder-Boxer mit 350 PS.

BmwM2_PorscheBoxter_ER_000_CMS.gif Erich Reismann © Erich Reismann

Muskulöser Bayer

Selbstbewusstsein kann man dem BMW M2 ebenfalls nicht absprechen: kompakt, breit und stark steht er da. Die auffallend muskulöse Linienführung des M2 sticht sofort ins Auge, ebenso wie die etwas überdimensionierte Auspuffanlage mit ihren vier Endrohren. Aber es fehlt glücklicherweise an peinlich aufgesetztem Flügelwerk. Für reichlich Getöse sorgt außerdem der Dreiliter-Reihensechszylinder mit 370 PS.

Sportschau. Erich Reismann 1
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1 Sowohl der aufgepeppte Porsche Boxster S wie auch der BMW M2 zeigen sich in allen Punkten dem Sport verpflichtet. Das M2-Heck wird von den vier Auspuffrohren dominiert, am Boxster-Hintern sind zwei in der Mitte platziert. © Erich Reismann

2 Der dezente Heckflügel am Boxster fährt ab Tempo 120 automatisch aus. Im eingefahrenen Zustand fügt sich die Abrisskante elegant in die Form der LED-Heckleuchten ein. Beim BMW ist der kleine Flügel in den Kofferraumdeckel integriert. © Erich Reismann

3 Die Sitze in beiden Sportwagen könnten besser nicht sein. Beide bieten festen Halt, zahlreiche Verstellmöglichkeiten und hervorragenden Langstreckenkomfort. © Erich Reismann

Ab auf die Rennstrecke

Der Porsche 718 Boxster S ist ein Mittelmotor-Sportwagen. Das heißt, der 2,5-Liter-Vierzylinder thront wie gewohnt direkt hinter den Sitzen und unmittelbar vor der Hinterachse. Treu geblieben sind die Schwaben auch dem Zündschlüssel; der muss Porsche-typisch links vom Lenkrad ins Schloss und kurz gedreht werden. Ganz im Unterschied zum M2 übrigens, der wie fast alle modernen Autos per Druckknopf zum Leben erweckt wird.

Zurück zum Boxster. Unmittelbar nach dem Start brüllt der Motor zwar kurz auf, verfällt danach aber sofort in ein eher zurückhaltendes Gebrabbel. Der Klang des neuen Vierzylinder-Turbo ist wenig berauschend, das Geräusch erinnert eher an das des seligen VW Käfer. Das ist aber nicht weiter von Bedeutung, denn der 2,5-Liter-Boxer-Motor tritt schon bei niedrigen Drehzahlen furios an und liefert tolle Fahrleistungen. Und klingt dann auch wie ein echter Sportwagen. Vor allem bei offenem Verdeck und im Sportmodus, das den optionalen Klappenauspuff aktiviert. Zwischen 1.900 und 4.500 Umdrehungen pro Minute liegen jetzt 420 Newtonmeter an. Mehr braucht wirklich niemand. Bei der auto touring-Messung hat der Boxster S den Spurt von Null auf hundert in beeindruckenden 4,3 Sekunden erledigt. Für den Saugmotor im Vorgänger ein unerreichbarer Wert.

Auf der Rennstrecke im ÖAMTC Fahrtechnik Zentrum Wachauring in Melk zeigt der Boxster S dann, zu welcher Leistung er fähig ist. Er reagiert spontan auf alle Lenkbewegungen und lässt sich spielerisch um die Ecken schmeißen. Dank seiner tollen Agilität macht er genau das, was der Fahrer will. Hat man eine Kurve einmal doch zu schnell angefahren, schiebt der Sportwagen sanft über die Vorderräder. Vorsicht ist bei abgeschaltetem ESP geboten. Da wird der Grenzbereich schon einmal schmal und heftige Lastwechsel können die Folge sein. Mittelmotor-Sportwagen eben. Perfekt: das hervorragend abgestimmte Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe.   

Spaß am Gas

Beim BMW ist vieles anders. Dessen Dreiliter-Sechszylinder macht schon im Leerlauf ein ordentliches Getöse, grollt und röhrt beim Beschleunigen, das es eine Freude ist. Doch trotz seiner auf dem Papier höheren Leistung kann der M2 dem Boxster S beim Beschleunigen nicht das Wasser reichen. 4,9 Sekunden beim Spurt von Null auf hundert sind unterm Strich dann doch gut eine halbe Sekunde "langsamer". Ein echter Spaßmacher ist der knapp 4,6 Meter lange Bayer trotzdem. Gasbefehle werden spontan umgesetzt, gleiches gilt für die ausgesprochen direkte und präzise Lenkung. Der M2 frisst sich förmlich in den Asphalt, beim Einlenken vor schnellen Kurven wirkt er aber schwerfälliger als der Boxster S. Kein Wunder, schließlich ist der BMW im Vergleich zum Porsche um deutlich mehr als 100 Kilogramm schwerer. Bereits kurz nach Leerlaufdrehzahl schiebt der M2 aber gewaltig an und dreht mühelos bis weit über 6.000 Umdrehungen. Eine richtige Hetz: Bei abgeschaltetem ESP lässt sich der M2 vom Könner herrlich mit dem Gasfuß durch Kurven zirkeln, wackelnder Hintern und exakte Drifts inklusive. Wie beim Boxster top: das schnell und sanft schaltende Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe. 

Alltagsg’schichten

Ernsthaft geeignet für den täglichen Gebrauch ist keiner der beiden Sportler. Trotzdem: Im Alltag hat der BMW M2 aufgrund seiner zusätzlichen zwei Sitze im Fond Vorteile, auch der 390 Liter große Kofferraum ist im Vergleich zu den kleinen Stauräumen vorne und hinten im Boxster besser nutzbar.

Die im Zuge des Facelifts verstärkte Bremsanlage im Boxster sorgt für eine porsche-typisch tolle Verzögerung, Werte rund um 32 Meter nach mehrmaligen Vollbremsungen aus 100 km/h bis zum Stillstand beeindrucken. Der M2 kann da nicht ganz mithalten, er kommt rund vier Meter später zum Stehen. Keine Angst müssen potenzielle Käufer auch beim Verbrauch haben. Bedenkt man, dass es sich hier um reinrassige Sportwagen mit enormer Leistung handelt, sind Verbräuche auf der auto touring-Normrunde von 9,7 (BMW) beziehungsweise 9,8 (Porsche) Litern Superbenzin pro hundert Kilometer ein akzeptabler Wert.

Was kostet der Spaß?

Reden wir am Ende noch über die Preise. Das BMW M2 Coupé kostet in der getesteten Variante mit Doppelkupplungsgetriebe 68.620 Euro, mit manuellem Schaltgetriebe 3.170 weniger. Der Porsche Boxster S bilanziert mit 79.653 Euro spürbar teurer. Er ist mit manuellem Schaltgetriebe lediglich rund 1.000 Euro günstiger. Daher die klare Kaufempfehlung: beim Boxster S unbedingt zur Variante mit Doppelkupplungsgetriebe (PDK) greifen. Zum Vergleich: Das 20 PS stärkere 911 Carrera Cabriolet kostet satte 131.182 Euro. Ob die Sportwagen-Ikone diesen saftigen Mehrpreis gegenüber dem Boxster S rechtfertigt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

BmwM2_PorscheBoxter_ER_Tabelle_CMS.jpg auto touring © auto touring
Erich Reismann

Mein Fazit

Einen Sieger unter diesen beiden Modellen zu küren, ist schwer – und eigentlich Geschmackssache. Beide Konzepte sind schlicht und einfach zu unterschiedlich. Für den BMW spricht die bessere Alltagstauglichkeit dank seiner zusätzlichen Sitze und der größere Kofferraum. Der Porsche kontert mit seiner enormen Handlichkeit und dem überraschend hohen Fahrkomfort. Dank seiner auch nach Jahren guten Werthaltung verschmerzt man unterm Strich auch den Mehrpreis gegenüber dem M2.

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