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Mai 2022

Der Letzte seiner Art

Auch die Saurier sind einmal ausgestorben, nachdem sie rund 160 Millionen Jahre die Erde beherrscht hatten. Fahrbericht Lamborghini Aventador Ultimae.

Ist das überhaupt ein Auto? Oder eine eigene Spezies, die man anders benennen sollte? Denn mit einem Alltagsauto wie dem VW Golf oder auch einem Sportcoupé wie beispielsweise einem Ford Mustang hat dieses Fahrzeug nicht viel zu tun.

Supersportwagen ist die etwas unscharfe Bezeichnung solcher Powermonster. Der Lamborghini Aventador ist unfassbar stark und schnell, zweifellos mehr als einfach ein "Sportwagen": super eben.

Aber er ist, das soll man nicht verwechseln, kein Rennwagen. Autos wie er gehören nicht zwingend auf eine Rennstrecke, obwohl sie auch dort gut aufgehoben sind. Besser als im Straßenverkehr, meinen viele.

Aber für eine Rennstrecke sollte ein Auto leichter sein und wendiger – und es braucht nicht so viel Luxus, wie ihn die letzte Serie des Lamborghini Aventador seinen 350 Besitzern bietet. So viele Exemplare wurden vom Aventador Ultimae Coupé aufgelegt, vom Roadster weitere 250.

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Aventador: seit 2011

Der Aventador war im März 2011 am Genfer Autosalon vorgestellt worden. Er setzte die Reihe der Lamborghini-Supersportwagen mit längs eingebautem Zwölfzylinder-Mittelmotor fort, die 1974 mit dem Countach begonnen hatte (dessen Vorgänger Miura hatte einen quer eingebauten V12). Der Countach war auch der erste Lamborghini mit den charakteristischen, nach oben öffnenden Türen. Diese Eigenheit übernahm 1990 der Diablo, nach ihm (2001) der Murciélago und zehn Jahre später der Aventador.

Was diesem nachfolgen wird, liegt noch im Dunkeln, die Ära der allein von großvolumigen Saugmotoren angetriebenen Supersportwagen ist aber auch bei Lamborghini mit der finalen Serie "Ultimae" vorüber. Der Nachfolger wird auf jeden Fall einen Hybridantrieb bekommen.

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Countach, 1974–1990.
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Diablo, 1990–2001.
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Murciélago, 2001–2010.

780 PS aus 6,5 Liter Hubraum

Die Zahlen sind beeindruckend – und ja, der eine oder die andere von Ihnen, lieber Leser, liebe Leserin, greift sich an den Kopf und fragt sich, was um Himmels Willen so etwas heute noch soll.

Mit dem Lamborghini Aventador verhält es sich aber wie mit vielen anderen Luxusgegenständen, seien es edle Rennpferde, große Yachten oder Villen mit zwölf Schlafzimmern irgendwo bei Santa Monica: Sie sind überflüssig, aber eine kleine, zahlungskräftige Kundschaft will und kann sie sich leisten. Deswegen gibt es diese Dinge.

Wir haben ausnahmsweise Gelegenheit, so etwas auch selbst erleben zu können (in eine Hollywood-Villa kommt man deutlich schwerer rein).

Also nehmen wir an einem regnerischen Tag Platz im Fahrersitz einer solchen mattgrauen Flunder. Die Ultimae-Serie kommt in zwei exklusiven Zweitonlackierungen: Grigio Achesa mit Grigio Teca für das Coupé und Blu Tawaret mit Blu Nethuns für den Roadster. Mattgrau und Blau halt.

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Das sagt sich so leicht: Platz nehmen im Fahrersitz. Dieser liegt wirklich tief unten, und man muss auch noch mehr oder weniger elegant unter der geöffneten Tür durchtauchen, um reinzukommen.

Doch einmal drin, ist es recht bequem. Sitzhöhe, Lehnenneigung, Abstand zum Lenkrad lassen sich gut anpassen – anders als das noch vor mehr als dreißig Jahren im ersten Diablo der Fall war, in den ich Ende 1990 im Lamborghini-Werk in Sant'Agata Bolognese noch deutlich gelenkiger einstieg.

Rote Klappe öffnen, Startknopf drücken – und der 6,5 Liter große Zwölfzylinder hinter mir beginnt böse zu knurren.

Durch Ziehen des rechten der beiden Schaltpaddles hinter dem Lenkrad wird der erste Gang eingelegt. Das Losrollen ist noch relativ unspektakulär und im Ortsgebiet von Sant'Agata sind wir nicht viel lauter oder auf andere Weise auffälliger unterwegs als andere Fahrzeuge – spannend wird es erst am Ende der Ortschaft: Da liegt eine längere gerade Strecke vor uns und wir schauen einmal, wie lange es denn dauert, den Aventador von 50 auf 100 km/h zu beschleunigen.

Antwort: gefühlt ein Augenblinzeln. Größte Schwierigkeit dabei ist es zu vermeiden, dass nach wenigen Sekunden 180 auf dem Tacho steht.

Der Motor ist ein reiner Sauger, ohne Verdichtung der angesaugten Luft durch einen Turbolader oder Kompressor. Diese Art von Luftzufuhr in die Brennräume ist mittlerweile schon recht selten geworden.

Technik-affinen und -begeisterten Menschen beschert die ansatzlose, geradezu brutale Art, mit der dieser große starke Zwölfzylinder antaucht, ohne Zweifel ein besonderes Erlebnis. Ein solches Gefühl von Beschleunigung können ansonsten nur starke Elektroantriebe vermitteln, freilich mit komplett anderem Klangeffekt. 

Lamborghini spricht von einem Sammlerstück, in dem Design und Dynamik, die Performance des Aventador SVJ und die "mondäne Eleganz" des Aventador S verschmelzen. Sein Zwölfzylinder leistet 10 PS mehr als der eine und 40 PS mehr als der andere.

Vor meinem geistigen Auge erscheint ein autoverrückter Milliardär, der sämtliche Varianten dieses Modells in einer Halle stehen hat und nur noch auf diesen "krönenden Höhepunkt" (© Lamborghini) gewartet hat, um seine Kollektion zu vervollständigen. Ob's so jemanden wohl wirklich gibt?

Stephan Winkelmann, Präsident und CEO von Automobili Lamborghini, sagt, der Aventador Ultimae stehe "für maximale Leistung und kompromisslose Performance, wie es von einem modernen V12 von Lamborghini erwartet wird, gepaart mit unserer einmaligen Design-DNA der Extraklasse".

Zu erwähnen ist, dass die 780 PS (bei 8.500/min) und das maximale Drehmoment von 720 Newtonmeter auf alle vier Räder wirken und dass das Auto dank seines Carbonfaser-Monocoque und der großflächigen Verwendung von Carbonfaser in der gesamten Karosserie "nur" 1.550 Kilo wiegt. Ungefähr soviel wie ein T-Modell der Mercedes C-Klasse.

Damit kommt der Lambo aber auf ein Leistungsgewicht von lediglich 1,98 kg/PS – jedes PS wirkt also auf nur 2 kg Auto ein – und soll laut Hersteller in 2,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigen.

Außerdem verfügen der Aventador LP 780-4 Ultimae über Vierradlenkung und sein Allradantrieb über eine LDVA genannte Steuerelektronik (Lamborghini Dinamica Veicolo Attiva).

Das alles kommt bei wirklich schneller Fahrt zum Tragen. Also wohl doch auf einer Rennstrecke. Auf den Landstraßen der Emilia Romagna waren wir leider – auch aufgrund der rund um Sant'Agata wirklich schlechten Fahrbahnzustände – nicht imstande, die volle Leistungsfähigkeit dieses Supersportwagens abzurufen.

Bleibt noch die Frage nach dem Preis. Der betrug europaweit – exklusive Steuern – 336.245 Euro für das Coupé und 369.869 Euro für den Roadster. In Österreich sind NoVA und Mehrwertsteuer hinzuzurechnen – doch das ist bereits eine unnötige Fleißaufgabe, denn die Produktion ist ausgelaufen und der Aventador kann nicht mehr bestellt werden.

P.S.: Allerdings wird Lamborghini nachträglich doch noch zusätzliche 15 Stück des Ultimae produzieren. So viele Exemplare dieses Sondermodells befanden sich nämlich auf dem Frachtschiff "Felicity Ace", das im März mit 3.965 Neuwagen der Marken VW, Audi, Porsche, Bentley und Lamborghini an Bord südwestlich der Azoren gesunken ist, nachdem es tagelang brennend und ohne Besatzung (die war bereits evakuiert worden) auf dem Meer getrieben war. Sämtliche Autos waren für die USA bestimmt.

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