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© Heinz Henninger
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April 2015

Bergauf wie auf Schienen

Radfahren auf der stillgelegten Bahnstrecke von Triest hinauf in den Karst: vom Stadtzentrum über Viadukte und durch Tunnels bis nach Slowenien. 

Nein, ich bin ganz sicher kein Radsportler. Ich sehe mich – wohlwollend ausgedrückt – als Genussradler. Vor allem, wenn ich im Spiegel mein Profil hin zur Körpermitte betrachte. Und dennoch fahre ich gerne mit dem Rad. Im Sommer bin ich stolz auf meine 200 Kilometer, die ich im Monat mache. Und im Winter zwinge ich mich auf den Hometrainer. Genau da kam mir die Idee zu dieser Radtour.

Es war im Dezember, als ich während meiner Ergometer-Stunde durch die Programme auf dem davor postierten Fernseher zappte und plötzlich innehielt: Da war nichts anderes zu sehen als Aufnahmen vom Führerstand einer Lokomotive – in Echtzeit. Ich trat in die Pedale und radelte und radelte. Das Aha-Erlebnis dabei: Bahnsehen und Radfahren passen super zusammen. Seither zeichne ich die entsprechenden Sendungen auf (laufen meist in den deutschen dritten Programmen zu absoluten Un-Zeiten) und spule sie zusammen mit meinen Ergo-Kilometern ab.

Schon im letzten Sommer hatte ich zwischen Berchtesgaden und dem Königssee entdeckt, wie perfekt man auf stillgelegten Bahntrassen wandern kann. Und nun hatte es geklickt: Radeln auf diesen Strecken muss noch viel schöner sein. Du saugst dann die Strecke so richtig auf, bist Lokführer und Lok zugleich, spürst jeden Meter, die Sonne, den Wind, die Landschaft.

Kurz darauf entdeckte ich bei einer Recherche in Triest einen ganz neuen Radweg, der, wie die Infotafel verriet, mit EU-Fördermitteln grenzüberschreitend ausgebaut war. Und auf der Trasse einer abgebauten Normalspur-Eisenbahn zwischen Triest und Slowenien liegt. Der schien für mich wie geschaffen: 17 leichte Bergauf-Kilometer über Viadukte und durch Tunnels, durch Obstgärten und ein Naturschutzgebiet, und ganz oft mit Blick aufs Meer.

Die Idee war geboren – und die Tat folgte schon kurz darauf. Fotograf Heinz Henniger und ich packten um drei Uhr früh in Wien die Fahrräder ins Auto und fuhren nach Triest. Der Grund für den frühen Aufbruch: Die Wetter-App hatte für den Nachmittag Regen angesagt (der aber nicht kam). An der letzten Autobahn-Raststätte wurden die Radlerdressen angelegt, und um halb neun war der Ausgangspunkt des nach dem italienischen Radrennfahrer Giordano Cottur (1914–2006) benannten Radwegs an der Via Ponziana im Triester Stadtteil San Giacomo erreicht. 

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Radfahren_Triest_2015-04_HH_01_CMS.jpg  Heinz Henninger © Heinz Henninger
Raus mit den Rädern.
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Sonnenschutz nicht vergessen!
Radfahren_Triest_2015-04_HH_64_CMS.jpg  Kurt Zeillinger © Kurt Zeillinger
GPS und Pulsuhr sind startklar.

Rauf auf die Räder

Der genaue Startpunkt liegt unterhalb einer Brücke. Von der ist noch deutlich zu sehen, wie die 21,5 Kilometer lange Lokalbahn, die die Hafenstadt Triest beim Bahnhof von Kozina (ital. Erpelle) mit der k&k. istrianischen Staatsbahn nach Pula verband, in einem Bogen vom Meer hier herauf kam. Die Strecke wurde 1887 errichtet und 1959 abgebaut, weil ein quasi eiserner Vorhang die Stadt von ihrem Hinterland trennte: Die Beziehungen inzwischen Italien und Tito-Jugoslawien waren damals am Tiefpunkt. 

Die ersten paar Kilometer führt der neu geschaffene Radweg auf rot asphaltiertem Untergrund durch ein paar für die Bahn geschaffene Einschnitte moderat bergauf. Sogar eine neue, stylische Brücke wurde errichtet, auf der man die viel befahrene Via dell'Istria auf Höhe des Kinder-Krankenhauses überquert. 

Nach fünf Kilometern ist die Kante des Triest vorgelagerten Karstgebirges erreicht. Von nun an geht es nur noch moderat bergauf. Aber nicht mehr auf Asphalt, sondern auf Kiesboden. Nicht nur der Untergrund wechselt, auch der Ausblick: Wir sind nun mitten in der Landschaft und genießen freien Blick auf die Adria. Radeln über riesige Viadukte, kommen an ehemaligen Bahnhöfen vorbei, die jetzt als Wohnhäuser dienen. Überqueren kleine Straßen, an denen einmal Schranken standen. Die dazugehörigen Bahnwärterhäuschen gibt es noch. Nur die Schienen sind verschwunden. Und statt Zügen schnaufen jetzt Radler und Jogger vorbei.

Die Landschaft wird nun immer wilder, Straße ist keine mehr in Sicht – und Häuser sieht man auch keine mehr. Wir sind im Val Rosandra, dem Rosandratal, einem Naturschutzgebiet südöstlich von Triest. Der Radweg führt auf halber Höhe (wir schicken uns an, die 400-Höhenmeter-Marke zu überschreiten) am Nordhang des Tales entlang. Tiefe Einschnitte ins Karstgestein machten die Bahntrasse erst möglich. Wir streifen die Grenze nach Slowenien – sie verläuft ein paar Meter rechts des Radwegs, fahren in zwei großen Bögen, die am Satellitenbild mühelos auszumachen sind, am Dorf Draga Sant Elia vorbei und passieren endgültig die Grenze. Der Bahnhof von Draga erscheint ziemlich devastiert.
 

Wir fahren an mit blühenden Apfelbäumen gespickten Obstwiesen vorbei, bis wir paar Kilometer fast direkt unter der Autobahn Laibach–Koper beschließen: Schöner wird's nimmer – wir kehren um.
Wir sind vom Start weg exakt 17 Kilometer gefahren, haben 490 Höhenmeter überwunden und über 1.000 Kalorien abgebaut. Die Zeit wollen wir lieber nicht bekannt geben – die vielen Fotostopps geben ein verzerrtes Bild. Aber wir sind ja noch nicht am Ziel. Vom Auto trennen uns ja weitere 17 Kilometer. Das Schöne dabei, frei nach dem Song von Hildegard Knef: Von nun an geht's bergab...

Zu guter Letzt noch ein paar Tipps: Wer sich für die stillgelegte Bahnstrecke, ihre Züge und ihre Bahnhöfe interessiert und wissen möchte, wie das alles früher ausgesehen hat, wird im Eisenbahnmuseum von Triest fündig. Es befindet sich im heutigen Bahnhof Campo Marzio am Ende der Uferpromenade beim Leuchtturm. Auf diesem einstigen Staatsbahnhof fahren heute keine Züge mehr – ein paar rosten im Freigelände still vor sich hin.

Ein brauchbarer Folder zum Thema Cottur-Radweg findet sich hier.

Ein animiertes Google-Earth-Video mit dem genauen Verlauf der Strecke ist hier zu finden.

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