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Einsame Wege durch die Pandemie, hier in der Donaustadt. 

© Roland Fibich/auto touring

Einsame Wege durch die Pandemie, hier in der Donaustadt. 

© Roland Fibich/auto touring
April 2021

Wien, rundumadum

120 Kilometer in zehn Wander-Etappen entlang der Grenze der Bundeshauptstadt zu Niederösterreich. 
 

Kalter Wind pfeift durch die Tilkastraße, und auf dem Wasser im Marchfeldkanal hat sich eine dünne Eisschicht gebildet. Eine blasse, kraftlose Sonne steht teilnahmslos im Süden über den Türmen Floridsdorf. Ich ziehe die Jacke fester zu und die Haube über die Ohren.

Ab dieser Stelle könnte ich den Weg zur Endstation der Straßenbahnlinie 26 abkürzen. Doch der Wiener Rundumadum-Wanderweg folgt auch ab der Brünner Straße unbeirrbar weitestgehend der Stadtgrenze zu Niederösterreich, macht hier einen großen Bogen durch Wiesen und Weinberge unterhalb des Bisambergs bis zum Steinernen Kreuz und dann den Mühlweg hinunter wieder bis zum Marchfeldkanal.

Also los! Ich bin weiter unterwegs in fernen, nördlichen Regionen des Wiener Universums, die ein Mensch von der Südseite der Galaxis noch nie gesehen hat. Es geht weiter, auch wenn schon die Fußsohlen brennen. 

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Ein Lockdown? Eine Gelegenheit!

In den Wochen eines neuerlichen Covid-19-Lockdowns gehen ja alle irgendwie immer nur Kreis herum. Im Home Office besteht dieser aus den Orientierungspunkten Bett, Bad, Küche und Schreibtisch.

Und weit haben wir es gebracht, wenn schon sogar die freiwillige Fahrt zu den Schwiegereltern in Oberösterreich einen Verstoß gegen Vorschriften bedeuten würde. Es liegt also nahe, aus sinnbefreiter Fortbewegung eine Tugend zu machen und diese mit körperlicher Ertüchtigung in der näheren Umgebung zu verbinden.

Etwa 120 Kilometer misst der gut beschilderte Wanderweg rund um die Bundeshauptstadt, dem die Stadtverwaltung den umgangssprachlichen Namen "Rundumadum" verliehen hat. Auf der Website der Stadt ist er in 24 bequeme Etappen zwischen drei und zehn Kilometern Länge eingeteilt, Start und Ziel der einzelnen Abschnitte sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar.

Man muss sich aber keineswegs sklavisch an diese Etappen halten. Denn bis auf wenige Ausnahmen (zum Beispiel südlicher Abschnitt der Donauinsel, Lobau) ist die nächste Bus-, Straßenbahn- oder U-Bahn-Station nie weiter als maximal 20 Minuten Fußmarsch entfernt. Meine Umrundung schaffte ich in insgesamt zehn Etappen. An einigen Stellen, etwa im Lainzer Tiergarten im Westen der Stadt, kann man zwischen einer Abkürzung und einer etwas längeren Variante wählen.

Die Route ist fast ausnahmslos gut beschildert. Wer auf der Website der Stadt der Ortungsfunktion zustimmt, kann sich zusätzlich auch mit dem Handy orientieren.

Karte Rundumadum-Weg www.wien.gv.at © www.wien.gv.at
Zur Rundumadum-Website geht es hier.

Von einem Wien ins nächste

So wirklich fad wird dem Wanderer auf dem Rundumadum-Weg nie. Im Gegenteil: Da er die unterschiedlichsten Biotope der Zwei-Millionen-Metropole berührt, ermöglicht er eine ganz besondere Entdeckungsreise nicht nur für Nicht-Wiener, sondern auch für alle, die schon lange in der Stadt wohnen und leben.

Naturgemäß gibt es Abschnitte, in denen man als Wanderer fast Exot ist. Etwa die Regionen in der Donaustadt nördlich der Lobau, wo der Weg zuerst durch die Gartensiedlungen Eßlings, dann vorbei am neuen Siedlungsgebiet Seestadt und schließlich jenseits der Ostbahn nördlich der Deponie Rautenweg nach Süßenbrunn führt. Wer diese Abschnitte wie ich im Hochwinter in Angriff nimmt, muss sich auf Einsamkeit in sibirischem Ambiente gefasst machen. Was für ein Kontrast zu einem sonnigen und warmen Sonntag-Nachmittag, an dem sich zwischen Kahlenberg und Cobenzl ambitionierte Erwachsene und gelangweilte Kinder drängeln!

Meine liebsten Abschnitte des Rundumadum-Wegs sind der Lainzer Tiergarten sowie die Lobau: Unglaublich, dass es mitten in einer Millionenstadt derartige Naturparadiese gibt. Gewöhnungsbedürftig finde ich den Osten Simmerings: Zwischen Zentralfriedhof und Alberner Hafenzufahrtstraße zeigt sich Wien gesichtslos, ehe der Weg über den Donaukanal auf die Donauinsel und damit in eine neue Welt führt. Wie so oft sind es auch hier nur wenige Schritte von einem Wien ins völlig andere.

Die schönsten Aussichtspunkte sind natürlich Kahlenberg und Cobenzl. Von der Warte am Hermannskogel, bekanntlich der "Gipfel" der Stadt, konnte man an einem klaren Tag sogar die Türme des AKW Temelín in Tschechien erkennen. Eine Überraschung waren für mich der Blick auf die Stadt von Norden, von der Eichendorff-Höhe zwischen Stammersdorf und Strebersdorf, und das Idyll am westlichen Abschnitt des Marchfeldkanals in Floridsdorf.

Die erste Etappe hatte ich vor mehr als einem Jahr bei der Station Alaudagasse der U1 im 10. Bezirk (Favoriten) mit Ost-Kurs auf Laaer Berg und Laaer Wald begonnen. So begleitete mich dieser besondere Weg auch durch die Pandemie, die ich für mich persönlich mit der Rückkehr zur Alaudagasse aus der entgegengesetzten Himmelsrichtung auch zu einem vorläufigen Abschluss brachte. Einige Tage später hatte ich meinen ersten Impftermin. 

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