Am Horizont verliert sich die Piste in Staub, Dunst und flirrender Hitze. In Schlangenlinien umkurvt unser Fahrer Ephraim mit dem Kleinbus die schlimmsten Schlaglöcher. Zwischen dürrem Gestrüpp und verkrüppelten Bäumen tauchen jetzt die ersten rundlichen Behausungen auf, konstruiert aus Holz, Stoffen und anderen Abdeckungen. Schöne, große Menschen in bunten Kleidern säumen bald den Rand der Piste, Kinder rufen und winken begeistert. Jetzt meine ich, einen See zu erkennen. "Da", rufe ich begeistert, "der berühmte Turkana-See!" Doch Getnet, unser erfahrener äthiopischer Guide, muss abwinken. "Nein, leider. Eine Fata Morgana." In diesem Teil Afrikas, so muss ich lernen, ist nichts so, wie es aus der Ferne zu sein scheint.
Stelzengeher vom Stamm der Benna.
© Roland FibichStelzengeher vom Stamm der Benna.
© Roland FibichÄthiopien Rundreise: Im Tal der 100 Stämme
Wer in den Süden Äthiopiens reist, kann auf unvergessliche Momente hoffen und Kulturen kennenlernen, die schon bald verschwunden sein werden. Ein Überblick über das Leben, Gepflogenheiten sowie die Sicherheit vor Ort in der Wiege Menschheit.
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Wer in den Süden Äthiopiens reist, betritt Neuland, unbekanntes Terrain, und lässt sich auf ein kalkuliertes Abenteuer ein. Rechnen kann man mit sauberen Unterkünften, verträglichem Essen und einem größtmöglichen Maß an Sicherheit. Außerdem kann man auf unseren Guide Getnet Mulugeta von "Original Ethiopia" setzen, der perfekt Deutsch spricht, häufig österreichische Reisegruppen begleitet und für sein Land zu begeistern weiß. Aber es bleibt ein Abenteuer. Denn es warten weite Fahrtstrecken auf holprigen Pisten sowie mitunter fehlende oder unzumutbare Toiletten. Als Belohnung gibt es unvergessliche Begegnungen mit den Stämmen und Völkern, die in dieser entlegenen Region der Welt das Tal des Omo-Flusses bewohnen, der in den besagten Turkana-See mündet. Zwischen 100 und 120 sollen es sein. Viele sind vom Aussterben bedroht oder werden wohl bald von den Gezeiten der Gegenwart bis zur Unkenntlichkeit verändert werden.
Doch genau hier, in diesem heutzutage staubigen, harten und manchmal auch abweisenden Land, befand sich nach aller Wahrscheinlichkeit – das kann man ohne Übertreibung sagen – eine der Wiegen der Menschheit. Im Omo-Tal wurden rund 230.000 Jahre alte Fossilien gefunden, die anatomisch dem modernen Homo sapiens zugeordnet werden können. Das ist schon was.
Am großen Afrikanischen Graben
Sechs Flugstunden sind es nonstop von Wien mit Ethiopian Airlines bis nach Addis Abeba. Die rasant auf sieben Millionen Einwohner angewachsene Stadt nennt sich selbstbewusst "Hauptstadt Afrikas". Die meisten Touristen zieht es von hier in den Norden – zu den berühmten Felsenkirchen von Lalibela, dem Tana-See, der Quelle des Blauen Nil, und nach Aksum, Ursprung und Herz der jahrtausendealten äthiopisch-christlichen Kultur. Doch ich breche dieses Mal in die entgegengesetzte Richtung auf: nach Süden, immer am Großen Afrikanischen Grabenbruch entlang. Das Tor zum Süden ist die Stadt Arba Minch am Abaya-See, wo es auch durchaus luxuriöse Hotels gibt, wie etwa das Haile Resort.
Auf einen Schnaps in die Wildnis
Ein beliebtes Ausflugsziel ab Arba Minch, auch bei Einheimischen, sind die Dörfer des Volkes der Dorze in den nahen Bergen. Man besichtigt zunächst die der Form von Elefanten nachempfundenen Behausungen, kann beim Weben und Nähen der in ganz Äthiopien bekannten Dorze-Stoffe zusehen und schließlich – als Höhepunkt – an einer Schnaps-Zeremonie teilnehmen, bei der unter lautem "Hoi, hoi, hoi"-Gebrüll Hochprozentiges hinuntergeschüttet werden muss. Mit dem entsprechenden Spiegel fällt auch die Verbrüderung zwischen den Völkern der Dorze und der Österreicher entsprechend leichter. Später weicht eine fantastische Terrassenlandschaft einer kargen Bergkulisse, die Stufe für Stufe ins Tal des Omo-Flusses abfällt. Es wird trockener und heißer, die Zahl der Schlaglöcher auf der Straße nimmt ebenfalls zu. Plötzlich wird die Piste von zwei seltsamen Gestalten versperrt: Halbwüchsige mit bemalten Gesichtern und Körpern, die sich hoch oben auf Stelzen fortbewegen. Es sind zwei Jungen vom Volk der Benna. Traditionell nutzen sie die Stelzen, um ihr Vieh von hoch oben im Auge behalten zu können – oder auch zum Tanzen. Die beiden aber wollen sich von den Touristen für Fotos etwas dazuverdienen, was natürlich okay ist.
© Roland Fibich
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Bei den Kriegern der Mursi
Etwas außerhalb des kleinen Ortes Key Afar haben wir die Gelegenheit, eine Gruppe von Menschen aus dem Volk der Mursi zu besuchen. Hilfreich ist bei diesem und anderen Zusammentreffen, wenn man sich als Besucher gemeinsam mit den Einheimischen fotografieren lässt, was den "Fotostress" für alle Beteiligten vermindert. Klar ist auch, dass die Besuche von lokalen Guides organisiert werden und dass dafür immer Geld an die jeweilige Community fließt.
Eine scheinbar endlos lange, staubige Piste führt durch unzählige Schlaglöcher bis nach Turmi, wo der Besuch des bunten Marktes zu den Höhepunkten gehört. In einem der Hamar-Dörfer in der Nachbarschaft findet an diesem Nachmittag ein sogenannter "Bullensprung" statt – eine Mutprobe für junge Männer, die den Eintritt ins Erwachsensein symbolisiert. Wir können diesen Nachmittag also in einem Hamar-Dorf verbringen und die Vorbereitungen auf die Zeremonie verfolgen.
Am nächsten Tag erreichen wir den Omo-Fluss, an dem die Dassanech als Halbnomaden leben. Mittlerweile hat sich unsere anfängliche Scheu gelegt, und wir können bei den Begegnungen die gleiche Unbefangenheit an den Tag legen wie die Einheimischen. Und so wächst Tag für Tag unsere Verbundenheit mit dieser Welt, in der wir selbst Exoten sind, die von den Kindern mit großen Augen bestaunt werden.
4 Tipps von Roland Fibich
1. Reisezeit: Den europäischen Sommer sollte man meiden, da ist in Äthiopien Regenzeit. Im Süden ist es ganzjährig heiß und meist auch trocken.
2. Sicherheit: keine Reisewarnung für Süd-Äthiopien. Bei einer organisierten Tour wird in jedem Fall politischen und gesundheitlichen Risiken ausgewichen. Keine Einschränkungen durch Kriege in den Nachbarländern Sudan und Südsudan.
3. Gesundheit: Süd-Äthiopien ist Hochrisiko-Gebiet für Malaria. Man sollte mit dem Arzt über eine Prophylaxe und Reiseimpfungen sprechen. Unbedingt Mückenschutz verwenden.
4. Auf keinen Fall: Bettelnden Kindern sollte kein Geld gegeben werden. Besser ist es, mit der Reiseleitung oder einheimischen Erwachsenen über Möglichkeiten zu sprechen, die Bevölkerung wirksam zu unterstützen. Auf den Märkten sollten Touristen nicht nur fotografieren, sondern auch Souvenirs kaufen.
© Roland Fibich
Äthiopien im Überblick
Lage: Binnenland am Horn von Afrika, also im Nordosten des Kontinents, das auf 3.000 Jahre Geschichte zurückblickt.
Einwohner: 132 Millionen (2024).
Fläche: 1,1 Millionen km2.
Sprache: rund 100 verschiedene Sprachen (!), Amtssprache ist meist Amharisch. Eigene Schriftzeichen.
Religion: knapp zwei Drittel sind Christen, davon die meisten äthiopisch-orthodox.
Zeitverschiebung: plus zwei Stunden zur MEZ.
Klima: im Hochland oft kühl, im Süden heiß und trocken.
Information & Buchung
Zum aktuellen Äthiopien-Angebot von ÖAMTC Reisen (Linkgültigkeit endet mit der Verfügbarkeit des Reiseangebots).
Mehr Infos unter der Hotline Tel. 01 711 99 34000 und in den Filialen von ÖAMTC Reisen.
ÖAMTC-Länderinformationen: Äthiopien.
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