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"Teilen Sie die guten Nachrichten über außergewöhnliche Menschen und die Regeneration der Natur. Wir brauchen Hoffnung", sagt Verhaltensforscherin und Naturschutz-Ikone Jane Goodall.

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"Teilen Sie die guten Nachrichten über außergewöhnliche Menschen und die Regeneration der Natur. Wir brauchen Hoffnung", sagt Verhaltensforscherin und Naturschutz-Ikone Jane Goodall.

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März 2021

Jane Goodall: "Ich arbeite nonstop"

Die Britin Jane Goodall hat in der Schimpansenforschung Pionierarbeit geleistet. Seit den 80er-Jahren ist ihr größtes Anliegen eine respektvolle Beziehung des Menschen zur Natur – zu unserer Erde.

Wir sitzen einander virtuell gegenüber. Jane Goodall wird im April 87, sieht 20 Jahre jünger aus und ist kein bisschen leise. Sie hält eine Tasse Tee in Händen, lächelt und antwortet wohl überlegt.

Obwohl ihre Stimme ruhig und gelassen klingt, sind die Statements emotional und messerscharf. Sie sagt sehr deutlich: Wir brauchen jetzt sofort eine neue und respektvolle Beziehung zu unserem Planeten. Die Britin ist Gründerin des Jane Goodall Institute, das in 30 Ländern der Erde tätig ist. Sie hat Pionierarbeit in der Schimpansenforschung geleistet und ist als Aktivistin für die Rettung unseres Planeten seit 40 Jahren unermüdlich im Einsatz.

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Zoom-Interview mit Jane Goodall (Englisch mit Untertitel)

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— Bis zum Beginn der Pandemie waren Sie als Aktivistin rund um die Welt unterwegs, davor lebten Sie 20 Jahre im Urwald von Gombe im Westen von Tansania. Wie geht es Ihnen in Zeiten von Corona, wo Sie an einem Ort festgebunden sind und Reisen nahezu unmöglich ist?

Jane Goodall:Anfangs war ich frustriert und verärgert. Im März 2020 wollten wir unsere Tour anlässlich der 60-Jahr-Feier der Forschungsstation in Tansania, wo alles begonnen hat, starten. Wir mussten die Tour absagen. Das war schade, doch anstelle dessen entstand, das was ich „Virtual Jane“ nenne. Seither gebe ich Webinare, Online-Interviews, biete virtuell Lehreinheiten an, mache einen Podcast, den „Hopecast“. Ich sage Ihnen ehrlich, im letzten Jahr habe ich soviel gearbeitet wie nie zuvor in meinem Leben.

— Ich dachte, es wäre eine Entlastung, weniger unterwegs zu sein.

Jane Goodall:Nein! Es ist soviel anstrengender. Wenn man reist, dann kann man manchmal still im Flieger sitzen und auf die Welt schauen, man trifft Menschen, hat nette Abendessen, trinkt Wein und lacht. Jetzt versuche ich über die Kamera meines Laptops so viel Energie als möglich hinauszutragen. Das ist herausfordernd.

Das Schöne ist, ich arbeite im Haus meiner Eltern in Bournemouth. Ich lebe hier mit meiner Schwester, wir haben einen großen Garten und sind nahe dem Meer. Und: meine Social-Media-Follower gehen inzwischen in die Millionen und ich sende mehr Messages an mehr Menschen in noch viel mehr Länder als vorher.

— Als Aktivistin haben Sie sich der Aufgabe verschrieben, die Welt für Tiere und den Umgang der Menschen mit der Erde zu verändern. Was ist Ihre wichtigste Message?

Jane Goodall:Die aktuelle Pandemie haben wir uns selbst zuzuschreiben, unserer großen Respektlosigkeit gegenüber der Natur und ihren Lebewesen. Dieses Virus hält uns in Atem mit Mutationen, der Erkrankung, dem Tod unserer Lieben, Impf-Engpässen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Unsere Respektlosigkeit hat zur größten Bedrohung überhaupt geführt: dem Klimawandel.

"Gebt niemals auf"

— Was können wir tun?

Jane Goodall:Die Menschen beginnen langsam zu verstehen. Es braucht einen nachhaltigen Lebenswandel. Ein paar Beispiele: Wenn mich all der Plastikmüll stört, kann ich anfangen, in meinem Alltag weniger Produkte mit Plastikverpackungen zu kaufen. Ich kann bewusst bei Einkäufen darauf achten. Ich kann Petitionen unterstützen, die sich für das Verbot von Einwegplastik einsetzen.

Oder denken wir an den achtlos weggeworfenen Müll: Wenn man spazieren geht, findet man ihn überall. Jedes Stück, das ich einsammle und korrekt entsorge, ist ein Beitrag zum Schutz der Natur.

Aber ich kann mich auch umschauen, ob jemand in meiner Nachbarschaft Hilfe braucht. Es gibt so viele, die Hilfe brauchen. Ob es die alten Menschen sind, die armen, die einsamen oder auch die überforderten Menschen, die bei all ihren Aufgaben eine stützende Hand brauchen. Eine Spende, ein nettes Gespräch, eine Unterstützung bei den Alltagslasten – all das kann oft ein Wunder für einzelne Menschen bewirken. Es ist so wichtig, lokal zu handeln.

— Welche Aktivitäten setzt das Jane Goodall Institute?

Jane Goodall:Eine unserer Initiativen, die es seit 20 Jahren gibt, ist das „Roots & Shoots“-Programm, wo wir bereits in Kindergärten beginnen. Manchmal entstehen die Gruppen in Altersheimen, in Waisenhäusern oder sogar in Gefängnissen.

Eine meiner größten Hoffnungen sind die jungen Menschen von heute. Sie haben wunderbare Ideen, ein enormes Potential und sie sind sehr kreativ. Gut informierte junge Menschen, die aktiv werden und erkennen, dass ihr eigenes Tun entscheidend ist, können die Welt verändern.

Unsere Botschaft lautet, dass jeder und jede auf dieser Welt täglich etwas verändern kann. Dafür wählt jede der Gruppen ein eigenständiges Projekt und wir begleiten dieses. Es gibt drei Arten von Initiativen: jene, die Menschen unterstützen, jene, die Tieren helfen, und jene, die sich für Umweltthemen engagieren. Inzwischen sind viele der Begleiter erwachsen und tragen die Botschaft weiter in die Welt.

— Sie selbst lebten lange Zeit Ihres Lebens in der Wildnis und waren eins mit der Natur. Wie hat das Ihr Leben beeinflusst?

Jane Goodall:Ich bin als Kind in einer ländlichen Umgebung aufgewachsen und habe schon damals, wenn keine Schule war, die meiste Zeit draußen verbracht. Ich habe schon als kleines Kind von Afrika geträumt und jeder hat mich ausgelacht.

Man muss sich vorstellen, in der Welt tobte der 2. Weltkrieg, Afrika war sehr weit weg, keiner wusste etwas über diesen Kontinent und meine Eltern waren arm. Keiner und schon gar nicht junge Mädchen studierten Tiere in ihrem Lebensraum in einem fremden Land.

Aber meine Mutter hat mich immer bestärkt. Sie sagte zu mir: Arbeite hart, warte auf die richtige Gelegenheit, und wenn du nicht aufgibst, dann wirst du einen Weg finden. Und so war es dann. Deshalb ist es mir so wichtig, gerade jenen Menschen, die benachteiligt sind, zu sagen: Gebt niemals auf.

— Also sind Sie drangeblieben und wurden Forscherin. In einer Zeit, in der das nahezu unmöglich war. Sie lebten als junge Frau ihren Traum. Wollten Sie schon damals das Verhalten von Schimpansen studieren oder hätten Sie Mäuse oder Ameisen genauso gern beobachtet?

Jane Goodall:Natürlich waren Schimpansen besonders exotische Tiere. Aber als ich nach Afrika ging, hätte ich tatsächlich alles erforscht. Ich wollte Wissenschaftlerin sein und in der Wildnis leben. Punkt. Und natürlich war es mein Ziel, viel über die Tiere zu lernen, von ihnen zu lernen, Bücher zu schreiben und meine Erkenntnisse mit Menschen zu teilen. Das war mein Traum.

Meine Mutter hat mich immer unterstützt. Sie sagte: Arbeite hart, warte auf die richtige Gelegenheit und wenn du nicht aufgibst, dann wirst du einen Weg finden.

Jane Goodall, Verhaltensforscherin

Jane Goodall in Gombe  JGI, Hugo van Lawick © JGI, Hugo van Lawick
Jane und ihre geliebten Schimpansen in Gombe in den 1970er-Jahren.
Jane Goodall mit einem Schimpansenbaby  JGI © JGI
Jane als Forscherin: Beobachten, lernen, verstehen und alle Erkenntnisse weitergeben.
Jane Goodall in Tansania  JGI, Hugo van Lawick © JGI, Hugo van Lawick
Janes erster Ehemann, der Tierfilmer Hugo van Lawick, war auch Fotograf.

"Ich sehe die digitale Welt zwiespältig"

— Wann waren Sie das letzte Mal in Gombe in Tansania?

Jane Goodall:Vor der Pandemie war ich immer zweimal jährlich da. Es leben dort viele Schimpansenfamilien und noch zwei Schimpansen aus meiner Gruppe, die damals 60 Tiere zählte: Gremlin und Fanni.

— Sie haben sich Ihren Lebenstraum, Forscherin zu sein, erfüllt. Mussten Sie für diesen auch etwas opfern?

Jane Goodall:Eigentlich nicht. Ich hatte ein großartiges Leben in Afrika als Forscherin, ich hatte Familie, Partner, ich habe einen Sohn und Enkelkinder. Ich bin im Leben sehr anspruchslos.

Ich lebe auch seit den 60er-Jahren vegetarisch. Einzig meine Familie in England habe ich vermisst. Als ich zurückkam aus Afrika, war das eine sehr große Umstellung. Meine Familie und unser Zuhause halfen mir wieder in die Zivilisation zurückzufinden.

— Apropos Zivilisation – wie geht es Ihnen mit den neuen Technologien und Errungenschaften?

Jane Goodall:In meiner Zeit gab es nicht mal einen Fernseher, wir lernten aus Büchern. Viele der Bücher, die Sie hier hinter mir im Regal sehen, habe ich als Kind gelesen. Ich habe nichts vermisst.

Ich finde, dass die Entwicklung der letzten Jahre differenziert zu betrachten sind. Einerseits verbinden neue Medien die Menschen in aller Welt und ermöglichen eine rasche Kommunikation. Aber ich denke auch, dass Geräte wie Smartphones oder Tablets und auch die sozialen Medien einen großen Schaden anrichten. Die jungen Menschen verbringen zu viel Zeit mit ihnen. Das ist nicht gut für die Psyche.

Andererseits nutzen natürlich auch ich und meine Organisation neue Technologien. Sie sind sehr brauchbar, etwa für DNA-Analysen in der Schimpansenforschung in unserem Forschungszentrum. Aber auch jene, die für andere Projekte tätig sind, untersuchen mithilfe neuer Technologien die Gesundheit der Wälder. Wir verwenden GPS-Systeme, um den Schimpansen zu folgen und wir digitalisieren aktuell viele der Daten aus den Anfängen meiner Forschung.

— Was ist Ihre Meinung zu Tierversuchen? Haben sich die Dinge hier verändert? Gibt es Alternativen?

Jane Goodall:Es ist bedauerlich, dass es in der EU und anderswo auf der Welt nach wie vor an Unterstützung für die Entwicklung von Alternativen zu Tierversuchen wie etwa Zell- oder Gewebekultur mangelt, die sich als zuverlässig erwiesen haben. Nur ein Bruchteil der Milliarden, die Regierungen und Unternehmen für Forschung und Entwicklung ausgeben, wird in die Entwicklung solcher Alternativen investiert.

Immer noch existieren gefühlloseste und brutalste Verhaltensweisen der Menschen gegenüber Affen, Hunden, Katzen und vielen anderen Tierarten, die in Laboren gehalten werden. Es ist nichts als die lebende Hölle. Eine solche Situation gehört nicht ins 21. Jahrhundert und muss gestoppt werden.

Der größte Unterschied zu Primaten ist wohl unser Intellekt. Ich meine nicht unsere Intelligenz, denn ein intelligentes Wesen zerstört nicht seine einzige Heimat, unseren Planeten, so wie wir es gerade tun.

Jane Goodall, Verhaltensforscherin

Was Schimpansen von Menschen und Frauen von Männern unterscheidet

— Schimpansen sind in der Tierwelt unsere nächsten Verwandten. Was unterscheidet sie von uns?

Jane Goodall:Der größte Unterschied ist wohl unser Intellekt. Ich meine nicht unsere Intelligenz, denn ein intelligentes Wesen zerstört nicht seine einzige Heimat, so wie wir es gerade tun.

Aber unser Intellekt ist faszinierend, wie bauen Raketen und fliegen zum Mars, wir finden in kürzester Zeit Impfungen gegen Krankheiten, wir kommunizieren weltweit in großer Geschwindigkeit. Begonnen hat alles damit, dass wir kommunizieren, mit Worten und in einer gemeinsamen Sprache. Erstmals konnte eine Spezies ihre Kinder Dinge lehren, Erfahrungen und Geschichten erzählen, Ansichten diskutieren und Probleme und Streit lösen.

— Wie Schimpansen leben wir Menschen in einer männerdominierten Gesellschaft. Allerdings befinden wir uns in dieser Frage an einem Wendepunkt. Wie sehen Sie die Entwicklungen für selbstbestimmte Frauen?

JAne Goodall:Lassen Sie mich ausholen: Wir Menschen haben eine gemeinsame Sprache entwickelt. Zum ersten Mal konnte eine Spezies kommunizieren, ihr Wissen an Nachkommen weitergeben, Erfahrungen austauschen, unterschiedliche Standpunkte diskutieren und Probleme lösen. Auf diese Weise haben wir Menschen ein moralisches System etabliert. Das führt zur Geschlechtergleichheit.

Wir haben immer in männerdominierten Gesellschaften gelebt, mit Ausnahme von ein paar wenigen Matriarchaten und Amazonen. Interessant ist übrigens, dass gerade in primitiven Gruppen Weibchen sehr viel mehr Einfluss haben und aus dem Hintergrund bestimmen sie deutlich mehr, als wir uns vorstellen können. Aber Männer und auch männliche Schimpansen sind kräftiger, sie haben Testosteron im Blut. Weibliche Tiere und auch wir Frauen waren im Sinne der Evolution für die Kindererziehung verantwortlich. Wenn das der Job ist, dann macht es keinen Sinn gegen andere zu kämpfen und sich Gefahren auszusetzen. Das führte also automatisch zur männlichen Dominanz.

Aber wir Menschen befinden uns in einer großen kulturellen Evolution, wie Sie sagen, und da hat es schon Sinn, zu diskutieren. Schließlich sind wir Frauen mindestens genauso klug wie Männer. Es ist also fair, über Gleichberechtigung zu sprechen, denn das können wir Menschen. Das ist der große Unterschied zu den Primaten.

— Was würden Sie jungen Frauen raten, die etwas erreichen wollen?

Jane Goodall:Ich sage immer: Verlangt keine Gleichberechtigung, sondern verwendet all eure Energie, um zu zeigen, dass ihr genauso gut seid oder besser. Lasst andere für eure Rechte eintreten.

Zu jungen Frauen sage ich: Verlangt nicht nach Gleichberechtigung, sondern verwendet all eure Energie darauf, zu zeigen, dass ihr genauso gut seid oder besser.

Jane Goodall, Verhaltensforscherin und Feministin

"Das Fenster ist nur einen Spalt weit offen"

— Im "Hopecast" mit Dave Matthews erwähnten Sie, dass Sie beim Auftritt vor vielen Menschen diese mit ihrem typischen Chimp-Call begrüßen. Warum?

Jane Goodall:Trotz der unzähligen Auftritte bin ich dennoch in manchen Fällen nervös. Vor allem wenn ich weiß, dass da draußen hunderte, manchmal tausende Menschen warten. Wenn ich dann die Bühne betrete, hole ich tief Luft und es folgt das, was viele von mir kennen: der berühmte Ruf eines Schimpansen. Das beruhigt mich, versetzt mich dorthin, wo ich immer wieder Kraft tanken konnte: in den Wald von Gombe. Es nimmt die Spannung, die oft zu Beginn herrscht. Und es ist einfach meine Art so zu grüßen – wie Schimpansen – und meinen Vortrag so zu beginnen: mit einem "Hallo, ich bin es. Jane Goodall."

— Sie sagen in Ihrem „Hopecast“ auch etwas nicht besonders Hoffnungsvolles: Das Fenster für uns Menschen auf diesem Planeten ist nur noch einen kleinen Spalt weit offen.

Jane Goodall:Ich sage, es gibt Hoffnung. ABER, ABER, ABER: Wir müssen sofort handeln. Wir müssen dringend handeln. In meinem Roots & Shoots-Programmen sagten wir früher: Ja, gemeinsam können wir es schaffen und die Welt verändern. Dann fragte ich: Aber werden wir es schaffen? Und jetzt sagen wir: Ja, gemeinsam verändern wir jetzt, in diesem Moment, die Welt.

— Trotzdem habe ich Sie oft sagen gehört, dass sich seit Ihren Anfängen als Aktivistin die Dinge hier auf Erden deutlich verschlechtert hätten. Also wann genau ist jetzt?

Jane Goodall:Wenn wir nicht jetzt gleich beginnen, dann ist es zu spät. Wir haben unser Gehirn, das Wissen, die Technologie und große Bewegungen, die sich für den Klimaschutz, das dringlichste Thema, einsetzen. Das JGI engagiert sich für die Wiederaufforstung, den Tierschutz und gegen Massentierhaltung, denn hier werden Tiere misshandelt und riesige Lebensräume anderer Tiere zerstört, um diese Tiere zu füttern.

Wir bauen Getreide an, das mit Chemikalien, Pestiziden, Herbiziden, zu viel Dünger behandelt wird. Dieses Gift fließt in unsere Flüsse, unsere Seen und Ozeane. Gleichzeitig verhungern immer noch Menschen. Das Wichtigste ist, dass wir die Armut besiegen, denn wer arm ist, trifft manchmal auch falsche Entscheidungen.

Aus Hungersnot fällen Menschen die letzten Bäume, werden Wälder gerodet, arbeiten Jugendliche und Männer im Kohlebergbau, um ein klein wenig Geld zu verdienen, von dem sie dann billiges Junkfood kaufen. Hier geht es oft ums nackte Überleben. Natürlich ist dann kein Raum für Bildung, Selbstbestimmtheit. Dann greifen die westlichen Länder ein. Das ist ein großer Teufelskreislauf.

— ... den wir durchbrechen können?

Jane Goodall:Als Konsumenten haben wir die Möglichkeit, vieles kritisch zu hinterfragen: Woher kommt ein Produkt, welchen Fußabdruck hinterlasse ich, wie sehr schade ich durch den Kauf der Umwelt, haben Tiere dafür gelitten, stammt es aus Kinderarbeit? Wir können es uns leisten, ethische Konsumentscheidungen zu treffen – und wenn Milliarden Menschen ethische Konsumentscheidungen treffen, bewegen wir uns auf eine bessere Welt zu.

Wir versuchen diese Situationen zu verbessern und dazu beizutragen, die Welt ein Stück zu verbessern. Denn wir alle sind abhängig von der Natur. Wir alle benötigen Luft, Nahrung und Wasser. Wir alle brauchen diesen Planeten.

Jane Goodall hat eine Botschaft JGI © JGI
Als Einstieg wählt die Aktivistin bei ihren Key Notes oft den Schimpansengruß, bevor sie am Ende sagt: "Bitte teilt die guten Nachrichten. Es wird viel zu viel Bedrückendes in den Medien erzählt. Man fühlt sich fast ohnmächtig all den globalen Problemen gegenüber. Teilen Sie Nachrichten über außergewöhnliche Menschen, die außergewöhnliche Dinge tun. Sprechen Sie über die Regeneration der Natur und die Tiere, die vor dem Aussterben bewahrt werden. Es ist viel Positives da. Wir brauchen Hoffnung. Denn wenn die Menschen die Hoffnung verlieren, dann werden sie gleichgültig. Deshalb: tragt Good News in die Welt hinaus."

Ich sage, es gibt Hoffnung. ABER, ABER, ABER: Wir müssen sofort handeln. Wir alle sind abhängig von der Natur. Wir alle benötigen Luft, Nahrung und Wasser. Wir alle brauchen diesen Planeten.

Jane Goodall, Verhaltensforscherin und Umweltschützerin

"Wir müssen die Armut besiegen"

— Was sehen Sie als Ihren größten Erfolg?

Jane Goodall:Um ehrlich zu sein, kann ich den keinem einzelnen Ereignis zuordnen. Als ich meinen geliebten Wald in Gombe verließ, um als Aktivistin rastlos um die Welt zu reisen, war es der Schutz der freilebenden Schimpansen, der mir besonders am Herzen lag. Doch bald erkannte ich, wie alles auf unserem Planeten zusammenhängt und dieser Einklang gefährdet ist. Ich begann mich für den Schutz der Natur, für alle Tier- und Pflanzenarten einzusetzen. Ich engagiere mich für Nachhaltigkeit, für Menschen, die keine Perspektiven haben, für unsere Umwelt. Ich halte Vorträge, treffe Persönlichkeiten, die Entscheider sind und mit ihrem Tun Einfluss haben. Dankbar sehe ich, wie viel Positives das Jane Goodall Institut mit seinen Projekten schon schaffen konnte. Aber wir dürfen nicht aufhören: Es gibt noch so viel zu tun und wir alle sind mehr denn je gefragt, aktiv zu sein.

— Gibt es auch Menschen, die Ihre Arbeit boykottieren?

Jane Goodall:Es gibt Tausende Menschen aller Altersgruppen auf der ganzen Welt, die positive Veränderungen für Menschen, Natur und Tiere schaffen, wir kooperieren mit Wirtschaftstreibenden, Organisationen und einmaligen Menschen. Natürlich bin ich auch Kritik ausgesetzt und treffe Menschen, die anderer Meinung sind.

Niemand ist perfekt, aber ich versuche in Gesprächen, Gemeinsamkeiten und Wege zu finden, die für alle passen. Ein friedlicher, verständnisvoller Umgang ist mir wichtig, aber ich muss akzeptieren, dass es auch zwischenmenschliche Konflikte gibt.

— Was würden Sie sagen, kann Jane Goodall besonders gut?

Jane Goodall:Das sollten Sie andere fragen. Aber vielleicht mit Menschen kommunizieren und sie dazu inspirieren zu handeln. Und eines noch: bitte teilen Sie gute Nachrichten. Es wird viel zu viel Bedrückendes erzählt.

Teilen Sie Nachrichten über außergewöhnlichen Menschen, die außergewöhnliche Dinge tun. Sprechen Sie über die Regeneration der Natur und die Tiere, die vor dem Aussterben bewahrt werden. Es ist viel Positives da. Wir brauchen Hoffnung. Denn wenn die Menschen die Hoffnung verlieren, dann werden sie gleichgültig. Deshalb: Tragt "Good News" in die Welt hinaus.

— Denken Sie ans Aufhören?

Jane Goodall:Niemals. Ich arbeite nonstop. Die Welt braucht Aktivität, finden Sie nicht? Ich möchte noch lange viele Menschen erreichen. Sie mit meinen Vorträgen und mit meinen Gedanken inspirieren. Für die Projekte und meine JGI-Family auf der ganzen Welt versuche ich, so lange ich kann, Menschen zu motivieren und zu gewinnen, die uns in unserer Tätigkeit unterstützen. Wenn es einmal soweit ist, hoffe ich, dass dieser "Jane Spirit" noch lange weiter wirkt. In den Herzen, Köpfen und Taten vieler Menschen.

— Sie werden im April 87 Jahre, denken Sie manchmal über den Tod nach?

Jane Goodall:Manchmal. Wissen Sie, ich denke, danach ist entweder nichts oder es ist etwas. Das, wovor wir uns fürchten, sind meist die Krankheiten, das Sterben. Aber herauszufinden, was danach kommt, das erscheint mir vielleicht als das größte Abenteuer unseres Lebens.

Jane Goodall denkt nicht ans Aufhören! JGI © JGI
"Die Welt braucht Aktivität, finden Sie nicht?"

Ich arbeite nonstop. Die Welt braucht Aktivität, finden Sie nicht?

Jane Goodall, Verhaltensforscherin

Steckbrief Jane Goodall

1991 gelang Michael Nichols für National Geographics diese Aufnahme in Brazzaville in der Republik Kongo mit dem Schimpansen Jou Jou Michael Nichols © Michael Nichols
1934 in Südengland geboren | 1960 bis 1975 Pionierin der Schimpansenforschung im Gombe Stream Nationalpark in Tansania | 1965 PhD University of Cambridge ohne Bachelor-Degree | 1977 Gründung des 1. Jane Goodall Institute for Wildlife Research, Education and Conservation in Kalifornien mit weiteren Niederlassungen in 30 Ländern | 1991 Initiative „Roots & Shoots“ mit hunderten Kinder-, Jugend, Studentengruppen weltweit | 2002 UN-FriedensbotschafterinDame of the British Empire | Bestsellerautorin | Vegetarierin seit den 60er Jahren | zweimal verheiratet, ein Sohn, drei Enkelkinder

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